LOGINIch blieb lange am Rand meines Bettes sitzen, nachdem ich das Studierzimmer meines Vaters verlassen hatte.
Der Umschlag lag auf dem Schreibtisch. Schwarzes Wachs. Blackridges Zeichen. Meine Zukunft, versiegelt, bevor ich überhaupt wusste, dass sie existierte. Ich griff danach und brach das Siegel. Das Papier darin fühlte sich dick an. Es trug den schwachen Duft eines anderen Rudels. Ich faltete es auseinander. Meine Augen bewegten sich über die ersten Zeilen. An Aria, die auserwählte Gefährtin des Ersten Sohnes von Blackridge… Ich hörte auf zu atmen. Ich las es noch einmal. Dann noch einmal. Aria. Nicht Malia. Ein seltsames Gefühl breitete sich in meiner Brust aus. Erleichterung. Echte, überwältigende Erleichterung. Blackridge wusste nichts von dem Plan meiner Familie. Sie erwarteten Aria. Sie hatten Aria gewählt. Was bedeutete, dass alles, was meine Eltern arrangiert hatten, auseinanderfallen konnte, bevor es überhaupt begann. Ein kleines Lächeln erreichte fast meine Lippen. „Also wisst ihr es nicht einmal“, flüsterte ich. Ich las den Rest des Briefes. Aria wurde morgen im Territorium von Blackridge erwartet für eine formelle Vorstellung mit dem Ersten Sohn. Die Paarungsvereinbarung würde vor dem kommenden Vollmond besprochen werden. Ich lehnte mich im Stuhl zurück. Morgen. Ich könnte selbst gehen. Ich könnte ihnen die Wahrheit sagen. Ich war nicht Aria. Ich war nicht die Frau, die sie vorgeladen hatten. Und ich hatte kein Interesse daran, jemandes Gefährtin zu werden. Zum ersten Mal seit ich meine Eltern belauscht hatte, entspannten sich meine Schultern. Vielleicht hatte ich mich zu früh gefürchtet. Vielleicht müsste ich gar nicht gegen meinen Vater kämpfen. Vielleicht würde Blackridge mich einfach ablehnen. Ich faltete den Brief und steckte ihn zurück in den Umschlag. Ein leises Lachen entkam mir. „Sie werden wütend sein.“ Zum ersten Mal war es mir egal. Ich zog meine Nachtkleidung an und kletterte ins Bett. Meine Wölfin, den ganzen Abend unruhig, beruhigte sich endlich unter meiner Haut. Morgen werde ich nach Blackridge gehen. Ich werde ihnen meinen Namen sagen. Malia. Nicht Aria. Und dann würde ich nach Hause kommen. Mit diesem Gedanken schloss ich die Augen. Zum ersten Mal seit Wochen schlief ich mit Erleichterung. Am nächsten Morgen kam ein Klopfen an meiner Tür. Ich öffnete die Augen. Für einen Moment vergaß ich, wo ich war. Dann erinnerte ich mich an den Brief. Ein kleines Lächeln berührte mein Gesicht. „Wer ist da? Mom?“ Die Tür öffnete sich. Mein Vater stand da. „Du gehst in zehn Minuten.“ Ich setzte mich auf. „Zehn Minuten?“ Er nickte. „Krieger warten draußen.“ Ich runzelte die Stirn. „So schnell?“ „Du wurdest vorgeladen, hast du den Brief nicht gelesen?“ „Habe ich. Ich habe verschlafen.“ Ich kletterte aus dem Bett. Etwas an seinem ruhigen Gesicht störte mich. Er war nicht wütend. Er war nicht besorgt. Er war nicht einmal überrascht. Er sah aus wie ein Mann, der bereits wusste, wie der Morgen enden würde. „Vater?“ Er blieb an der Tür stehen. „Warum bist du nicht besorgt?“ Seine Augen verengten sich leicht. „Worüber?“ „Dass ich nach Blackridge gehe.“ „Du gehst dorthin, wohin du befohlen wurdest.“ „Das beantwortet meine Frage nicht.“ Er starrte mich einen Moment an. Dann sagte er: „Zieh dich an.