LOGINMorganas Sicht
Nyra schleppte mich drei Tage, nachdem das Foto geleakt worden war, zu der Party.
„Du brauchst das“, sagte sie und zog ein Kleid von meinem Bett. „Du versteckst dich nicht in deinem Wohnheim, nur weil Seraphine ein Bild gepostet hat.“
„Ich verstecke mich nicht.“
„Du hast gestern zweimal Essen auf dein Zimmer bestellt.“
Darauf hatte ich keine Antwort.
Die Party fand in einem Haus außerhalb des Campus statt, das einem ehemaligen Eishockeyspieler gehörte. Musik ließ die Wände erbeben. Menschen drängten sich im Wohnzimmer, rotes Plastikgeschirr überall, und die ganze Szene roch nach Bier und Rasierwasser. Nach zehn Minuten verlor ich Nyra an einen Typen aus ihrem VWL-Kurs.
Stattdessen fand ich die Küche. Leer. Ruhig. Ein Fenster stand auf Kipp und ließ kalte Luft durch den Lärm aus dem anderen Zimmer dringen.
Matteo stand an der Theke.
Er hatte mich noch nicht gesehen. Er hielt eine Wasserflasche fest, kein Bier, das Kieferngesicht angespannt, und starrte ins Leere. Drei Jungs aus dem Team lachten nahe dem Kühlschrank und warfen sich einen Football zu, aber er stand abseits, wie eine Mauer zwischen sich und allen anderen.
Ich wäre fast umgedreht. Da kam Tyler herein.
„Morgana Vale“, sagte er meinen Namen wie einen Witz. „Habe gehört, du bist gut darin, Rufe zu ruinieren. Erst zu Hause, jetzt Matteo.“
Die Küche wurde leise. Selbst die Jungs am Kühlschrank hörten auf sich zu bewegen.
„Vorsichtig“, sagte ich. „Die Leute könnten noch denken, sein Ruf liegt dir mehr am Herzen als dein eigener.“
Tyler trat näher, nah genug, dass ich das Bier in seinem Atem roch. „Ich habe gehört, die Wahrheit über deine alte Schule ist endlich ans Licht gekommen. Ein Mädchen wäre fast gestorben wegen dem, was du gepostet hast.“
Meine Brust schnürte sich zu. Ich öffnete den Mund, aber nichts kam heraus.
Matteo bewegte sich, bevor ich es konnte.
Er schrie nicht. Er packte Tylers Kragen und stieß ihn gegen die Theke, Flaschen klirrten, eine fiel um und rollte über den Boden. Tylers Augen weiteten sich.
„Sag das noch mal“, sagte Matteo, seine Stimme leise, flach, erschreckend in ihrer anhaltenden Ruhe.
„Mann, chill mal ...“
„Sag das noch mal.“
Tyler schüttelte heftig den Kopf. Matteo hielt ihn noch eine Sekunde länger fest und ließ dann los, trat zurück, als würde ihn die Berührung anwidern.
Der Raum blieb wie erstarrt. Jemand zückte ein Handy und filmte. Matteo packte mein Handgelenk und zog mich durch die Hintertür nach draußen, bevor noch jemand etwas sagen konnte.
Draußen traf mich kalte Luft im Gesicht. Er hörte erst auf zu gehen, als wir den Rand des Rasens erreicht hatten, weg vom Lärm, weg von den gelb leuchtenden Fenstern hinter uns.
„Das hättest du nicht tun müssen“, sagte ich.
„Er hat gelogen.“
„Die Leute lügen jeden Tag über mich. Du kannst nicht gegen alle kämpfen.“
Er drehte sich zu mir um, das Kieferngesicht noch immer angespannt, die Augen im Licht der Veranda dunkel. „Gegen den einen kann ich kämpfen.“
Etwas in meiner Brust brach auf, genauso wie Wochen zuvor auf dem Eishockeyfeld. Ich haßte es, wie viel mir das bedeutete.
