Share

Kapitel 2

Author: Aurora Starling
Maren reagierte als Erste. Sie schlang beide Arme um Calvins Hals und presste sich eng an seine Brust. Über seine Schulter hinweg schenkte sie mir ein schmales, spöttisches Lächeln. Sie hatte gewonnen und wollte es mich spüren lassen.

Calvin machte keine hastige Bewegung und entschuldigte sich auch nicht. Er blieb mit nacktem Oberkörper und Maren auf dem Schoß sitzen und sah mich mit leerem Blick an.

„Du hast alles gehört“, sagte er. „Jetzt weißt du, woran du bist.“

Die Tränen liefen mir in Strömen übers Gesicht und tropften vom Kinn. Ich hasste diese Tränen. Hasste, dass Calvin und Maren sie sahen, während ich zitternd im Kleid meiner toten Mutter vor ihnen stand.

„Warum?“ Meine Stimme brach. „Wir waren drei Jahre zusammen, Calvin. Du hast gesagt, ich gehöre dir. Dass du auf mich wartest.“

Er atmete durch die Nase aus.

„Genau das ist das Problem.“ Calvin löste einen von Marens Armen von seinem Hals, ließ sie aber auf seinem Schoß sitzen. „Drei Jahre lang durfte ich dich nicht anfassen. Immer musste ich warten: auf die Markierung, auf die Zeremonie. Alles schön anständig, alles genau so, wie es sich gehört.“ Er schüttelte langsam den Kopf. „Hast du ernsthaft geglaubt, ich gebe für dich alles auf und brenne mit dir durch? Für so besonders hältst du dich?“

„Hör auf –“

„Du bist prüde.“ Calvin sagte es völlig nüchtern, ohne den geringsten Zweifel. „Du behandelst deinen Körper wie einen kostbaren Schatz. Und fürs Händchenhalten soll ich auch noch dankbar sein.“ Er sah Maren an, die mich mit leuchtenden Augen beobachtete und ihre Freude kaum verbarg. „Maren ist anders. Sie weiß wenigstens, wie man einem Mann das Gefühl gibt, begehrt zu sein.“

Maren kicherte an seiner Schulter. Das Geräusch ging mir durch Mark und Bein.

Etwas in mir zerbrach. Ich empfand keine Wut. Nicht einmal Demütigung.

Ich trauerte um den Jungen, der mein Gesicht hinter dem Holzschuppen in seine Hände genommen hatte. Nur hatte es diesen Jungen nie gegeben.

Ich stand im Flur und trauerte um ihn wie um einen Toten. Dabei saß Calvin vor mir und küsste meine Stiefschwester.

Schritte polterten die Treppe herauf. Von unten rief jemand meinen Namen. Ich kannte die Stimme nicht. Der scharfe, förmliche Ton ließ keinen Widerspruch zu.

„Die Eskorte ist da“, verkündete Maren. Sie hob den Kopf und grinste mich breit an. „Beeil dich, Schwesterherz. Und lass dich von dem Wolf bloß nicht umbringen. Er soll ziemlich gefährlich sein.“

Ich hob das Medaillon auf und schloss die Finger fest darum. Mit dem Handrücken wischte ich mir die Tränen ab, dann ging ich wortlos fort.

Marens Lachen verfolgte mich den Flur entlang.

…

Der schwarze Wagen hatte getönte Scheiben. Auf der Tür prangte das königliche Wappen: ein Wolf mit gefletschten Zähnen über zwei gekreuzten Schwertern. Ich stieg hinten ein und nahm die Tasche auf den Schoß. Meine Fingernägel drückten kleine Halbmonde in meine Handflächen.

Der Fahrer sagte kein Wort. Der Wächter auf dem Beifahrersitz musterte mein Baumwollkleid und mein ungeschminktes Gesicht. Ein Anflug von Mitleid huschte über sein Gesicht, dann sah er weg. Mit jemandem wie mir hatten sie offenbar nicht gerechnet. Die Kandidatinnen, die sie sonst abholten, trugen vermutlich Seide.

Ich sah aus dem Fenster. Die Häuser unseres Rudels wurden kleiner und verschwanden schließlich hinter den Bäumen. Der Wald rückte immer näher an die Straße heran.