“ Er ging weg. Ich sah zu, wie er den Flur hinunter verschwand. Meine Unruhe kehrte zurück. Wenn Blackridge Aria erwartete, warum war er so ruhig darüber, mich zu schicken? Es sei denn, er wusste etwas, das ich nicht wusste. Ich zog mich schnell an und griff nach dem Umschlag. Als ich nach draußen trat, warteten drei Krieger neben zwei Pferden. Einer von ihnen senkte den Kopf. „Lady Malia.“ Ich nickte. „Wo ist Aria?“ Niemand antwortete. Ich sah zum Haus. Mein Vater stand auf der Veranda. Ebenso meine Mutter. Aria war nirgends zu sehen. Ich ging zu ihm. „Warum kommt Aria nicht?“ „Sie hat andere Angelegenheiten zu erledigen.“ Ich lachte fast. Ich wusste, dass er log. „Sie ist die, die Blackridge vorgeladen hat.“ Sein Gesicht blieb unleserlich. „Geh einfach, Malia.“ Ich starrte ihn an. Da war etwas hinter seinen Augen. Etwas, das er mir nicht sagte. „Du weißt, dass sie sie erwarten, oder?“ Er sagte nichts. Mein Magen zog sich zusammen. „Vater?“ „Genug.“ Seine Stimme war fest. „Geh.“ Ich sah meine Mutter an. Sie traf meinen Blick nicht. Das war alles, was ich brauchte. Ich hatte das Gefühl, dass sie einen anderen Plan vorbereitet hatten, falls die Dinge nicht gut liefen. Ich wusste nur nicht, was es war. Ich drehte mich ab. „Gut.“ Ich bestieg das Pferd. Die Krieger ritten zu beiden Seiten von mir, als wir das Rudelterritorium verließen. Die Reise blieb still. Zu still. Ich dachte ständig an den Brief, der in meiner Kleidung steckte. Aria, die auserwählte Gefährtin des Ersten Sohnes. Was auch immer meine Familie geplant hatte, Blackridge hatte dem nicht zugestimmt. Das gab mir Hoffnung. Stunden später begann der Wald sich zu verändern. Die Bäume wurden höher. Die Luft wurde kälter. Sogar die Vögel schienen zu verschwinden. Einer der Krieger verlangsamte sein Pferd. „Wir sind nah.“ Ich sah voraus. Hinter den Bäumen stand eine Linie alter Steine, bedeckt mit schwarzen Markierungen. Die Grenze von Blackridge. Meine Wölfin rührte sich. Ich runzelte die Stirn. Sie war die ganze Reise seltsam still gewesen. Jetzt war sie wachsam. Sehr wachtsam. „Was ist los?“ flüsterte ich. Sie antwortete nicht. Ich überquerte die Grenze. In dem Moment, als ich es tat, änderte sich etwas. Mein ganzer Körper wurde still. Meine Wölfin hörte auf zu pacen. Hörte auf zu knurren. Hörte mit allem auf. Es fühlte sich an, als wäre sie unter meiner Haut eingefroren. Ich zog an den Zügeln. Das Pferd blieb stehen. „Was ist passiert?“ fragte einer der Krieger. Ich antwortete nicht. Ich konnte nicht. Ein seltsamer Druck füllte meine Brust. Dann wurde der Wald völlig still. Keine Vögel. Keine Insekten. Nichts. Und dann— Ein Heulen explodierte durch die Bäume. Tief. Kraftvoll und erschreckend. Der Laut rollte durch den Wald wie Donner. Mein Pferd bäumte sich unter mir auf. Ich griff die Zügel fest. Die Krieger sahen aus irgendeinem Grund ruhig aus. Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. Ich hatte noch nie ein Alpha-Heulen gehört. Nicht so. Der Laut war nicht einfach laut. Er trug Macht und Autorität. Etwas in mir antwortete, bevor ich es stoppen konnte. Meine Augen brannten. Ich blinzelte. Die Krieger starrten mich an. Einer von ihnen flüsterte: „Deine Augen…“ Ich berührte mein Gesicht. Meine Finger zitterten. Meine Wölfin bewegte sich endlich. Und meine Augen leuchteten. Hellblau, als wären sie lebendig. Ich starrte in den dunklen Wald voraus. Was auch immer gerade geheult hatte, war nah. Und aus irgendeinem Grund hatte meine Wölfin keine Angst. Sie lauschte. Wartete. Als wüsste sie bereits genau, wer rief.Der StreitAm nächsten Morgen hörte ich es zufällig. Zwei Diener unterhielten sich in der Nähe der Waschküche, als ich vorbeiging.„Der Alpha hat heute Morgen wieder nach ihr gefragt.“„Er wollte wissen, ob sie gegessen hat.“„Er fragt immer häufiger nach ihr.“Ich blieb stehen. Mein Herz schlug seltsam und unangenehm.Deucalion hatte nach mir gefragt.Derselbe Mann, der mich wochenlang kaum ansehen konnte. Derselbe Mann, der mir gesagt hatte, dass die Ehe nur eine Pflicht sei.Derselbe Mann, der mich in das Gästezimmer verlegt hatte, sobald Aria angekommen war.Warum fragte er jetzt nach mir? Ich ging weiter, bevor die Diener mich bemerkten.Den ganzen Tag ließ mich diese Frage nicht los. Ich versuchte, sie zu ignorieren. Ich versuchte, mir einzureden, dass es nichts bedeutete.Doch je mehr ich darüber nachdachte, desto unruhiger wurde ich.Am späten Nachmittag konnte ich nicht länger stillsitzen.Ich brauchte Antworten.Ich musste wissen, woran ich bei ihm war. Wenn er mich weiterhi
Die unerwünschte AnziehungDer intensive Blickwechsel zwischen Deucalion und mir wurde von der Blackridge-Luna unterbrochen.„Genug!“Ihre Stimme hallte durch die Halle. Alle verstummten.Sie trat zwischen uns, während ihr Blick von Deucalion zu mir wanderte. „Das hier ist eine Rudelfeier und kein Kampfplatz.“Deucalions rote Augen blieben noch eine Sekunde lang auf meinen gerichtet, bevor sie langsam wieder ihre normale Farbe annahmen.Bei mir geschah dasselbe.Ich konnte immer noch spüren, wie sich meine Wölfin unruhig in mir bewegte. Die Luna wandte sich mir zu. „Malia, geh zurück in dein Zimmer.“Ich hätte beinahe widersprochen. Dann bemerkte ich Lucian, der auf der anderen Seite der Halle stand.Er beobachtete mich immer noch. Sein Gesichtsausdruck hatte sich verändert. Jetzt sah er besorgt aus, nicht mehr amüsiert.Ich nickte einmal und wandte mich ab. Während ich auf die Türen zuging, konnte ich spüren, wie Deucalions Blick mir folgte.Ich weigerte mich, zurückzusehen. Draußen
Der eifersüchtige AlphaDer Fremde bewegte sich schließlich. Er trat von der Steinsäule weg und begann, auf mich zuzugehen.Ich blieb stehen, wo ich war. Ein Teil von mir war neugierig.Ein anderer Teil von mir war vorsichtig. Trotzdem befanden wir uns mitten in einer überfüllten Halle. Dutzende Menschen waren um uns herum. Was auch immer seine Absichten waren, er konnte kaum etwas Dummes tun, ohne dass es alle mitbekamen.Also blieb ich stehen und beobachtete, wie er auf mich zukam.Mit jedem Schritt bemerkte ich mehr an ihm.Er war groß, gut gebaut und trug einen perfekt sitzenden schwarzen Anzug. Seine Bewegungen waren ruhig und selbstbewusst, aber nichts an ihm wirkte arrogant. Alles an ihm deutete auf eine gute Erziehung hin.Als er schließlich vor mir stehen blieb, lächelte er. „Guten Abend.“ Seine Stimme klang angenehm.„Guten Abend.“Er streckte mir beide Hände entgegen. „Mein Name ist Lucian Vale.“Ich betrachtete seine Hände einen Moment lang, bevor ich meine in seine legte.
