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Der Wächter und die Prüfung

Author: Veloxis
last update publish date: 2026-09-07 02:36:54

Hinter der Tür lag ein Raum, der vollkommen anders aussah als alles, was sie zuvor gesehen hatten. In der Mitte stand ein schwarzer steinerner Amboss, auf dem eine unfertige Klinge lag. Sie bestand aus demselben schwarzen Metall, das Valarian in der Schmiede berührt hatte. Daneben lag ein alter Schmiedestempel, dessen Zeichen Valarian jedoch nicht kannte.

Auf dem Amboss befand sich eine Inschrift.

„WENN DER SCHMIED ZURÜCKKEHRT, WIRD DAS TOR WIEDER GEÖFFNET.“

„Der Schmied“, murmelte Lily.

Alle sahen Valarian an.

Er trat näher an den Amboss und legte vorsichtig eine Hand auf die unfertige Klinge. Sofort begann das schwarze Metall zu leuchten. Blaues Licht zog sich durch die Oberfläche, während feine silberne Linien sichtbar wurden.

Valarian wich überrascht zurück. „Das war nicht ich.“

Elara hob eine Augenbraue. „Du hast sie angefasst.“

Bevor Valarian antworten konnte, begann der gesamte Raum zu beben. Steine lösten sich aus der Decke und die Wände verschwammen, als würden sie sich im Wasser auflösen.

„Zurück!“, rief Goland.

Doch es gab keinen Ort, an den sie hätten fliehen können. Der Raum zerfiel um sie herum in gleißendes Licht, und Valarian hatte gerade noch Zeit, nach seinen Freunden zu greifen.

Im nächsten Augenblick standen sie auf einer gewaltigen steinernen Plattform. Unter ihnen lag ein schwarzer unterirdischer See, über dessen Oberfläche dichter Nebel kroch. Die Luft war so kalt, dass Valarian seinen eigenen Atem sehen konnte.

Goland zog sofort sein Schwert und stellte sich vor Lily und Elara. „Alle hinter mich.“

Valarian wollte gerade etwas sagen, als sich die Oberfläche des Sees bewegte. Ein dumpfes Grollen drang aus der Tiefe und ließ den Stein unter ihren Füßen erzittern. Dann begann das Wasser zu brodeln und etwas Gewaltiges erhob sich daraus.

Zuerst erschien ein gewaltiger Kopf, danach ein langer Hals, bis schließlich der gesamte Körper des Wesens aus der Dunkelheit ragte.

Ein Drache.

Er war riesig. Seine blauen Schuppen schimmerten zwischen Dunkelblau und Stahlblau, während sich seine gewaltigen Flügel hinter ihm entfalteten und beinahe die gesamte Höhle ausfüllten. Lange Hörner ragten aus seinem Schädel und seine Klauen bohrten sich in den Stein.

Dann öffneten sich seine Augen.

Rot.

Glühend rot.

Goland umklammerte den Griff seines Schwertes fester, doch selbst er wusste, dass ein Kampf sinnlos wäre. Dieses Wesen lag weit außerhalb ihrer Möglichkeiten.

Der Drache griff jedoch nicht an. Stattdessen senkte er langsam seinen gewaltigen Kopf und richtete seinen Blick auf Valarian.

Lange geschah nichts.

Dann ertönte eine tiefe Stimme, die durch die gesamte Höhle hallte.

„Ich habe dich erwartet.“

Valarian schluckte. „Mich?“

Der Drache blickte auf die Kette um Valarians Hals und anschließend auf die schwarze Linie an seiner Hand.

„Ja.“

Valarian machte einen vorsichtigen Schritt nach vorne. „Woher kennst du mich?“

Der Drache antwortete erst nach einigen Sekunden.

„Ich kenne den Ruf.“

Valarian runzelte die Stirn. „Welchen Ruf?“

„Den Ruf des Schmieds.“

Valarian spürte, wie sein Herz schneller schlug. „Was soll ich hier?“

Die roten Augen des Drachen ruhten weiterhin auf ihm.

„Das herauszufinden ist deine Aufgabe.“

Mehr sagte der Drache nicht.

