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Kapitel 5: Zu tief gegraben

Author: Esmewrites
last update publish date: 2026-09-18 19:58:16

Matteos Sicht

Die Nummer führte ins Nichts.

Ich saß um zwei Uhr morgens in meinem Wohnheimzimmer, den Laptop aufgeklappt. Nachverfolgungs-Apps waren nutzlos gegen eine Wegwerfnummer. Draven saß mir gegenüber, die Füße auf meinem Schreibtisch, und sah zu, wie ich zum fünften Mal dieselbe Suche eingab.

„So wirst du das nicht finden“, sagte er.

„Und wie dann?“

„Du fragst jemanden, der sich wirklich damit auskennt, sich hinter einer gefälschten Nummer zu verbergen.“ Er hob eine Augenbraue. „Was jemanden mit Geld bedeutet. Echtes Geld. Kein Taschengeld.“

Mein Mund öffnete sich ein wenig. Das schränkte die Liste schnell ein.

Seraphine hatte Geld. Die Hälfte der Mädchen auf Blackthorne auch. Aber irgendetwas an der Nachricht passte nicht zu ihrem Stil.

Seraphine mochte ein Publikum. Sie wollte, dass die Leute zusahen, wenn sie jemanden zerstörte. Das hier fühlte sich privat an. Vorsichtig.

Geplant von jemandem, der keinen Applaus brauchte, um sich mächtig zu fühlen.

„Was ist mit Celestine?“, fragte Draven, als hätte er meine Gedanken gelesen.

Ich hatte sie nicht einmal in Betracht gezogen. Sie hatte kaum ein Wort gesagt, seit mein Vater uns vor zwei Wochen auf der Gala einander vorgestellt hatte. Sie hatte schweigend das Abendessen über sich ergehen lassen, während er über Vermächtnis, Familie und die Zukunft sprach, als säße ich gar nicht mit am Tisch.

„Sie kennt Morgana nicht“, sagte ich.

„Sie muss sie nicht kennen. Sie braucht nur einen Grund, sie loszuwerden.“

Dieser Satz blieb länger in meiner Brust hängen, als ich mir eingestehen wollte.

Morganas Sicht

Nyra schleppte mich am nächsten Morgen zum Frühstück und bestand darauf, Sonnenlicht und Kaffee würden alles wieder in Ordnung bringen. Das taten sie nicht. Jeder Tisch im Speisesaal wurde still, als ich vorbeiging, Handys wurden gerade so weit angewinkelt, dass ich mein eigenes Spiegelbild auf dem Bildschirm von jemandem fing.

„Ignorier sie“, sagte Nyra und schob mir ein Tablett hin.

„Ziemlich schwer, wenn sie alle starren, als hätte ich jemanden umgebracht.“

„Du hast niemanden umgebracht. Du hast Matteo Arden nur menschlich gemacht. Anscheinend ist das noch schlimmer.“

Ich war im Begriff zu lachen.

Da tauchte Seraphine am Ende des Tisches auf, gekleidet, als wäre sie direkt aus einem Magazin gestiegen, die blonden Haare perfekt, das Lächeln schärfer als jedes Messer.

„Morgana.“ Sie sagte meinen Namen, als würde er schlecht schmecken.

„Harte Nacht?“

„Du müsstest es wissen. Normalerweise bist du diejenige, die es filmt.“

Ihr Lächeln verzog sich nicht. „Ich habe diese Nachricht nicht geschickt, falls du das denkst.“

Ich hatte ihr nichts von der Nachricht erzählt.

Niemand außer Matteo, Draven und Nyra wusste davon.

„Was für eine Nachricht?“, fragte ich und behielt eine reglose Miene.

„Die, die anscheinend das ganze Team in Aufruhr versetzt.“ Sie zuckte mit den Schultern, viel zu lässig.

„Nachrichten verbreiten sich schnell in einem Haus voller Hockeyspieler, die keine Geheimnisse für sich behalten können.“

Sie ging weg, bevor ich antworten konnte, und ließ die Drohung wie Parfüm in der Luft hinter sich zurück.

„Sie weiß es“, sagte ich, als sie weg war.

„Oder sie lügt, damit du denkst, sie wüsste es“, sagte Nyra. „So oder so will sie, dass du die Nerven verlierst.“

Es funktionierte. Ich blieb den ganzen Morgen über in beiden Unterrichtsstunden nervös, sah alle paar Minuten auf mein Handy und wartete darauf, dass eine weitere unbekannte Nummer auftauchte.

——-

Matteo fand mich an diesem Nachmittag vor der Bibliothek und zog mich in das Treppenhaus, wo uns niemand zusammen sehen konnte. Seine Augen wirkten müde, diese Sorte Müdigkeit, die von stundenlangem Schlafentzug herrührte.

„Ich muss dir etwas sagen“, sagte er.