Die öffentliche DemütigungSo hatte es sich noch nie angefühlt. Nicht einmal nach den Nächten, in denen er mich genommen hatte.Etwas veränderte sich in meinem Inneren.Es gab nichts, was ich tun konnte. Ich konnte ihn nicht zurückrufen und ihn anflehen, mich zu ficken. Ich würde ihm gegenüber verletzlich wirken.Ich stand auf und ging ins Badezimmer.Ich stellte die Dusche an und ließ das warme Wasser über mich laufen. Ich wusch mich und versuchte, meinen Kopf freizubekommen.Es funktionierte nicht.Als ich ins Schlafzimmer zurückkehrte, zog ich ein einfaches Nachthemd an und kletterte ins Bett.Ich sagte mir, dass ich mich am Morgen um alles kümmern würde.Der Schlaf kam schnell.Ich wusste nicht, wie lange ich schon geschlafen hatte, als mich ein seltsames Geräusch aus meinen Träumen riss.Musik, Stimmen und Gelächter.Ich öffnete die Augen.Einen Moment lang dachte ich, ich würde träumen. Dann hörte ich die Musik erneut, diesmal lauter. Ich setzte mich auf.Was war hier los?Ich b
Unerwünschte PflichtDie Tür fiel mit einem Knall hinter uns ins Schloss.Ich stand mitten im Gästezimmer und atmete schwer. Mein Arm schmerzte immer noch dort, wo er ihn gepackt hatte.Deucalion schloss die Tür ab. Das leise Klicken ließ sich mein Magen zusammenziehen.Er drehte sich zu mir um.Seine Augen waren dunkel. Nicht auf die Weise wütend, die ich erwartet hatte. Etwas anderes lag darin. Etwas Schwereres.Er ging langsam auf mich zu. Ich wich zurück, bis meine Beine gegen die Bettkante stießen.Er blieb direkt vor mir stehen. Als er sprach, war seine Stimme leise. „Willst du wissen, warum ich mich während der Versammlung geweigert habe, dich gehen zu lassen?“Ich sah zu ihm auf. „Warum?“Er beugte sich zu mir hinunter, bis sein Mund nahe an meinem Ohr war.Sein Atem war warm auf meiner Haut. „Weil du zufällig eine der Lunas bist, mit denen ich im Bett jemals am meisten Spaß hatte.“Die Worte trafen mich härter als die Ohrfeige, die ich dem Dienstmädchen gegeben hatte. Ich zog
Vergiftete FlüstereienAm nächsten Morgen konnte ich den Unterschied spüren.Die Leute sahen mich anders an.Dienstboten, die früher den Kopf gesenkt hatten, wenn ich vorbeiging, nahmen mich jetzt kaum noch wahr. Einige flüsterten hinter meinem Rücken. Andere hörten auf zu reden, sobald ich einen Raum betrat.Ich wusste genau, woher das kam.Aria.Sie hatte kaum einen Tag in Blackridge verbracht, und doch hatte ihre Anwesenheit bereits verändert, wie die Leute mich behandelten. Ich ging durch die Haupthalle und hörte zwei Dienstboten in der Nähe der Treppe flüstern.„Sie glaubt wirklich, dass sie nach allem hierbleiben kann.“„Sie sollte nie die Luna sein.“Ich blieb stehen. Sie verstummten schnell. Ich sah sie an. „Hattet ihr etwas zu sagen?“Beide Dienstboten senkten den Kopf. „Nein, Luna.“Ich ging weiter. Meine Hände zitterten. Nicht aus Angst, sondern aus Wut.Mein ganzes Leben lang war ich so behandelt worden, als wäre ich weniger wichtig als Aria. Ich hatte akzeptiert, von mein







