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Kapitel 4

last update publish date: 2026-04-14 18:55:50

Sofia lehnte die Stirn gegen die kalte Tür der Intensivstation und atmete tief durch. Der Geruch von Desinfektionsmittel und Verzweiflung war ihr schon fast vertraut. Das Ibuprofen kämpfte tapfer gegen die Kopfschmerzen an, aber nichts löste den Knoten in ihrem Magen. Ethan Callahan – allein der Name bedeutete schon Ärger. Sie zog ihren Kittel zurecht, straffte die Schultern in einer falschen Geste von Selbstsicherheit und drückte die Tür auf.

Ihre Schritte waren fest, bis etwa zwei Meter vor dem Bett. Dann spielte ihr rechtes Knie ihr einen Streich. Es war kein Stolpern, es war ein totales Versagen, als hätte sich der Knochen in Gelee verwandelt. Sie taumelte nach vorn, die Hand griff haltsuchend nach dem Bettgitter. Ein trockenes Klacken hallte durch die Stille des Zimmers.

„Wollen Sie mich zu Tode erschrecken, Schwester?“, fragte Ethan mit rauer, heiserer Stimme – vor Schläfrigkeit oder Wut, sie konnte es nicht sagen. Er saß halb aufgerichtet im Bett und versuchte, nach einer Wasserflasche auf dem Nachttisch zu greifen. Die Bewegung hatte das offene Hemd des Krankenhauspyjamas zur Seite gezogen.

Und genau in diesem Moment schien die Welt langsamer zu werden.

Sein entblößter Oberkörper war kein Model-Torso aus einer Zeitschrift. Er war eine Reliefkarte harter Arbeit. Feine Narben zogen sich über die gebräunte Haut, eine dickere nahe der rechten Schulter, die wie eine Schuss- oder Messerwunde aussah. Die definierten Muskeln stammten nicht aus dem Fitnessstudio, sondern vom Gewicht von Zäunen, Futtersäcken und straffen Zügeln. Eine dunkle Linie aus Haaren begann etwas oberhalb des Bauchnabels und führte nach unten… genau dorthin, wo das Laken ihn bedeckte. Der Schweiß der Anstrengung ließ seine Haut glänzen, und sein Geruch – nach Erde, Schweiß und etwas Medizinischem – drang mit solcher Intensität in Sofias Raum, dass ihr für eine Sekunde länger als erlaubt schwindlig wurde.

Ihre verräterischen Augen folgten den Narben bis zum angespannten linken Brustmuskel.

„Verdammt, der ist wirklich stark!“, dachte sie, bevor sie den Gedanken hinunterschlucken konnte.

Ethan erstarrte mitten in der Bewegung zur Wasserflasche. Er spürte ihren Blick auf sich, als würde sie ihn anbeten. Er drehte den Kopf. Seine grauen Augen, normalerweise stürmisch, verengten sich zuerst vor Verwirrung. Dann folgte ein scharfsinniges Verstehen, das eine seiner dunklen Augenbrauen nach oben wandern ließ.

„Haben Sie sich verlaufen, Schwester?“, fragte er voller Sarkasmus. „Die Schatzkarte geht weiter runter, aber ich glaube nicht, dass das die Art von Schatz ist, die man in einem Krankenhaus findet.“

Sofia schluckte schwer, ihr Gesicht brannte. Scheiße… Scheiße… Scheiße…

„Ihr Knie… ich… habe nur nachgesehen, ob die Schwellung zurückgegangen ist“, kam die lahme Ausrede. Sie wusste selbst, wie erbärmlich sie klang. Sein Knie lag unter dem verdammten Laken! „Und Sie sollten liegen! Wer hat Sie aufsetzen lassen?“

Er ignorierte die Frage, die Augen immer noch auf sie gerichtet – eine Mischung aus Empörung und… etwas anderem? Sofia hatte keine Zeit, es zu entschlüsseln. Denn genau da bemerkte sie es. Unten, in der Region, die vom dünnen Krankenhauslaken bedeckt war… bewegte sich etwas. Es war kein Schmerzkrampf. Es war eine deutliche, wenn auch diskrete Erhebung einer Erektion.

Ethans Augen folgten ihrem Blick. Als er sah, was sein eigener Körper da tat, schoss ihm die Röte in Sekundenbruchteilen vom gebräunten Gesicht bis zum Ziegelrot. Die Empörung, die eigentlich Sofia gegolten hatte, richtete sich nun mit fast physischer Wucht gegen ihn selbst.

„Was zur Hölle ist das?!“, knurrte er leise und wild, als hätte sein eigener Schwanz ihn verraten. Mit einer ruckartigen, fast gewaltsamen Bewegung warf er das Laken über seinen Schoß, als wollte er eine illegale Waffe verstecken. „Verdammte geile Medikamente, die ihr in diesen Tropf packt!“

Sofia zwang sich, ruhig zu atmen. Professionell. Es war nur professionell.

