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Vier

Author: Bethel
last update publish date: 2026-09-01 19:41:51

Die strahlend weißen Laken fühlten sich fremd auf meiner Haut an, ihre Weichheit stand in krassem Gegensatz zu meinem unruhigen Herzen. Seit die Wachen mich zum Palast geleitet hatten, verschwammen die Tage zu einem trüben Nebel. Ich hatte Nathan kein einziges Mal gesehen. Meine Gemächer waren luxuriös, gewiss, aber auch ein Käfig. Ich aß allein, schlief allein, bereitete mich allein vor. Meine einzigen Gefährten waren die stillen Diener, die mir das Essen brachten, und der ständige, nagende Zweifel, der mich innerlich zerfraß. War das das Leben einer zukünftigen Luna? Abgeschottet, unsichtbar, ungehört?

Dann kam der Morgen der Zeremonie.

In meinem Zimmer brach ein geschäftiges Treiben aus. Diener kümmerten sich um mich, ihre Finger strichen wie Schmetterlinge über mich. Sie sprachen leise, ihre Worte der Bestätigung wirkten fern, unwirklich. Als sie mir in das eigens für diesen Anlass ausgesuchte Kleid halfen, erhaschte ich einen Blick auf mich selbst im kunstvollen Spiegel. Seidenstoffe in Mondlichtfarbe umhüllten mich, bestickt mit silbernen Fäden, die wie Sterne schimmerten. Mein Spiegelbild, sonst Quelle von Selbstzweifeln, blickte mich mit unerwarteter Anmut an.

Dies war anders. Dies war nicht die Elara, die sich im Schatten versteckte, die sich immer zu viel, zu gewöhnlich fühlte. Zum ersten Mal fühlte ich mich … gesehen. Auserwählt. Das Flüstern meiner Mutter, das Spottgehabe Isabellas – sie schienen zu einem fernen Echo zu verklingen. Ich war die zukünftige Luna. Nathan hatte mich auserwählt.

Ein Hauch von Hoffnung, hell und zerbrechlich, erblühte in meiner Brust.

Als der Moment gekommen war, schritt ich. Die große Halle erstreckte sich vor mir, ein Meer von Gesichtern verschwamm zu einem erwartungsvollen Summen. Jeder Wolf des Goldstone-Rudels schien da zu sein, ihre Blicke folgten jedem meiner Schritte. Stolz überkam mich, eine Welle so stark, dass sie mir beinahe Tränen in die Augen trieb. Ich war nicht der Wolf, den alle übersehen hatten. Ich war der Mittelpunkt, diejenige, auf die sie gewartet hatten.

Dann sah ich ihn. Nathan. Er stand am Altar, die Augen auf mich gerichtet, ein kleines, wissendes Lächeln umspielte seine Lippen. Mir stockte der Atem. Er war noch prächtiger, als ich ihn in Erinnerung hatte, sein zeremonielles Fell betonte seine breiten Schultern, sein Blick intensiv und unerschütterlich. Das war es. Das war der Moment, von dem ich geträumt hatte, die Bestätigung, nach der ich mich mein ganzes Leben gesehnt hatte.

Er kam mir auf halbem Weg entgegen, seine Hand streckte sich nach meiner aus. Meine Finger zitterten, als sie seine berührten, ein Funke, nicht der der Seelenverwandtschaft, sondern pures Glück, entzündete sich in mir. Sein Griff war fest, warm und absolut beruhigend. Er drückte meine Hand, ein stilles Versprechen, und führte mich zum Altar.

Die Rudelältesten begannen ihre Gesänge, uralte Worte, die einen Teppich aus Tradition und Macht webten. Die Luft vibrierte vor Erwartung. Nathan stand neben mir, seine Anwesenheit ein tröstlicher Anker. Ich sah zu ihm auf, mein Herz übervoll. Er lächelte, ein aufrichtiges, warmes Lächeln, das bis in seine Augen reichte, und ich wusste, ich wusste es ganz genau: Das war echt. Nach Jahren des Gefühls, unerwünscht zu sein, hatte ich endlich jemanden gefunden, der mich erwählt hatte. Jemanden, der mich sah, mich wirklich sah.

„Wir sind heute hier versammelt“, dröhnte die Stimme des Alpha-Ältesten und hallte durch die Halle, „um der heiligen Vereinigung von Prinz Nathan Pierce und Elara Morgan beizuwohnen, zwei Seelen, die von der Mondgöttin füreinander bestimmt wurden …“

Ich hielt den Atem an und wartete auf die entscheidenden Worte, auf den Moment, in dem sich unsere Hände berühren würden, auf die Vollendung des Rituals. Ich stellte mir unsere Verbindung vor, den Rausch der Macht, das Gefühl der Vollkommenheit, von dem alle sprachen.

