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KAPITEL 9

Author: Joss Austen
last update publish date: 2026-10-07 19:04:22

NIKOLAI VOLKOV

Nachdem ich endlich meine Unschuld bewiesen hatte — nicht nur gegenüber den Harringtons, sondern gegenüber allen Anwesenden —, kehrte ich in das Zimmer zurück, wo Angeline noch immer zusammengekauert auf dem Bett lag, ein Fetzen aus Schmerz und Tränen.

— Wir gehen jetzt! — befahl ich und ignorierte das krampfhafte Weinen, das ihre Schultern schüttelte.

Sie versuchte aufzustehen, aber ein Schmerzensstöhnen — das mir ein sadistisches und flüchtiges Vergnügen bereitete — entkam ihre
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    ANGELINE HARRINGTONWährend ich die Details von Angelos Tod erzählte, blieb er stehen und beobachtete mich, während ich mein Gesicht mit dem Leinentaschentuch abwischte, das er mir gegeben hatte. Der Stoff war fein und weich, ein absurder Kontrast zur Brutalität seiner Hände. Der Zweifel verzehrte mich innerlich, eine stille Panik. Glaubte er es? Sein Blick war noch immer kalt, eisig. Ich konnte keine Reue oder Verständnis darin lesen. Nur eine intensive Analyse, als wäre ich ein Problem, das gelöst werden musste.Er näherte sich und setzte sich in den Sessel neben meinem. Ich kauerte mich zusammen und wich instinktiv zurück. Die bloße Wärme seines Körpers, so nah, verursachte mir schon physischen Ekel, ein Echo der Gewalt, die noch immer in mir schmerzte. Er bemerkte meinen Rückzug. Ein Muskel pulste in seiner Kiefer, aber er kommentierte es nicht. Stattdessen stellte er die Frage, die zählte:— Erzähl mir. Was wirklich in der Nacht zuvor geschah. Bevor du in jenem Zimmer neben mir a

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    NIKOLAI VOLKOVUnd dann, zwischen Schluchzen und von Emotionen zerschnittenen Worten, ging die Geschichte weiter. Angelo war der einzige Sohn und auch der Liebling seiner Eltern.Dann erzählte sie die Details, die ihr am meisten schmerzten. Als Angelo sich über sie warf, um sie zu schützen, absorbierte er den gesamten Aufprall und starb sofort mit gebrochenen Knochen, während sie mit der Narbe im Gesicht davonkam. Die Trauer der Mutter, verwandelt in Hass. Das Exil im Kloster mit neun Jahren, die kindliche Hoffnung, Nonne zu werden, ein Opfer, um das Leben zu sühnen, das sie "gestohlen" hatte. Und dann, mit achtzehn, die stille Vertreibung zurück in ein Haus, das kein Zuhause war, in ein Leben des Dienens und der Unsichtbarkeit, zwei Jahre damit verbracht, der eigenen Familie als nichts weiter als eine Dienstmagd zu dienen.Ihre Worte schufen klare und schreckliche Bilder in meinem Kopf.Sie fuhr fort, die Stimme ein Faden des Schmerzes:— Sobald die Narbe verheilt war, schickten sie

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    NIKOLAI VOLKOVSie zitterte, ich wusste, dass sie Angst vor mir hatte, und genau das wünschte ich mir von dieser entstellten Kreatur. Doch etwas in ihren Augen veränderte sich. Die Angst wich einer so tiefen und echten Verzweiflung, dass sie für einen Moment die Panik aufzulösen schien.— Warum? — die Frage kam wieder, aber diesmal war es kein Flüstern. Es war ein gedämpfter Schrei, beladen mit einem Schmerz, der weit über die Angst vor mir hinausging. — Warum hassen Sie mich so sehr?— Weil du akzeptiert hast! — schrie ich zurück und verlor für einen Moment die Kontrolle. — Du warst ein Teil ihres Plans! Es steht dir ins Gesicht geschrieben!Da explodierte sie. Nicht mit Gewalt, sondern mit einem Strom zitternder und verzweifelter Worte, als wäre ein jahrelanger Damm auf einmal gebrochen.— Ich habe Ihnen schon gesagt, dass es nicht wahr ist und…— Glaubst du wirklich, ich falle auf dein Gerede herein — fragte ich und unterbrach sie sarkastisch.— Ist es so unmöglich für den allmächt

