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Die feine Spitze verfing sich an meinem schwieligen Finger, eine zarte weiße Blüte ruiniert.
„Vorsicht, Elara“, durchbrach die Stimme meiner Mutter das Stimmengewirr im Salon der Morgans.
„Das ist für Isabellas Anprobe. Du weißt, wie wichtig morgen ist.“
Ich nickte und spürte das vertraute Brennen in meinen Wangen.
„Ich weiß, Mutter.“ Ich hielt die beschädigte Spitze hoch, eine stumme Entschuldigung.
„Ich glaube, ich kann das reparieren.“ Mein Blick schweifte zu der Reihe von Kleidern, die wie stumme Richter hingen und auf ihre Anprobe warteten.
Morgen würde Prinz Nathan seine Gefährtin wählen. Das ganze Rudel vibrierte vor Vorfreude. Nicht für mich, natürlich. Für die Schönen. Die Starken. Diejenigen, die wie die Luna aussahen, die er verdiente. Doch ein winziger, törichter Teil von mir schmerzte immer noch. Die Gefährtenbindung, ein Flüstern in meiner Seele, pulsierte jedes Mal, wenn sein Name ausgesprochen wurde.
„Ganz ehrlich, Elara“, fuhr sie fort, ihre Stimme zu einem theatralischen Flüstern verzerrt, „versuch heute Abend nicht zu viel zu essen. Die königliche Familie wird hier sein. Wir brauchen dich nicht, um uns vor dem Prinzregenten und der Königinmutter zu blamieren. Erinnerst du dich an letztes Jahr beim Erntedankfest? Wie du die ganzen Gebäckstücke verputzt hast …“ Sie verstummte und ließ die Andeutung schwer im Raum hängen.
Ein scharfes Einatmen einer unserer Tanten unterstrich ihre Worte. Ich fühlte mich klein, meine Schultern zuckten. Es ging immer nur um meine Größe, mein schlichtes Gesicht, meinen völligen Mangel an … Feingefühl.
Dann ein kollektives Aufatmen. Alle Blicke wandten sich der großen Treppe zu. Isabella schritt herab, eine Erscheinung in einem Kleid aus schimmernder silberner Seide, das sie ätherisch, fast wie Mondlicht, erscheinen ließ. Es betonte ihre schlanke Taille und die anmutige Kurve ihres Halses. Ihr dunkles Haar fiel in sanften Wellen, die ihre perfekten, aristokratischen Gesichtszüge umrahmten.
„Oh, meine Göttin!“, rief Tante Lyra aus, Tränen traten ihr in die Augen.
„Sie sieht aus wie eine echte Luna!“
„Atemberaubend, Isabella, wirklich atemberaubend“, warf eine andere Verwandte ein und eilte herbei, um eine Falte zu richten.
„Prinz Nathan wird ihr nicht widerstehen können.“ Isabella lächelte, ein strahlendes, selbstbewusstes Lächeln, das den ganzen Raum zum Leuchten brachte. Sie posierte leicht und nahm die Bewunderung als ihr gebührend entgegen.
„Meinst du das wirklich?“, fragte sie, doch ihr Tonfall war reine Förmlichkeit. Sie wusste es. Wir alle wussten es.
„Natürlich!“, sagte Tante Lyra und drückte ihr liebevoll den Arm.
„Eine Morgan wird eine Luna sein! Und ich meine ganz bestimmt nicht jemanden wie Elara, die Arme. Nichts für ungut, Liebes“, fügte sie hinzu und warf mir einen mitleidigen, süßlichen Blick zu.
„Aber ein Prinz braucht jemanden … Königliches.“
Die Worte, obwohl sie vermeintlich freundlich ausgesprochen wurden, trafen mich wie ein Schlag. Nichts für ungut, Liebes. Es war das Mantra meines Lebens. Nichts für ungut, Liebes, aber du bist zu laut. Nichts für ungut, Liebes, aber du bist zu groß. Nichts für ungut, Liebes, aber du bist nicht das, was irgendjemand will.
Ich zwang mir ein gezwungenes, künstliches Lächeln auf die Lippen. Mein Kiefer schmerzte von der Anstrengung. Meine Augen brannten. Es war immer dasselbe Lied, das ich schon kannte, seit ich sprechen konnte: Ich war nicht genug. Ich würde es nie sein.
