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Author: J. C. Veyra
last update publish date: 2026-11-05 08:35:37

Kapitel 3

Die violetten Augen in der Dunkelheit schienen das verbleibende Licht des Wartungsgangs förmlich aufzusaugen. Eine Kälte, die nichts mit der klimatisierten Raumluft der Klinik zu tun hatte, kroch über den Betonboden, kroch an meinen Beinen hoch und ließ mein Blut in den Adern gefrieren. Es war eine Magie, die nach Verfall, nach altem Schatten und unerbittlicher Grausamkeit schmeckte.

Caelen reagierte augenblicklich. Trotz des berauschenden, nachwirkenden Rausches unseres Gefährten-Bandes und der Erschöpfung durch meine Blut-Magie schob er mich mit einer einzigen, flüssigen Bewegung hinter seinen breiten Rücken. Er stellte sich wie eine uneinnehmbare Festung vor mich, seine Muskeln zum Zerreißen gespannt, die Waffe in seiner Rechten unverändert fest verankert.

„Lucien“, knurrte Caelen. Seine Stimme war nur noch ein mörderisches, tiefes Grollen, das den gesamten Gang erzittern ließ. „Ich hätte wissen müssen, dass die Ältesten nicht den Mut besitzen, sich mir selbst entgegenzustellen. Sie schicken den Schatten-König.“

Der Mann namens Lucien trat langsam aus der Finsternis hervor.

Er war von hochgewachsener, eleganter Gestalt, gekleidet in einen maßgeschneiderten, tiefvioletten Mantel mit silbernen Akzenten, der bei jeder Bewegung lautlos über den Staub des Bodens glitt. Sein Gesicht war von meißelhafter Perfektion, fast makellos, doch seine Blässe wirkte wie aus Alabaster gehauen. Seine Lippen waren zu einem amüsierten, zynischen Lächeln geschwungen, während seine violetten Augen dunkel schimmerten. Er strahlte keine rohe Gewalt aus wie Caelen – seine Präsenz war wie ein schleichendes Gift, leise, tödlich und absolut beherrschend.

„Ach, Caelen. Immer so unverblümt“, raunte Lucien, und seine Stimme klang wie Samt über geschliffenem Glas. „Der Ältestenrat bezahlt hervorragend. Und wenn das Ziel ein gebrochener König ist, der sich von einer verbotenen Blut-Heilerin das Leben retten lassen muss… wie könnte ich da widerstehen?“

Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Schatten-König. Der Name war selbst im Untergrund ein Mythos – der Anführer des gefürchteten Nacht-Rudels, ein Söldner und Magier, der außerhalb der Gesetze aller Alphas operierte und dessen Grausamkeit legendär war.

„Sie gehört nicht in diesen Konflikt, Lucien“, sagte Caelen eisern. Ich spürte, wie sich die Hitze seines Körpers vor mir anstaute, wie sein Wolf unter der Haut tobte, bereit, die Kontrolle komplett zu übernehmen. „Touch her, and I’ll tear your throat out.“

Lucien lachte leise. Es war ein trockenes, freudloses Geräusch. „Du bist in keiner Position, Forderungen zu stellen, mein lieber Alpha-König. Dein Rudel wird draußen gerade von den Streitkräften des Rates zerschlagen. Der High-End-Distrikt brennt. Und du steckst mit deiner Schwachstelle in einem Rattenloch fest.“

Lucien hob langsam seine rechte Hand. Feine, schwarze Magiefäden tanzten um seine langen Finger wie lebendige, giftige Schlangen.

„Sie ist keine Schwachstelle“, entgegnete Caelen mit einer Gefährlichkeit, die mir die Kehle zuschnürte. Er drehte den Kopf minimal zu mir. „Elenor. Lauf.“

„Was? Nein!“, zischte ich leise zurück und presste mich dichter an seinen Rücken. Mein Verstand schrie nach Flucht, aber mein Körper – und dieses verdammte, pulsierende Gefährten-Band – weigerte sich, auch nur einen Schritt von ihm wegzutreten. „Ich lasse dich nicht hier stehen!“

„Du verstehst es nicht“, raunte Caelen, während sein Blick unbarmherzig auf Lucien gerichtet blieb. „Er will dich wegen deiner Blut-Magie. Wenn er dich bekommt, bist du für immer sein Werkzeug. Lauf durch den rechten Gang. Dort liegt der Notausstieg zum Fluss.“

Bevor ich antworten konnte, zerriss Lucien die Distanz.

