MasukKapitel 3
Der Mann blieb mitten auf der Treppe abrupt stehen. Sein zuvor ausdrucksloser Blick wurde langsam scharf, als er Auroras Gesicht erkannte. Sein Kiefer spannte sich an, während sich die Hand, die eben noch lässig in seiner Hosentasche gesteckt hatte, langsam zu einer Faust ballte. „Aurora …?“, murmelte er so leise, dass es kaum zu hören war. Aurora spürte augenblicklich, wie sich ihre Brust zusammenzog. Ethan? Sein Name schoss ihr wie ein wiederkehrender Albtraum durch den Kopf. Ihre Beine wurden weich. Im vergangenen Jahr hatte sie sich unzählige Male vorgestellt, ihm wiederzubegegnen. Aber niemals so. Nicht im Haus des Mannes, der sie gerade ihrer eigenen Familie abgekauft hatte. Und schon gar nicht als Richard Calloways zukünftige Ehefrau. Warum ist Ethan hier …?, fragte sie sich verzweifelt, während ihr Atem immer unregelmäßiger wurde. Richard, der neben dem Sofa stand, runzelte leicht die Stirn, als ihm ihre Gesichtsausdrücke auffielen. Sein Blick wanderte einige Sekunden länger als gewöhnlich zwischen Ethan und Aurora hin und her. „Gibt es ein Problem?“, fragte er ruhig. Aurora senkte sofort den Blick. Ethan hingegen starrte sie noch immer an, als hätte er gerade einen Geist gesehen. Richard machte einige Schritte auf ihn zu. „Kennt ihr zwei euch?“ Mit dieser Frage schien die Luft im Raum schlagartig zu gefrieren. Reflexartig hob Aurora den Kopf. Für den Bruchteil einer Sekunde trafen sich ihre Blicke, bevor Ethan mit vollkommen emotionsloser Stimme antwortete: „Wir kennen uns überhaupt nicht.“ Diese schnelle Antwort ließ einen seltsamen Schmerz durch Auroras Brust ziehen. Langsam stieg Ethan die Treppe hinunter, ohne den Blick von ihr abzuwenden. Je näher er kam, desto deutlicher erkannte Aurora, wie sehr sich sein Gesicht im vergangenen Jahr verändert hatte. Er war noch immer genauso attraktiv, wie sie ihn in Erinnerung hatte. Doch sein Blick war inzwischen eisig geworden. „Wer ist sie?“, fragte Ethan beiläufig, obwohl sein angespannter Kiefer ihn verriet. Richard lächelte leicht und warf Aurora einen kurzen Blick zu. „Sie ist meine zukünftige Ehefrau.“ Ethan schwieg. Aurora bemerkte deutlich, wie sein Körper sich versteifte. Doch Richard war noch nicht fertig. „Und schon bald …“ Er machte eine kurze Pause, ehe er gelassen hinzufügte: „… wird sie deine Stiefmutter sein.“ „Was?“ Ethans Stimme war lauter, als er selbst beabsichtigt hatte. Aurora konnte beobachten, wie sich sein Gesichtsausdruck langsam veränderte. Seine Augenbrauen hoben sich ungläubig, seine Zunge drückte kurz gegen die Innenseite seiner Wange, als versuche er, seine Gefühle zurückzuhalten, während sich seine Finger so fest zusammenballten, dass die Adern auf seinem Handrücken deutlich hervortraten. „Daddy … meinst du das ernst?“, fragte er leise. Richard blieb vollkommen gelassen. „Sehe ich etwa so aus, als würde ich scherzen?“ Ethan stieß lediglich ein kurzes, trockenes Lachen aus, bevor sein Blick erneut auf Aurora fiel. Und Aurora wusste genau, woran er dachte. An denselben Tag wie sie. Vor einem Jahr. An den Tag, an dem sie ihre Beziehung eigenhändig zerstört hatte. Sein Blick war nun noch viel kälter als damals, als sie sich zum letzten Mal gesehen hatten. Und Aurora wusste genau, warum. Weil sie selbst alles zerstört hatte. Sie erinnerte sich noch genau daran, wie sie Ethan damals in einem Café in der Nähe des Campus gegenübergesessen hatte. Unter dem Tisch zitterten ihre Hände, während sie versuchte, kühl und gleichgültig zu wirken, obwohl ihr Herz in tausend Stücke zerbrach. Damals hatte Ethan sie nur verwirrt angesehen. Er hatte nicht verstehen können, warum Aurora sich plötzlich trennen wollte, obwohl ihre Beziehung nach einem gemeinsamen Jahr völlig harmonisch gewesen war. Doch Aurora hatte es trotzdem getan. Sie hatte behauptet, sie habe genug von ihrer Beziehung. Sie hatte gesagt, sie habe Ethan niemals wirklich