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Kapitel 2

Author: Bless pen
last update publish date: 2026-07-06 04:22:28

Elaras Perspektive

Meine Augenlider fühlten sich an, als wären sie zusammengeschweißt worden. Als ich sie endlich auf zwang, traf mich das Licht wie ein physischer Schlag und jagte mir Splitter des Schmerzes direkt durch den Schädel. Ich versuchte, mich vom kalten, erbarmungslosen Boden hoch zu stemmen, aber mein Körper weigerte sich zu gehorchen. Meine Arme ließen sich nicht bewegen. Ich sah hinunter und erkannte den Grund – dicke Seile fesselten meine Handgelenke zusammen und schnitten bei jeder noch so kleinen Bewegung in meine Haut. Meine Beine waren ebenfalls gefesselt. Mein Rücken lehnte gegen eine feuchte, raue Wand, die nach Schimmel und Verfall roch.

"Elara"? "Geht es dir gut?"

Ich drehte langsam den Kopf, und mein Herz machte einen Satz. Sera war neben mir, ihr Gesicht gezeichnet von blauen Flecken, eine tiefe Wunde zog sich über ihre Unterlippe. Sie war genauso fest gefesselt wie ich – wie Tiere, die für die Schlachtung zusammengeschnürt wurden.

"Wo sind wir?", fragte ich und schmeckte Kupfer. Blut. Mein eigenes Blut, das irgendwo in meinem Mund austria.

"Ich weiß es nicht." Ich bin so aufgewacht. Mein Kopf hämmert. "Das Letzte, woran ich mich erinnere – wir waren im Einkaufszentrum."

Alles kam mit voller Wucht zurück. Der Shopping-Trip. Die Kleider. Die Bibliothek. Der Fahrer, der auf jener leeren Straße anhielt. Die Männer. Der schwarze Sack. Der Schlag gegen meinen Kopf.

"Wir waren auf dem halben Weg", sagte ich, meine Stimme zitterte. "Wir hatten gerade die Bibliothek verlassen." Der Fahrer hielt an, und dann –"

"Dieser Ort riecht nach Pferdeurin", fiel Sera ein und rümpfte die Nase. "Wenn Aurora hier wäre, hätte sie schon tausend mal gekotzt."

Ich hätte fast gelacht. Fast. Aber der Humor starb in meiner Kehle, bevor er entweichen konnte. Das war nicht die Zeit für Witze.

"Wer glaubst du, hat uns hierher gebracht?", fragte Sera.

"Vielleicht der Kult", sagte ich, die einzige Antwort, die Sinn ergab.

Mein Bruder Leo und seine Freunde – Sebastian, Derek und Kael, der zufällig auch Seras lächerlich attraktiver Freund war – kämpften seit Jahren gegen eine berüchtigte Kultgruppe. Das könnte Vergeltung sein. Eine Botschaft. Oder schlimmer.

"Welcher Kult?", hakte Sera nach.

Ich öffnete den Mund, um zu antworten, aber die Tür flog plötzlich nach innen auf und schlug mit einem ohrenbetäubenden Knall gegen die Wand, der wie ein Schuss durch den Raum hallte.

Ein Riese von einem Mann trat ein, schwer auf einen Stock gestützt. Sein Gesicht war eine Landkarte aus Narben, ich schätzte ihn auf mindestens sechzig, vielleicht fünfundsechzig. Seine Augen schweiften durch den Raum, kalt und berechnend.

"Warum sind zwei Mädchen hier?", wandte er sich an die bewaffneten Männer hinter ihm.

Sie antworteten in einer Sprache, die ich nicht erkannte. Gut. Scharf. Das Gesicht des Mannes verzog sich vor Verärgerung.

"Du willst mir also sagen, dass diese hier", er stach mit einem knotigen Finger in meine Richtung, "ein Fehler ist?"

Die Männer nickten.

Er drehte sich wieder zu mir um, und ein grausames Lächeln breitete sich über seine vernarbten Lippen aus. "Holt mir Rylan." "Da wir sie nicht brauchen, können wir sie genauso gut verschwenden."

Verschwenden. Das Wort hallte in meinem Kopf wider, kalt und endgültig. Verschwenden bedeutet töten. Mein Leben beenden, als wäre ich nichts weiter als Müll.

Mein Herz hielt still. Dann begann es wieder zu schlagen, so heftig, dass ich es in meiner Kehle spüren konnte. Tränen rannen über meine Wangen, heiß und verzweifelt. Ich zerrte an den Seilen, stemmte mich dagegen, bis meine Handgelenke brannten und bluten, aber sie gaben nicht nach.

