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Kapitel 3: Die Beerdigung

Author: Gift
last update publish date: 2026-10-26 07:18:38

Ilyses Perspektive

„Maren Calder war unsere Tochter.“

Rhetts Stimme trug über die stille Lichtung. Das gesamte Greyhaven-Rudel stand in dunklen, förmlichen Reihen unter dem grauen Himmel, die Köpfe gesenkt. Er stand am Kopfende des offenen Grabes, die Schultern gestrafft, das Gesicht aus Stein gemeißelt.

„Sie wurde uns viel zu früh genommen. Das Rudel wird sich an sie erinnern. Wir werden schützen, was von unserer Blutlinie bleibt. Das ist unsere Pflicht.“

Pflicht.

Er sprach die traditionellen Worte wie ein Alpha, der den Verlust von Territorium nach einem Grenzscharmützel meldet. Präzise. Beherrscht. Nichts daran klang nach einem Vater, der sein einziges Kind begräbt.

Er sah mich kein einziges Mal an.

Als die letzte Handvoll Erde gefallen war und das Rudel sich zu zerstreuen begann, blieb ich, wo ich war. Der Wind zerrte an dem schwarzen Schleier vor meinem Gesicht. Ich rührte mich nicht, bis der letzte Krieger zwischen den Bäumen verschwunden war und nur wir beide übrig waren.

Rhett trat heran und blieb in vorsichtigem Abstand stehen, als würde er es selbst jetzt vorziehen, nicht zu nah zu stehen.

„Du musst stark bleiben“, sagte er. „Das Rudel beobachtet dich, und jede Schwäche werden sie jahrelang im Gedächtnis behalten. Du bist immer noch Luna. Benimm dich entsprechend.“

Ich hob den Blick zu ihm.

Vor fünf Jahren hätte ich genickt. Ich hätte die Trauer hinuntergeschluckt, den Blick gesenkt und bei der nächsten Zeremonie mit einem perfekten, leeren Lächeln neben ihm gestanden. Jetzt kratzten seine Worte über rohe Haut.

„Hast du mich je geliebt?“

Die Frage war heraus, bevor ich sie aufhalten konnte.

Sein Kiefer spannte sich an. Er blickte an meiner Schulter vorbei zu den Bäumen, überallhin, nur nicht in mein Gesicht. „Ilyse, das ist nicht der richtige Zeitpunkt.“

„Antworte mir.“

Schweigen presste sich zwischen uns, dick und schwer.

Ich trat näher. „Wenn Neriah nie zurückgekommen wäre, hättest du mich dann berührt, wie ein Mann eine Frau berührt, die er begehrt? Hättest du mich gezeichnet? Hättest du meinen Namen gesagt, als bedeutete er mehr als ein Titel?“

Nichts. Nur der Wind in den Kiefern und das ferne Geräusch des Rudels, das den Bestattungsplatz verließ.

Dieses Schweigen war Antwort genug.

Ich drehte mich um und ging. Er rief mir nicht nach.

In dieser Nacht war das Herrenhaus still. Der Großteil des Personals hatte den Abend aus Respekt vor den Toten freibekommen. Ich betrat Rhetts Arbeitszimmer mit einer einzelnen Mappe. Er saß hinter dem Schreibtisch und las Berichte, als wäre es ein gewöhnlicher Tag, als läge unsere Tochter nicht noch kalt in der Erde.

Ich legte die Mappe vor ihn.

Er sah sie an, dann mich. „Was ist das?“

„Scheidungspapiere. Ich habe jede Seite unterschrieben.“

Er öffnete sie, überflog die erste Seite und stieß einen kurzen, humorlosen Atemzug aus. „Du trauerst. Du meinst das nicht so. Bis zum Morgen hast du es dir anders überlegt.“

„Ich meine jedes Wort.“

„Du wirst es bereuen.“

Ich hielt seinem Blick stand. „Ich bereue bereits fünf Jahre.“

Sein Stuhl scharrte hart zurück, als er aufstand. „Du bist die Luna von Greyhaven. Du gehst nicht weg, weil du verletzt bist. Das Bündnis besteht weiter, und die anderen Rudel erwarten ...“

„Ich bin nicht wütend, Rhett.“ Meine Stimme blieb ruhig. „Ich bin fertig. Unterschreib oder lass es. So oder so bin ich es leid, die Frau zu sein, die darauf wartet, dass du bemerkst, dass sie existiert.“

Ich ließ die Papiere auf dem Schreibtisch liegen und schloss die Tür, bevor er antworten konnte.

