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Kapitel 4

last update Tanggal publikasi: 2026-09-01 19:58:15

Gelegenheiten kommen tatsächlich.

Nur können sie meistens nur diejenigen nutzen, die darauf vorbereitet sind.

Mein Wunsch zu fliehen war jedenfalls nicht annähernd so groß wie meine Vorbereitung darauf.

Damals wusste ich das allerdings noch nicht.

„Der Palast veranstaltet heute Abend einen Empfang. Auf Befehl der Königin. Jede Magd wird dabei helfen müssen.“

„Sogar ich?“, fragte ich und hob überrascht die Augenbrauen.

„Vor allem du“, sagte Mary mit einem gequälten Gesichtsausdruck. „Die Königin besteht darauf, dass jeder mitarbeitet. Du wirst bei den Vorbereitungen für den großen Saal helfen. Betrachte es einfach als … eine weitere Strafe.“

Wunderbar, dachte ich.

Wenigstens würde ich dadurch mehr Gelegenheit bekommen, mich umzusehen, anstatt den ganzen Tag nur in der Küche festzusitzen.

Wer weiß? Vielleicht würde ich einen viel besseren Weg zur Flucht finden.

Während ich zusammen mit den anderen Mägden arbeitete, zogen die unterschiedlichsten Düfte durch die Luft. Gebratenes Fleisch, Suppen, die mit süßem Wein verfeinert wurden …

Die Küche war lebendig wie ein Bienenstock.

„Du siehst erschöpft aus“, bemerkte Mary.

Ich warf ihr einen Blick zu.

„Wir bekommen fünf Stunden Schlaf, Mary.“

„Das ist hier Luxus“, flüsterte sie.

Als Peter wieder Befehle durch die Küche brüllte, entfernte Mary sich und ließ mich allein mit Bergen von Geschirr und meinen Gedanken zurück.

Mein Geheimnis, dass ich in diesen Körper gelangt war, gehörte noch immer nur mir.

Ich vertraute hier niemandem.

Nicht einmal der freundlichen und fürsorglichen Mary.

Meine Ausbildung bei der Polizei hatte mich einiges gelehrt:

Vertraue langsam.

Beobachte zuerst.

Und sprich zuletzt.

Also arbeitete ich schweigend weiter und lauschte dabei dem Klatsch in der Küche.

„Die Königin will heute Abend alles perfekt haben, weil Prinz Caleb endlich wieder teilnimmt. Er war seit Monaten auf keinem Empfang mehr.“

Hm … Prinz Caleb.

Ich fragte mich, was es wohl mit ihm auf sich hatte.

Als könnten die Mägde, die neben mir Gemüse schnitten, meine inneren Gedanken hören, drang schon das nächste Gerücht an meine Ohren.

„Prinz Caleb ist kalt und sehr gefährlich, besonders wenn sein Wolf unruhig ist. Wir müssen heute Abend vorsichtig sein, wenn wir ihn bedienen.“

Sie flüsterten weiter – voller Angst und gleichzeitig mit einer unverhohlenen Neugier.

Wer auch immer dieser Prinz war, offensichtlich war mit ihm nicht zu spaßen.

Trotzdem war all das für mich nicht wichtig.

Ich war nicht hier, um in der Hierarchie aufzusteigen.

Ich war nicht hier, um einen königlichen Lycan zu beeindrucken.

Ich musste nur lange genug überleben, um diese Welt zu verstehen, meine Kraft zurückzugewinnen und vielleicht zu entkommen, bevor jemand herausfand, dass ich gar nicht wirklich Gina war.

Ich rieb über meine Handgelenke, an denen sich Tage zuvor noch die Fesseln befunden hatten.

„Stirb nicht noch einmal, Sheila“, murmelte ich leise.

Doch die Küche verschluckte meine Stimme vollständig.

**

Als wir schließlich gerufen wurden, um bei den Vorbereitungen für den Abend zu helfen, fühlten sich meine Arme wie nasse Nudeln an und mein Rücken schrie in sieben verschiedenen Sprachen.

Aber der Palastsaal …

Er verschlug mir den Atem.

Moderne Designs verschmolzen mit der Pracht einer längst vergangenen Zeit. Digitale Temperaturregler, makellos polierte Marmortresen und elegante Sicherheitsscanner flankierten die Eingänge.

