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Author: Pawn
last update publish date: 2026-05-28 03:48:19

Der Wolf hinter dem Leder

Knox' Sichtweise

Schurken bekamen keine zweite Chance.

Auch Ausreißer nicht.

Und doch, da war ich wieder und brach meine eigenen Regeln.

Der Duft von Blut und Waldmoschus lag schwer in der Luft, durchzogen von etwas, das ich nicht genau benennen konnte.

Ich kauerte mich neben den Wolf, den ich ausgeweidet hatte – ein Bastard aus dem Nordfang-Bündnis, wie man an dem vernarbten Ohr und der steifen Haltung selbst im Tod erkennen konnte. Der zweite lag zuckend im Unterholz ein paar Meter entfernt, seine Lungen gurgelten seinen letzten Atemzug durch die durchbohrten Rippen.

„Du hast dir die falschen Bäume zum Durchschleichen ausgesucht, Arschloch“, murmelte ich.

Sie waren nicht zufällig hier. Späher. Messies. Ausgeschickt, um jemanden abzuholen.

Oder jage sie.

Ich stand da, meine Stiefel knirschten über die brüchigen Kiefernnadeln, während ich dem Pfad folgte, leicht, aber hektisch. Barfußspuren. Menschlich. Weiblich. Der Geruch war im Chaos schwach, aber er blieb.

Rauch und Asche. Kiefernholz und noch etwas anderes.

Wärme. Blitz. Wolf.

Meine eigenen Rührungen.

Nein. Ich habe das Gefühl unterdrückt.

Blitz hatte jahrelang geschwiegen, seit ich ihn nach dem Massaker im Pflegefamilienhaus tief in mich hineingesperrt hatte. Zu gefährlich, um ihn freizulassen. Zu unberechenbar, um ihn zu kontrollieren. Er war nicht mehr mein Führer, nur noch ein Geist, der an den Rändern kratzte, wenn ich dem, was wir verloren hatten, zu nahe kam.

Aber jetzt ist er umgezogen.

Keine Worte. Keine Stimme. Nur Spannung. Zug.

Wie die Schwerkraft.

Ich bin dem gefolgt.

Den Hang hinunter. Über die Schlucht.

Da habe ich sie gesehen.

Sie lag zusammengebrochen neben einem Baumstumpf, halb bedeckt mit Blättern und Blut – ihrem eigenen oder dem eines anderen, ich wusste es nicht. Ihr Atem ging flach und unregelmäßig. Schlamm rann ihr über die Wangen, und ihr Hemd klebte wie eine zweite Haut an ihr. Ihr Knöchel war stark angeschwollen und verstaucht, und ihre Hände waren wundgeschürft, als hätte sie sich durch ein Kriegsgebiet gekämpft.

Sie war jung. Klein. Aber gebaut, als ob sie wüsste, wie man kämpft, wenn es sein muss.

Und sie war schön. Nicht auf eine elegante, majestätische Art. Nein. Sie wirkte wild. Schmutzig. Gefährlich.

Ich hätte einfach gehen sollen.

Stattdessen trat ich näher heran.

„Sie atmet noch“, murmelte ich und hockte mich neben sie.

Sie zuckte zusammen, und ihre Augen rissen auf, scharf grau, voller Kampfgeist. Keine Furcht. Nicht einmal Schmerz.

Einfach nur Trotz.

„Wenn du mich anfasst“, krächzte sie, „werde ich dich ausweiden.“

Ich hätte beinahe gelacht.

„Entspann dich, kleiner Streuner. Du bist nicht mein Typ.“

Ihr Blick heftete sich an meinen, als wollte sie sich mein Gesicht einprägen. Der Blick einer Überlebenden. Nicht aus Neugier. Sondern aus Rache.

Ich hätte sie verlassen sollen.

Stattdessen habe ich sie hochgehoben.

Sie erstarrte in meinen Armen, zu schwach zum Kämpfen, aber sie versuchte es trotzdem.

Ich trug sie durch den Wald zurück zu den Motorrädern, wo Diesel mit verschränkten Armen wartete und sich an den mattschwarzen Rahmen seines Choppers lehnte.

Er richtete sich auf, als er uns sah.

„Das ist doch nicht dein Ernst“, sagte er trocken. „Hat sie gepackt?“

Ich grunzte. „Riecht aber nicht so.“

„Aber das ist sie doch, nicht wahr?“

„Das war sie vielleicht.“

Diesels Kiefer verkrampfte sich. „Wir bringen keine Rudeltiere ins Blackfang-Territorium, Knox. Das hast du doch selbst festgelegt.“

„Sie wurde von einem Wolfsrudel gejagt“, knurrte ich und legte sie sanft in den Beiwagen. „Sie sind jetzt tot.“

„Toll. Und jetzt ist ihr Geruch an unserer Grenze, und wir haben ein halbtotes Mädchen vor uns. Eines, das bei Vollmond im Dunkeln leuchten könnte.“

Ich habe ihm nicht geantwortet. Ich konnte nicht.