Calvins Worte gingen mir nicht aus dem Kopf. „Du bist prüde.“ „Sie weiß wenigstens, wie man einem Mann das Gefühl gibt, begehrt zu sein.“ In Gedanken hörte ich ihn immer wieder neben mir sprechen. Jedes Mal tat es genauso weh.

Ich lehnte die Stirn an die Scheibe und schloss die Augen. Meine Wölfin winselte leise in mir, doch ich hatte nicht einmal mehr die Kraft, sie zurückzudrängen. Auch sie trauerte. Nicht so sehr um Calvin selbst, sondern um das Bild, das ich mir drei Jahre lang von ihm gemacht und für die Wirklichkeit gehalten hatte.

Die Fahrt dauerte weniger als eine Stunde. Das Gebiet von Schattenbach grenzte an das königliche Territorium, weshalb ich als erste Kandidatin eintraf. Als wir die Grenze überquerten, wurde die Luft kalt, und es prickelte auf meiner Haut. Zwischen den Bäumen ragte das königliche Rudelhaus auf. Mit seinen Steinmauern, eisernen Toren und Wachtürmen glich es einer Festung.

Am Eingang wartete eine große Frau in grauer Uniform. Der Wächter erklärte mir, dass sie die leitende Omega war und den Haushalt des Prinzen führte. Sie musterte mich von Kopf bis Fuß.

„Kandidatin aus Schattenbach. Name?“

„Lillian.“

Sie ging einmal um mich herum. „Unscheinbar“, befand sie.

Danach brachte man mich in einen kleinen Untersuchungsraum ohne Fenster. Die Wände waren weiß. Eine Ärztin streifte sich Latexhandschuhe über und nahm ein Spekulum zur Hand. Auf ihre Anweisung zog ich mich aus und legte mich auf die Liege. Meine Füße musste ich in die Halterungen legen.

Zu Hause fragte unsere Rudelheilerin immer erst, bevor sie jemanden untersuchte. Sie legte einem die Hand auf den Arm und sagte: „Sag mir, wenn etwas wehtut.“ Diese Ärztin verlor kein Wort. Ich starrte an die Decke, während die Fremde überprüfte, ob ich noch Jungfrau war. Die Handschuhe waren kalt, das Spekulum noch kälter. Meine Wölfin knurrte in mir. Ich drängte sie mit aller Kraft zurück, bis mir die Zähne schmerzten.

„Jungfrau“, sagte die Ärztin zur leitenden Omega. Kein Wort davon war an mich gerichtet, obwohl ich direkt daneben lag. „Gesund. Guter Knochenbau. Für die Tochter eines Gammas überraschend kräftig.“

Mit zitternden Händen zog ich mich wieder an und verbarg das Medaillon meiner Mutter unter dem Kleid.

Die leitende Omega führte mich durch einen Flur nach dem anderen in einen abgelegenen Flügel des Palastes. Zwei Soldaten standen zu beiden Seiten einer Tür Wache. Dahinter lag ein riesiges Zimmer im Halbdunkel. Das Bett war so groß wie mein ganzes Schlafzimmer zu Hause und mit dunkler Seide bezogen. Es roch schwach nach Zedernholz und kalter Winterluft.

In diesem Bett lag der Lykanerprinz. Regungslos.

Er schien zu schlafen. Sein dunkles Haar hob sich vom weißen Kissen ab. Er hatte einen markanten Kiefer und dunkle Wimpern. Seine Hände ruhten auf der Seidendecke. Die Finger wirkten wie geschaffen dafür, Waffen zu führen oder mit einer Geste Befehle zu erteilen. Selbst bewusstlos und reglos beherrschte seine Gegenwart den Raum.

An seine Hüfte geschmiegt lag ein riesiger Wolf, dessen durchscheinende Gestalt blassblau leuchtete. Seine Umrisse wogten sanft wie Licht im Wasser und flackerten mit jedem Atemzug des Prinzen.

Sein innerer Wolf war noch immer sichtbar und hielt Wache.

Als ich eintrat, hob der Wolf den Kopf. Seine durchscheinenden Augen richteten sich auf mich.

Er legte neugierig den Kopf schief. Von Feindseligkeit keine Spur.

„Merkwürdig“, flüsterte ein Bediensteter hinter mir. „Zum ersten Mal knurrt er einen Fremden nicht an.“

Er wies mich an, hier auf die anderen Kandidatinnen zu warten.

