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Kapitel 6

last update Fecha de publicación: 2026-09-03 22:44:23

Ginas Sicht

Während des gesamten Empfangs der Königin wurden wir auf Trab gehalten. Lila schnappte ständig nach Leuten wie eine Wölfin in der Paarungszeit.

Vielleicht war sie ja tatsächlich läufig. Wer weiß? Bei diesen Lycans hatte ich noch längst nicht verstanden, wie ihre Biologie eigentlich funktionierte.

Bis zum Abend hatten die von den Royals eingeladenen Adligen gegessen und getrunken, und meine Begegnung mit dem Prinzen schien zu einer beiläufigen Geschichte geworden zu sein – zumindest dachte ich das.

Bevor ich mich nach dem Empfang davonstehlen konnte, um mich endlich auszuruhen, wurde ich in einer Ecke des Dienstbotengangs abgefangen.

„Du bist also diejenige, die den Prinzen heute respektlos behandelt hat?“, fragte eine Magd, die ich nicht kannte, während sie mich angewidert musterte.

Anhand ihrer Kleidung war eindeutig zu erkennen, dass sie eine Magd war. Eine zweite Frau, offensichtlich ihre Untergebene, stand neben ihr und versperrte mir den wahrscheinlichsten Fluchtweg.

Die zweite Magd ergriff das Wort.

„Lena, sie ist deine Zeit nicht wert. Offensichtlich wird sie sowieso bald sterben, nachdem sie den Prinzen beleidigt hat.“

„Halt den Mund, Fiona! Sie wurde damals nicht bestraft. Wer sagt also, dass sie jetzt bestraft wird?“

Senke den Kopf, Gina. Atme ein und aus. Beobachte. Antworte nicht, bis du einen Ausweg gefunden hast.

Ich wiederholte die Worte in Gedanken.

Meine Polizeiausbildung setzte automatisch ein und erdete mich, genau wie früher, wenn ich an Tatorten Details katalogisiert hatte, um meine Angst zurückzudrängen:

Der Abstand zwischen den Personen.

Die Veränderung ihrer Tonlage.

Menschen, die meinem Blick auswichen.

Oder diejenigen, die mich viel zu aufmerksam anstarrten.

Ich war müde und gestresst und wusste, dass ich hier nicht so einfach herauskommen würde.

Aber zumindest konnte ich versuchen, einen Weg zu finden, der möglichst wenig Schaden verursachte.

Überleben. Einfach überleben, Gina.

Ich wiederholte es immer wieder, während die beiden Frauen sich stritten.

Dann begann ich zu überlegen, wie ich die Situation lösen konnte.

„Kann ich jetzt gehen? Klärt das unter euch“, sagte ich und hoffte, die Situation damit entschärfen zu können.

„Du Schlampe! Wen willst du damit beeindrucken? Ich sage dir gleich eines: Nur weil du mit dem Prinzen gesprochen hast, bist du hier noch lange niemand. Und du wirst auch immer niemand sein. Verstanden?“

Ich verdrehte die Augen und murmelte leise:

„Schenk mir Geduld, damit ich mit Narren fertigwerde.“

Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen.

„Ach, jetzt verstehe ich. Ihr beide seid eifersüchtig, weil der Prinz mit mir gesprochen hat, richtig? Ich kann euch versichern, dass ich mir nichts darauf einbilde und mir nichts aus ihm mache. Ihr könnt ihn meinetwegen beide haben.“

Der Sarkasmus in meiner Stimme war kaum zu überhören.

Magd Nummer eins stieß mich.

Die Wucht des Stoßes ließ meine Schulter gegen die Wand krachen.

„Ahhh! Du musst doch nicht gleich so gewalttätig werden!“, protestierte ich und verzog das Gesicht vor Schmerz.

„Hört auf, die Neue zu schikanieren, ihr beiden!“

Marys Stimme hallte durch den Gang.

Sie kam keuchend auf uns zu.

„Ich habe Lady Lila gerufen, und sie kommt sofort. Wenn euch etwas an eurem eigenen Wohl liegt, solltet ihr jetzt verschwinden.“

„Oh, die kleine Mäuserin Mary“, spottete Magd Nummer eins. „Hast du jetzt etwa die Rolle der Beschützerin übernommen?“

Dann wandte sie sich an Fiona.

„Komm, Fiona. Und nur damit du Bescheid weißt, Mensch – ich werde dich im Auge behalten.“

Sie warf mir einen drohenden Blick zu, drehte sich um und stolzierte davon, als würde sie über einen Laufsteg schreiten.

