LOGINSie raubten ihr die Kindheit. Sie machten sie zum Versuchsobjekt. Dann begruben sie die Wahrheit hinter Gittern. Zweiundzwanzig Jahre lang lebte sie in Dunkelheit, gefangen in einer geheimen Einrichtung, wo Schmerz allgegenwärtig und Flucht unmöglich war. Die Wissenschaftler behaupten, sie sei defekt: ein blindes Mädchen, dessen einziger Wert die mysteriöse Kraft in ihr sei. Doch an dem Tag, als die Einrichtung fiel, gelang ihr endlich die Flucht. Die Freiheit währte nur wenige Stunden. Fälschlicherweise eines Massakers beschuldigt, das sie nicht begangen hatte, wird sie in das Black Hollow-Gefängnis eingeliefert, ein Gefängnis für die gefährlichsten übernatürlichen Verbrecher der Welt. Drachen, Dämonen, Gestaltwandler, Hexen und Monster beherrschen die blutgetränkten Hallen, und eine menschliche Gefangene dürfte ihre erste Nacht nicht überleben. Doch sechs der gefürchtetsten Männer des Gefängnisses weigern sich, sie sterben zu lassen. Ein skrupelloser Drache, der mehr über ihre Vergangenheit weiß, als sie zugibt. Ein treuer Wolf mit einem gütigen Herzen. Eine schweigsame Magierin, deren Magie mit einem Flüstern töten kann. Zwei Zwillingsdämonen, die tödliche Geheimnisse hinter Sarkasmus und Misstrauen verbergen. Und ein wildes Raubtier, dessen Wahnsinn der Schlüssel zum Überleben im Gefängnis sein könnte. Während sich ungewöhnliche Allianzen zu unzerbrechlichen Banden schmieden, entdeckt sie, dass ihre Blindheit kein Fluch ist. Sie ist der Schlüssel zu einer uralten Macht, für die unzählige Menschen getötet haben. Nun will jede Fraktion sie für sich beanspruchen. In jedem Korridor lauert ein Mörder. Jedes Geheimnis bringt sie einer Wahrheit näher, die ganze Königreiche ins Verderben stürzen könnte. Um dem Gefängnis zu entkommen, muss sie das Monster annehmen, das sie zu erschaffen versuchten … bevor die Dunkelheit, die sie genährt hat, die Welt verschlingt.
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Ein weiterer Ast schwankt vor mir, und ich schiebe ihn beiseite. Meine nackten Füße poltern über Wurzeln und Erde. Meine Füße sind voller Sand, Kieselsteine und allem, was der Wald zu bieten hat, doch ich spüre den Schmerz kaum.
Schneller. Schneller. Schneller. Ich darf nicht langsamer werden. Mein Kleid verfängt sich an einem Ast, der Stoff reißt, als etwas Scharfes über meine Haut schneidet. Ein erschrockener Schrei entfährt mir. Eine klebrige Wärme kriecht mir den Magen hinunter, und ich weiß sofort, was es ist – Blut. Lauf geradeaus weiter, bis du den halbierten Baum findest. Lauf weiter, bis du die Straße erreichst. Wenn du die Straße erreichst, biege rechts ab. Lauf weiter. Nicht langsamer werden. Was auch immer passiert, schau nicht zurück. Lass dich von niemandem sehen. Die Anweisungen hämmern in meinem Kopf, während ich meine Beine zu schnellerem Laufen zwinge. Meine Brust hebt und senkt sich in verzweifelten Atemzügen, während mein Herz heftig in mir pocht. Los. Los. Los. Meine Sinne suchen das nächste Lebewesen. Ein Eichhörnchen antwortet, und ich versinke in seinem Bewusstsein. Es schlängelt sich durchs Unterholz und lässt den Menschen neben sich nicht aus den Augen. Das bin ich. Ich. Durch die Augen des Eichhörnchens sehe ich, welchen Tribut der Wald von mir gefordert hat: verfilztes Haar, blutbefleckte Kleidung und ein schmutzbedecktes Gesicht. Mondlicht fällt auf mein Gesicht und enthüllt jede Spur der Erschöpfung. Erschrocken von meiner Annäherung, huscht das Eichhörnchen in die entgegengesetzte Richtung. Bevor es auf einen nahen Baum klettern kann, fällt mir etwas ins Auge. Weit voraus entdecke ich einen Baum, sauber in zwei Hälften geteilt, seine Silhouette scharf gegen die Nacht. Ohne zu zögern, verlasse ich das Bewusstsein des Eichhörnchens und sprinte ohne langsamer zu werden nach links. Schneller. Schneller. Schneller.Leise, aus den Tiefen meines Bewusstseins, nehme ich das Heulen von Hunden und das Aufheulen von Motoren wahr. Doch es ist nur Hintergrundgeräusch, übertönt von meinem eigenen, keuchenden Atem. Meine Beine pochen vor Erschöpfung, und ich komme taumelnd zum Stehen und fange mich an einem Baumstamm ab.