Er bewegte sich nicht wie ein Mensch oder ein Wolf – er verschmolz förmlich mit den Schatten an den Wänden und tauchte im Bruchteil einer Sekunde direkt vor Caelen auf. Eine Welle aus schwarzer Schattenmagie schoss auf uns zu.

Caelen feuerte drei Schüsse hintereinander ab. Die Kugeln durchschlugen den Rauch, doch Lucien parierte sie mit einer Wand aus verdichteter Finsternis, die die Geschosse einfach verschlang. Im nächsten Moment krachten die beiden Alphas mit einer gewaltigen Erschütterung aufeinander.

Der Aufprall war so heftig, dass die Betonwände Risse bekamen und Staub von der Decke regnete. Caelen packte Luciens Kehle, während Lucien seine schattenverhangenen Krallen in Caelens bereits geheilte Schulter bohrte. Das Geräusch von reißendem Stoff und der dumpfe Klang von Knochen auf Beton hallten durch den Wartungsgang.

„Geh!“, brüllte Caelen. Seine Augen glühten in reinem Gold, seine Eckzähne verlängerten sich, als sein Wolf vollkommen durchbrach.

Ich zögerte einen entscheidenden Herzschlag lang. Die Erotik und die ungeheure Macht seiner Wut, getrieben von dem Drang, mich zu beschützen, jagten als elektrischer Schock durch meine Adern. Es war ein besitzergreifender, rauer Instinkt, der mich tief im Inneren erschütterte. Doch mein medizinischer Verstand schaltete sich wieder ein: Ich war unbehandelt und ohne Waffen gegen Lucien eine Belastung. Wenn ich gefasst wurde, verlor Caelen alles.

Ich drehte mich um und rannte.

Meine Stiefel knallten auf den feuchten Betonboden, während hinter mir der Lärm eines titanischen Kampfes entbrannte – das Brutale Knurren von Caelen, das metallische Zischen von Luciens Magie und das Bersten von Stahlrohren.

Der rechte Gang war dunkel, durchzogen von dick isolierten Dampfleitungen. Der Geräuschpegel des Kampfes wurde langsam schwächer, doch die Atemlosigkeit in meiner Brust wuchs. Das Gefährten-Band zog schmerzhaft an meinem Herzen, je weiter ich mich von Caelen entfernte. Es fühlte sich an, als würde eine glühende Kette in meiner Brust strammgezogen, die jeden meiner Atemzüge erschwerte.

Nach etwa zweihundert Metern mündete der Gang in eine größere Höhle – das alte Kanalisations- und Wartungssystem unter den Docks von New Luxor. Der Geruch von brackigem Flusswasser und Rost schlug mir entgegen. Vor mir lag eine schwere Gittertür, durch die das schwache Licht der nächtlichen Skyline drang.

Ich stürzte auf die Tür zu und griff nach dem schweren Eisenriegel.

Er war verrostet und klemmte.

„Verdammt!“, fluchte ich und stemmte mich mit meinem gesamten Körpergewicht dagegen. Das Holz und der Stahl bewegten sich keinen Millimeter. Meine Hände schmerzten von der Anstrengung, Schweiß stand mir auf der Stirn. „Komm schon…!“

„Brauchst du Hilfe, kleine Heilerin?“

Ich erstarrte. Die Stimme kam nicht von hinten. Sie kam von direkt über mir.

Ich wirbelte herum, den Rücken an das kalte Eisen gepresst.

Lucien schwebte beinahe lautlos von einem der oberen Stahlträger herunter und landete elegant auf den Ballen seiner Stiefel. Sein violettes Hemd war an mehreren Stellen zerrissen, feine Blutspuren zierten seine Wange – Caelen hatte ihm zugesetzt –, aber sein Lächeln war unverändert eisig.

„Wo… wo ist Caelen?“, brachte ich heraus, während meine rechte Hand langsam in meine Manteltasche glitt, wo ich noch eine kleine Ampulle mit hochkonzentriertem Betäubungsmittel aufbewahrte.