Ich beobachtete, wie sie sich um Isabella kümmerten, eine unsichtbare Barriere, die mich von ihrem fröhlichen Kreis trennte. Als sie schließlich zum Nachmittagstee in den Speisesaal gingen und mich allein mit der beschädigten Spitze und den stillen Kleidern zurückließen, ließ ich das falsche Lächeln fallen. Mein Herz fühlte sich an wie ein vertrocknetes Ding in meiner Brust.
Meine Gedanken schweiften ab, entflohen der Gegenwart. Ich erinnerte mich an ihn. Prinz Nathan. Es war Jahre her, nach der Schlacht gegen die nördlichen Schurken. Er war zurückgekehrt, siegreich und blutüberströmt, sein goldenes Fell von purpurnen Streifen durchzogen. Das Rudel hatte gejubelt, ihn verehrt. Ich, klein und unbedeutend, hatte die Aufgabe, den Verwundeten Wasser zu bringen.
Er saß auf einer improvisierten Trage, die Brust entblößt, eine tiefe Krallenwunde zierte seine Schulter. Vorsichtig näherte ich mich ihm, mein Herz klopfte. Alle anderen ignorierten mich oder, schlimmer noch, spotteten über meinen unbeholfenen Gang.
Aber er nicht.
Er blickte auf, seine Augen von einem auffallenden, wilden Gold.
„Danke“, sagte er mit tiefer, rauer Stimme. Er nahm den Wasserschlauch, seine kräftigen Finger streiften meine.
„Das bedeutet mir mehr, als du ahnst.“
Nur zwei Worte. Danke. Kein Kommentar zu meinem Gewicht, kein abweisender Blick. Nur aufrichtige Dankbarkeit. In diesem Moment war er kein Prinz, und ich war nicht die ungeschickte, ungewollte Elara. Wir waren nur zwei Wölfe, einer dankbar, der andere hilfsbereit. Und in diesem Moment war in meinem Herzen ein törichter, unmöglicher Traum geboren.
Ein scharfes, autoritäres Klopfen hallte von der Haustür wider und ließ die Kristallgläser in der Vitrine klirren. Das ganze Haus verstummte.
Meine Mutter, Isabella und unsere Verwandten, die sich angeregt unterhalten hatten, erstarrten mitten im Satz. Meine Mutter riss die Augen auf und griff sich an den Hals. Isabella richtete sich auf, ein Anflug von nervöser Aufregung in ihren Augen. Jeder wusste, dass die königliche Familie ihre Partner diskret auswählte, aber ein Besuch der königlichen Garde vor der offiziellen Zeremonie war undenkbar, es sei denn … es handelte sich um eine besondere Einladung.
„Mach die Tür auf, Thomas!“, zischte meine Mutter dem alten Butler zu, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern.
„Schnell!“
Thomas, mit bleichem Gesicht, eilte zur Tür. Zwei imposante Gestalten standen auf unserer Veranda, ihre Uniformen tadellos, das Wappen der Goldstones stolz auf der Brust. Sie waren groß, muskulös, eindeutig Elitesoldaten. Einer von ihnen, ein stämmiger Alpha mit einer Narbe auf der Wange, trat vor. Sein Blick schweifte durch den eleganten Salon, vorbei an den schmeichelnden Verwandten, vorbei an meiner umwerfend schönen Schwester.
Und dann ruhte sein Blick auf mir.
Mir stockte der Atem. Nein, er konnte mich nicht ansehen.
Er machte einen Schritt auf mich zu, das Geräusch seiner Stiefel hallte in der plötzlichen, tiefen Stille des Raumes wider. Meine Mutter und Isabella wechselten einen verwirrten, fast empörten Blick.
Der Alpha blieb direkt vor mir stehen. Zu meinem Entsetzen verbeugte er sich formell und respektvoll.
„Elara Morgan“, sagte er mit tiefer, sonorer Stimme.
„Der zukünftige Alpha wünscht, dass Ihr morgen früh bei Sonnenaufgang im Palast erscheint.“
Mein Kopf war wie leergefegt. Was?
Er fuhr fort, sein Blick unverwandt, als spräche er mit der wichtigsten Person im Raum.
„Die Vorbereitungen für Eure Paarungszeremonie beginnen unmittelbar nach Eurer Ankunft. Wir sind hier, um Euch heute Abend zu begleiten, falls Ihr einverstanden seid.“
Die Worte hingen schwer und unfassbar in der Luft. Das kollektive Aufatmen, das folgte, war beinahe komisch.