Kein Anhalten. Ein Schrei entfährt mir, als ich meine Beine zu schnellerem Laufen zwinge. Schmerz durchdringt meinen ganzen Körper. Zweige und Äste peitschen mir ins Gesicht, schneiden in meine Haut, und ich stolpere immer wieder über unsichtbare Baumstümpfe. Normalerweise sind meine anderen Sinne meine Stärke, aber heute sind sie unzuverlässig. Nicht, wo doch mein Leben und meine Freiheit auf dem Spiel stehen. Zurückzugehen ist keine Option für mich. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich schon laufe. Minuten? Stunden? Die Zeit vergeht quälend langsam. Ein gebrochener Teil von mir hat sich daran gewöhnt. Hier gibt es keine Zeit – nur Ausdauer. Ich lebe wie ein Gefangener und ein Boxsack, ich habe jedes Zeitgefühl verloren. Es existiert nur noch als Idee, nichts weiter.Ich renne weiter, bis harter, sandiger Boden meine nackten Füße berührt.
Asphalt.
Geh rechts, wenn du die Straße erreichst.
Ich renne weiter.
Mit jedem Atemzug schnürt sich meine Brust zu, und mein Magen pocht vor Schmerz. Ich bin ausgehungert, schwach und außer Form. Monatelang beschränkte sich meine Welt auf den Weg zwischen meiner Zelle und dem Folterraum.
Was ließ mich glauben, ich könnte dem entkommen?
Doch die Aussicht auf Freiheit treibt mich an. Ich höre Grillen hinter den Bäumen zirpen. Ich spüre den Nachtwind auf meinen Wangen.
Die Freiheit ist zum Greifen nah …
Plötzlich geben meine Beine nach, und ich schlage hart auf dem Boden auf. Ich habe nur einen Augenblick zum Beten, einen Augenblick zum Flehen, bevor ich das Bewusstsein verliere. Sein Griff in meinen Haaren ist eisern, er zwingt meinen Kopf nach hinten und zerrt mich den verlassenen Flur entlang. Ich gleite erneut durch die Mauern seines Bewusstseins, geleitet von einer Macht, die ich vor vielen Jahren entdeckt habe. Graue Steinwände umgeben mich, die Luft ist schwer von Kupfer und dem Gestank von Urin.„Es tut mir leid“, stammle ich und stemme mich verzweifelt mit den Fersen gegen den Boden. Dieser kleine Widerstand ist nutzlos, sein Griff verstärkt sich. Ich werde strampelnd und schreiend in einen vertrauten, hellen Raum gezerrt, ein stechender Schmerz durchfährt meine Kopfhaut.