Ich stand allein im Schlafzimmer des schlafenden Prinzen und umklammerte das Medaillon meiner Mutter. Mein Baumwollkleid war von der Fahrt zerknittert. Der geisterhafte Wolf beobachtete mich. In seinen Augen flackerte ein blasses Licht.

Tief in meiner Brust regte sich etwas. Keine Angst. Auch kein echtes Wiedererkennen. Etwas, das älter war als beides.

Die Lider des Prinzen zuckten.

Dann öffnete er die Augen.

Seine dunklen Augen waren hellwach und fest auf mich gerichtet.

Continue to read this book for free
Scan code to download App

Latest chapter

  • Die Erwählte des Alpha-Prinzen   Kapitel 30

    LILLIANNach dem Frühstück wurde der Hof erneut zusammengerufen. Grayson schickte mich als Zuhörerin hin. Der Erste Beta begleitete mich.Der König war außer sich vor Wut. „Einer von Ihnen hat mich verraten“, knurrte er und sah sich um. Er sah jedem im Saal in die Augen. Mich schien er besonders aufmerksam zu mustern. Ich senkte den Kopf und versuchte, ergeben zu wirken – oder wenigstens unschuldig.Ich hatte wirklich nichts ausgeplaudert.„Jetzt bleibt mir keine Wahl mehr. Ich muss handeln“, sagte der König. „Piers.“Zwei Soldaten stießen Piers nach vorn und hielten ihn dabei an den Armen fest. Josephine stand näher bei ihrem Vater. Sie sah viel gesünder aus als gestern; in ihrem Gesicht lag unverkennbar Erleichterung.„Die Verlobung mit meiner Tochter ist aufgehoben. Ich verbanne Sie aus meinem Rudel. Kehren Sie nie zurück. Haben Sie verstanden?“„Das ist ungerecht“, sagte Piers.„Er hat verstanden“, sagte der König, obwohl Piers weiter protestierte.„Ich habe nichts falsch gemacht!

  • Die Erwählte des Alpha-Prinzen   Kapitel 29

    Der König musterte die Bedienstete prüfend. „Wenn du etwas zu sagen hast, höre ich zu. Vergiss dabei nicht, wo du stehst und wen du beschuldigst.“„Ich werde nur die Wahrheit sagen, Eure Majestät. Etwas anderes ließe mein Gewissen nicht zu.“„Dann sprich“, sagte der König.„Eure Majestät, ich muss Einspruch erheben –“, setzte Piers an.„Ruhe!“, fuhr der König ihn an. Piers verstummte sofort.„Am Abend des Festessens habe ich mich aus den Räumen der Bediensteten davongeschlichen“, sagte die Frau. „Ich hoffte, Josephine wenigstens von Weitem zu sehen. Sie ist mir sehr ans Herz gewachsen. Stattdessen sah ich die Leihmutter auf dem Weg zur Toilette. Der Verlobte der Prinzessin folgte ihr, bis niemand sie mehr sehen konnte. Dann versuchte er … sich an ihr zu vergreifen. Er zerriss ihr Kleid. Das abgerissene Stück habe ich aufgehoben.“ Sie zog das Stoffstück aus ihrer Tasche.Der König gab ein Handzeichen. Einer der Soldaten nahm das Stoffstück entgegen und brachte es ihm.„Dafür war einiges

  • Die Erwählte des Alpha-Prinzen   Kapitel 28

    LILLIANDie Soldaten schleppten mich in den Thronsaal und zwangen mich vor dem König auf die Knie. Piers und mehrere Mitglieder des Hofes waren bereits da. Sie sahen mich höhnisch an; offenbar hatten sie ihr Urteil schon gefällt. Josephine dagegen wirkte krank, ihre Wangen hatten einen grünlichen Stich.„Da ist sie ja“, sagte Piers. Sein schönes Gesicht war vor Abscheu verzerrt. „Die Frau, die versucht hat, mein Leben und meine Ehe zu zerstören.“Der König musterte mich von seinem erhöhten Thron herab. „Man hat dich aus einem einzigen Grund hierhergebracht: Du solltest meinem Sohn einen Erben gebären. Aber darin hast du versagt. Außerdem hast du versucht, meine Tochter in Verruf zu bringen, indem du ihren Verlobten verführtest.“Ich wollte mich verteidigen, doch dem König ungefragt zu widersprechen brachte mir nur noch mehr Schmerzen ein. Also hielt ich den Mund. Ich hoffte, dass wenigstens mein Blick meinen Widerstand zeigte. Im Moment war das offenbar meine einzige Verteidigung.„Ich

