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Die Gezeichnete der Flucht
Die Gezeichnete der Flucht
Author: Pawn

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Author: Pawn
last update publish date: 2026-05-28 03:46:02

Ausreißer bekommen keine zweite Chance.

 

Arias Sichtweise

Der Wind heulte durch die rissige Metallverkleidung wie ein Geist, der in einem Schrei gefangen ist.

Ich zog meine Jacke enger, was aber kaum etwas half. Das verdammte Ding war eher zerrissenes Leder als Isolierung, aber es gehörte mir. Eines der wenigen Dinge, die mir noch gehörten. Der Boden unter mir ächzte, als ich mich hinter einem Stapel verrosteter Autoteile im hinteren Teil einer verlassenen Lagerhalle etwas außerhalb von Hollow Pines zusammenkauerte.

Schurkengebiet.

Keine Rudelgesetze. Keine Hierarchie. Keine Alpha-Befehle, die sich wie glühendes Eisen in dein Rückgrat bohren.

Und niemand ist da, der dich rettet, wenn etwas schiefgeht.

Mein Magen knurrte erneut, scharf und hohl. Ich hatte seit zwei Tagen nichts gegessen, es sei denn, man zählte einen halbvertrockneten Proteinriegel dazu, den ich unter dem Sitz eines alten Abschleppwagens gefunden hatte. Spoiler: Das tat ich nicht.

Ich rieb mir die Kieferkante, meine Finger streiften über den verblassenden Bluterguss. Ein Abschiedsgeschenk des letzten Schlägers, der versucht hatte, mich zurück „nach Hause“ zu zerren.

Wenn du dieses Rudel dein Zuhause nennen könntest.

Ich nicht. Nicht mehr.

Nicht seit dem Tag, an dem mein sogenannter Alpha-Vater mir in die Augen sah und mir sagte, dass ich mit Grayson Vane verpaart werden würde, einem brutalen Wolf, der Fäuste anstelle von Logik besitzt und in dessen Augen nichts als Gier und Feuer zu sehen ist.

Eine politische Allianz, hatte er gesagt.

Zum Wohle der Blutlinie, hatte er gesagt.

Ich war neunzehn, kein Verhandlungsmasse.

Also rannte ich.

Durch die Berge. Durch die blutgetränkte Grenze zwischen Rudel- und Einzelgängergebiet. Durch jeden finsteren Pfad, den keine anständige Wölfin zu beschreiten wagen würde.

Und ich rannte weiter.

Zwei Jahre später war ich immer noch auf der Flucht. Immer noch versteckt. Immer noch halb verhungert, halb verwildert und tat alles, um frei zu bleiben.

Ich schloss die Augen und spürte die kalte Stahlwand an meinem Rücken. Mein Wolf regte sich unter meiner Haut, unruhig und rastlos. Sie mochte es nicht, eingesperrt zu sein, aber sie mochte es auch nicht, sich zu verwandeln. Nicht jetzt. Nicht hier. Es kostete mich Kraft, die ich nicht hatte, und Kontrolle, die ich nicht riskieren konnte zu verlieren.

Die Veränderung bedeutete Geruch. Geruch bedeutete Spur. Und eine Spur bedeutete, dass sie mich finden würden.

Ich atmete langsam aus und biss mir dabei auf die Innenseite der Wange.

„Du gehst nicht zurück“, murmelte ich vor mich hin. „Nicht jetzt. Niemals.“

Draußen riss mich ein Grollen aus meinen tiefen, düsteren und unmissverständlichen Gedanken.

Motorräder.

Ich erstarrte.

Eine Sekunde später durchfuhr die Vibration den Lagerhallenboden. Dann das ferne Quietschen von Reifen. Gelächter. Stiefel knirschten auf Kies. Mindestens vier … vielleicht fünf.

Scheiße.

Ich schlich vorwärts und spähte durch einen Spalt im vernagelten Fenster.

Fünf Biker. Kräftige Kerle. Zwei Menschen, drei Wölfe. Ich erkannte es an ihrer lässigen Raubtierhaftigkeit, an der Art, wie sie selbst beim Herumalbern die Schatten absuchten. Ihre Lederwesten trugen kein Rudelsymbol, nur einen groben Reißzahn, der einen Schädel durchschnitten hatte.

Schurken.

Mein Herzschlag setzte aus. Wenn sie Wind von mir bekamen, gab es keine Rudelregeln mehr, die mich schützen konnten. Keine Partnerwahl. Nichts. Nur beanspruchen, erobern und wegwerfen.

Doch das Glück war mir dennoch hold.

Sie bemerkten nichts. Einer zündete sich einen Joint an. Ein anderer zog ein Mädchen vom Gepäckträger seines Fahrrads und drückte sie gegen die Wand, ihre Zungen spielten schon miteinander. Ich schlüpfte zurück hinter den Schrotthaufen und zwang mich, still zu sein. Immer noch.

Einfach atmen.

Sei einfach unsichtbar.

Sie verweilten fast eine Stunde draußen, tranken, lachten und hörten so laut Musik, dass die Wände erzitterten. Dann waren sie so schnell wieder verschwunden, wie sie gekommen waren.

Stille kehrte zurück. Doch kein Frieden.

Es hielt nie lange.