„Warum kümmert dich das?“, fragte ich. „Du kanntest mich vor einem Monat kaum.“
Er trat näher. Nah genug, dass sein Schatten meinen verschluckte.
„Ich weiß nicht“, sagte er. „Ich tu es einfach.“
Der Abstand zwischen uns verschwand blitzschnell. Seine Hand hob sich, Finger strichen über meinen Kiefer und neigten mein Gesicht zu seinem. Ich hätte zurücktreten sollen. Ich tat es nicht.
„Sag mir, dass ich aufhören soll“, sagte seine raue Stimme.
Das tat ich nicht.
Sein Mund traf meinen, hart, hungrig, so als hätte er es wochenlang zurückgehalten und nun den Willen verloren, weiter dagegen anzukämpfen. Meine Hände griffen nach seiner Jacke und zogen ihn näher, statt ihn wegzustoßen. Er drückte mich an den Zaun, eine Hand glitt zu meiner Taille, die andere legte sich um meinen Nacken, als müsste er verhindern, dass ich verschwand.
Ich vergaß die Party. Ich vergaß Tyler. Ich vergaß jedes Gerücht, das mir gefolgt war, seit ich diesen Campus betreten hatte.
Seine Lippen wanderten zu meinem Kiefer, meinem Hals, langsam genug, um meine Knie weich werden zu lassen, schnell genug, um mir den Atem zu rauben.
Ein leises Geräusch entkam mir, bevor ich es stoppen konnte. Er erstarrte für eine halbe Sekunde, so als hätte das Geräusch etwas in ihm gelöst, und küsste mich dann erneut, tiefer, wobei eine Hand meine Hüfte packte, als bräuchte er etwas zum Festhalten.
„Matteo“, hauchte ich.
„Nicht“, sagte er auf meiner Haut. „Sag meinen Namen nicht so, wenn du es nicht ernst meinst.“
„Ich meine es ernst.“
Er zog sich gerade so weit zurück, um mich anzusehen, die Augen dunkel, mein Gesicht nach etwas absuchend. Was immer er fand, ließ sein Kieferngesicht wieder hart werden, diesmal nicht aus Wut.
Irgendwo hinter uns knallte eine Tür.
Stimmen drangen auf den Rasen.
Er trat als Erster zurück, atmete schwer und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Ich strich meine Jacke glatt, mein Gesicht brannte trotz der Kälte.
„Wir sollten zurückgehen“, sagte er mit rauerer Stimme als zuvor.
Ich nickte, unfähig, meiner eigenen Stimme schon zu vertrauen.
Wir gingen in schweigender Übereinstimmung zurück zum Haus, aber dieses Schweigen fühlte sich anders an als das im Flur vor Wochen.
Drinnen fand mich Nyra fast sofort, die Augen weit aufgerissen, das Handy schon in der Hand.
„Bitte sag mir, dass du das gesehen hast“, sagte sie.
Ich nahm das Handy.
Ein Video lief. Nicht der Moment am Zaun, Gott sei Dank, sondern die Küche. Matteo, wie er Tyler packte. Nur dass die Unterschrift darunter alles komplett verdrehte.
Matteo Arden greift Teamkollegen wegen neuer Freundin an. Teaminternen Quellen zufolge beeinträchtigt der Druck seine Leistung kurz vor der Sichtungswoche.
„Das ist nicht passiert“, sagte ich.
„Egal“, sagte Nyra. „Es hat schon zehntausend Aufrufe.“
Matteo tauchte hinter mir auf und las über meine Schulter den Bildschirm. Sein Gesicht wurde starr, derselbe flache Ausdruck wie an meinem ersten Tag im Flur.
„Sichtungswoche“, sagte er leise.
„Was?“
„Nächste Woche sind NHL-Scouts da. Das ist genau die Geschichte, die sie nicht sehen wollen.“ Er stöhnte schwer auf und zog eine Hand über sein Gesicht. „Mein Vater wird das noch vor dem Morgen sehen.“
Etwas Kaltes legte sich in meiner Brust nieder, kälter als der Wind draußen. „Wird er mir die Schuld geben?“
Matteo antwortete nicht sofort, und dieses Schweigen sagte mir alles.