„Der Alpha-König ist mit meinen Schatten beschäftigt“, antwortete Lucien gelassen und machte einen Schritt auf mich zu. „Er ist stark, das muss man ihm lassen. Aber er ist unvorsichtig geworden. Seit er dich roch, ist seine Aura vollkommen destabilisiert. Ein König, der von Verlangen gelähmt wird, ist ein sehr leichtes Ziel.“

Er blieb genau zwei Schritte vor mir stehen. Seine violetten Augen musterten mich mit einer Mischung aus wissenschaftlicher Neugier und dunklem Begehren.

„Du bist wunderschön, Elenor“, raunte er, und seine Stimme legte sich wie eine Hypnose über meine Gedanken. „Eine Blut-Magierin in den Armen eines Wolfs. Was für eine Verschwendung von Talent. Komm mit mir. Der Ältestenrat bietet dir Reichtum, Schutz und ein Labor, das deine kühnsten Träume übersteigt. Du musst nicht die Hure eines gefallenen Königs sein.“

Wut kochte in mir hoch. Ein heißer, eiskalter Zorn, der meine Angst komplett verdrängte.

„Ich bin niemands Hure“, zischte ich.

Mit einer blitzschnellen Bewegung zog ich die Ampulle aus der Tasche, zerbrach den Glaskopf an der Wand und schleuderte die flüssige Chemikalie direkt in sein Gesicht.

Lucien reagierte schnell, aber nicht schnell genug. Die Flüssigkeit traf seine linke Gesichtshälfte und seine Augen. Er stieß einen zischenden Fluch aus, wich zwei Schritte zurück und hielt sich die Hände vor das Gesicht, während das Betäubungsmittel seine Haut verätzte.

Ich nutzte die Sekunde der Verwirrung, drehte mich um und warf mich erneut mit aller Gewalt gegen den verrosteten Riegel der Gittertür. Diesmal gab das verrottete Eisen mit einem lauten KNACK nach. Die Tür flog auf, und ich stolperte hinaus auf die kühle, windige Plattform der Docks.

Draußen erstreckte sich der dunkle Fluss, auf dessen Oberfläche sich die bunten Lichter der Wolkenkratzer spiegelten. Der kalte Nachtwind blies mir ins Gesicht, verfing sich in meinen Haaren.

Doch ich war nicht allein.

Am Ende des Stegs standen vier bewaffnete Wachen des Ältestenrats, ihre Waffen sofort auf mich gerichtet. Und hinter mir ertönte Luciens Stimme, diesmal frei von jeder Eleganz, erfüllt von reinem, tödlichem Hass.

„Das war ein großer Fehler, Heilerin.“

Ich drehte mich langsam um. Luciens linkes Auge war blutunterlaufen, seine Züge von Zorn entstellt. Die Schatten um ihn herum schienen zu wachsen, verdunkelten den gesamten Steg. Er hob die Hand, um mir den finalen Schlag zu versetzen.

In genau diesem Augenblick explodierte die Mauer hinter Lucien.

Eine gewaltige Gestalt schoss aus den Trümmern hervor. Es war kein Mann mehr.

Es war ein gigantischer, rabenschwarzer Wolf von der Größe eines Kleinwagens. Seine Augen glühten in purem, vernichtendem Gold, seine Riesenkrallen rissen den Beton auf. Die pure Wucht seiner Präsenz ließ die Wachen am Ende des Stegs zurückweichen.

Caelen. In seiner wahren, königlichen Alpha-Gestalt.

Mit einem brüllenden Fluch warf sich der schwarze Wolf auf Lucien. Die Zähne des Wolfes schlossen sich mit einem zerschmetternden Geräusch um Luciens Schulter, während Lucien seine Schattenmagie tief in die Flanke des Wolfs bohrte. Ein Kampf von gigantischem Ausmaß entbrannte auf dem schmalen Holzsteg.

Ich sah voller Entsetzen zu, wie Caelen Lucien über die Kante des Stegs schleuderte. Die beiden Gestalten krachten gemeinsam in das dunkle, reißende Wasser des Flusses. Eine riesige Fontäne aus Gischt schoss in die Höhe.

Dann wurde es still.

Nur das Heulen des Windes und das Klatschen der Wellen an den Holzpfählen waren zu hören.

„Caelen!“, schrie ich und rannte an die Kante des Stegs. Ich blickte in das schwarze Wasser hinab. Nichts. Keiner von beiden tauchte auf.

Die vier verbliebenen Wachen des Rates fassten sich rasch wieder und rückten langsam auf mich zu, ihre Sturmgewehre im Anschlag.