Stattdessen hob er langsam eine seiner gewaltigen Klauen. Valarian beobachtete die Bewegung aufmerksam, bis sich eine einzelne Kralle vom Fuß des Drachen löste. Sie fiel nicht zu Boden, sondern schwebte langsam durch die Luft und blieb direkt vor Valarian stehen.

Kurz darauf löste sich eine einzelne blaue Schuppe aus dem Körper des Drachen und schwebte ebenfalls zu ihm.

Valarian nahm beides vorsichtig entgegen. Die Kralle war scharf und unglaublich stabil, während sich die Schuppe gleichzeitig leicht und beinahe unzerstörbar anfühlte.

Er sah den Drachen fragend an.

Keine Antwort.

Der Drache beobachtete ihn lediglich.

Valarian blickte auf die Klinge, die noch immer schwach leuchtete, und anschließend auf den schwarzen Amboss. Nach einigen Sekunden wurde ihm klar, was von ihm erwartet wurde.

Er trat an den Amboss und legte das schwarze Metall darauf. Die Drachenkralle lag nun in seiner Hand. Sie war kein gewöhnliches Werkzeug, doch sie war hart genug, um das geheimnisvolle Metall zu bearbeiten.

Valarian begann zu schmieden.

Der Drache sagte kein Wort.

Er beobachtete ihn lediglich.

Stunden vergingen.

Valarian erhitzte das schwarze Metall, formte es und schlug immer wieder mit der Drachenkralle darauf ein. Die Arbeit unterschied sich von allem, was er bisher erlebt hatte. Das Metall verhielt sich beinahe lebendig. Es nahm die Form nicht einfach an, sondern reagierte auf jede Bewegung.

Valarian musste lernen, darauf zu hören, nicht mit seinen Ohren, sondern mit seinen Händen.

Immer wieder veränderte er seine Technik. Mal schlug er kräftiger zu, mal vorsichtiger. Er arbeitete mit der Hitze, anstatt gegen sie anzukämpfen, und begann langsam zu verstehen, was das Metall von ihm verlangte.

Die Zeit verlor ihre Bedeutung. Schweiß lief über seine Stirn und seine Hände schmerzten, doch er arbeitete weiter. Der Drache stand währenddessen vollkommen still und beobachtete jede einzelne seiner Bewegungen.

Valarian wusste noch immer nicht, wonach er geprüft wurde. Vielleicht bestand die eigentliche Prüfung genau darin, dass ihm niemand sagte, was er tun sollte.

Er musste es selbst herausfinden.

Schlag für Schlag nahm die Klinge Gestalt an.

Die Drachenschuppe arbeitete er schließlich in den Griff ein. Als er die letzten Schläge ausführte, verklang das Geräusch des Metalls und erneut breitete sich Stille in der Höhle aus.

Vor ihm lag die fertige Waffe.

Eine kleine, ungewöhnliche schwarze Klinge, durchzogen von feinen blauen Linien, die wie leuchtende Adern wirkten. Am Griff befand sich die einzelne blaue Drachenschuppe.

Valarian ließ die Drachenkralle sinken und betrachtete sein Werk.

Zum ersten Mal seit Beginn der Prüfung bewegte sich der Drache. Er senkte seinen gewaltigen Kopf und betrachtete die fertige Klinge.

„Du hast bestanden.“

Valarian sah zu ihm. „Was habe ich bestanden?“

Er hob die Klinge leicht an.

„Und was kann sie?“

Der Drache sah ihn lange an.

„Das wirst du selbst herausfinden.“

Valarian wollte weiterfragen, doch in diesem Moment begann die Höhle erneut zu beben. Die Plattform unter ihren Füßen erzitterte und feine Risse erschienen im Stein.

Lily verlor beinahe das Gleichgewicht, doch Goland packte ihren Arm und hielt sie fest.

„Was passiert hier?“

Niemand antwortete.

Valarian steckte die Klinge ein und sah zum Drachen. Das Wesen bewegte sich nicht. Stattdessen begann sich die Umgebung um sie herum aufzulösen. Blaues Licht breitete sich über die Plattform aus und verschluckte langsam die Wände, den See und die gewaltige Gestalt des Drachen.

Valarian spürte, wie der Boden unter seinen Füßen verschwand.

Im letzten Moment trafen sich seine Augen mit denen des Drachen.

Dann wurde alles weiß.

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