„Matteo.“
„Er wollte uns ohnehin nicht zusammen“, sagte er schließlich. „Das gibt ihm einen Grund, es noch schlimmer zu machen.“
Bevor ich antworten konnte, vibrierte mein eigenes Handy in meiner Tasche. Ich zog es hervor und erwartete eine weitere Benachrichtigung über das Video.
Stattdessen eine unbekannte Nummer.
Du hättst an deiner alten Schule bleiben sollen. Leute wie du ruinieren immer alles für alle anderen. Pass auf deinen Rücken auf.
Meine Hände wurden kalt um das Handy.
„Was ist das?“, fragte Matteo, als er bemerkte, wie sich mein Gesicht veränderte.
Ich drehte den Bildschirm zu ihm. Er las es zweimal, sein Kiefer verhärtete sich mit jeder Sekunde.
„Wer hat das geschickt?“
„Ich weiß es nicht.“
Er nahm das Handy, scrollte durch die Nummer, tippte schnell etwas ein und gab es mir zurück. „Ich verfolge es.“
„Matteo, das ist wahrscheinlich nichts —“
„Es ist nicht nichts.“ Seine Augen trafen meine, scharf und sicher. „Jemand hat dich lange genug beobachtet, um genau zu wissen, was dich ängstigen würde.“
Dieser Gedanke lag mir die gesamte Fahrt zurück zum Campus schwer im Magen. Denn wer auch immer diese Nachricht geschickt hatte, kannte Details über meine alte Schule, die niemand in Blackthorne hätte wissen dürfen.
Niemand außer jemandem, der hart genug gesucht hatte, um sie zu finden.
Und die einzige Person, die mir einfallen wollte,
die mich so tief hassen konnte, um so tief zu graben, war überhaupt nicht Seraphine.
Es war jemand, den ich noch gar nicht in Betracht gezogen hatte.
Matteos SichtDie Nummer führte ins Nichts.Ich saß um zwei Uhr morgens in meinem Wohnheimzimmer, den Laptop aufgeklappt. Nachverfolgungs-Apps waren nutzlos gegen eine Wegwerfnummer. Draven saß mir gegenüber, die Füße auf meinem Schreibtisch, und sah zu, wie ich zum fünften Mal dieselbe Suche eingab.„So wirst du das nicht finden“, sagte er.„Und wie dann?“„Du fragst jemanden, der sich wirklich damit auskennt, sich hinter einer gefälschten Nummer zu verbergen.“ Er hob eine Augenbraue. „Was jemanden mit Geld bedeutet. Echtes Geld. Kein Taschengeld.“Mein Mund öffnete sich ein wenig. Das schränkte die Liste schnell ein.Seraphine hatte Geld. Die Hälfte der Mädchen auf Blackthorne auch. Aber irgendetwas an der Nachricht passte nicht zu ihrem Stil.Seraphine mochte ein Publikum. Sie wollte, dass die Leute zusahen, wenn sie jemanden zerstörte. Das hier fühlte sich privat an. Vorsichtig.Geplant von jemandem, der keinen Applaus brauchte, um sich mächtig zu fühlen.„Was ist mit Celestine?“,
Morganas SichtNyra schleppte mich drei Tage, nachdem das Foto geleakt worden war, zu der Party.„Du brauchst das“, sagte sie und zog ein Kleid von meinem Bett. „Du versteckst dich nicht in deinem Wohnheim, nur weil Seraphine ein Bild gepostet hat.“„Ich verstecke mich nicht.“„Du hast gestern zweimal Essen auf dein Zimmer bestellt.“Darauf hatte ich keine Antwort.Die Party fand in einem Haus außerhalb des Campus statt, das einem ehemaligen Eishockeyspieler gehörte. Musik ließ die Wände erbeben. Menschen drängten sich im Wohnzimmer, rotes Plastikgeschirr überall, und die ganze Szene roch nach Bier und Rasierwasser. Nach zehn Minuten verlor ich Nyra an einen Typen aus ihrem VWL-Kurs.Stattdessen fand ich die Küche. Leer. Ruhig. Ein Fenster stand auf Kipp und ließ kalte Luft durch den Lärm aus dem anderen Zimmer dringen.Matteo stand an der Theke.Er hatte mich noch nicht gesehen. Er hielt eine Wasserflasche fest, kein Bier, das Kieferngesicht angespannt, und starrte ins Leere. Drei Ju