„Das ist eine mögliche Nebenwirkung der Restmorphein und des Stresses, Mr. Callahan. Vollkommen unfreiwillig. Es bedeutet absolut nichts.“ Sie trat näher und vermied jeden Blick unterhalb seiner Taille. Sie konzentrierte sich auf den Tropf. „Ich überprüfe Ihre Infusion. Das ist Vancomycin, oder? Zur Vorbeugung einer Knocheninfektion.“

Ethan lag steif wie ein Brett da, den Kiefer verkrampft, den Blick starr auf die gegenüberliegende Wand gerichtet. Er vermied es krampfhaft, sie oder die eigene Erektion unter dem Laken anzusehen. Die Röte an seinem Hals war deutlich sichtbar.

„Alles, was ich bekämpfen muss, ist dieser Mist, und Sie verschwinden hier.“

„Ich kann nicht. Ich habe Dienst. Und Sie haben Fieber.“ Sie berührte kurz seine Stirn, bevor er zurückweichen konnte. Die Haut war heiß und feucht. „Schätze 38,5. Ich lasse Paracetamol kommen.“

Er keuchte auf, als ihr kühler Finger seine Haut berührte.

„Ich will keine Drogen mehr! Ich will, dass man mich in Ruhe lässt! Und dass dieses… Problem… verschwindet!“

„Das ‚Problem‘ verschwindet, wenn Sie sich entspannen. Je nervöser Sie sind, desto schlimmer wird es. Das ist grundlegende Biologie.“ Sie stellte den Tropf ein und vermied jeden unnötigen Körperkontakt. Die Luft zwischen ihnen war dick – eine Mischung aus Peinlichkeit und einer elektrischen Spannung, die Sofia nicht benennen wollte. „Wie stark sind die Schmerzen? Von null bis zehn?“

„Zehn, wenn es darum geht, Sie ertragen zu müssen? Elf.“ Er krallte die Finger ins Laken, die Knöchel weiß vor Anstrengung.

„Gutes Zeichen. Bei zwölf hätten Sie schon geschrien.“ Sie notierte etwas auf ihrem Klemmbrett und versuchte mit leichter Stimme, die Stimmung aufzulockern. „Der Mann, der bei Ihnen am Unfalltag war, war vorhin da und hat Sie besucht. Er hat Neuigkeiten vom Ranch gebracht.“

Das weckte sofort seine Aufmerksamkeit. Die grauen Augen richteten sich auf sie, die Haltung wurde etwas weniger verkrampft.

„Und? Das Kalb? Die Bullen auf der Südweide?“

„Das Kalb geht’s gut, hat er gesagt. Er hat es aus dem Graben geholt. Und die Bullen…“ Sofia zögerte, als sie das hoffnungsvolle Leuchten in Ethans Augen sah. „… brauchen dringend Wasser. Viel Wasser. Der Südbrunnen gibt weniger her als das Schluchzen einer Witwe. Seine Worte.“

Die Hoffnung erlosch und machte tiefer Bitterkeit Platz. Ethan schloss die Augen und ließ den Kopf mit einem leisen Plumps auf das Kissen fallen.

„Dawson. Der Hurensohn hat schon wieder das Wasser umgeleitet. Muss so sein.“ Seine Hand ballte sich zur Faust, aber die Kraft schien verschwunden. Es war nur Erschöpfung und ohnmächtige Wut. Das „Problem“ unter dem Laken, bemerkte Sofia diskret, hatte sich tatsächlich zurückgezogen.

„Miguel hält die Stellung. Nur Grundnahrungsmittel, hat er gesagt. Reis, Bohnen…“ Ethan unterbrach sich und fuhr gleich fort: „Er trägt wie immer die ganze Welt auf dem Rücken.“ Für einen Moment verlor Ethans Stimme die Schärfe und zeigte eine müde Dankbarkeit. Er öffnete die Augen und sah Sofia an. Diesmal ohne Wut, nur mit tiefer Erschöpfung. „Und Ben? Hat jemand diesen Mistkerl gesehen?“

Sofia biss sich auf die Lippe.

„Gestern in der Apotheke. Er hatte einen Schnitt am Finger. Und… er war nicht nüchtern.“

Ethan stieß einen leisen Laut aus, halb bitteres Lachen, halb Stöhnen. Er drehte das Gesicht wieder zur Wand.

„Natürlich war er das nicht. Warum sollte es auch anders sein?“, sagte er erschöpft, und die Niederlage in seiner Stimme war nicht zu überhören.

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