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Kapitel 6 — Wo das Feuer entfesselt wird  

Author: Eternel
last update Last Updated: 2026-02-14 18:15:33

Gabriel  

Ich stehe regungslos im Halbdunkel meines Büros, während das blasse Licht der Stadt über das dicke Glas der Fensterscheibe gleitet. Draußen erstrecken sich Beton und Stahl bis zum Horizont und zeichnen eine kalte, unpersönliche Stadtlandschaft. Doch mitten in diesem Ozean der Kälte ist es sie, die meinen Geist entflammt: Élise.  

Man sagt von mir, ich sei der Meister aller Geheimnisse, unerschütterlich, unerbittlich. Und doch scheint heute Morgen der Boden unter meinen Füßen zu schwanken. Nicht wegen einer äußeren Gefahr, sondern weil sie etwas geweckt hat, das ich für immer versiegelt glaubte. Diese junge Frau, so zerbrechlich in der Erscheinung, trägt ein Feuer in sich, das mich bewegt. Sie hat es gewagt, mich anders zu betrachten als als ein kaltes Monster. Sie hat gesehen, was hinter der Maske, hinter dem Stahl von Gabriel De Rohan verborgen ist.  

Ich lege die Akte sanft auf meinen Schreibtisch — diese Formalitäten, diese Zahlen, diese Lebensläufe — ohne sie auch nur zu öffnen. Nichts fängt ein, was sie repräsentiert. Es ist keine Bewerbung, es ist ein Rätsel. Ein Schlüssel, vielleicht, um die verschlossene Tür meiner Seele zu öffnen.  

Ich verliere meinen Blick auf die Tür, die sie vor wenigen Minuten durchschritten hat. So klein, so zerbrechlich, in diesem Palast aus Glas und Macht, scheint sie doch lebendiger als jeder hier.  

Ich stehe auf und mache einige Schritte durch den Raum, dessen Wände mit Kunstwerken geschmückt sind, die gewählt wurden, um zu beeindrucken, nicht um zu wärmen. Ich atme tief ein, versuche den Sturm zu beruhigen, der in mir tobt.  

Die Wahrheit ist einfach und doch schrecklich komplex: Ich habe Angst. Nicht vor ihr, sondern vor dem, was sie in mir weckt. Dieser verborgene Teil, diese Erinnerung an einen Mann, der lieben, hoffen konnte. Dieser Teil, den ich unter den Aschen einer Vergangenheit begraben habe, der ich mich verweigere zu stellen.  

Der Blick von Élise, diese Flamme, vermischt mit Verwundbarkeit, hat mich erschüttert. Ich habe gespürt, wie sich ein Gewicht lüftet, und gleichzeitig eine tiefere, schmerzhaftere Wunde.  

Ich erinnere mich an die Nacht auf dem Dach. Die schwere Stille der Spannung, die unausgesprochenen Worte, die Blicke voller Versprechen und Verletzungen.  

Sie glaubt an mich.  

Ich schüttle den Kopf, bitter. Ich will nicht derjenige sein, der Träume anbietet. Ich bin der Mann, der kontrolliert, der auferlegt, der fordert.  

Und doch… zum ersten Mal seit langem ziehe ich etwas anderes in Betracht. Eine Möglichkeit. Ein sanftes Licht, das sich in die Dunkelheit meines Daseins schleicht.  

Ich denke an alles, was ich ändern, opfern, konfrontieren müsste, um sie in dieser Welt aus Eis und Macht nicht zu verlieren. Diese Idee erschreckt mich ebenso sehr, wie sie mich fasziniert.  

Ich wende meinen Blick von dem Fenster ab und fahre mir mit der Hand durch das Haar, stören das perfekte Bild, das ich kultiviere. Ich bin nicht mehr nur ein Führer, ein Eroberer. Ich bin ein verletzlicher Mann, zerrissen zwischen meinen Dämonen und dem, was ich werden könnte.  

Ein langer Seufzer entfleucht mir.  

Ich murmle, um die Spannung zu besänftigen, die mich verzehrt.  

— Sie weiß noch nicht, wie fragil das alles ist… Wie schnell alles kippen kann.  

Ich richte meinen Blick auf die Akte, die ich nicht geöffnet habe. Eine seltsame Entschlossenheit überkommt mich. Ich will sie kennenlernen. Verstehen, welche Kraft in ihr leuchtet.  

Vielleicht sogar sie lieben.  

Aber vor allem weiß ich, dass ich geduldig und vorsichtig sein muss.  

Clara  

Auf der Bettkante sitzend, starre ich ins Leere, meine Hände auf meinem sanft gewölbten Bauch. Jeder Schlag meines Herzens hallt wie ein dumpfer Trommelschlag in meiner Brust wider und trägt einen Strom von Fragen und Ängsten mit sich.  

Wie sage ich es ihnen? Mama, Oma? Wie gestehe ich, dass ich schwanger bin, dass dieses Baby in mir wächst, dass es alles verändern wird? Ihr Blick, ihre Erwartungen, ihre Hoffnungen… Alles erscheint mir gleichzeitig schwer und zerbrechlich, als könnte ein falsches Wort alles zerbrechen.  

Ich denke an die stillen Abendessen, bei denen ihre Augen eine Wahrheit suchten, die ich mich nicht traute zu offenbaren. Ich weiß, dass diese Nachricht schwer zu hören sein wird. Vielleicht wird sie sie sogar erschüttern, sie enttäuschen.  

Und doch ist dieses kleine Wesen da. Es ist das Versprechen einer Zukunft, trotz allem.  

Ich schließe die Augen und stelle mir ihr Gesicht vor. Mama, sanft und besorgt, versucht ihre Angst hinter einem zitternden Lächeln zu verbergen. Oma, härter, aber mit dieser rauen Zärtlichkeit, die durchscheint, wenn sie denkt, dass niemand hinsieht.  

Ich wiederhole mir die Worte im Kopf, wie ein zerbrechliches Mantra: „Ich bin schwanger. Ich möchte eure Unterstützung.“ Doch der Hals schnürt sich zu, die Tränen drohen zu steigen.  

Ich weiß, dass ich stark sein muss. Für mich, für dieses Baby. Aber ich fühle mich so allein, verloren in dieser Stille, die zwischen uns wächst.  

Und wenn sie nicht verstehen? Und wenn sie mir böse sind? Und wenn alles kippt?  

Ich atme tief durch und balle die Hände zur Faust.  

Es ist Zeit. Ich muss mit ihnen reden. Bevor dieses Geheimnis zu einer zu schweren Last wird.  

Ich stehe auf, das Herz klopft, bereit, den Blick derjenigen zu begegnen, die ich liebe.  

Bereit, die Tür zu einer Wahrheit zu öffnen, die alles verändern wird.

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