Ich hätte gehen sollen. Mein ganzer Instinkt schrie mir zu, die Eisbahn zu verlassen und so zu tun, als hätte ich den unantastbaren Matteo Arden nie gegen die Bande krachen sehen. Aber meine Füße rührten sich nicht, und mein Mund entschied sich wie immer, alles nur noch schlimmer zu machen.„Hey“, sagte ich leise und trat näher, anstatt mich zu entfernen. „Du brichst dir noch die Hand, wenn du so weitermachst.“Er erstarrte, die Faust noch immer gegen die Wand gepresst, die Brust hob und senkte sich, als hätte er gerade einen Marathonlauf hinter sich. Als er sich zu mir umdrehte, waren seine Augen gerötet, glasig – ein Blick, der so gar nicht zu der kalten, beherrschten Seite von ihm passte, die ich den ganzen Tag über gesehen hatte.„Geh“, sagte er mit rauer Stimme.„Nein.“„Morgana.“„Das ist das erste Mal, dass du meinen Namen sagst.“ Ich verschränkte die Arme und weigerte mich, meine Stimme zittern zu lassen, obwohl mein Herz raste. „Schon ein seltsamer Anfang. Mich anzuweisen, di
Ich riss ihm das Papier so schnell aus der Hand, dass ich mich beinahe geschnitten hätte.„Vorsicht“, sagte ich und faltete es zusammen, bevor es jemand lesen konnte. „Zu viel Klatsch kann deinen IQ senken.“Er reagierte nicht. Er stand nur da und sah mir zu, wie ich das Blatt in meinen Ordner stopfte, als könnte es Feuer fangen, und sagte kein Wort.Kein Grinsen, kein Kommentar, nicht einmal ein Anflug von Verurteilung. Nur Stille, schwer und undurchdringlich, als würde er mich in einer mentalen Schublade mit der Aufschrift „Problem“ ablegen.Es ärgerte mich mehr, als wenn er tatsächlich etwas Gemeines gesagt hätte. Wenigstens Gemeines, mit dem ich hätte umgehen können. Stille fühlte sich an, als stünde man vor einer verschlossenen Tür, klopfte und bekäme keine Antwort.„Wow. Spannende Unterhaltung“, murmelte ich und ging an ihm vorbei, bevor mein Gesichtsausdruck verriet, wie aufgewühlt ich mich fühlte.Hinter mir pfiff einer seiner Teamkollegen leise. „Alter, alles klar bei dir? Du
Morgana's View"So, to be clear: I'm supposed to apologize for something that wasn't my fault, to people who already thought I was guilty?"The director's smile twitched as if I had slapped him in the face with a wet towel.“Miss Vale, I simply want to give you a fresh start here in Blackthorne.”"Good. Then perhaps you should lower the blinds first, because your students are currently commenting on me live through the window."I was right. Three girls stood in front of their office window, their cell phones at the ready like paparazzi, whispering behind their manicured hands."That's the girl from the video.""Wasn't she expelled from school?""She looks totally crazy."I turned my head just enough to catch their gaze, waved to them slowly and kindly, and then turned back to the director as if nothing had happened.“Wow,” I said. “I’ve only been here for four minutes and I already have a fan club.”He cleared his throat, clearly unfazed by my comedic timing, which was frankly rude. "






