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Kapitel 3

Author: Aurora Starling
„Er hat die Augen geöffnet.“

Der Bedienstete sah mich skeptisch an, ließ aber trotzdem einen Arzt holen. Der ging ans andere Ende des Zimmers und untersuchte den Prinzen aus sicherer Entfernung. Dabei ließ er den leuchtenden Wolf nicht aus den Augen.

„Keine Veränderung.“ Ohne den Blick von den Monitoren zu heben, zog der Arzt seine Handschuhe aus. „Die Vitalwerte sind stabil. Die Hirnaktivität spricht für ein tiefes Koma.“ Dann sah er mich an. „Manche Kandidatinnen versuchen, schon vor der Auswahl auf sich aufmerksam zu machen. Das bringt nichts.“

Die leitende Omega verschränkte die Arme. „Genug Theater. Warten Sie hier still, bis die anderen da sind.“

Ich schwieg. Aber ich wusste, was ich gesehen hatte. Seine Augen waren hellwach gewesen. Er hatte mich direkt angesehen.

…

Im Lauf der nächsten Stunde trafen die übrigen Kandidatinnen ein.

Aus den anderen zwölf Rudeln kamen junge Frauen. Manche Rudel hatten zwei oder drei geschickt. Sie trugen Seidenkleider und Schuhe mit hohen Absätzen. Ihr Haar war gelockt, ihre Lippen geschminkt. Im Flur hing ihr Parfüm schwer in der Luft. Sie redeten durcheinander und musterten einander, zupften ihre Ausschnitte zurecht und verglichen Ohrringe. Jede versuchte, sich vorn im Zimmer einen Platz zu sichern, an dem der König sie gut sehen konnte.

Eine große Blonde aus dem Silbergrat-Rudel trug ein perlweißes Seidenkleid und Diamantstecker. Sie stieß ihre Begleiterin an und deutete mit dem Kopf auf mich. „Ist die auch eine Kandidatin? Die hat sich wohl aus der Küche hierher verirrt.“

Ihre Begleiterin hielt sich die Faust vor den Mund und lachte.

Eine Dunkelhaarige aus einem der südlichen Rudel sah mich anders an: nicht spöttisch, sondern berechnend. Sie trug Rot. Ihre Haltung verriet, dass sie sich ihr ganzes Leben lang auf diesen Augenblick vorbereitet hatte.

In meinem Baumwollkleid und ohne jede Schminke stand ich an der Wand und fühlte mich unsichtbar. Das war mir recht. Man hatte mir immer beigebracht, nicht aufzufallen. So hatte Calvin mich gewollt: still, leise, bei Rudeltreffen immer zwei Schritte hinter ihm. Die perfekte künftige Luna, die man sah, aber nicht hörte.

Meine Aufmerksamkeit galt dem Wolf, nicht den anderen Kandidatinnen.

Schon beim Eintreten der ersten Frau hatte er sich aufgerichtet. Sein durchscheinendes Nackenfell sträubte sich, und seine blassen Augen musterten jede neue Kandidatin. Ein tiefes Grollen ließ den Boden vibrieren. Man hörte es kaum, spürte es aber in den Knochen und tief im Kreuz.

Einige Frauen traten unruhig von einem Fuß auf den anderen, ohne zu wissen, warum. Im Zimmer schien es kälter zu werden.

Am anderen Ende öffneten sich die Türen. Sofort verstummten alle.

Der König trat als Erster ein. Er war ein Hüne mit eisengrauem Haar, einer Narbe am Kiefer und einem Körper, den Jahrzehnte des Krieges gestählt hatten. Neben ihm ging die Königin, groß und gefasst, in dunkelgrüner Seide. Ihre Miene war undurchdringlich. Einige Berater und Wachen folgten den beiden und verteilten sich wie Schatten entlang der Wände.

Alle verbeugten sich. Ich reagierte einen Augenblick zu spät.

Der König ließ den Blick über uns schweifen, ohne bei einer von uns zu verweilen.

„Sie wissen, weshalb Sie hier sind.“ Seine Stimme erfüllte mühelos den Raum. „Der innere Wolf meines Sohnes bewacht seinen Körper. Ohne seine Zustimmung kommt niemand an den Prinzen heran.“ Er hielt kurz inne. „Um als Leihmutter ausgewählt zu werden, müssen Sie zum Bett gehen und den Arm des Prinzen berühren. Wenn der Wolf es zulässt, haben Sie bestanden.“

Er schwieg erneut. Die Stille lastete noch schwerer auf uns.

„Dieser Wolf hat bereits Menschen getötet. Wenn Sie zurücktreten wollen, ist jetzt Ihre letzte Chance.“

Niemand rührte sich. Doch die Blonde aus Silbergrat ballte die Hände zu Fäusten. Die Dunkelhaarige in Rot presste die Lippen fest aufeinander.

