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Alles hinter sich lassen

Author: Artemis
last update publish date: 2026-07-10 05:21:49

June's POV

„Wir sind angekommen, Ma'am“, sagte der Fahrer mit tiefer Stimme und riss mich aus meinen Gedanken zurück in die Realität. Ich sah mich um und bemerkte, dass er direkt vor den großen Toren geparkt hatte, die das Anwesen meiner Eltern bewachten. Es war bereits Nacht, und alles wirkte so ruhig wie immer.

„Okay, danke“, murmelte ich leise, als ich aus dem eleganten schwarzen Wagen stieg. Der Fahrer nickte nur und fuhr wortlos davon. Ich blieb draußen stehen und fragte mich, was ich jetzt tun sollte. Ich blickte auf die schwarze Karte, die er mir in die Hand gedrückt hatte.

Ich trat in den Flur und legte meine Schlüssel langsam ab, wobei ich versuchte, nicht zu laut zu atmen, als könnte allein das schon alles zum Explodieren bringen.

Kael Alistair.

Dieser Name hallte immer wieder in meinem Kopf wider. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet der Lykanerkönig mein Gefährte sein würde? Und was für ein Zeitpunkt, um seinen Gefährten zu finden! Es brachte mich beinahe zum Schnauben. Er wollte mich nicht einmal. Nicht, dass ich ihn wollte. Ich hatte mit allem abgeschlossen, was mit Gefährten zu tun hatte.

„June?“ Die Stimme meiner Mutter erklang in dem Moment, als ich die Haustür aufstieß.

Ich schluckte gegen die Trockenheit in meinem Hals an und zwang mich, durch den Torbogen zu gehen. Da saßen sie. Mom, Dad und Korra, alle an der großen Kücheninsel. Meine Schwester strahlte über das ganze Gesicht. Ein Glas Weißwein baumelte in ihrer Hand, ihre Augen funkelten, als gehöre ihr die Welt. Dann sah ich es. Den Ring. Er glitzerte so hell, dass mir beinahe übel wurde.

„Wo zum Teufel warst du?“, fuhr Mom mich an und erhob sich halb von ihrem Hocker. Sie hatte diesen üblichen wütenden, genervten Ausdruck im Gesicht.

Dad sah mich nicht einmal an. Er griff lediglich nach seinem Glas und ließ die Eiswürfel darin kreisen, als wäre das wichtiger als meine Anwesenheit.

Ich antwortete nicht. Ich konnte nicht. Meine Füße fühlten sich an, als wären sie am Fliesenboden festgeklebt. Mein Herz versuchte bereits, mir den Hals hinaufzukriechen.

Korra hob ihre Hand, als hätte ich den Ring noch nicht gesehen. „Ist er dir aufgefallen?“, fragte sie mit schmieriger Stimme. „Seth hat mir letzte Nacht einen Antrag gemacht. Ist das nicht wunderbar?“ Sie setzte diesen unschuldigen Blick auf, als würde sie nicht gerade damit prahlen, dass sie sich mit meinem langjährigen Freund und versprochenen Gefährten verlobt hatte. Als hätte sie mich nicht auf unserer eigenen Geburtstagsfeier gebrochen und gedemütigt.

Ich starrte auf ihre Hand. Auf den Ring, der niemals ihr hätte gehören dürfen.

Mom schnaubte. „Na? Willst du gar nichts sagen? Vielleicht ‚Herzlichen Glückwunsch‘? Oder ist das zu viel verlangt?“ Sie wurde mit jeder Sekunde meiner Stille gereizter. Aber was hätte ich tun oder sagen sollen? Waren ihre Erinnerungen ausgelöscht worden? Verstanden sie nicht, was passiert war? Ignorierten sie einfach die Tatsache, dass all die Jahre mit meinen Gefühlen gespielt worden war? Meine Lippen öffneten sich, doch keine Worte kamen heraus. Ich versuchte immer noch herauszufinden, ob das hier ein Albtraum war, aus dem ich aufwachen konnte.

