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Kapitel 2: Der Eiskönig

Author: Esmewrites
last update publish date: 2026-09-18 19:55:53

Ich riss ihm das Papier so schnell aus der Hand, dass ich mich beinahe geschnitten hätte.

„Vorsicht“, sagte ich und faltete es zusammen, bevor es jemand lesen konnte. „Zu viel Klatsch kann deinen IQ senken.“

Er reagierte nicht. Er stand nur da und sah mir zu, wie ich das Blatt in meinen Ordner stopfte, als könnte es Feuer fangen, und sagte kein Wort.

Kein Grinsen, kein Kommentar, nicht einmal ein Anflug von Verurteilung. Nur Stille, schwer und undurchdringlich, als würde er mich in einer mentalen Schublade mit der Aufschrift „Problem“ ablegen.

Es ärgerte mich mehr, als wenn er tatsächlich etwas Gemeines gesagt hätte. Wenigstens Gemeines, mit dem ich hätte umgehen können. Stille fühlte sich an, als stünde man vor einer verschlossenen Tür, klopfte und bekäme keine Antwort.

„Wow. Spannende Unterhaltung“, murmelte ich und ging an ihm vorbei, bevor mein Gesichtsausdruck verriet, wie aufgewühlt ich mich fühlte.

Hinter mir pfiff einer seiner Teamkollegen leise. „Alter, alles klar bei dir? Du interessierst dich ja nie wirklich für Mädchen.“

„Halt die Klappe“, sagte Matteo emotionslos.

„Ich meine es ernst“, hakte der Typ grinsend nach. „Du hast Brielles Schwester nicht mal lange angeschaut, und die ist dir einen ganzen Monat lang hinterhergelaufen.“

Ich drehte mich nicht um, aber ich hörte die Stille, die folgte, und irgendwie fühlte sich diese Stille lauter an als jede Antwort, die er hätte geben können.

Als ich in der ersten Stunde ankam, kannte schon die halbe Schule meinen Namen, meine alte Schule und anscheinend drei verschiedene Versionen dessen, was dort angeblich passiert war. Keine davon stimmte auch nur annähernd. Alle waren unterhaltsam genug, dass die Leute sie immer wieder wie Lagerfeuergeschichten erzählten.

Ich saß hinten und tat so, als würde ich meinen Stundenplan lesen, während zwei Mädchen ein paar Plätze weiter flüsterten, gerade laut genug, dass ich jedes Wort verstehen konnte. Ich lächelte. Lächeln war einfacher als Erklären.

Dann begann der Literaturunterricht. Die Lehrerin, Mrs. Calloway, kam mit einem Stapel Karteikarten herein, als wolle sie Poker spielen, anstatt Partner einzuteilen.

„Für euer Gruppenprojekt teile ich euch per Zufall in Paare ein“, verkündete sie, und der ganze Raum stöhnte gleichzeitig auf – das typische Geräusch von Teenagern, die Überraschungen hassen.

Sie zog Karte um Karte und rief Namen auf. Dann war meiner an der Reihe.

„Morgana Vale“, las sie und kniff die Augen zusammen, „du arbeitest mit Matteo Arden zusammen.“

Ich starrte an die Decke, als ob sie mir eine Erklärung schuldete.

„Habe ich das Universum in einem früheren Leben beleidigt?“, fragte ich laut genug, dass die Klasse lachte.

Sogar Mrs. Calloway lächelte und schüttelte den Kopf, als sie zum nächsten Paar überging.

Ich warf einen Blick nach vorn, wo Matteo mit seinem üblichen ausdruckslosen Gesicht saß. Nur diesmal zuckte sein Mundwinkel. Kaum. Ein kurzes Aufflackern. Etwas, das kein richtiges Lächeln war, aber auch nicht nichts.

Dieses winzige Zucken löste in mir ein seltsames und unangenehmes Gefühl aus. Wir landeten schließlich für den Diskussionsteil am selben Tisch, und natürlich füllte ich jede Stille, denn anscheinend kann mein Mund einfach nicht stillhalten, wenn ich nervös bin.

„Also“, sagte ich und klopfte mit meinem Stift gegen das Buch, „redest du überhaupt, oder ist Schweigen quasi deine ganze Persönlichkeit?“

Er sah mich an. Einfach nur an. Als würde er überlegen, ob ich eine Antwort verdiente.

„Ich rede, wenn es wichtig ist“, sagte er schließlich.