Die Lycans lebten also nicht nur in einer verborgenen Welt.

Sie lebten in einer hochmodernen verborgenen Welt.

„Starr nicht“, zischte Lila erneut und drückte mir ein Tablett in die Hände.

„Und stolpere nicht. Wenn du mich blamierst, dann werde ich—“

Ihr Satz brach abrupt ab.

Eine Welle von Energie rollte durch den Saal.

Schwer.

Geladen.

Ich spürte einen seltsamen, einzigartigen Duft, den ich nicht ganz zuordnen konnte.

Er erinnerte mich an rauchige Kiefern, vermischt mit dem Geruch von Erde nach einem Regenschauer.

Der Duft löste eine angenehme Wärme in mir aus.

Seltsam …

Und gleichzeitig berauschend.

Während ich von meinen eigenen Gefühlen abgelenkt war, bemerkte ich, wie sich die Mägde plötzlich aufrichteten, als wären sie zuvor zusammengesackt gewesen.

Auch einige Gäste hatten mitten im Gespräch aufgehört zu reden.

„Was passiert hier?“, flüsterte ich Mary zu.

„Prinz Caleb ist da“, hauchte Mary neben mir.

Ah!

Das erklärte also diese angespannte Atmosphäre.

Alle bewegten sich mit einstudierter Eleganz, als die Königin als Erste den Saal betrat.

Sie war groß und wunderschön und trug ein nachtblaues Seidenkleid.

Ihr scharfer, berechnender Blick glitt durch den Saal, bis sie offenbar zufrieden war.

Dann betrat er den Raum.

Prinz Caleb.

Plötzlich fühlte sich der Saal viel zu klein an.

Und ich konnte nur einen Gedanken fassen:

Was für ein großer Kerl!

Er war größer als jeder andere Anwesende. Breite Schultern zeichneten sich unter seinem Hemd ab, und sein Körper war von perfekt definierten Muskeln geprägt.

Sein Haar war dunkel und leicht zerzaust, als wäre er gerade erst aufgestanden.

Seine markante Kieferlinie hätte vermutlich Diamanten schneiden können.

Doch es waren seine Augen, die mich wie angewurzelt stehen ließen.

Stahlgrau.

Mit einem beängstigenden und zugleich hypnotisierenden Blick.

Besonders in dem Moment, als er in meine Richtung sah.

Ich glaube, für eine Sekunde hörte ich sogar auf zu atmen.

Er bewegte sich, als würde sich die Welt um ihn herum beugen.

Als würde die Schwerkraft nur dann gelten, wenn er es erlaubte.

Jeder Lycan senkte den Kopf, sobald er an ihm vorbeiging.

Er blieb stehen, um mit einem Adeligen zu sprechen.

Ich wandte den Blick schnell ab und erinnerte mich an die Regeln.

Doch irgendetwas in mir hatte sich verändert.

Es fühlte sich an, als hätte ich ihn schon einmal gesehen.

Vielleicht vor langer Zeit.

Aber wenn das wirklich so wäre, würde ich mich doch daran erinnern, oder?

„Gina!“, zischte Mary und stieß mich mit dem Ellenbogen an.

„Bring das Tablett zum Tisch der Königin.“

Ich hätte es beinahe fallen lassen.

„Ich?“

„Du stehst am nächsten dran. Geh!“

„Was ist das bitte für eine Falle?“, murmelte ich.

Mein Herz schlug mir bis zum Hals, als ich mich dem königlichen Tisch näherte.

Meine Schritte klangen in meinen Ohren viel zu laut.

Ich spürte eine Mischung aus Angst und Erwartung, obwohl ich selbst nicht wusste, worauf ich eigentlich wartete.

Ich erreichte den Tisch der Königin und verbeugte mich leicht, wobei ich sorgfältig darauf achtete, ihr nicht in die Augen zu sehen.

Sie nahm das Glas von meinem Tablett, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen.

Ich drehte mich um und wollte gehen.

Und genau da passierte es.

Jemand kam auf mich zu.

Die Atmosphäre veränderte sich.

Ich spürte eine elektrisierende Präsenz, so intensiv, dass mir der Atem im Hals stecken blieb.