„June.“ Mom trat näher und verschränkte die Arme, als wäre ich ein ungezogenes Kind. „Deine Schwester hat sich gerade verlobt. Kannst du nicht für fünf Minuten aufhören zu schmollen und dich mit ihr freuen? Ehrlich gesagt könntest du uns wenigstens dabei helfen, die Verlobungsfeier zu planen.“

Das war der Moment. Etwas in meiner Brust brach auf. Der Raum begann sich zu drehen, und alles, was ich seit Wochen in mich hineingefressen hatte – das Schweigen, der Schmerz, der Verrat – brach mit voller Wucht aus mir heraus.

„Ihr wollt, dass ich feiere?“ Meine Stimme klang schrill vor Unglauben. Ich drehte mich zu ihr um, während Tränen den Rand meines Blickfeldes verschwimmen ließen. „Meinst du das gerade wirklich ernst?“

Korras Lächeln verblasste.

„Ihr wollt, dass ich eine Feier für die beiden mitplane?“ Ich rang nach Luft und deutete wild auf sie und diesen verdammten Ring. „Korra hat mir meinen Freund nach vier Jahren weggenommen. Und ihr verlangt von mir, das zu feiern?“

„June“, sagte Dad schließlich mit flacher Stimme, als könnte ihn das alles nicht weniger interessieren. „Es bringt nichts, herumzuschreien.“

„Es bringt nichts—? Hört ihr euch überhaupt selbst zu?“ Ich konnte die Tränen jetzt nicht mehr zurückhalten. Sie liefen heiß und unaufhaltsam über meine Wangen. „Sie hat ihn mir weggenommen. Und keinen von euch interessiert das.“

„So einfach ist das nicht“, sagte Mom mit angespannter Stimme. „Beziehungen halten nicht immer. Menschen entwickeln sich auseinander.“

Ich lachte, doch es klang nur gebrochen. „Wir haben uns nicht auseinandergelebt. Er hat mich betrogen – mit ihr. Er hat ihr auf meiner Geburtstagsfeier vor allen Leuten einen Antrag gemacht. Und ihr verteidigt das auch noch? Habt ihr überhaupt kein Herz?“ Meine Stimme brach beim letzten Satz, als ich mich umsah und versuchte herauszufinden, ob diese Menschen wirklich meine Familie waren.

„June—“, begann Korra, doch ich schnitt ihr das Wort ab.

„Nicht.“ Meine Stimme brach. „Wag es ja nicht, auch nur ein Wort zu mir zu sagen.“

„Ich wollte doch nicht—“

„Nein. Du kommst hier nicht mit einem ‚Ich wollte doch nicht‘ davon. Du hast jede einzelne Sekunde davon gewollt. Du hast mit ihm geflirtet. Du bist hinter meinem Rücken mit ihm zusammen gewesen. Du hast mich belogen. Und jetzt bekommst du einen Ring und eine Feier, und alle tun so, als wäre das völlig in Ordnung?“ schrie ich sie an. Ich konnte nicht verbergen, wie sehr ich verletzt war. Ich hatte ihn geliebt. Wirklich geliebt. Ich dachte, er wäre meine Flucht aus diesem höllischen Zuhause. Wenn meine Familie mein Leben zur Hölle machte, dann machte Seth es wenigstens erträglich. Ich hatte geglaubt, jetzt, da ich volljährig war, würde ich endlich meinen Gefährten finden und glücklich bis ans Ende meiner Tage leben. Doch dieser Traum war zerbrochen. Wegen ihr. Wegen meiner Schwester, die entschlossen war, jede einzelne Quelle des Glücks aus meinem Leben auszulöschen. Die verzweifelt alles haben wollte, was eigentlich mir gehörte.

Korras Lippen pressten sich auf diese falsche, schmollende Art zusammen, die sie immer aufsetzte, wenn sie Mitleid wollte.

Ich wandte mich wieder Dad zu, verzweifelt.