Später, allein auf dem kleinen privaten Grundstück hinter dem Herrenhaus, vollendete ich, was die öffentliche Zeremonie nur begonnen hatte. Ich ließ Marens Sarg selbst in die Erde hinab. Als die letzte Schaufel Erde das Holz bedeckte, waren meine Hände roh und blutig. Ich hatte dafür gesorgt, dass niemand vom Rudel dabei war.

Als ich Erde vom Schutzsiegel auf dem Deckel wischte, hielten meine Finger inne.

Das Siegel war gebrochen und sorgfältig wieder versiegelt worden. Jemand hatte den Sarg nach der Beerdigung geöffnet, bevor ich ihn hierher gebracht hatte.

Ich hebelte den Deckel mit der Kante der Schaufel auf.

Maren lag genau so, wie ich sie zuletzt gesehen hatte, nur dass das silberne Red-Ledger-Symbol in ihrer Handfläche verschwunden war. Nur glatte, blasse Haut war geblieben. Das persönliche Zeichen an ihrem Handgelenk war spurlos fort.

Jemand hatte sie mitgenommen.

Ich schloss den Sarg mit zitternden Händen und beendete die Bestattung schweigend. Als die Erde festgetreten war, stand ich über dem frischen Grab und sprach die einzigen Worte, die zählten.

„Ich werde herausfinden, wer dir das angetan hat.“

Gegen Mitternacht stieg ich zum oberen Korridor hinauf und blieb vor einer Tür stehen, die ich seit dem Tag meiner Hochzeit mit Rhett nicht mehr geöffnet hatte. Das Schloss reagierte noch immer auf den Schlüssel, den ich vor fünf Jahren im Futter eines alten Mantels versteckt hatte. Der Raum roch nach Staub, altem Papier und dem leichten metallischen Beigeschmack von Dingen, die zu lange gewartet hatten.

Ich ging zur hinteren Wand und drückte die verborgene Platte in der Reihenfolge, die ich noch wusste. Der falsche Wandabschnitt glitt mit einem leisen Klicken zur Seite. Der Metallkoffer stand dort, wo ich ihn zurückgelassen hatte, und meine Finger fanden die Kombination ohne Zögern.

Darin wartete alles.

Ein zusammengefaltetes schwarzes Kleid, geschnitten in einem Stil, den keine Luna je tragen würde. Ein Satz Messer, in dunkles Tuch gewickelt, ihre Schneiden noch immer perfekt und hungrig. Verschlüsselte Dokumente, mit schwarzem Wachs versiegelt. Ein schwerer Silberring, der einst meine Autorität gekennzeichnet hatte. Und ein Foto.

Ich hob es ins schwache Lampenlicht. Darauf stand ich im Zentrum eines dämmrigen Raumes. Männer und Frauen in Schwarz knieten um mich herum mit gesenkten Köpfen. Nicht neben mir. Nicht hinter mir.

Sie knieten vor mir.

Ich starrte auf mein eigenes Gesicht, härter, kälter, jünger, und der Name, den ich begraben hatte, stieg mir ungerufen auf die Lippen.

„Königin Arden.“

Eine leise Stimme antwortete aus der Dunkelheit hinter mir. „Wir haben fünf Jahre darauf gewartet, dass Ihr heimkehrt.“

Ich drehte mich langsam um, jeder Muskel bereit.

Eine maskierte Gestalt stand gleich hinter der Tür, die Haltung gerade, die Hände offen an den Seiten, um zu zeigen, dass sie keine Waffe trug. Als sich unsere Blicke durch die schmalen Schlitze seiner Maske trafen, sank er ungeheißen auf ein Knie.

Seine Stimme war tief, respektvoll, absolut.

„Meine Königin ... Eure Tochter ist nicht tot.“

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