„Der König ist tot“, sagte der Anführer der Wachen kalt. „Nimm die Heilerin fest. Der Rat wartet.“

Mein Herz blieb stehen. Der Schmerz im Gefährten-Band war plötzlich weg – ersetzt durch eine Taubheit, die schrecklicher war als jeder körperliche Schmerz. War er tot? Hatte das reißende Wasser ihn verschlungen?

Die Wachen waren nur noch drei Meter von mir entfernt. Ich weigerte mich zu ergeben. Ich ballte die Fäuste, bereit, meine Blut-Magie bis zum letzten Atemzug einzusetzen.

Plötzlich schoss eine nasse, gewaltige Hand aus dem Fluss unter dem Steg hervor.

Die Hand packte den Anführer der Wachen am Knöchel und riss ihn mit einem einzigen Ruck durch das Holzgitter des Stegs hinab in die Tiefe. Ein schriller Schrei verhallte im Wasser.

Im nächsten Sekundenteil schwang sich Caelen – wieder in menschlicher Gestalt, triefend nass, mit zerrissenem Hemd und nacktem, hochdefinierte Oberkörper – auf den Steg. Sein Blick war wild, seine Muskeln bebten vor Zorn. Er schaltete die verbliebenen drei Wachen in einem blutigen Rausch von weniger als fünf Sekunden aus.

Er drehte sich zu mir um. Seine nackte Brust hob und senkte sich keuchend. Das blasse Mondlicht spiegelte sich auf seiner nassen Haut, fuhr über die scharfen Konturen seiner Abs und die dunklen Tätowierungen, die sich über seine Schultern zogen.

Er machte zwei Schritte auf mich zu, packte mich am Hinterkopf und riss mich in einen tiefen, verlangenden Kuss.

Es war kein zärtlicher Kuss. Es war der Kuss eines Mannes, der die Hölle durchquert hatte, um sein Eigentum zu beanspruchen. Seine Lippen waren kalt vom Flusswasser, aber sein Mund war heiß und schmeckte nach Blut und Eisen. Er saugte an meiner Unterlippe, seine Zunge forderte meine Hingabe, und ich gab sie ihm bedingungslos. Ich schlang meine Arme um seinen nassen Nacken, krallte meine Finger in sein feuchtes Haar und drückte meinen Körper eng an seinen harten, bebebenden Leib.

Das Gefährten-Band schoss mit doppelter Wucht zurück in mein Bewusstsein. Es war ein vulkanischer Ausbruch von Erleichterung und purer Erotik. Seine Hände glitten an meinem Rücken hinab, pressten mein Becken gegen das seine, sodass ich spürte, wie steif und verlangend er nach mir war.

„Du bist nicht gelaufen“, raunte er gegen meine Lippen, seine Stimme nass und heiser vor Erregung.

„Ich laufe nie weg“, keuchte ich, während mein Atem an seiner Haut kondensierte.

Caelen sah mir tief in die Augen, das Gold darin nun dunkel und schwer vor possessiver Entschlossenheit.

„Gut. Denn ab jetzt gibt es kein Zurück mehr, Elenor. Wir haben den Rat herausgefordert. Du bist jetzt die Königin eines Reiches im Krieg.“

Er hob mich mühelos an, schlang meine Beine um seine Hüfte und trug mich vom Steg weg in die Schatten der Lagerhäuser. Mein Körper vibrierte von seiner Nähe, die Lust zwischen uns so dicht, dass man sie hätte schneiden können.

Doch als wir die dunkle Gasse hinter den Docks erreichten, blieb Caelen schlagartig stehen.

Auf der Motorhaube eines schwarzen, gepanzerten SUVs, der mitten in der Gasse parkte, saß eine elegante Frau in einem blutroten Abendkleid. Sie hielt ein Glas Champagner in der Hand und lächelte uns kalt entgegen.

Zu ihren Füßen lag ein schwer verletzter Mann in den Farben von Caelens eigener Leibgarde.

„Guten Abend, Caelen“, sagte die Frau mit einer samtigen, giftigen Stimme. „Herzlichen Glückwunsch zur Rettung deiner kleinen Ärztin. Aber ich fürchte, du hast die falsche Wahl getroffen. Während du hier unten Romantik spielst… hat dein Bruder den Thronsaal in deinem Palast besetzt und dich zum Verräter erklärt.“

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