geliebt. Sie war sogar so grausam gewesen zu behaupten, sie habe sich nur für sein Geld und seinen luxuriösen Lebensstil interessiert. Noch heute erinnerte sie sich glasklar an seinen Gesichtsausdruck, als er diese Worte hörte. Doch ihre schlimmste Lüge war gewesen, dass sie bereits einen anderen Mann gefunden hatte – einen Mann, der sehr viel reicher war. Sie wusste, dass genau diese Worte Ethan das Herz gebrochen hatten. Und jetzt, hier in der Villa der Familie Calloway, als die Frau, die Richard für sich ausgewählt hatte, wurde ihr schmerzhaft bewusst, dass alles wie der Beweis dafür aussah, dass ihre damalige Lüge tatsächlich die Wahrheit gewesen war. Ethans Blick war jetzt noch kälter als an jenem Tag. Aurora wandte sofort den Kopf ab. Sie konnte den Hass in seinen Augen nicht länger ertragen. Richard, der sie die ganze Zeit beobachtet hatte, brach schließlich das Schweigen. „Warum ist plötzlich jeder so still?“ Ethan lachte leise auf und fuhr sich grob über den Kiefer. „Ich bin nur überrascht.“ „Und worüber?“, fragte Richard misstrauisch. Ethans Blick glitt erneut zu Aurora. Diesmal war er noch schärfer. „Dadys Geschmack ist offenbar …“ Er machte eine kurze Pause und lächelte spöttisch. „… ziemlich interessant.“ Aurora biss sich leicht auf die Unterlippe. Allein sein Tonfall ließ ihren Magen verkrampfen. Richard hingegen wirkte völlig entspannt. „Natürlich. Daddy ist schließlich immer noch attraktiv und sieht noch längst nicht alt aus, oder?“ Ethan wandte den Blick ab. „Ja, ja. Du hast recht, Daddy.“ Die Atmosphäre wurde augenblicklich unerträglich. Aurora stand regungslos da und umklammerte ihre Tasche so fest, dass ihre Schultern zu schmerzen begannen. Sie wollte nur noch fort. So schnell wie möglich aus dieser Villa verschwinden. Doch Ethans Anwesenheit machte alles nur noch schlimmer. Für einen kurzen Moment hatte sie gehofft, er würde sie nicht erkennen. Wie töricht. Wie hätte Ethan jemals die Frau vergessen können, die vor einem Jahr seinen Stolz zerstört hatte? „Daddy, ich bin wirklich müde“, sagte Ethan schließlich ruhig. „Ich gehe auf mein Zimmer.“ Richard nickte nur gelassen. Ethan drehte sich sofort um und ging die Treppe wieder hinauf. Doch kurz bevor er endgültig verschwand, blieb er noch einmal stehen. Aurora spürte seinen Blick erneut auf sich ruhen. Dieser Blick war voller Hass. Und voller Enttäuschung, die bis heute nicht verschwunden war. Wenige Sekunden später war Ethan verschwunden. Aurora atmete endlich aus. Erst jetzt bemerkte sie, wie lange sie die Luft angehalten hatte. Ihre Brust schmerzte. Sie schmerzte wirklich. Allein die Erinnerung an Ethans Blick brachte sie beinahe zum Weinen. Richard beobachtete ihr Gesicht einige Augenblicke lang. „Bist du sicher, dass du Tantan nicht kennst?“ Aurora hob erschrocken den Kopf. „N-nein.“ Ihre Antwort kam viel zu schnell. Doch Richard sagte nichts mehr. Sein Blick blieb noch einige Sekunden auf ihrem Gesicht ruhen, als versuche er, etwas darin zu lesen. Aurora bemühte sich, ruhig zu wirken, obwohl ihre Handflächen längst kalt vor Schweiß waren. Schließlich wandte Richard den Blick ab. „Claire.“ Die Hausangestellte von vorhin trat sofort näher. „Ja, Sir?“ „Bring die junge Dame ins Gästezimmer.“ „Sehr wohl, Mr. Richard.“ Aurora griff erneut nach ihrer Tasche. Bevor sie ging, warf sie Richard noch einen kurzen Blick zu. Er saß inzwischen völlig gelassen auf dem Sofa und blätterte durch mehrere Dokumente, als wäre überhaupt nichts geschehen. Mit langsamen Schritten folgte Aurora Claire die breite Marmortreppe hinauf. Jede Ecke dieses Hauses wirkte für sie unvorstellbar luxuriös. Das gedämpfte Licht, die kostbaren Gemälde an den Wänden, der Duft von edlem Holz und teurem Parfüm in der Luft – all das ließ sie nur noch deutlicher spüren, dass sie hier nicht hingehörte. „Ihr Zimmer befindet sich dort hinten, gnädige junge Dame“, sagte Claire