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Der Wolf und die Seherin
Der Wolf und die Seherin
Author: Bless pen

Kapitel 1

Author: Bless pen
last update publish date: 2026-07-06 04:22:10

Elaras Perspektive

Die Sonne war ein unerbittlicher Tyrann am Himmel, ihre Strahlen versengten den Asphalt unter meinen Füßen. Durch das Blätterdach der Bäume über mir zerbrach das Licht in goldene Splitter, die wie zerbrochenes Glas über den Boden verstreut lagen. Ich lehnte den Kopf zurück und beobachtete, wie Wolken mit lässiger Gleichgültigkeit über das endlose Blau zogen – weiße Nichts Gebilde, die schienen, als hätten sie alle Zeit der Welt.

Mein Schatten erstreckte sich hinter mir, kürzer als meine tatsächliche Größe, und verspottete mich.

"Ist dein Hintern über Nacht etwa explodiert?"

Ich wirbelte herum, mein Blick war scharf genug, um Glas zu schneiden. Sera stand da, dieses unerträgliche Grinsen auf ihrem Gesicht. Wenn es je einen Wettbewerb für dramatische Übertreibung gäbe, würde Sera den ersten, zweiten und dritten Platz belegen. Ich liebte sie wie eine Schwester – wir waren seit Jahren unzertrennlich, enger als Blut, praktisch Zwillinge, die bei der Geburt getrennt wurden. Aber manchmal wollte ich sie mit einem ihrer tausend Traumfänger erwürgen.

Aurora, ihre Zwillingsschwester, war überhaupt nicht wie sie. Während Sera reines Chaos in Pink und Glitzer war, war Aurora ruhig und gefasst. Ich war irgendwo dazwischen – eine perfekte Balance, so möchte ich zumindest glauben.

Wir waren auf dem Weg zum Einkaufszentrum. Sera brauchte ein Kleid für ihr Date mit Kael morgen, und ich kam mit, um nach etwas zu suchen, das einem potenziellen Märchenprinzen ins Auge fallen könnte. Ein Mädchen durfte ja wohl träumen, oder?

"Im Ernst, jetzt, trägst du so ein gepolstertes Ding?", bohrte Sera mit übertriebener Schockiertheit in der Stimme. "Dein Hinterteil sieht heute ..." " beträchtlich aus."

"Wirst du jetzt endlich die Klappe halten und einsteigen, oder muss ich dich hier zurücklassen, damit du die Vögel mit deinem Unsinn unterhältst?", fuhr ich sie an, riss die Tür auf und ließ mich ins Auto fallen.

Ich war nicht wirklich wütend. Ich war peinlich berührt – weil sie absolut recht hatte. Ich trug Polsterung. Mein Hintern war praktisch nicht vorhanden, eine flache Fläche, wegen der ich mich seit der Highschool schämte. Egal wie viel ich aß – und vertrau mir, ich fraß wie ein ausgehungerter Elefant –, nichts änderte sich je. Mein Körper weigerte sich, mit meinen verzweifelten Gebeten um Kurven zu kooperieren.

"Ich habe recht, oder?"

Ihr Grinsen war unerträglich, als sie sich auf den Sitz neben mich setzte. Der Fahrer fuhr vom Bordstein weg.

Ich seufzte, schlug. "Na gut! Ja, ich trage eins. Zufrieden? "Ich wollte mich mal sexy fühlen, okay?"

Seras Miene wurde weicher, das spöttische Grinsen wich einem aufrichtigen Ausdruck. "Elara, hör mir zu." Es ist absolut nichts falsch an deinem Körper. Du bist umwerfend. Dieses rotblonde Haar? Typen würden dafür töten. Dein Gesicht? Perfekt. Alles an dir ist wunderschön. "Du kannst es nur nicht sehen."

Ich starrte sie an und überrumpelte. "Hast du mich dir jemals wirklich gesehen?" Also wirklich? Da ist nichts, Sera. Flach wie ein Brett."