Denn je näher ich ihr kam, desto schwerer fiel mir das Atmen.

Ihr Duft war nicht nur intensiv, er war auch vertraut.

Auf schmerzhafte Weise.

Es kroch unter meine Haut, durch meine Adern, umhüllte die hohle Stelle in meiner Brust, die ich vor langer Zeit verschlossen hatte.

Nein. Nein, nein, nein.

Ich habe das nicht getan.

Es gab keine Bindung. Kein Seelenverwandtschafts-Quatsch. Die Mondgöttin war eine Lügnerin, und das Schicksal eine Schlinge. Ich hatte das Seil schon vor Jahren durchgeschnitten.

Und dennoch...

Ihr Duft traf mich erneut mit solcher Wucht, dass ich ins Wanken geriet.

„Alles okay?“, fragte Diesel und kniff die Augen zusammen.

„Halt die Klappe und fahr mit.“

Das Gelände lag hinter einer dicken Mauer aus Kiefernholz und rostigem Stahl, eine Festung aus zu Türmen und Zäunen verschweißten Schiffscontainern. In der Mitte flackerten die Leuchtreklamen der Raststätte, altes Gestein tropfte aus kaputten Lautsprechern, und Ölflecken bedeckten das Gelände wie Kriegsbemalung.

Ich brachte sie direkt in die Krankenstation. Legte sie auf die Liege. Starrte sie viel länger an, als ich hätte sollen.

Ihre Haut war blass, schimmerte aber schwach im flackernden Licht. Ihr Puls hämmerte in ihrer Kehle. Ihr Wolf war nahe der Oberfläche, nicht draußen, sondern beobachtete sie.

Ich drehte mich um, bevor ich etwas Dummes tat.

Wie wäre es, sie noch einmal zu berühren?

Ich konnte nicht schlafen.

Nicht wegen der Albträume. Sondern wegen ihr.

Ich saß am Rand des Daches über dem Anwesen, rauchte eine halb abgebrannte Zigarre und starrte zum Mond.

Das hätte nicht passieren dürfen.

Keine Fesseln, keine Lunas, keine Prophezeiungen.

Nur Blackfang, Blut und die Straße.

Diesel fand mich eine Stunde später.

„Sie ist wach“, sagte er.

Ich schnippte Asche vom Geländerrand. „Und?“

„Sie versuchte, eines der Fahrräder zu stehlen. Hätte Reaper beinahe mit einem Schraubenschlüssel erwischt.“

Ich musste trotz meiner Bedenken grinsen. „Zähes kleines Ding.“

„Sie ist eine verdammte Belastung.“

„Auch sie ist verletzt und allein.“

„Sie ist auch nicht unsere Verantwortung.“

Ich stand auf und schüttelte die Asche von meiner Jacke.

„Ja“, sagte ich. „Aber aus irgendeinem Grund kann ich nicht aufhören, an ihren Duft zu denken. Daran, wie sich mein Wolf bewegte, als sie mich berührte.“

Diesel versteifte sich. „Du glaubst doch nicht etwa …?“

„Ich weiß, Diesel. Das Mädchen da draußen ist nicht einfach nur irgendeine Ausreißerin.“

Ich fand sie in der Garage.

Eine der Türen war offen. Sie hockte neben der Werkbank und humpelte leicht, während sie in den Werkzeugen wühlte, als wäre sie in einer Autowerkstatt aufgewachsen.

„Wenn du etwas kaputt machst, ziehe ich es dir aus der Haut“, sagte ich.

Sie drehte sich abrupt um, ihre Augen blitzten. „Du machst mir keine Angst.“

„Gut. Ich versuche es nicht.“

„Dann lass mich gehen.“

Ich trat langsam vorwärts.

Sie gab nicht nach.

Ihre Haltung veränderte sich. Abwehrhaltung. Kinn hoch. Wolfshaare gesträubt.

Und dann, für einen kurzen Augenblick, flackerten ihre Augen.

Nicht grau, silbern, leuchtend.

Mein Wolf stürmte so heftig nach oben, dass ich beinahe in die Knie sank.

„Scheiße“, murmelte ich.

Ich wich zurück, als wäre ich verbrannt worden.

„Du spürst es auch, nicht wahr?“, flüsterte sie.

Ich habe nicht geantwortet, konnte nicht.

Denn jede einzelne Faser meines Körpers schrie dasselbe.

Kumpel.

Ich taumelte wie ein angeschossener Mann aus der Garage.

Rücken gerade, Herz zerrissen.

Blitz war nicht nur wach. Er brüllte.

Sie war nicht einfach nur eine Streunerin, sie war nicht einfach nur ein Rudeltier.

Sie war nicht nur Ärger.

Sie gehörte mir.

Und ich wusste nicht, ob ich sie für mich beanspruchen wollte… oder fliehen.

 

 

 

 

 

 

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