freundlich und öffnete die Tür zu einem großen Schlafzimmer in sanften Cremetönen. Langsam trat Aurora ein. Der Raum war sogar größer als ihr altes Schlafzimmer. „Falls Sie etwas benötigen, drücken Sie einfach den Knopf neben dem Bett“, erklärte Claire, bevor sie das Zimmer verließ. Aurora nickte nur leicht. Kaum war die Tür geschlossen, verließen sie sämtliche Kräfte. Ihre Tasche fiel achtlos zu Boden. Aurora setzte sich auf die Bettkante und verbarg ihr Gesicht in beiden Händen. Jetzt wollte sie einfach nur noch weinen. Alles geschah viel zu schnell. Noch immer konnte sie nicht glauben, dass sie nun Richard Calloways zukünftige Ehefrau war. Ethans zukünftige Stiefmutter. Ein leises, hoffnungsloses Lachen entwich ihr, bevor ihr schließlich die Tränen über die Wangen liefen. Sie bemerkte nicht einmal, wie viel Zeit verging, bis plötzlich ein Klopfen an der Tür sie zusammenfahren ließ. Klopf. Klopf. Klopf. Schnell wischte Aurora sich die Tränen weg. Es war fast elf Uhr nachts. Wer konnte das sein? Langsam stand sie auf und ging mit klopfendem Herzen zur Tür. Als sie die Tür einen Spalt öffnete, erstarrte sie augenblicklich. Ethan stand vor ihr. Er trug noch immer dasselbe schwarze Hemd wie zuvor. Doch sein Gesicht wirkte nun noch kälter. Sein Kiefer war angespannt, und seine Augen waren voller Gefühle, die Aurora nicht vollständig deuten konnte. Noch bevor sie etwas sagen konnte, trat Ethan entschlossen ins Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu. Knall. „Was hast du—“ Weiter kam sie nicht. Ethan packte sie grob am Handgelenk und drängte sie rückwärts. Aurora verzog schmerzhaft das Gesicht. „Das tut weh … Ethan—“ „Also war der Mann, von dem du damals gesprochen hast …“ Seine Stimme war tief und voller unterdrückter Wut. „… mein Daddy?“Kapitel 130Der Geruch von verbliebenem Whiskey und die Anspannung in der Lobby des Il Paradiso schienen zu verfliegen und machten einer unangenehmen Stille Platz. Luna – oder Aurora – blieb auf dem Samtsofa sitzen, ihr Atem stockte hinter ihrer venezianischen Maske. Ihre wehmütigen Augen starrten geradeaus auf Vanessas Hand, die immer noch auf Richards Arm ruhte. Ein seltsamer Stich, eine hartnäckige Art von Eifersucht, loderte plötzlich in ihrer Brust auf.Richard, der die Anspannung des Mädchens vor sich bemerkte, löste Vanessas Griff an seinem Arm nach und nach mit einer kalten, aber bestimmten Bewegung. Er trat einen Schritt vor, in der Absicht, die Ahnung zu bestätigen, die schon die ganze Zeit an seinen Instinkten genagt hatte. Doch bevor Richard sprechen konnte, wurde Lunas Handgelenk plötzlich von Rubby weggezogen, die angesichts der seltsamen Atmosphäre um sie herum in Panik geriet.„Luna, lass uns jetzt durch die Hintertür gehen! Bruder Nicholas hat bestimmt ein Team von Le
Kapitel 129Der Mann im Satinhemd näherte sich erneut Luna, die nun nahe der Hintergrundsäule in die Enge getrieben war. Seine Augen blitzten wild, als er auf Lunas schlanken, verschwitzten Hals starrte. „Lass uns das Gesicht hinter dieser blöden Maske sehen, Süße“, zischte er, während seine dreckigen Finger nach vorne griffen, bereit, die Haut an Lunas Hals zu berühren.Luna schloss fest die Augen, ihr Körper zitterte heftig vor tiefer Angst. Gott ... bitte hilf mir ...Wumm!Ein extrem harter, wuchtiger Faustschlag landete plötzlich genau auf dem Kiefer des Mannes im Satinhemd und erzeugte ein schreckliches Knacken. Der Körper des Betrunkenen wurde fortgeschleudert, krachte auf den Bühnenboden und riss mehrere Getränkeflaschen mit sich, die in ein Chaos aus Scherben zersprangen.Luna öffnete keuchend die Augen. Vor ihr stand ein Mann von kräftiger Statur, dessen Brust sich heftig hob und senkte, um eine Wut niederzukämpfen, die wie verrückt explodierte. Richard Calloway stand da mit