Sie prustete los, aber es war nicht bösartig. "Ich meine es ernst." Du musst diese Unsicherheit überwinden. Es ist anstrengend, dir dabei zuzusehen, wie du dich selbst fertig machst. "Wenn ich ein Typ wäre, würde ich dich jeden einzelnen Tag anbeten."

Trotz allem musste ich lächeln. "Tja, leider bist du kein Typ."

Wir stiegen aus dem Auto, und Sera entdeckte sofort ein junges Mädchen, das in der Nähe des Eingangs Traumfänger verkaufte. Es war wie ein Motte, die vom Licht angezogen wird – sie rannte praktisch auf den Verkäufer zu. Seras Besessenheit mit diesen Dingern war legendär. Ihr Zimmer sah aus wie ein Traumfänger-Friedhof, und fang bloß nicht mit dem Pink an. So viel Pink, dass es einen Migräneanfall auslösen konnte.

Ich wollte ihr folgen, als etwas mich zurück riss.

Eine Hand. Kalt. Feucht.

Ich sah hinunter und entdeckte eine Frau, die meinen Arm umklammerte – eine seltsame, unheimliche Gestalt in einem bodenlangen schwarzen Kleid. Ihre Augen hatten die Farbe der Mitternacht, ihre Nägel und Zehen waren pechschwarz lackiert, ihr Haar fiel in dunklen Wellen um ihr Gesicht. Sie saß hinter einem kleinen Tisch, der mit schwarzem Tuch bedeckt war, Tarotkarten darauf ausgebreitet wie ein makabres Mosaik.

Eine Tarot-Leserin.

Sie lächelte und entblößte schwarz verfärbte Zähne, und mir lief es eiskalt den Rücken hinunter.

"Zieh eine Karte, mein Kind", krächzte sie, ihre Stimme wie Kies, der über Stein schabt.

Ich riss meinen Arm los, taumelte rückwärts, mein Herz raste. Ich sah mich um, verzweifelt auf der Suche nach jemandem, irgendjemandem, der das bezeugen konnte. Aber die Straße war leer. Niemand sah zu. Niemand kümmerte sich.

"Ich will nicht", sagte ich, meine Stimme fester, als ich mich fühlte.

"Zieh eine Karte", wiederholte sie, ihre Augen blitzten mit etwas Dunklem auf. "Zieh eine Karte und entkomme dem Schicksal, das dich erwartet."

Ihre Iris wurde karminrot, und ich schwöre, die Temperatur fiel. Meine Hand schoss vor, zitternd, riss eine zufällige Karte vom Tisch und hielt sie hin.

Sie betrachtete sie, ihr Kopf in einen unnatürlichen Winkel geneigt. Dann sah sie auf, und ihr Lächeln wurde breiter.

"Die Zukunft ist dunkel für dich, mein Kind." So dunkel, dass ich kaum etwas erkennen kann – außer den Tod. Hüte dich vor der Frau im rosa Kleid. "Sie wird dein Verderben sein."

Ich wartete nicht mehr. Ich stürmte in die Mall, ihre Worte verfolgten mich wie ein Gespenst. Meine Brust hob und senkte sich heftig, während ich mich durch die Menge schob und nach Sera suchte. Ich fand sie immer noch beim Feilschen mit der Traumfänger-Verkäuferin, einen Haufen der geflochtenen Talismane wie Trophäen in der Hand.

Ich tippte ihr auf die Schulter, sie drehte sich um, und ihr Lächeln verschwand sofort. "Wow." Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen. "Was ist passiert?"

Ich deutete zum Eingang, meine Hand zitterte. "Eine Frau". Eine Tarot-Leserin. Sie – sie sagte schreckliche Dinge. Tod. Eine Frau in einem rosa Kleid. Sie sagte –"

Sera sah hinter mich. "Welche Frau?"

Ich drehte mich um, mir fiel der Magen in die Kniekehle.

Der Platz, an dem sie gesessen hatte, war leer. Der Tisch war weg. Die Karten waren weg. Es war, als hätte sie nie existiert.