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    NIKOLAI VOLKOV Die Festung in Moskau war still, aber das Echo der Ratssitzung summte noch immer in meinen Ohren, lauter als jedes Geräusch. An meinem Schreibtisch sitzend, überprüfte ich keine Berichte über Schmuggel oder Truppenbewegungen. Ich las die Updates aus Dunyavin. Trockene Berichte, geschrieben von Agnessas fester und sparsamer Hand: "Tag 14. Die Herrin hat alles gegessen. Verbrachte den Nachmittag in der Bibliothek. Bat um mehr Papier." "Tag 16. Herrin las bis spät. Schlief gut. Zündete den Kamin selbst an." "Tag 18. Frau Volkov isst gut, mag die Bibliothek, liest viel. Schreibt gern auf, was sie lernt, in das Notizbuch, um das sie mich bat. Hat nie versucht zu fliehen." Die letzte Zeile schien von der Seite zu springen. "Hat nie versucht zu fliehen." Nicht aus Loyalität, natürlich. Weil sie nirgendwohin konnte. Die Logik war klar, aber ein Teil von mir bestand darauf, es als Akzeptanz zu sehen, eine Kapitulation, die ich nicht erobert hatte. Ich drückte einen Knopf a

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    NIKOLAI VOLKOV Fast drei Wochen. Drei Wochen der Jagd, des kalten Blutes und der unerbittlichen Strategie. Jetzt, in meinem Büro, betrachtete ich den Abschlussbericht. Die gesamte Waffenlieferung war zurück in meinem Herrschaftsbereich. Ich konnte fast die ohnmächtige Wut von Ivan Tschernov auf der anderen Seite der Stadt spüren, und der Gedanke erfüllte mich mit einem sadistischen, tiefen und stillen Vergnügen. Die Anspannung der letzten Tage war jedoch noch immer in meinen Muskeln eingegraben, ein toxischer Rückstand, der ausgeräumt werden musste. Ich beschloss zu feiern. Nicht in einem schicken Restaurant, sondern im Klyk Zimy, meinem privaten Club. Ein Keller aus Sichtziegeln, blaues und rotes Neon, dichter Rauch und der schwere Rhythmus industrialer Musik. Es war ein Ort für Männer meiner Welt, um Dampf abzulassen. Starker Drink, Zigaretten und die devochki — die Mädchen —, die die ungeschriebenen Regeln eines BDSM-Clubs verstanden. Brutalität war dort eine offene Sprache, und

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    ANGELINE HARRINGTON Als ich das bemerkte, spürte ich eine andere Kälte meinen Rücken hinunterlaufen. Er definierte die Grenzen meines Gefängnisses, und es war ein größerer Käfig, als ich mir vorgestellt hatte. Ein Käfig mit Bibliothek. — Danke, Agnessa — sagte ich und versuchte, die Stimme ruhig zu halten. Ich nahm einen Stapel Bücher. — Kann ich dich um noch etwas bitten? — Ja, Herrin. Ich bin hier, um Befehle zu empfangen. — Der Satz klang so seltsam in ihrem Mund. Befehle. Für sie war ich keine Gefangene, die Befehle gab; ich war ein Kanal, ein Übermittler von Nikolais Wünschen. — Könntest du mir ein Notizbuch besorgen? Und einen Stift? Sie runzelte leicht die Stirn. Notizbuch und Stift. Es waren keine Kleider, kein Essen. Es waren Werkzeuge. Werkzeuge zum Denken, zum Erinnern, vielleicht um mich mental ein wenig aus jener Hölle zu befreien. Sie verstand es nicht vollständig, aber sie nickte und akzeptierte. — So werde ich es tun. Wir gingen schweigend zu meinem Zimmer zurück

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