Kapitel 127Ein einzelner saphirblauer Scheinwerferkegel schoss von der Decke herab, durchschnitt die Dunkelheit des Hauptsaals und erfasste Lunas schlanke Silhouette in der Mitte der Bühne. Das getragene Zusammenspiel einer Geige mit dem Zupfen einer Harfe floss langsam dahin und schuf eine Atmosphäre, die ebenso mystisch wie von Anspannung erfüllt war.Hinter ihrer venezianischen Maske holte Luna tief Luft. In der nächsten Sekunde begann sich ihr Körper zu bewegen. Der dunkelrote Seidenstoff, der ihren wunderschönen Körper umhüllte, flatterte geschmeidig, während sie ihre Taille mit einer beinahe unglaublichen Biegsamkeit wiegte. Ihre Schritte waren so leicht, sie wirbelte und sprang wie eine einzelne Feder, mit der der Nachtwind spielte. Die Bewegungen ihrer schlanken Finger zeichneten Bögen in die Luft und zogen die Blicke von Hunderten von Augenpaaren auf sich, die nun völlig hypnotisiert von dem Zauber der geheimnisvollen Tänzerin waren. Das laute Tuscheln der Zuschauer verstumm
Kapitel 126Aurora wischte sich die versickerten Tränen hinter ihrer Maske mit einer zitternden Fingerspitze ab. Sie holte tief Luft und atmete den Schmerz aus, der ihre Brust verstopfte, ehe sie sich umdrehte und mit schnellen Schritten in Richtung Umkleidekabine ging. Jeder einzelne Zentimeter ihrer Schritte fühlte sich schwer an, überschattet von Verfehlungen der Vergangenheit, die weiterhin an ihrem Gewissen nagten. Die verbotene Beziehung, die sie einst mit Ethan geführt hatte, und wie ihr Körper der Arroganz Richards ausgeliefert gewesen war, bildeten eine dicke Mauer, die ihr jegliches Recht nahm, zurückzukehren. In ihrem aufgewühlten Kopf drehte sich diese Realität unaufhörlich weiter und erinnerte sie daran, dass Abstand halten der einzige Weg zur Rettung für sie alle war.Unterdessen drückte Audrey in der Ecke der Lobby, die immer noch von den Resten der Anspannung umhüllt war, sanft das Taschentuch in ihren Fingern. Sie starrte in Ethans Gesicht, das nach wie vor tiefen Sch
Kapitel 125Lunas eilige Schritte erzeugten ein leichtes Rascheln auf dem dunkelroten Seidenstoff ihres Kleides und durchschnitten die dämmrige Stille der Lobby des Il Paradiso. Sie neigte den Kopf so tief wie möglich und presste die Arme an ihren Körper, während sie im Stillen darum bat, dass das Paar scharfer Adleraugen auf dem Sofa in der Ecke nicht zu ihr hinüberschauen möge. Doch das Schicksal schien seine eigene Freude daran zu haben, mit den Ängsten der Menschen zu spielen.Genau in dem Moment, als der Absatz von Lunas Schuh die Schattengrenze des Samtsofas überschritt, auf dem Ethan saß, richtete der junge Calloway plötzlich seinen Oberkörper auf. Etwas Unsichtbares – vielleicht ein dichter Schleier aus Erinnerungen oder einfach der vertraute, süße Vanilleduft, der in der Luft schwebte – traf Ethans zentrales Nervensystem wie ein Schlag.„Warte!“, rief Ethan mit heiserer, aber kraftvoller Stimme, die den dumpf wummernden Bass der Musik aus dem Innenraum durchbrach.Poch.Für L
Kapitel 124Das dichte Aroma frisch gebrühter Arabica-Kaffeebohnen strömte durch den Raum und erfüllte jeden Winkel des geräumigen Büros des CEO von Calloway Holdings. Ethan saß zurückgelehnt in seinem Chefsessel aus schwarzem Leder und massierte sich die Schläfen, die vor den Aktenstapeln, die seinen Blick seit den frühen Morgenstunden empfangen hatten, heftig zu pochen schienen. Er stieß einen langen Seufzer aus, und dann bewegten sich seine Finger, um die Gegensprechtaste an der Ecke des Schreibtisches zu drücken.„Audrey, komm sofort in mein Büro. Bitte besorg mir Frühstück“, befahl Ethan, seine Stimme klang flach und heiser, was von extremer Erschöpfung zeugte.Von der anderen Seite des Lautsprechers war die Stimme seiner Sekretärin zu hören, die gehorsam antwortete: „Verstanden, mein Herr. Ich werde es sofort zubereiten.“Unterdessen war die Atmosphäre im Hauptwohnsitz der Familie Calloway nicht weniger geschäftig. Richard stand nahe dem großen Fenster seines Arbeitszimmers, sta