„Du wusstest es, nicht wahr?“, warf ich ihm entgegen. Ich konnte nicht glauben, dass auch er darin verwickelt war. Obwohl er mich nie vor Moms und Korras Angriffen verteidigt oder beschützt hatte, hatte ich wenigstens geglaubt, er wäre anständig genug, mich nicht selbst zu verletzen.

Er sah weg.

Das war alles, was ich wissen musste.

Ich machte einen Schritt zurück, als hätte man mir eine Ohrfeige verpasst.

„Ich hasse euch alle“, flüsterte ich mit gebrochener Stimme. Ich hasste sie so sehr.

„June“, sagte Mom, doch ich war bereits in Bewegung. Ich drängte mich an ihnen vorbei, an der Kücheninsel vorbei und rannte die Treppe hinauf, immer zwei Stufen auf einmal. Meine Hände zitterten, als ich die Tür zu meinem Schlafzimmer aufriss und sie hinter mir zuknallte. Ich bekam keine Luft.

Meine Brust hob und senkte sich heftig, mein Schluchzen hallte laut durch das stille Zimmer. Dasselbe Zimmer, in dem ich aufgewachsen war. Dieselben Wände, die zugesehen hatten, wie ich mich in Seth verliebte. Dieselbe Decke, die ich früher angestarrt hatte, während ich von unserer gemeinsamen Zukunft träumte.

Diese Zukunft existierte nicht mehr.

Ich griff in meine Tasche, meine Finger tasteten unbeholfen, bis ich die kleine schwarze Karte fand, die ich versteckt hatte. Die Karte, die Kael mir gegeben hatte. Die mit seinem Namen in scharfen, kantigen Buchstaben und einer Telefonnummer darunter.

Meine Hände zitterten, als ich die Nummer wählte.

Er nahm noch vor dem zweiten Klingeln ab.

„Ja?“, antwortete er, beinahe genervt.

„Ich... ich bin June“, sagte ich mit leiser, zitternder Stimme und versuchte zu verbergen, dass ich weinte.

„Haben Sie Ihre Entscheidung getroffen?“, fragte er mit kalter Stimme.

Ich nickte, obwohl er mich nicht sehen konnte.

„Ja“, sagte ich mit rauer Stimme. „Ich... ich werde mit Ihnen kommen.“

Ich schluckte, als mir das Gewicht meiner Worte bewusst wurde. Ich erklärte mich gerade bereit, mit einem völlig fremden Mann zu gehen, den ich erst vor wenigen Stunden kennengelernt hatte. Alles und jeden hinter mir zu lassen, den ich je gekannt hatte.

„Gut“, sagte er lediglich, ohne weitere Fragen zu stellen.

Dann war die Leitung tot.

Er hatte aufgelegt.

Ich starrte auf mein Handy, während mein Herz raste.

Wenige Sekunden später erhielt ich eine Nachricht mit einer Adresse und einer Uhrzeit, zu der ich ihn treffen sollte. Es war am Flughafen, noch vor Tagesanbruch.

Ich tat das wirklich.

Kein weiteres verzweifeltes Bemühen mehr, in eine Familie hineinzupassen, die nie wirklich Platz für mich gemacht hatte. Kein weiteres So-tun-als-ob Korra nicht schon seit unserer Kindheit das Lieblingskind gewesen wäre. Kein weiteres Zusehen, wie meine Eltern bei allem, was sie tat, beide Augen zudrückten, während sie mich an unmöglichen Maßstäben maßen. Kein weiteres Dasein als die Ruhige, die Gehorsame, die Vergessene.

Ich hatte genug.

Ich zog einen Koffer aus dem Kleiderschrank und begann, Kleidung hineinzustopfen. Es war mir egal, was ich einpackte. Jeans, T-Shirts, völlig egal. Das Nötigste. Zahnbürste, Ladegerät, Reisepass. Die Karte steckte ich wieder sicher in die Vordertasche meines Rucksacks.

Ich konnte die gedämpften Stimmen meiner Eltern hören, die unten immer noch miteinander redeten. Korras Stimme drang die Treppe hinauf – schrill und weinerlich, genau wie immer.

Ich blendete sie aus.

Ich würde nicht mehr lange hier sein.

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