Isabellas perfektes, triumphierendes Lächeln verschwand langsam und qualvoll. Ihre Lippen öffneten sich, aber kein Laut kam heraus. Ihre Augen, sonst so strahlend vor Selbstsicherheit, waren weit aufgerissen und ungläubig.
Meine Mutter starrte mich an. Ihr Mund war zu einem schmalen Strich verzogen. Es war, als hätte sie mich nie zuvor richtig gesehen, als wäre ich eine Fremde, die plötzlich in ihrem Salon aufgetaucht war. Ihr Gesicht war eine Maske völliger Verwirrung, dann eines aufkeimenden Entsetzens.
Träumte ich? Das musste ein Traum sein. Nathans Dank vor all den Jahren hatte diese unmögliche Fantasie entstehen lassen. Doch der Wächter stand immer noch da, sein Gesichtsausdruck ernst und unbeweglich.
Ein leises, kratzendes Geräusch zerriss die Stille. Ich blickte hinunter. Isabellas Hände waren zu Fäusten geballt, ihre Nägel gruben sich in ihre Handflächen. Ihre Knöchel waren weiß. Ihr wunderschönes silbernes Kleid schien vor unterdrückter Wut zu schimmern. Sie sah aus, als wollte sie schreien. Sie sah aus, als wollte sie mich umbringen.
Elaras SichtDas Morgenlicht schnitt wie eine harte, unerbittliche Klinge durch die schweren Samtvorhänge von Elias' Gemächern. Ich bewegte mich unruhig; mein Körper schmerzte dumpf und angenehm, ein Gefühl, das mich an jedes Versprechen erinnerte, das er mir Stunden zuvor ins Ohr geflüstert hatte. Neben mir war Elias bereits wach, auf einen Ellbogen gestützt, und seine Augen folgten mit einem Blick von erschreckender Intensität meiner Schulterlinie.„Du denkst schon wieder nach“, murmelte er mit schläfriger, rauer Stimme. „Ich höre, wie dein Herz schneller schlägt. Hör auf.“Ich drehte mich auf den Rücken und starrte auf die kunstvollen Schnitzereien an der Decke. „Ich kann nicht aufhören, Elias. Goldstone blutet. Wenn wir nichts unternehmen, wird das Rudel zusammenbrechen. Die Versorgungslinien brechen zusammen, die unteren Ränge rebellieren, und der Rat kreist wie ein Geier. Wir müssen sie retten.“Elias' Gesichtsausdruck verhärtete sich augenblicklich. Er richtete sich auf, die La
Elias' SichtIch schritt den Raum auf und ab, meine Stiefel polterten rhythmisch auf dem Steinboden. Das Feuer im Kamin war zu glühenden Kohlen heruntergebrannt und warf lange, verzerrte Schatten auf die Wandteppiche. Zum hundertsten Mal blickte ich zu den schweren Eichentüren unserer Gemächer.Leer.Elara war nicht da. Ich wandte meinen Blick der Ecke zu, wo Frey sonst still und wachsam stand, doch der Schatten war leer. Beide waren fort.„Bleib ruhig“, flüsterte ich in den leeren Raum, meine Hände ballten sich zu Fäusten. „Sie … sie brauchte nur frische Luft. Sie würde nach allem nicht einfach gehen.“Mein Wolf lief unruhig in meiner Brust auf und ab, ein knurrendes Gewicht. Ihr Duft – Sandelholz und Winterluft – war schwach und verflog aus den Leinenstoffen. Ich sah im Kleiderschrank nach; ihr Umhang fehlte. Ich sah im Waffenschrank nach; Ihre beiden Dolche waren verschwunden.„Verdammt, Elara“, zischte ich und lehnte meine Stirn gegen den kühlen Stein des Fensterrahmens.Ich warte