Bei Einbruch der Dunkelheit hatte sich die Kälte tief in meine Knochen gegraben. Ich kuschelte mich enger unter meine provisorische Decke – eine alte Plane, die ich in einer Kiste gefunden hatte – und schloss die Augen.

Draußen ächzte der Wald unter Wind und Bewegung.

Eulen, Nagetiere und andere Dinge.

Ich ignorierte es, bis ich es nicht mehr konnte.

Knack, ein Ast. Zu schwer für ein Eichhörnchen.

Mein Körper spannte sich an. Wolfsinstinkte schrillten wie Warnsirenen in meinen Adern.

Etwas, nein, jemand war in der Nähe.

Ich schlüpfte langsam und lautlos unter der Plane hervor, meine nackten Füße landeten weich auf dem staubigen Beton. Mein Wolf regte sich unter meiner Haut, ein Kribbeln lief mir über die Arme. Ich bewegte mich zum Hinterausgang und blieb im Schatten.

Mein Atem beschlug die Luft. Meine Ohren zuckten. Draußen glitzerte das Mondlicht auf etwas Feuchtem auf dem Waldboden.

Blut?

Nein, Wein. Verschüttet aus einer der Flaschen des Motorradfahrers.

Trotzdem.

Irgendetwas stimmte nicht.

Ich trat hinaus, schob mich vorsichtig an der Seite des Lagerhauses vorbei und suchte die dunkle Baumreihe ab.

Dann sah ich sie. Zwei Gestalten. Schnell. Lautlos.

Die Wölfe sind in voller Montur.

Ihre Augen leuchteten bernsteinfarben in der Dunkelheit, als sie sich dem Lagerhaus näherten. Auf mich zu.

Keine Markierungen. Keine Symbole.

Aber ich kannte diese Augen.

Meutejäger. Mein Vater hat sie geschickt.

„Nein“, hauchte ich und folgte meinem Instinkt.

Ich rannte.

Meine Beine schmerzten, als ich mich durchs Gestrüpp und Dornengestrüpp kämpfte, mich unter tief hängenden Ästen duckte und mir die Hände an Steinen und Wurzeln aufschürfte. Mein Wolf drängte an die Oberfläche und wollte mich zur Verwandlung bewegen, aber ich unterdrückte ihn.

Noch nicht. Nicht solange sie mich anhand meines Geruchs aufspüren können.

Hinter mir hallten die Heuler laut und wütend wider und kamen immer näher.

Ich rutschte aus, knallte gegen einen Baum, fluchte und lief weiter.

Der Wald mündete in eine schmale Schlucht. Ich sprang hinunter und schlug hart auf, mein Knöchel verstauchte sich, aber ich hielt nicht an.

„Komm zurück, Aria!“, heulte eine von ihnen. „Du kannst nicht ewig weglaufen!“

Hinter mir dröhnte das Geräusch von Krallen, die durch Blätter rissen.

Näher. Zu nah.

Ich stolperte erneut und fiel diesmal so heftig nach vorn, dass ich mir die Handflächen blutig schürfte. Mein Knöchel knickte komplett weg.

Sie waren hinter mir her, ein Wolf stürzte sich auf mich.

Und dann krachte ein Schatten von der Seite mit einem so tiefen Knurren auf ihn zu, dass der Boden erzitterte.

Ein dritter Wolf. Aber keiner von ihnen.

Gewaltig. Schwarz wie Öl. Augen, die in einem geschmolzenen Goldton leuchteten, der die anderen mitten im Schritt erstarren ließ.

Seine Kraft strömte in Wellen pur, roh und kaum gebändigt von ihm aus.

Er stürzte sich auf den ersten Jäger und schleuderte ihn mit einem Knurren zurück, das beinahe... besitzergreifend klang.

Der zweite Angreifer zögerte, die Ohren angelegt.

Und dann drehten sich die beiden Schurken wortlos um und verschwanden wie gepeitschte Hunde zwischen den Bäumen.

Ich lag da, die Brust hob und senkte sich, Schlamm klebte zwischen meinen Zähnen, mein Herz hämmerte so heftig, dass es weh tat.

Der schwarze Wolf wandte sich mir zu.

Mein Wolf, der Teil von mir, den ich tief in mir vergraben hatte, drängte nach oben und krachte in rasender Wut gegen meine Brust.

Kumpel.

Das Wort pulsierte in mir wie eine Kriegstrommel.

Das war jedoch unmöglich.

Nein. Nein. Nein.

Der Wolf rührte sich nicht. Er starrte nur, nicht neugierig, sondern fordernd.

Dann verschwand er lautlos im Wald, so still, wie er gekommen war.

Mir stockte der Atem.

Habe ich mir das nur eingebildet?

Eine Halluzination aufgrund von Hunger?

Ich kroch zum Rand der Schlucht und schleppte meinen halb leblosen Körper auf einen Baumstumpf.

Und da habe ich es gespürt. Nicht gesehen. Nicht gehört.

Ich spürte eine Präsenz, die mich aus der Dunkelheit beobachtete.

Die gleiche Energie.

Schwerfällig. Besitzgierig. Alpha.

Mir lief es eiskalt den Rücken runter, und mein Wolf winselte tief in meiner Kehle.

Er war immer noch da draußen. Irgendwo. Er beobachtete. Wartete.

Und er wusste genau, wer ich war.

 

 

 

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