„Über meinen Vater.“

„Was ist mit ihm?“

„Er kommt morgen auf den Campus. Offiziell wegen der Sichtungswoche. Inoffiziell wegen des Videos.“ Er stieß einen harten Atemzug aus. „Er will dich treffen.“

Ich erstarrte auf der Stelle. „Mich treffen?“

„Er will genau sehen, wer mich, in seinen Worten, von meiner Zukunft ablenkt.“

„Das klingt nach einer Drohung.“

„Das ist es auch.“ Er trat näher, seine Hand fand meine, seine Finger verschränkten sich mit meinen, als bräuchte er den Kontakt, um sich zu stabilisieren. „Ich werde nicht zulassen, dass er dich hierheraustreibt.“

„Matteo, wenn das deine Chancen bei den Scouts ruiniert …“

„Hör auf.“ Seine Stimme klang scharf und schnitt mir völlig das Wort ab. „Hör auf so zu tun, als wäre deine Existenz das Problem. Du bist es nicht. Er ist es.“

Ich wollte das unbedingt glauben. Ein kleiner, erschöpfter Teil von mir zuckte immer noch bei dem Gedanken zusammen, der Grund für den Zusammenbruch der Zukunft eines anderen zu sein. Diese Angst saß zu tief, als dass sie einfach verschwinden könnte, nur weil er die richtigen Worte sagte.

Seine Hand hob sich wieder zu meinem Gesicht, sein Daumen strich über meine Wange, und diesmal zögerte ich nicht. Ich überwand die Distanz selbst, drückte meine Lippen auf seine, langsamer als der Kuss am Zauberstab, aber nicht weniger vereinnahmend.

Er zog mich näher, den Rücken gegen die Wand des Treppenhauses gedrückt, seine Hände glitten zu meiner Taille und packten mich, als hätte er Angst, ich würde verschwinden, wenn er mich losließe.

„Komm heute Nacht in mein Zimmer“, murmelte er gegen meine Lippen.

„Matteo …“

„Nicht deshalb.“ Seine Stirn lehnte an meiner, seine Atmung war ungleichmäßig. „Ich möchte heute Nacht einfach nicht allein sein. Und ich will auch nicht, dass du allein bist. Nicht nach dieser Nachricht.“

Ich nickte, bevor ich mich davon abbringen konnte.

——-

Sein Zimmer blieb in dieser Nacht ruhig, nur wir beide, das Licht der Stadt drang durch das Fenster. Wir sprachen nicht über seinen Vater. Wir sprachen nicht über die Nachricht, das Video oder Seraphines Drohungen. Für ein paar Stunden existierte all das nicht.

Er küsste mich diesmal langsam, absichtlich, so als hätte er nirgendwo sonst hinzugehen und nichts anderes, das an ihm zerrte. Meine Hände glitten unter sein Shirt und spürten, wie sich die Anspannung in seinem Rücken unter meiner Berührung leicht löste. Er zog sich nur zurück, um das Shirt über den Kopf zu ziehen, und entblößte dabei Prellungen an seinen Rippen, die mir vorher nicht aufgefallen waren, dunkel und frisch.

„Was ist passiert?“, fragte ich, während meine Finger die Male berührten.

„Training.“ Er fing mein Handgelenk sanft ein und stoppte die Fragen, bevor sie sich häuften. „Mach dir heute Nacht keine Sorgen darüber.“

Ich ließ es gut sein, auch wenn irgendetwas an der Platzierung dieser Prellungen überhaupt nicht nach Training aussah.

Der Rest der Nacht verschwamm zu Wärme, leisen Lachern zwischen Küssen, seine Hände kartierten Geduld statt Dringlichkeit, meine merkten sich die Teile von ihm, die sonst niemand zu sehen bekam. Zum ersten Mal seit meiner Ankunft in Blackthorne schlief ich ein, ohne ein einziges Mal auf mein Handy zu schauen.

———

Ich wachte als Erste auf, Sonnenlicht schnitt durch die Jalousien. Matteo schlief neben mir, sein Gesicht in einer Weise entspannt, wie es im Wachzustand nie aussah, all diese Anspannung für ein paar friedliche Stunden verschwunden.

Sein Handy summte auf dem Nachtisch. Einmal. Zweimal. Ich warf einen Blick auf den Bildschirm, ohne spionieren zu wollen.

Eine Nachricht von einem Kontakt, der einfach als C gespeichert war.

Vergiss das Abendessen heute Abend nicht. Dein Vater besteht darauf, dass auch Celestine kommt. Alle müssen sehen, dass das funktioniert.

Meine Brust zog sich zusammen. Celestine. Das Mädchen, das sein Vater für ihn wollte.

Unter dieser Nachricht eine weitere, eine Stunde zuvor geschickt, diesmal von einer nicht gespeicherten Nummer.

Pass auf, wem du vertraust. Nicht jeder auf dieser Party wollte ein Foto von euch beiden. Manche wollten Beweise.

Mein Blut fror ein.

Ich legte das Handy genau dorthin zurück, wo ich es gefunden hatte, mein Puls hämmerte, mein Kopf überschlug sich vor Möglichkeiten. Wer auch immer diese zweite Nachricht geschickt hatte, wusste von dem Foto, noch bevor es überhaupt durchgesickert war. Was bedeutete, dass sie nicht nur mich beobachteten.

Sie hatten uns beide von Anfang an beobachtet.

Matteo rührte sich neben mir, seine Augen öffneten sich langsam, ein kleines, unbewachtes Lächeln erschien, bevor er ganz wach wurde und sich erinnerte, dass die Welt außerhalb dieses Raumes existierte.

„Morgen“, sagte er, die Stimme rau vom Schlaf.

Ich zwang mir ein Lächeln zurück, vergrub die Angst dort, wo er sie noch nicht sehen konnte.

„Morgen.“

Aber hinter diesem Lächeln lag ein schwerer und unmöglich zu ignorierender Gedanke.

Jemand, der nah genu

g war, um von der Eisbahn zu wissen, nah genug, um das Foto zu planen, bevor es passierte, war immer noch da draußen.

Und sie waren noch nicht fertig.

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