Nathans SichtDas schwere Kristallglas fühlte sich in meiner Hand wie Blei an. Ich starrte in die bernsteinfarbenen Tiefen des Ales. Der Geruch von fermentiertem Getreide konnte das Getöse der Stimmen, das durch die Straßen von Goldstone hallte, nicht dämpfen. Die Gerüchte lasteten schwer auf meiner Brust, bis ich kaum noch atmen konnte.*Das Kind ist nicht deins.**Isabella ist eine Betrügerin.*Ich nahm einen langen, brennenden Schluck. Ich versuchte mir einzureden, es sei alles nur Propaganda des Beta-Zweigs, ein verzweifelter Versuch, während des Aufstands an die Macht zu gelangen. Doch das Geflüster hatte einen scharfen Kern Wahrheit, der meine Verleugnung durchbrach. Es fühlte sich zu real an. Wie sie den Rudelarzt gemieden hatte, wie sich ihr Geruch nicht verändert hatte, wie es bei einer trächtigen Wölfin sein sollte. Ich schloss die Augen, legte den Kopf in den Nacken und wartete darauf, dass der Alkohol den Verrat betäubte.Eine flüchtige Bewegung huschte durch meinen Augenw
Elaras SichtDer Waldboden verschwamm vor meinen Augen zu einem Meer aus feuchten Blättern und verworrenen Wurzeln, während ich Mühe hatte, mit Elias Schritt zu halten. Meine Lungen brannten, doch der körperliche Schmerz lenkte mich willkommen von dem nagenden Gefühl in meiner Brust ab. Alle paar Schritte schweiften meine Gedanken zurück zu den grauen Steinmauern der Packhütte, dem Geruch des Kamins und dem Leben, das ich seit meiner Kindheit kannte.„Hör auf damit, Elara“, sagte Elias, seine Stimme durchdrang das schwere Stampfen unserer Stiefel. Er drehte sich nicht um, sein Blick war ganz auf den Pfad vor uns gerichtet. „Schau nicht zurück. Du tust es schon wieder.“„Ich kann nichts dafür“, flüsterte ich und stolperte über eine hervorstehende Wurzel. Ich fing mich an einem Baumstamm ab, meine Finger krallten sich in die raue Rinde. „Es ist mein Zuhause, Elias. Alles, was ich kenne, ist dort.“Er blieb stehen und drehte sich zu mir um. Seine Augen waren hart, ohne das Mitgefühl, nac
Nathans Sicht„Wer? Nennt die Verräter!“ Ich packte die Wache an ihrer versengten Brustplatte und hob sie fast von den Füßen. „Wenn es nicht Elias ist, wer führt das dann an?“„Ich weiß es nicht, Alpha!“, keuchte er und warf Isabella einen stechenden Blick zu. „Das Südtor … es hat sich von innen geöffnet. Wir wurden niedergemäht, bevor wir uns bewegen konnten!“„Los!“, rief ich und stieß ihn zurück. „Schickt drei volle Trupps zum Südtor und zur Waffenkammer. Ich will jeden Sektor im Blick haben. Findet genau heraus, wo der Durchbruch begann, und kehrt erst zurück, wenn ihr einen Namen habt. Los!“Die Wache rannte davon, ihre Stiefel rutschten auf dem polierten Stein. Ich drehte mich zum Raum um, mein Atem ging stoßweise. Der Geruch von Rauch drang bereits dicht und stechend aus den Lüftungsschächten.Isabella stand am Fenster, die Hände gegen die Scheibe gepresst. „Nathan, was ist hier los? Wer würde so etwas jetzt tun?“„Glaubst du, ich weiß Bescheid?“, fuhr ich ihn an und schritt au
Nathans SichtIch starrte Elara an, meine Brust schnürte sich zusammen, bis ich das Gefühl hatte, meine Rippen würden brechen. Die Worte „Ich will Elias heiraten“ hallten durch den Saal und verhöhnten meinen Status, meine Macht und die Verbindung, die wir meiner Meinung nach noch immer teilten. Meine Hand schwebte zitternd in der Luft. Ich wollte ihr befehlen zu bleiben. Ich wollte sie im höchsten Turm einsperren, bis sie sich wieder daran erinnerte, wer ich für sie war.„Elara, warte“, brachte ich hervor, meine Stimme klang selbst in meinen Ohren dünn. „Du kannst nicht einfach … Ich habe dir nicht erlaubt, diesen Hof zu verlassen.“„Ich brauche deine Erlaubnis nicht“, fuhr sie mich an.Ich blickte zum Hohen Ältesten, dann zurück zu der Frau, die meine Welt gewesen war. Ich war bereit, es ihr zu verbieten, meine ganze Alpha-Autorität einzusetzen, um sie hier zu halten, doch eine abrupte Bewegung zu meiner Rechten lenkte meine Aufmerksamkeit auf sich.Isabella beugte sich in ihrem Stuh