  • Die Erwählte des Alpha-Prinzen   Kapitel 27

    Auf dem Weg hierher hatte ich weitere Verletzungen erlitten. Meine Beine trugen mich kaum noch. Ich stolperte und brach auf einem Haufen feuchtem Stroh zusammen. Möbel gab es hier keine, nur einen Eimer in der Ecke. Was darin war, wollte ich lieber nicht genauer wissen. Da es keine Toilette gab, konnte ich es mir allerdings denken.Die Soldaten schlossen die Zelle ab und gingen lachend davon. Als ihr Gelächter und ihre Schritte verklungen waren, wurde es im Kerker gespenstisch still.Irgendwo tropfte Wasser. Die Fackeln knisterten. Weiter hinten rang ein Mann nach Luft. Niemand sprach ein Wort. Niemand nahm Notiz von mir. Ich wusste nicht, ob das gut oder schlecht war.Ich zitterte. Hier unten war es kalt, erst recht in meinem dünnen Nachthemd. Ich zog den Stoff so eng um mich, wie ich konnte. Trotzdem blieben meine Arme nackt. Der leichte Stoff bedeckte meine Beine nur zum Teil.Vielleicht erfror ich hier unten noch, bevor die Verhandlung überhaupt begann.Ich hatte zu viel gewollt. V

  • Die Erwählte des Alpha-Prinzen   Kapitel 26

    LILLIANIch schlief traumlos, bis ich irgendwann erwachte. Meine Lider waren noch schwer. Mir war warm, und so bequem hatte ich noch nie gelegen.Entsetzt stellte ich fest, wie eng ich mich im Schlaf an Grayson geklammert hatte. Mein Arm lag um seine Taille, mein Kopf auf seiner Schulter, mein Oberkörper dicht an seiner Seite. Sogar ein Bein hatte ich um seines geschlungen, sodass er mit weit ausgestreckten Armen und Beinen wie ein Seestern im Bett lag.Einen Augenblick blieb ich reglos liegen. Es war mir entsetzlich peinlich, wie ich da an ihm hing. Schlief er? Bei der Göttin, hoffentlich schlief er. Wenn er wach war, brachte er mich um.Nun machte ich mir Vorwürfe. Ich musste mich endlich von ihm lösen. Doch kaum drehte ich mich zur Seite, schloss sich seine Hand fester um meine Taille. Vor lauter Scham über meine Lage war mir gar nicht aufgefallen, dass auch er mich festhielt.Schon wieder.„Tut mir leid“, begann ich.„Entspann dich“, sagte er völlig gleichgültig. Seltsamerweise ber

  • Die Erwählte des Alpha-Prinzen   Kapitel 25

    „Du kannst für sie bürgen?“, fragte die Königin. „Sie hat den Eber erlegt?“„Ja, sie hat ihn erlegt“, bestätigte der Erste Beta.Die Königin sah zu mir herüber. Sie zog das Siegerband zurück, das sie Ophelia gerade ans Revers heften wollte.„Sie haben den Eber erlegt?“, fragte sie mich.„Ja“, sagte ich.„Dann haben Sie gewonnen, Luna-Prinzessin“, sagte die Königin.Die Zuschauerinnen sahen einander an. Nur wenige jubelten.Vor meinen Augen wurde es wieder dunkel. Ich schwankte im Sattel. Beim nächsten langsamen Blinzeln verlor ich das Gleichgewicht und begann zu fallen.Bevor ich auf dem Boden aufschlug, verlor ich das Bewusstsein.GRAYSONJa, ich ging in meinem Zimmer auf und ab. Das hieß noch lange nicht, dass ich mir Sorgen machte. Ich wollte lediglich wissen, wie die Jagd verlief. Gewöhnlich gewann Ophelia den Preis, wahrscheinlich auch heute.Aus Neugier auf die Siegerin hatte ich den Ersten Beta allerdings nicht zurück in den Wald geschickt, um nach Lillian zu sehen. Welches Gefü

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status