Ich ging zum Eingang, Sera dicht hinter mir, und spähte die Straße entlang. Nichts. Keine Spur von ihr. Kein Zeichen, dass sie jemals dort gewesen war.

"Vielleicht hast du es dir eingebildet", schlug Sera sanft vor. "Stress macht seltsame Dinge mit Menschen."

"Ich bin nicht verrückt, Sera. Ich weiß, was ich gesehen habe. "Ich weiß, was ich gehört habe."

Bevor ich weiter diskutieren konnte, summte Seras Telefon. Sie warf einen Blick auf den Bildschirm. "Leo sagt, wir sollen auf dem Rückweg bei der Bibliothek vorbeischauen und ein Buch für ihn abholen."

Ich blinzelte. "Warum schreibt mein Bruder dir?" "Ich bin doch buchstäblich hier."

"Vielleicht hat Kael ihm erzählt, dass wir shoppen sind." "Vielleicht sind sie zusammen", zuckte sie mit den Schultern.

Ich nickte und schob die beunruhigende Begegnung in den Hinterkopf. "Fahren wir zuerst zur Bibliothek." "Sie könnte schließen, bevor wir mit dem Shoppen fertig sind."

Wir kehrten zum Auto zurück, gaben dem Fahrer Anweisungen, und er steuerte uns zur Bibliothek. Dreißig Minuten später kamen wir an.

"Nach welchem Buch suchst du?", fragte die Bibliothekarin, während wir durch die Regale schlenderten.

"The Hidden Reality von Brian Greene", antwortete Sera.

Ich hatte kein Interesse daran – Quantenphysik war nicht gerade mein Ding. Stattdessen schlenderte ich zur Romantik-Abteilung und suchte nach etwas, das scharf genug war, um meine Fantasien anzuheizen. Ich griff mir einen dampfenden Roman, lieh ihn zusammen mit dem, was Leo wollte, aus, und wir fuhren zurück zum Auto.

Wieder auf der Straße vertiefte sich Sera in ihr Physikbuch, während ich die ersten Seiten meines Liebesromans verschlang und wie ein Idiot über den Schmutz grinste, den ich da las.

"Das ist seltsam", sagte Sera und riss mich aus meiner Lektüre.

"Was ist?"

"Dieses Buch. Es spricht von Parallel –"

Sie kam nicht zu Ende.

Das Auto ruckte plötzlich und gewaltsam zum Stillstand und schleuderte uns nach vorn. Ich knallte gegen den Vordersitz, ein stechender Schmerz schoss durch meine Schulter.

"Was zum Teufel –?"

Der Fahrer antwortete nicht. Er öffnete ruhig seine Tür, stieg aus und ging davon.

Mein Herz setzte aus. Ich griff nach meiner Tür, aber sie ließ sich nicht öffnen. Ich riss am Griff, rammte meine Schulter dagegen, trat dagegen – nichts. Sera versuchte das Gleiche auf ihrer Seite, Panik schwang in ihrer Stimme mit.

Dann flogen alle vier Türen gleichzeitig auf.

Männer strömten herein, ihre Gesichter hinter Masken verborgen. Eine schwarze Kapuze wurde über meinem Kopf in Dunkelheit. Ich schrie, kratzte am Stoff, versuchte, ihn herunterzuziehen. Eine Faust traf meinen Schädel und jagte mir Sterne durch die Sicht.

Ich wehrte mich weiter. Ich würde nicht aufgeben. Ich würde nicht –

Ein weiterer Schlag. Diesmal gegen den Hinterkopf. Schmerz explodierte, und ich spürte, wie ich weg rutschte, mein Bewusstsein wie Wasser durch meine Finger entwich.

Für einen Moment – nur einen winzigen Moment – hörte ich etwas, bevor die Dunkelheit mich ganz verschluckte.

Heulen.

Leise. Ganz fern. Aber unverkennbar.

Oder vielleicht war ich schon tot.

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