MasukKAPITEL 2
„Sei nicht lächerlich, Vivienne! Nimm das Kinn runter und komm sofort mit mir!“, zischte Dominic. Sein Griff um Viviennes Ellbogen war so fest, dass sich seine Fingernägel beinahe durch den Satinstoff ihres Kleides bohrten. Vivienne rührte sich nicht. Anstatt Angst zu zeigen, blickte sie den Dutzenden Augen entgegen, die nun auf sie gerichtet waren. Lucas lachte leise und durchbrach die angespannte Stille. Mit spöttischem Lächeln schwenkte er sein Champagnerglas. „Komm schon, Dominic. Halt deine Frau nicht vom Tanzen ab. Lass sie es doch versuchen. Ich bin neugierig … Kann ein Schwein genauso anmutig auf der Bühne tanzen wie ein Schwan?“ Schwein. Dieses eine Wort traf Vivienne mitten ins Herz. Es schmerzte mehr als jede Ohrfeige. Sie sah zu Dominic hinüber und hoffte, ihr Mann würde Lucas wenigstens eine Beleidigung zurückgeben oder ihm sogar eine Ohrfeige verpassen. Doch Dominic schwieg. Stattdessen blickte er Vivienne mit einem Ausdruck an, der Lucas' Worte nur zu bestätigen schien. Du bist peinlich, und genau so solltest du genannt werden. „Lass mich los, Dominic“, flüsterte Vivienne. Ihre Stimme bebte nicht vor Schwäche, sondern vor einer Wut, die ihren Höhepunkt längst erreicht hatte. Mit einer kräftigen Bewegung riss sie ihren Arm aus seinem Griff. Ohne sich noch einmal umzudrehen, marschierte Vivienne aus dem Ballsaal in Richtung des Backstage-Korridors, wo sich die Garderoben der Tänzer befanden. Im leeren Umkleideraum durchsuchte sie mit hastigen, unregelmäßigen Atemzügen die Kleiderständer. Nichts. Nicht ein einziges Tanzkostüm von Giselles Agentur passte ihrem achtzig Kilogramm schweren Körper. Bei jedem Kleid weigerte sich der Reißverschluss, sich schließen zu lassen. Vivienne starrte ihr Spiegelbild im großen Spiegel an. Tränen der Wut liefen ihr über die Wangen. „Wartet nur ... Ich werde euch allen zeigen, wer ich bin.“ Sie griff nach einer großen Stoffschere, die auf dem Schminktisch lag. Ohne auch nur einen Moment zu zögern, schnitt Vivienne den unteren Teil ihres bordeauxroten Kleides ab, bis der Saum weit über ihren Knien endete und ihre kräftigen Oberschenkel vollständig freilagen. Doch dabei blieb es nicht. Sie riss die Ärmel auf und schnitt den Ausschnitt tief herunter, sodass ein gewagtes Dekolleté entstand, das ihre üppige Oberweite deutlich betonte. Mit absichtlich zerzaustem Haar und barfuß kehrte Vivienne in den Ballsaal zurück. In dem Moment, als sie ins Licht der Bühne trat, brach im gesamten Saal schallendes Gelächter aus. Ihr Erscheinungsbild entsprach in keiner Weise dem dortigen Schönheitsideal. Ihr kurviger Körper war offen sichtbar und bildete einen starken Kontrast zu den schlanken Gestalten im Ballsaal. Dominic stürmte sofort bis an den Bühnenrand. Sein Gesicht war vor Schock tiefrot angelaufen. „Vivienne! Komm sofort herunter! Hast du völlig den Verstand verloren?!“ Vivienne ignorierte ihn. Sie gab dem völlig verwirrten Musiktechniker in der Ecke des Saales ein Zeichen, die Musik zu starten. Eine langsame Tangomelodie mit festem Rhythmus erfüllte den Raum. Noch bevor Vivienne den ersten Schritt machen konnte, trat Giselle Moreau dicht an Dominic heran. Die schlanke Frau legte ihre Hand bewusst auf seinen Arm und strich mit gespielter Besorgnis sanft darüber. „Lass sie doch, Dominic“, sagte Giselle laut genug, damit ihre Stimme bis zur Bühne drang. „Vielleicht möchte deine Frau dich heute Abend wirklich vor allen bloßstellen. Mach dir nicht die Hände schmutzig, indem du sie von der Bühne zerrst.