Dieser Raum hat mir schon so manchen Albtraum beschert. Die Wände weichen vollständig bodentiefen Fenstern, die Licht hereinlassen. Es ist der einzige Raum in der Einrichtung, in dem natürliches Sonnenlicht die herrschende Dunkelheit durchbricht. Alle anderen Räume sind von künstlichem Neonlicht erhellt, außer meiner Zelle, die nur von einer einzigen, flackernden Glühbirne erleuchtet wird.Schon wieder.Und ich war nicht da, um sie zu beschützen.Ein gewaltiger Selbsthass droht, mich ganz zu verschlingen – und für einen kurzen Moment lasse ich zu, dass er mich vollkommen einnimmt. Er schwärt in meinen Lungen, erschwert mir das Atmen, und entfaltet sich dann in meiner Brust wie eine Tulpe im Frühling.Mein Kopf wird durch die Wucht des Schlags zur Seite geschleudert, und augenblicklich kommt mein Wolf zum Vorschein. Grobes, dunkles Fell sprießt an meinen Armen und in meinem Gesicht; es kostet mich enorme Anstrengung, mich nicht genau hier und jetzt in ein Tier zu verwandeln und Logan in Stücke zu reißen.Der Blondhaarige starrt auf mich herab; sein Körper strahlt eine geradezu elementare Wut aus – eine Wut, die einen eigenen Platz im Periodensystem verdient hätte. Seine Lippen verziehen sich zu einer derart grausamen Grimasse, als hätte jemand sie mit einer Klinge in sein Gesicht geschnitten.„Hol den Kopf aus deinem Arsch, Mann, und hilf deiner verdammten Gefährtin!“, b
Meine Gefährten…Tiefe Traurigkeit erfüllt mich, während meine Füße mich vorwärts tragen. Mein Körper will unbedingt dem Befehl der Sirene folgen, auch wenn mein Verstand mir verzweifelt zuruft, ich solle aufhören.Ich lege beide Hände auf das, was ich für die Wand des Tunnels halte…Und dann schlage ich meinen Kopf gegen den harten Beton.Einmal. Zweimal. Dreimal. Viermal.Schmerz explodiert hinter meiner Stirn und schießt wie tausende bunte, explodierende Feuerwerkskörper durch meine Adern. Blut rinnt aus der Wunde an meinem Kopf und läuft in meine Augen. Ich spüre, wie es meine Lippen berührt, doch selbst der salzige Geschmack hält mich nicht auf.Wahnsinn.Das ist Wahnsinn.Du willst dich nicht umbringen, Nina.Du willst nicht sterben.Wehr dich!Doch während ich das denke, schlage ich weiter meinen Kopf gegen den Beton. Immer wieder. Und wieder. Und wieder.Das Labyrinth bebt – fast so, als wäre das Gebäude selbst wütend auf mich, weil ich mir wehtue, weil ich es wage, es zu verl
Nein!Ich versuche, den Mund zu öffnen, versuche zu schreien, doch die singende, melodische Stimme drängt mich immer weiter voran.Alles wird gut.Alles ist in Ordnung.Dir geht es gut.Es fühlt sich an, als würde jemand diese Worte direkt in mein Gehirn flüstern – obwohl das einzige Geräusch im Flur dieser gefühlvolle Gesang ist. Ich erkenne weder das Lied noch die Sprache, doch die Worte verschmelzen miteinander. Wunderschön. So wunderschön.Plötzlich bleiben meine Füße stehen, auch wenn ich nicht weiß, wo ich bin. Die Musik verstummt so abrupt, wie sie begonnen hat, und eine Leere durchströmt meinen Körper. Auf einmal kann ich nicht mehr atmen. Nicht mehr denken.Was …?Wo …?Wie …?Ich weiß, dass ich eigentlich beunruhigt sein sollte, doch ein ständiger Schleier der Verwirrung scheint über meinem Bewusstsein zu liegen. Instinktiv hebe ich die Hände an den Kopf; ein leises Stöhnen entweicht meiner Kehle.Rion …?Wo ist …?Ich ringe darum, seinen Namen auszusprechen, während mein Ge
„Ich möchte unbedingt sehen, wie der Film ausgeht.“Seine Antwort bekomme ich nicht mehr mit, bevor mich der Schlaf übermannt.***************************Ich kuschele mich an Rions Brust – der Inbegriff von Zufriedenheit und Ruhe. Ich stelle mir vor, dass ich bei jedem meiner Gefährten, bei jedem der Männer, die ich liebe, so empfinden würde. Ein Teil von mir – benommen und halb schlafend – wünscht sich, ich könnte den Verlobungsring an meinem Finger so gebannt anstarren, wie man es aus Filmen kennt. Mich an dem Gedanken berauschen, dass ich bald eine Ehefrau sein werde. Bald bin ich verheiratet.Stattdessen fahre ich mit dem Finger über den Rand des Rings und zeichne das Muster nach. Kai hat ihn mir aus seinem persönlichen Schatzgewölbe gegeben – dem Ort, an dem sein Drache all das Gold und die Juwelen hortet, die er im Laufe der Zeit zusammengetragen hat.Ich liebe ihn.Ich liebe ihn so verdammt sehr, dass mein Herz jeden Moment zu zerspringen droht – und die Wände der Zelle mit le