„Kühn von dir anzunehmen, dass nichts, was ich sage, wichtig ist.“

Das hätte ihn beinahe noch einmal zusammenzucken lassen. Beinahe … Dann lehnte sich Tyler, ein Typ zwei Plätze weiter mit einem Grinsen, das einem eine reinhauen wollte, in seinem Stuhl zurück und sagte laut genug, dass es der ganze Raum hören konnte: „Hey Morgana, stimmt es, dass du das ganze Leben eines Mädchens zu Hause ruiniert hast? Ich habe gehört, du hättest etwas gepostet, das sie ins Krankenhaus gebracht hat.“

Einen Augenblick lang herrschte Stille im Raum, dann durchbrach ein schrilles, amüsiertes Lachen die Stille, als wäre mein Schmerz das Lustigste, was sie die ganze Woche gehört hatten.

Ich lachte zu laut, zu leicht, und hatte es schon geübt. So ein Lachen, das sagte: „Ja, total witzig, wen interessiert’s schon?“ Innerlich zerbrach etwas. Ich starrte weiter auf mein Buch und tat so, als ob die Worte in diesem Moment tatsächlich etwas für mich bedeuteten, als ob sich meine Brust nicht wie eine Faust zusammenzog.

Dann, leise und scharf, durchdrang es den Lärm:

„Halt die Klappe.“

Der ganze Raum erstarrte. Matteo hatte nicht einmal die Stimme erhoben. Er musste es auch nicht. Zwei Worte von ihm trafen ihn härter als alles, was Tyler in einem ganzen Satz hätte sagen können.

Tylers Grinsen verschwand. „Entspann dich, Mann, war doch nur ein Scherz.“

„War nicht witzig“, sagte Matteo, ohne ihn anzusehen, und wandte den Blick bereits wieder dem Buch vor sich zu, als wäre das Gespräch beendet.

Niemand widersprach. Niemand lachte. Die Stille danach fühlte sich diesmal anders an, weniger grausam, fast beschützend. Auch ich sagte nichts, aber mein Herz machte etwas Peinliches, etwas, das ich mir nicht eingestehen wollte, bis der Unterricht vorbei war und wir beide unsere Sachen packten.

„Warum hast du das getan?“, fragte ich mit leichter Stimme, als ob ich nicht verzweifelt nach einer Antwort suchte.

Er schulterte seine Tasche und sah mich einen kurzen Moment lang an. „Ich hasse laute Leute.“

Ich blinzelte und lachte dann, diesmal wirklich herzhaft. „Das ist das Netteste, was heute jemand zu mir gesagt hat.“

Und da war es. Ein Schmunzeln. Klein, kaum sichtbar, fast so schnell wieder verschwunden, wie es gekommen war, aber echt. Ich ging weg, bevor mein Gesicht etwas Peinliches tun konnte, wie erröten.

In dieser Nacht wollte der Schlaf nicht mitspielen. Mein Kopf spielte immer wieder den Flur ab, das Klassenzimmer, seine Stimme, die Tyler wie eine Klinge durchbohrte. Schließlich gab ich auf, zog mir einen Hoodie über und irrte über den dunklen, leeren Campus, um den Kopf frei zu bekommen.

Ich wollte gar nicht in der Nähe der Eisbahn landen. Meine Füße trugen mich einfach dorthin, getrieben von einem unruhigen Drang, mich zu bewegen.

Die Tür war unverschlossen. Das Licht war aus, bis auf den schwachen Schein, der vom Parkplatz hereinfiel und lange blaue Schatten auf das Eis warf.

Ich trat ein, und da hörte ich es. Schweres, unregelmäßiges Atmen. Dann ein Geräusch, als würde eine Faust immer wieder auf etwas Festes schlagen.

Meine Augen gewöhnten sich langsam an die Dunkelheit, und ich sah ihn an der Bande stehen. Seine Schultern zitterten, seine Knöchel schlugen gegen die Wand, als wollte er etwas zerbrechen, das gar nicht da war.

Matteo.

Aber er sah überhaupt nicht aus wie der Junge aus dem Flur, überhaupt nicht wie der unantastbare König von Blackthorne, über den alle mit ängstlicher Stimme flüsterten.

Er sah völlig erschöpft aus, ich stand wie angewurzelt da, mir stockte der Atem, und ich wusste nicht, ob ich sprechen oder wieder in d

er Dunkelheit verschwinden sollte. Dann riss er den Kopf hoch, und seine Augen trafen meine.

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