„Geht es dir gut, Gina?“, fragte Mary.

Besorgnis lag in ihren Augen.

Ich konnte nicht anders, als mich zu fragen, ob sie wirklich immer so nett war.

„Ja, danke. Ich weiß nur nicht, ob meine Schulter gebrochen ist oder nicht“, antwortete ich und versuchte, den Schmerz aus meinen schwachen Knochen zu massieren.

„Komm mit. Wir holen dir eine Salbe von der Heilerin.“

Ich hatte keine Lust zu protestieren und folgte ihr.

Die Heilerin befand sich in einem anderen Flügel der Dienstbotenquartiere.

Sie war eine junge Frau mit einem warmen, beinahe kuscheligen Aussehen.

Sie erinnerte mich an die Nonne, die mich beschützt hatte, als ich mit zehn Jahren im Waisenhaus von anderen Kindern gehänselt worden war.

„Schön, dich zu sehen, Mary. Bist du schon wieder verletzt?“, fragte sie mit einem sanften Lächeln.

„Nein, Tabitha. Ich habe die neue Magd mitgebracht. Sie hat sich an der Schulter verletzt“, erklärte Mary und präsentierte mich der Heilerin beinahe wie eine Ware.

„Ach so. Komm näher. Mal sehen, was wir hier haben.“

Ich knöpfte den oberen Teil meines Dienstmädchenkleides auf.

Ein stechender Schmerz durchfuhr mich, als ich den Stoff von meiner Schulter zog, um ihr die Verletzung zu zeigen.

Diese Mägde hatten mich wirklich übel zugerichtet.

Ich hatte mich noch nicht einmal von den Striemen der Fesseln an meinen Hand- und Fußgelenken erholt, und schon hatte ich die nächste Verletzung.

„Hm. Das sieht ziemlich übel aus. Wurdest du gestoßen? Deine Haut ist ziemlich empfindlich. Du musst vorsichtiger sein.“

„Ja. Werde ich.“

Kurz darauf wurde meine Schulter verbunden, und ich bekam eine Salbe, die ich zur Behandlung und zum Einmassieren benutzen sollte.

„Danke, Tabitha“, sagte ich erschöpft.

Dann verließ ich gemeinsam mit Mary die Krankenstation, bereit für meinen dringend benötigten Schlaf.

Wir waren noch keine Minute unterwegs, als wir auf Lila trafen.

Sie schien auf uns gewartet zu haben.

Ich konnte es nicht für mich behalten und flüsterte:

„Mary, hast du Lila wirklich vorhin gerufen?“

„Nein. Ich habe das nur gesagt, um deine Mobberinnen einzuschüchtern“, antwortete sie.

„Warum ist Lila dann hier?“

„Fragst du mich das wirklich? Du scheinst vergessen zu haben, welches Chaos du heute beim Empfang verursacht hast.“

Ach ja.

Meine Begegnung mit dem Prinzen.

Lila wartete bereits auf uns.

Und nach dem ausdruckslosen Gesicht zu urteilen, würde das für mich wohl nicht gut ausgehen.

Sie verschwendete keine Zeit mit einer Begrüßung.

Mit einem Ton, der keinerlei Raum für Widerspruch oder Diskussion ließ, sagte sie:

„Mary, du kannst zurückgehen. Du kommst mit mir.“

Ich hatte keine andere Wahl, als ihr zu folgen.

Es gab keine Möglichkeit zu protestieren.

Ich drehte mich nicht um, aber ich konnte spüren, dass Mary verschwunden war.

Meine rückgratlose Geschirrspülerin.

Lila sagte kein Wort.

Sie ging schnell und bewegte sich mit einer Leichtigkeit, die ihre offensichtliche Lycan-Abstammung verriet.

Ich musste beinahe joggen, um mit ihr Schritt zu halten.

Als Polizistin hatte ich meinen Körper immer fit gehalten.

Deshalb war es besonders deprimierend, mich jetzt in einem Körper wiederzufinden, der so schwach war, dass ich schon bei der geringsten Anstrengung schwer atmete.

Ich musste wirklich herausfinden, wie ich von hier entkommen konnte.

Mit einem Körper wie diesem würde das allerdings nicht einfach werden.

Gedankenverloren joggte ich hinter Lila her.

So sehr war ich in meinen Gedanken versunken, dass ich beinahe in sie hineinlief, als sie plötzlich vor einer Tür stehen blieb.

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