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Die Anti-Klischee-Strategie der Villainess
Die Anti-Klischee-Strategie der Villainess
Waldgrün

Kapitel 1

Waldgrün
„Was?“

Felix Berg hob leicht die dünnen Lider, seine Stimme kühl und gleichgültig.

Seine völlig unbeteiligte Miene ließ mich unwillkürlich daran zweifeln, ob ich mir diese Live-Kommentare eben nur eingebildet hatte.

Ich holte tief Luft, legte den Stift weg, mit dem ich schon halb unterschrieben hatte, und suchte krampfhaft nach einer Erklärung.

„Ich will mich plötzlich doch nicht mehr scheiden lassen. Nach drei Jahren Ehe kennt man sich. Wir haben uns aneinander gewöhnt. Eigentlich kann ich auch ein bisschen nicht mehr ohne dich ...“

Je weiter ich sprach, desto fragender wurde der Ausdruck des Mannes. Auch mir selbst verließ der Mut, und meine Stimme wurde immer leiser.

Die arrangierte Ehe zwischen Felix Berg und mir war ein Unfall gewesen.

Vor fünf Jahren, seit eine völlig mittellose Praktikantin namens Mira Weber in die Firma gekommen war, war mein bis dahin glattes Leben vollkommen aus den Fugen geraten.

Mein Jugendfreund, der einst versprochen hatte, sich ein Leben lang um mich zu kümmern, verliebte sich in eine andere. Vor aller Augen löste er unsere Verlobung und ließ mich das Gesicht verlieren.

Sogar meine Eltern, die mich sonst immer verwöhnt hatten, stellten sich zum ersten Mal auf Mira Webers Seite.

Ich war rasend vor Eifersucht. Um zu beweisen, dass ich durchaus jemanden abbekam, heiratete ich aus Trotz Felix Berg, den Incubus-CEO, von dem es hieß, er sei finster, grausam und jemand, dem jeder aus dem Weg ging.

In den drei Jahren nach der Hochzeit machte ich Mira Weber das Leben schwer, wo ich nur konnte, doch jedes Mal war ich diejenige, die den Kürzeren zog.

Entweder bemerkte Felix Berg es frühzeitig und unterbrach mich.

Oder ich schadete mir durch eine Verkettung unglücklicher Umstände selbst.

Bis vor Kurzem meine Machenschaften gegen Mira Weber aufflogen. Mein Ruf war endgültig ruiniert, und viele Freunde brachen von sich aus den Kontakt ab.

Ich wusste, dass Felix Berg mein bösartiges Verhalten schon immer verabscheut und Mira Weber bevorzugt hatte.

Statt darauf zu warten, dass er mich wie die anderen noch trat, wenn ich am Boden lag, konnte ich ihn genauso gut zuerst abservieren. Das wirkte wenigstens etwas lässiger.

Als ich ihm schrieb und die Scheidung vorschlug, saß Felix Berg gerade in einer sehr wichtigen Besprechung.

Doch er rief beinahe sofort zurück.

„Der Grund.“

Die Stimme des Mannes drang durch den Hörer.

Ich lachte gehässig.

„Letztes Mal war die Badezimmertür nicht richtig zu. Ich habe aus Versehen deinen Schweif gesehen. So glitschig. Ziemlich widerlich.“

Also glaubte jetzt, da ich so etwas wie „ich kann nicht ohne dich“ sagte, nicht nur Felix Berg mir nicht. Ich glaubte es ja selbst nicht ...

„Sicher, dass du dich nicht scheiden lassen willst?“

Statt des erwarteten höhnischen Lachens riss mich die tiefe Stimme des Mannes aus meinen Gedanken.

„Vorläufig will ich nicht mehr.“

Ich beobachtete Felix Bergs Gesicht, konnte darauf aber keine Freude erkennen.

„Wie du willst.“

Nach ein paar Sekunden nahm der Mann die halb unterschriebene Scheidungsvereinbarung vom Tisch und steckte sie in den Aktenvernichter.

Die Live-Kommentare ploppten erneut auf:

[Was ist denn mit der bösen Nebenfigur los? Hat sie plötzlich ein Gehirn bekommen?]

[Ist Lina Schnee endlich zur Besinnung gekommen und will sich an den Schenkel des Nebenhelden klammern? Schade, es ist jetzt ein bisschen spät. Der Hass des Nebenhelden hat schon Wurzeln geschlagen und sich ausgebreitet.]

[Wer sagt, dass es spät ist? Der Zeitpunkt ist doch perfekt. Habt ihr nicht gesehen, wie zufrieden der Mundwinkel des Nebenhelden nach oben flog, als er die Scheidungsvereinbarung wegwarf? Und dieser Aktenvernichter bringt mich um. Der Mistkerl hat echt Angst, dass die Nebenfigur in der nächsten Sekunde ihre Meinung wieder ändert.]

[Nebenfigur, mach weiter so, hör nicht auf, leg noch eine Schippe drauf. Der Nebenheld ist ein Yandere-Incubus, besessen und gefährlich verliebt, und hat keine Moral. Du bist die Böse. Ihr seid wie füreinander geschaffen. Schnapp ihn dir, dann musst du dir keine Sorgen mehr machen, ob du gegen die Heldin Mira Weber ankommst.]

Ich verbrachte den ganzen Nachmittag damit, alles zu sortieren.

Endlich verstand ich: Ich lebte in einem zuckersüßen Romance-Roman. Die Handlung war schon geschrieben.

Mira Weber war die Heldin. Und ich war die Villainess – die böse Nebenfigur, die alles Schlechte tat und vom Nebenhelden bis zum Tod eingesperrt wurde.

Kein Wunder, dass jeder, der Mira Weber nahekam, von ihr angezogen wurde, als würde sich die ganze Welt um sie drehen.

Heute hatte ich wirklich zu viele Informationen erhalten.

Am Abend, nachdem ich geduscht hatte, öffnete ich mein Handy, um meinen Kopf ein wenig zu entspannen, und sah eine Flut vernichtender Kommentare.

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