“ Als Vivienne Giselles Finger auf dem Arm ihres Mannes sah – jenes Mannes, der sie während ihrer zweijährigen Ehe nicht ein einziges Mal freiwillig berührt hatte –, begann ihr Blut vor Eifersucht und Groll zu kochen. Diese Gefühle ließen das Adrenalin durch ihren Körper schießen. Vivienne schloss die Augen und überließ ihren Körper dem Rhythmus der Musik. Währenddessen herrschte auf dem dunkelsten VIP-Balkon eine völlig andere Atmosphäre. Die vier Männer, die über die größte wirtschaftliche Macht des Landes verfügten, saßen hinter der gläsernen Brüstung und beobachteten schweigend das Geschehen auf der Bühne. Tristan Vance stützte das Kinn auf seine Hand. Seine sonst so kalten und desinteressierten Augen ruhten nun aufmerksam auf der Frau unter ihm. „Daddy, sieh sie dir an. Findest du diese kurvige Frau nicht ausgesprochen interessant?“ Alistair Vance, den alle nur Daddy nannten und der das Familienoberhaupt war, schwieg. Mit einem leisen Klicken zündete er sich seinen Zigarrenstummel an. Sein scharfer, lebenserfahrener Blick folgte jeder einzelnen Bewegung von Viviennes Körper – besonders ihrem tiefen Dekolleté, das bei jeder Drehung deutlicher sichtbar wurde. Sie besaß eine seltene, ungefilterte Ausstrahlung. „Seid ihr alle blind?“, entgegnete Christian Vance kühl und ohne jede Regung. „Sie ist unerquicklich anzusehen. Ihre Bewegungen sind völlig unkoordiniert.“ Und doch konnte selbst Christian den Blick nicht von der Bühne lösen. Sein Mund kritisierte sie, doch seine Finger klopften unbewusst im Takt von Viviennes Tanz auf die Tischplatte – eine Wahrheit, die er vor seinem Cousin nicht verbergen konnte. Julian Vance erschauerte leicht und verzog die Lippen zu einem schiefen Lächeln. „Onkel, sieh dir ihre Bewegungen an. Die Art, wie sich ihre Kurven bewegen ... irgendwie jagt mir das eine Gänsehaut über den Rücken. Sie tanzt mit ihrem ganzen Schmerz.“ Auf der Bühne legte Vivienne ihre gesamte verbliebene Kraft in jeden einzelnen Schritt. Ihr Tanz war sinnlich, intensiv und erfüllt von tiefem Schmerz. Doch ihr erschöpfter Körper, der an eine derartige Belastung nicht gewöhnt war, näherte sich langsam seiner Grenze. Mit dem letzten kraftvollen Schlag der Musik verfing sich ihr Fuß im Saum ihres eigenen Kleides. Rums! Ihr achtzig Kilogramm schwerer Körper stürzte schwer auf den glatten Bühnenboden. Ungeschickt rollte sie bis in die Nähe der Treppe, die von der Bühne hinunterführte. Der gesamte Saal brach in noch lauteres Gelächter aus als zuvor. Lucas hielt sich den Bauch vor Lachen, während Giselle lediglich zufrieden lächelte. Sie hatte gewonnen, ohne sich selbst die Hände schmutzig machen zu müssen. Noch bevor Vivienne sich aufrichten und den Schmerz in ihren Knien überwinden konnte, packte eine kräftige Hand grob ihr Handgelenk. Dominic riss sie rücksichtslos auf die Beine. Es kümmerte ihn nicht im Geringsten, dass ihr zerrissenes Kleid dabei für einen kurzen Moment mehr von ihrem Körper preisgab. Sein Gesicht war ihrem so nah, dass sie seinen heißen Atem spüren konnte. In seinen Augen loderte unverhohlener Hass. „Wir gehen nach Hause! Bist du jetzt zufrieden, nachdem du mich vor allen Leuten blamiert hast?!