Und bevor ich mich davon abhalten konnte …

hob ich den Blick.

Direkt in Prinz Calebs Augen.

Für einen Herzschlag schien die gesamte Welt stillzustehen.

Seine Schritte kamen zum Erliegen.

Sein Blick verengte sich.

Seine Nasenflügel bebten leicht, als hätte er mich bei etwas Verbotenem ertappt.

Mein Herz machte einen schmerzhaften Satz.

Nein. Nein!

Idiotin, schau weg, Sheila!

Ich senkte sofort den Blick und verbeugte mich hastig, während mir die Hitze ins Gesicht stieg.

Doch er bewegte sich nicht.

Ich wollte weitergehen, aber er versperrte mir den Weg.

Die Stille zog sich in die Länge.

Es schien, als hätten die Menschen um uns herum etwas bemerkt, denn ich hörte leises Gemurmel.

Sogar die Königin wandte sich uns fragend zu.

Ich fragte mich, ob ich ihn irgendwie beleidigt hatte.

Oder ob er mein vorheriges Gemurmel gehört hatte.

Dann sprach der Prinz mit einer tiefen, rauen Stimme.

„Du.“

Ich erstarrte.

Ich schluckte.

„I-Ihre Hoheit?“

Seine Stiefel klackten auf dem Boden, als er näher kam.

Das Tablett zitterte in meinen Händen.

Sein Duft umhüllte mich – intensiv, warm und auf eine völlig unvernünftige Weise berauschend.

Er zog an etwas tief in meinem Inneren, etwas, das ich nicht verstand.

Er blieb direkt vor mir stehen und überragte mich.

„Du bist neu.“

Es war keine Frage.

Eher eine Feststellung, in der gleichzeitig eine seltsame Neugier lag.

„I-Ich arbeite in der Küche, Eure Hoheit“, brachte ich hervor.

Er trat noch näher.

Mein Atem stockte, als ich spürte, wie die Hitze in Wellen von seinem Körper ausging.

Sein Blick glitt über mein Gesicht.

Er verweilte auf meinen Augen.

Dann auf meinem Mund.

Und kehrte schließlich mit einer beunruhigenden Zielstrebigkeit zu meinen Augen zurück.

„Sieh mich an“, befahl er.

Meine Brust zog sich zusammen.

Die Regel, niemals einem Royal in die Augen zu sehen, stand im direkten Widerspruch zu seinem Befehl.

Zögernd hob ich den Blick.

Seine Augen veränderten sich.

Sie wurden dunkler.

Glaube ich zumindest.

Etwas erschien in seinem Blick.

Interesse?

Erkenntnis?

Glaubte er etwa ebenfalls, mich zu kennen?

Bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, durchschnitt die Stimme der Königin scharf die Spannung.

„Caleb.“

Er wandte den Blick nicht von mir ab.

„Lass die Dienerschaft in Ruhe“, fuhr sie in leichtem Ton fort. „Das hier ist wohl kaum der richtige Zeitpunkt für ein Verhör.“

Ein Verhör?

War es das gewesen?

Calebs Kiefer spannte sich an.

„Sie hat mich angesehen.“

„Sie ist ein Mensch“, erwiderte die Königin beiläufig. „Menschen machen Fehler.“

Er sah die Königin einen Moment lang an.

Dann trat er endlich von meinem Weg zurück und ging zu seinem Platz.

Erst da konnte ich wieder richtig atmen.

Ich eilte zu dem Platz zurück, an dem die Mägde warteten.

Mein Blick traf auf Lilas wütende Augen.

Ihre Stimme war kaum mehr als ein giftiges Flüstern.

„Du bist tot.“

Wahrscheinlich.

Mary eilte mit weit aufgerissenen Augen zu mir.

„Gina … WAS hast du getan?“

„Ich habe gar nichts getan“, zischte ich zurück.

Doch selbst während ich es abstritt, wollte sich mein Herzschlag nicht beruhigen.

Dieser gefährliche Prinz hatte mich offenbar ins Visier genommen.

Und ich konnte mich des Gefühls nicht erwehren, dass mein ohnehin schon miserables Schicksal gerade dabei war, noch viel schlimmer zu werden.

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