Doch bevor der Älteste ausreden konnte, trat Nathan zurück.

Meine Hand, die sich eben noch an seine geklammert hatte, traf nur ins Leere. Das Lächeln, das ich so aufmerksam beobachtet hatte, verschwand aus seinem Gesicht und wurde durch eine seltsame, gequälte Grimasse ersetzt. Verwirrung machte sich in der Menge breit, ein leises Gemurmel wurde zu einem lauten Flüstern. Mein perfekter Moment, mein Traum, begann zu zerplatzen.

Mein Herz sank mir in die Hose. Was geschah? Hatte ich etwas falsch gemacht? War mein Kleid unpassend? Meine Gedanken rasten, auf der Suche nach einer Erklärung, nach einem Grund. Ich drehte mich zu ihm um, mein Blick flehend.

„Nathan?“, flüsterte ich, meine Stimme kaum hörbar über der wachsenden Unruhe des Rudels. „Was …?“

Er sah mich nicht an. Sein Blick schweifte über die Menge, dann hinauf zu seinem Vater, Alpha Sebastian. Alpha Sebastians Gesicht war von einer Mischung aus Schock und Wut gezeichnet.

Der Älteste hörte auf zu singen, seine Stirn runzelte sich, seine Stimme verstummte in einem unsicheren Schweigen. Alle Augen in der riesigen Halle, so schien es, waren nun auf Nathan gerichtet.

Nathan holte tief Luft, seine Brust hob und senkte sich, dann atmete er langsam wieder aus. Sein Kiefer spannte sich an. Schließlich drehte er sich um, seine Augen trafen kurz meine, doch sie waren kalt, distanziert, ohne die Wärme, die ich vorhin noch in ihm gesehen hatte.

„Ich kann nicht“, sagte er, seine Stimme hallte durch den plötzlich still gewordenen Saal, jedes Wort ein Hammerschlag gegen meine zerbrechliche Hoffnung. „Ich kann Elara Morgan nicht als meine Luna akzeptieren.“

Mir stockte der Atem. Er log. Ich wusste es. Die Verbindung … sie war da. Es fühlte sich an wie ein leises Summen, ein ferner Sog, nicht so stark, wie ich es mir vorgestellt hatte, aber sie war da, und ich hatte sie gespürt.

Er winkte ab, wies mich ab, wies alles ab. „Die Zeremonie ist ungültig.“

Der Saal brach in Jubel aus. Empörte Rufe, verwirrte Schreie, ungläubiges Keuchen. Ich stand da, völlig allein, im Zentrum dieses Unheils, wie erstarrt. Der Jubel, der mich noch vor wenigen Augenblicken begrüßt hatte, war in ein Gebrüll des Entsetzens umgeschlagen. All die Augen, die einst Bewunderung ausgestrahlt hatten, brannten nun vor Mitleid, Verwirrung oder – schlimmer noch – vor Vorwurf.

Meine Brust schnürte sich zusammen, ein stechender Schmerz breitete sich hinter meinen Rippen aus. Es war nicht nur Scham; es war eine tiefere Wunde, eine Verletzung von etwas Heiligem in mir. Das war nicht nur eine geplatzte Verlobung; das war eine öffentliche Demütigung, eine rituelle Zerreißung meiner Seele.

Nathan trat einen weiteren Schritt zurück und vergrößerte den Abstand zwischen uns. Er warf mir keinen Blick mehr zu. Er wandte sich einfach der Menge zu, seine Haltung starr, sein Gesicht eine undurchschaubare Maske. Ich war nicht gut genug. Ich war ihm nicht genug.

Tränen stiegen mir in die Augen, heiß und brennend, und verschwammen vor den Augen der schockierten Menge. Mir wurde schwindelig. Das wunderschöne, mondlichtfarbene Kleid fühlte sich an wie ein Leichentuch. Der Traum, der eben noch so lebendig gewesen war, zerbrach in tausend scharfe Stücke.

Ich hörte vage jemanden näherkommen, das Flüstern einer Dienerstimme. Starke Hände fassten sanft meinen Arm, führten mich, zogen mich vom Altar weg, weg von Nathan, weg von den Hunderten von urteilenden Blicken. Ich wehrte mich nicht. Ich konnte nicht. Meine Beine fühlten sich an wie Blei, mein Herz ein hohler, pochender Schmerz. Ich spürte nur die widerhallende Leere, wo seine Hand gewesen war, und die kalte, harte Realität seiner Worte.

Er konnte mich nicht akzeptieren. Nicht als seine Luna. Nicht als seine Gefährtin. Nicht als irgendetwas.

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