“, brüllte Dominic. Seine Stimme hallte selbst über das anhaltende Gelächter der Gäste hinweg. Halb zerrend, halb schiebend brachte Dominic Vivienne durch den Notausgang aus dem Ballsaal hinaus. Hinter ihnen blieb das lärmende Bankett zurück, das sie soeben zur größten Lachnummer des Jahres gemacht hatte. Hoch oben jedoch, verborgen in der Dunkelheit des VIP-Balkons, stieß Alistair Vance langsam eine Wolke Zigarrenrauch aus. Sein Blick ruhte unverwandt auf der Tür, hinter der Vivienne verschwunden war. In seinen Augen glomm ein gefährlich aufkeimendes Interesse.Kapitel 146Einen Monat später erstrahlte der Große Ballsaal eines Fünf-Sterne-Hotels im Herzen des zentralen Finanzdistrikts Asiens im Glanz hunderter Kristallkronleuchter, was eine Atmosphäre von außergewöhnlicher Pracht schuf. Der weitläufige rote Samtteppich war erfüllt von den Schritten von Magnaten, globalen Investoren und Herrschern der internationalen Finanzmärkte, die sich zu diesem Anlass versammelt hatten. Dieses exklusive Gala-Dinner fand statt, um die größte Integration der globalen Kosmetik- und Investmentmärkte des Jahres zu feiern.Inmitten der Menge stand Vivienne mit reiner und bezaubernder Eleganz. Sie sah an diesem Abend außergewöhnlich modisch aus, gekleidet in eine kastanienbraune Plus-Size-Seidenrobe, die von einem renommierten Pariser Designer entworfen worden war. Das Kleid schloss ihre üppige Figur ein und betonte ihre volle Brust sowie ihre kurvigen Hüften auf wunderschöne Weise. Ihr langes schwarzes Haar war ordentlich zu einer eleganten Hochsteckfrisur ges
Kapitel 145Drei Jahre vergingen wie im Flug und brachten gewaltige Veränderungen in der höchsten Hierarchie des Vance-Klans mit sich. Die Hauptallee des Anwesens war nicht mehr von den explosiven Cyber-Unruhen der Vergangenheit erfüllt. Heute spiegelte der Glanz der Kristallkronleuchter eine Atmosphäre von starrer Formalität wider. Alistair Vance war aufgrund seiner nachlassenden Gesundheit offiziell von seinem Posten zurückgetreten und hatte die absolute Autorität über den Klan vollständig an seinen Kronprinzen Tristan Vance übergeben.Tristan saß auf dem majestätischen Mahagonistuhl, gekleidet in einen perfekt maßgeschneiderten schwarzen Anzug. Seine breite Gestalt war noch imposanter geworden, während sein fester Kiefer fest angespannt blieb und die kalte Aura eines neuen Führers ausstrahlte, der die vollständige Kontrolle über den inländischen wie internationalen Markt übernommen hatte. Doch in seinen dunklen Augen war der Funke der Besessenheit nie ganz erloschen.Julian Vance u
Kapitel 144Die sengende Sommerneigung Europas tauchte die weiße Marmorterrasse des Privatresorts in eine wohltuende Wärme. Vivienne saß bequem auf einer erstklassigen Liege aus cremefarbenem Samt. Ihre weichen Finger, verziert mit fliederfarbenem Nagellack, hoben mit anmutiger Leichtigkeit ein Kristallglas mit einem gekühlten, süßen Pandan-Getränk, dessen Oberfläche von einem leichten Beschlag überzogen war, bevor sie einen langsamen Schluck nahm. Die schimmernde Flüssigkeit spiegelte die tiefe Zufriedenheit wider, die in ihren runden Augen leuchtete – Augen, die seit jeher von reifer, taktischer Gerissenheit erfüllt waren.Auf dem kleinen Glastisch neben ihr lag eine internationale Wirtschaftszeitung. Ihre Titelseite berichtete über die Dynamik des globalen Finanzmarktes, während eine Ecke der fingierten internationalen Ermittlungskolumne noch immer gelegentlich den Vance-Klan im Zusammenhang mit den ungelösten Gerüchten um ihre Jagd nach den Cyber-Vermögenswerten erwähnte.Der Beri