„Dann beginnen wir.“

Sofort bildete sich eine Schlange. Die Kandidatinnen drängten nach vorn und schoben einander mit den Ellbogen zur Seite. Die Blonde setzte sich an die Spitze. Sie strich ihr Kleid glatt und hob das Kinn. Mit der Selbstsicherheit einer Frau, der noch nie etwas verweigert worden war, ging sie auf das Bett zu.

Drei Schritte weit kam sie.

Eben noch hatte die Gestalt des Wolfs geschimmert. Jetzt entlud sich seine Kraft mit der Wucht eines Rammbocks und traf die Frau mitten vor die Brust. Sie wurde rückwärts durch den Raum geschleudert und prallte gegen die Wand am anderen Ende. Der Knall tat mir bis in die Zähne weh. Sie rutschte zu Boden. Blut rann aus ihrem Mundwinkel. Sie stand nicht wieder auf.

Zwei Bedienstete eilten herbei und trugen sie hinaus.

Im Zimmer herrschte Totenstille.

Die Zweite näherte sich vorsichtiger. Sie hielt die Hände erhoben, mit den offenen Handflächen nach vorn. Der Wolf beobachtete sie mit gesenktem Kopf. Sein Körper war angespannt. Nach vier Schritten traf sie die Wucht in die Rippen und schleuderte sie zur Seite. Ihr Arm brach mit dem Knacken eines frischen Zweigs. Sie schrie. Man schleifte sie hinaus.

Die Dritte weinte schon, bevor sie losging. Der Wolf knurrte nur, doch das genügte: Sie taumelte rückwärts in die Frau hinter ihr.

Eine nach der anderen versuchte es. Sie wurden gegen die Wände oder quer durch den Raum geschleudert. Eine Kandidatin aus dem Ostufer-Rudel kroch hinaus. Blut strömte aus einer tiefen Wunde an ihrer Stirn. Eine andere hatte ein zertrümmertes Schlüsselbein. Eine weitere lag noch dort, wo sie gelandet war, und starrte an die Decke. Ihr Seidenkleid war zerrissen, ihre Augen glasig vor Schock.

Wahrscheinlich hatte sie ihrer Mutter gesagt: „Ich werde ausgewählt.“ Ihr schönstes Kleid eingepackt, vor dem Spiegel ihren Knicks geübt. Jetzt blutete sie auf dem Steinboden, und der König sah so ungerührt zu wie beim Lesen des Wetterberichts.

Die Frau in Rot schaffte fünf Schritte, weiter als alle anderen. Der Wolf musterte sie prüfend. Dann traf sie die Wucht an den Knien und riss ihr die Beine weg. Ihr Schädel schlug hart auf den Steinboden und prallte wieder hoch. Bei dem Geräusch zuckte die Königin zusammen. Man trug die Frau bewusstlos hinaus. Ihr rotes Kleid schleifte über den blutverschmierten Boden.

Die Miene des Königs hatte sich bei alldem nicht verändert. Nicht ein einziges Mal.

Als ich an der Reihe war, hatte man sieben Frauen hinausgetragen. Drei weitere hatten aufgegeben und drückten sich zitternd an die Wände.

Ich war die Letzte. Meine Wölfin regte sich. Sie hatte keine Angst. Sie war – ich fand kein rechtes Wort dafür – wachsam. Bereit. Hinter den Mauern meiner Mutter hatte sie offenbar gewartet. Hier war endlich etwas, das ihre Sprache sprach.

Ich trat vor.

Der durchscheinende Wolf wandte mir den Kopf zu. Seine blassen Augen hielten meinen Blick fest. Die Luft zwischen uns verdichtete sich und drückte schwer auf meine Haut. Sie war wie elektrisch aufgeladen.

Ich ging nicht hastig vor und hob auch nicht die Arme zum Zeichen der Unterwerfung. Ich näherte mich ihm wie einem verletzten Tier: langsam und ruhig, sodass er jede meiner Bewegungen sehen konnte.

„Ich tue ihm nichts“, sagte ich leise, nur zu dem Wolf. „Ich bin nicht freiwillig hier.“

Ich machte noch einen Schritt. Seine Ohren zuckten nach vorn.

„Ich kann nirgendwo sonst hin.“ Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Ich habe Angst. Ich glaube, du auch.“

Das gesträubte Fell legte sich. Wieder neigte er den Kopf neugierig zur Seite. Offenbar war ich ihm ein Rätsel, mit dem er nicht gerechnet hatte.

Ich blieb so nah am Bett stehen, dass ich es berühren konnte. Die Kraft des Wolfs drückte kalt gegen meine Haut und ließ sie wie unter Strom prickeln. Mein Herz hämmerte so heftig, dass ich den Puls im Hals, in den Handgelenken und sogar am Gaumen spürte. Die Blicke aller im Raum bohrten sich mir in den Rücken. Niemand atmete.

Seine Schnauze war nur noch wenige Zentimeter von meinen Fingern entfernt.

Ich streckte die Hand aus.

Der Wolf senkte den gewaltigen Kopf und drückte seine Schnauze in meine offene Handfläche.

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