"Lucas darf sich wohl glücklich schätzen, so eine schöne Lady wie dich zu haben", sagte der narbige Mann und näherte sich Sera. Er streckte die Hand aus und berührte ihr Gesicht.

Sera spuckte ihn an.

Er packte sie an den Haaren, riss ihren Kopf nach hinten und schlug sie hart ins Gesicht. Das Geräusch war widerlich. Sie wimmerte, aber ihre Augen brannten vor Trotz.

"Vielleicht hat Lucas dir nichts von seiner Vergangenheit erzählt, junge Dame", zischte der Mann, sein Gesicht nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt. "Wenn er es getan hätte, wüsstest du, dass ich nicht jemand bin, mit dem man sich anlegt."

"Fick dich", spuckte Sera, Blut tropfte von ihrer aufgesprungenen Lippe. "Hörst du mich, Feigling? Fick dich eine Million Mal."

Wutentbrannt schleuderte der Mann sie durch den Raum, als wiege sie nichts. Ihr Kopf knallte gegen die Wand, und sie schrie – ein Geräusch, das mich für immer verfolgen würde.

"Du solltest besser zur Vernunft kommen, Mädchen", knurrte er, über ihrer zusammengesunkene Gestalt aufragend. "Oder ich rufe meine Jungs." "Wir nehmen uns abwechselnd dich vor, bis dein kleiner Körper so erschöpft ist, dass du um den Tod betteln wirst."

Sera bewegte sich nicht. Sie war so still, so erschreckend still. Ich wollte ihren Namen schreien, aber meine Stimme war in meiner Brust gefangen, erstarrt vor Entsetzen.

Der Mann drehte sich zu mir um. Seine Augen verengten sich.

"Wie heißt du?", fragte er und wischte sich die Hände sauber, als hätte Seras Spucke ihn verunreinigt.

"Elara", flüsterte ich unter Tränen.

"So ein hübscher Name." So schade, dass ich dich verschwenden muss. "Weißt du, warum?" Ich schüttelte den Kopf, mein ganzer Körper zitterte. "Weil du nur ein unerwarteter Zusatz bist." Sie war das Ziel. Nicht du. "Wenn du da oben Gott siehst, sag ihm, er soll dich im nächsten Leben glücklicher machen."

Ich starrte auf den Boden, meine Sicht verschwommen vor Tränen, und flehte stumm. Gott, bitte. Jemand. Irgendjemand. Gib mir noch eine Chance.

Die Tür öffnete sich ein zweites Mal.

Ein Duft traf mich – sauber und holzig, wie alte Bücher und regennasser Kiefer. Es war befremdlich, völlig fehl am Platz in diesem üblen Verlies. Ich atmete tief ein, folgte dem Geruch, ließ mich von ihm inmitten des Chaos verankern.

Ich sah auf.

Ein Mann stand in der Tür, eine Waffe in der Hand. Er war groß, breitschultrig und auf eine Weise unmöglich gutaussehend, die unter den gegebenen Umständen überhaupt keinen Sinn ergab. Ich presste mich instinktiv fester gegen die Wand, in der Hoffnung, sie würde mich verschlucken.

Der narbige Mann richtete sich auf und ging auf den Neuankömmling zu. "Verschwende sie", befahl er und zeigte auf mich.

Der Mann hob seine Waffe.

Unsere Blicke trafen sich.

Und die Welt blieb stehen.

Seine Augen waren tiefblau – so tief, dass sie endlos schienen, wie das Meer vor einem Sturm. Sie durchbohrten mich, und etwas Urtümliches regte sich in meiner Brust. Ein Ziehen. Eine magnetische Kraft, die mich zu ihm laufen ließ, ihn anzuflehen, mich zu halten, mich zu beschützen.

Sein Finger schwebte über dem Abzug. Aber statt zu schießen, grinste er – ein seltsamer, fast ungläubiger Ausdruck – und senkte die Waffe. Eine Flut von Flüchen entfuhr seinen Lippen.

"Was ist los, Rylan? Töte sie!", schrie der narbige Mann, seine Fassung zerbrach.

"Ich kann nicht", erwiderte er einfach.

"Warum?"

Gefährtin.

Meine Augen weiteten sich. Er hatte das Wort nicht ausgesprochen. Sein Mund hatte sich nicht bewegt. Aber ich hatte es gehört – klar wie eine Glocke, in meinem Kopf widerhallen wie ein Flüstern aus tiefster Seele.

Gefährtin.

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