Kapitel 143Die Zeit schritt in ihrem stetigen Rhythmus voran und zog einen Tag nach dem anderen in eine Reihe von Monaten über, die sich auf dem majestätischen Anwesen des Vance-Klans nur noch grau und quälend anfühlten. Sechs Monate waren seit jener verhängnisvollen Samstagnacht vergangen, die den gesamten Stolz und die verborgenen Ersparnisse ihrer Familie zerschmettert hatte. Die Kernfinanzstruktur von Vance Enterprises war zwar erhalten geblieben, doch die Atmosphäre in der luxuriösen Marmorvilla hatte sich vollkommen verwandelt – in etwas, das einem prachtvollen, aber stummen und kalten Friedhof glich.Der Glanz des Kristallkronleuchters, der hoch oben in der Hauptallee hing, schien seine einst so stolz zur Schau gestellte Brillanz verloren zu haben. Lärmende Diskussionen über skrupellose Strategien, um die Kontrolle über den internationalen Markt mit allen Mitteln an sich zu reißen, gab es hier nicht mehr.Stattdessen war jeder Winkel der Villa nun von den erdrückenden Schatten
Kapitel 142Die erstickende Stille im Schlafzimmer des Westpavillons auf dem Anwesen des Vance-Klans wurde plötzlich von einem wilden Brüllen voller Wut zerschmettert. Julian Vance schlug seine mächtige Faust rücksichtslos in die leere Glasvitrine.Rums!Scharfe Kristallsplitter verstreuten sich über den Eichenboden und reflektierten den lodernden Wahnsinn, der in ihm brannte. Seine breite Brust hob und senkte sich in kurzen, stoßweisen Atemzügen, während seine adlergleichen Augen tiefrot glühten, während er darum kämpfte, seinen verletzten Stolz, sein brennendes Verlangen und sein männliches Ego im Zaum zu halten, die völlig zerschmettert worden waren.„Eine Woche! Eine ganze Woche lang haben wir uns wie die letzten Idioten aufgeführt, während wir glaubten, auf dem Gipfel der Welt zu sitzen!“, brüllte Julian, während seine tiefe Baritonstimme heiser aus seiner Kehle stieg. Mit zitternder Kraft griff er sich in das schwarze Haar. „Diese dicke Frau ... diese kurvige Schlampe hat das al
Kapitel 141Die riesige Turmuhr im Zentrum des Anwesens der Vances schlug zwölf Mal und verkündete damit offiziell den Anbruch des Sonntags um Mitternacht. Im privaten Festsaal des Obergeschosses sonnten sich Alistair, Julian und Christian in der Illusion des Sieges. Sie hoben ihre Gläser mit bernsteinfarbenem Alkohol, während sie auf Vivienne warteten – in dem Glauben, sie würde sich noch immer in ihrem Zimmer zurechtmachen.Unterdessen herrschte jenseits der hinteren Begrenzung des Anwesens – einem privaten Schutzwald, der von einem fünf Meter hohen, unter Hochspannung stehenden Eisenzaun umgeben war – eine unheimliche Stille. Nicht ein einziger Wachposten patrouillierte in dieser Gegend.Bzzz.Punkt Mitternacht erlosch jedes einzelne rote Indikatorlicht auf dem äußeren Steuerungspanel der Cybersicherheit in perfekter Reihenfolge. Das hochmoderne Sicherheitssystem, das den gesamten äußeren Perimeter schützte, wurde für ein Zeitfenster von fünfzehn Minuten vollständig deaktiviert. Tr







