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Author: King Emerald
last update publish date: 2026-10-06 06:22:47

SKY

Ich schaffe es irgendwie, zwei ganze Tage ohne Ärger von Lamen und seinen Freunden zu überstehen. Es fühlt sich wie ein Wunder an, aber ich weiß, dass es nicht von Dauer sein wird. Die Versammlung des Silver-Moon-Rudels heute Morgen wird das gewiss ändern.

Als ich den großen Saal betrete, in dem sich das Rudel versammelt, halte ich den Kopf gesenkt und nehme auf einem Stuhl in der hinteren Reihe Platz. Meine Schultern sinken nach vorn, als ob Verstecken mich unsichtbar machen könnte. Wölfe füllen den Raum rasch – Stühle rücken, leise Stimmen murmeln, der vertraute Duft von Fell und Kiefer liegt in der Luft.

Vorne steht mein Vater, Lucien Silver, aufrecht hinter dem Rednerpult, seine Präsenz wie immer gebieterisch. Um ihn herum sitzen die Ältesten des Silver-Moon-Rudels in einem Halbkreis, ihre ernsthaften Gesichter verraten nichts. Ich verheddere meine Finger nervös in meinem Schoß, mein Magen ist ein Knoten, während ich darauf warte, dass Lamen und seine Crew auftauchen.

Ein paar Rudelmitglieder, die ich kaum kenne, setzen sich neben mich. Sie sind höflich, aber distanziert, und ich versuche erst gar nicht zu reden. Die Wölfe des Silver-Moon-Rudels sind ruhig und anständig – gute, treue Leute, aber mir kamen sie immer langweilig vor. Vielleicht träume ich deshalb davon, nach New York zu gehen. Dort kann ich neu anfangen. Kein Getuschel, keine Blicke. Einfach Freiheit.

Selbst hier, umgeben von meinem eigenen Rudel, fühle ich mich wie eine Außenseiterin. Ihre Blicke verraten mir, dass ich nicht dazugehöre, wie ein Findling unter meinen eigenen Leuten. Wenn ich nur hart genug lerne, lässt Vater mich vielleicht die geschäftliche Seite der Dinge regeln, weit weg von Rudelpolitik und grausamen Blicken.

Die Tür fliegt auf. Lamen schreit herein, gefolgt von seinen Freunden – laut, arrogant und gefährlich. Mein ganzer Körper versteift sich. Als sie vorbeigehen, beugt sich Aria, seine treue Kumpanin, nah an mein Ohr. „Hey, Schlampe“, fluspert sie und zieht fest an meinem Zopf, bevor sie ihn mir über die Schulter zurückwirft. Ich verdrehe die Augen, in dem Versuch, ihr nicht die Genugtuung zu geben, meine Reaktion zu sehen.

Dann passiert es, unsere Blicke treffen sich. Lamens dunkler Blick bohrt sich in meinen, und etwas Heißes sprüht in meinem Inneren. Meine Brust zieht sich zusammen, und eine seltsame, unerwünschte Hitze breitet sich in meinem Körper aus. Sein Grinsen vertieft sich, als wüsste er genau, was ich fühle. Sein unordentliches schwarzes Haar fällt ihm ins Gesicht, beschattet seine scharfen Augen, und ich kann nicht wegschauen.

Er kichert. „Morgen, Sky. Geburtstagskind, was? Hab eine Überraschung für dich.“ Seine Stimme trieft vor Spott, während er an mir vorbeigeht, und seine Freunde lachen leise in sich hinein.

Was meint er damit? Mein Magen verkrampft sich vor Angst und etwas anderem, etwas, das ich nicht benennen will. Ich hasse es, wie sehr ich mir seiner bewusst bin. Seine breiten Schultern, die Art, wie sich seine Muskeln unter seinem Hemd bewegen – das alles macht mich schwindelig. Aria wirft einen Blick zurück und erwischt mich beim Starren. Ihr Blick ist scharf genug, um zu schneiden, und ich drehe mich schnell nach vorn, während meine Wangen brennen.

Dieser Tag fängt schon schrecklich an. Und es wird nur noch schlimmer. Mein Geburtstag. Einst bedeutete er etwas Gutes. Ich kann immer noch die süße Stimme meiner Mutter im Kopf hören: „Alles Gute zum Geburtstag, Sky! Du bist jetzt fünf, so ein großes Mädchen!“

Damals hat Lucien noch öfter gelächelt. Unser Haus fühlte sich lebendig an. Aber seit sie gestorben ist, hat sich alles verändert. Er ist distanziert geworden, wie ein Fremder, der unter demselben Dach wohnt.

Seine tiefe Stimme durchbricht meine Gedanken und holt mich zurück in die Gegenwart. „Nehmt eure Plätze ein, Silver-Moon-Rudel. Dieses Treffen wird kurz sein. Wir haben mehrere Angelegenheiten zu klären.“

Ich sinke tiefer in meinen Stuhl, in der Hoffnung, dass er mich nicht erwähnt, aber natürlich tut er es. „Wie die meisten von wissen, ist Skys achtzehnter Geburtstag diesen Sonntag. Gemäß der Tradition veranstalten wir zu ihren Ehren ein Gestaltwandler-Fest. Alle werden gebeten zu erscheinen. Die Feierlichkeiten beginnen um vier Uhr nachmittags.“

Ein paar Mitglieder des Sozialausschusses – Clare und Susan – schauen mit ausdruckslosen Gesichtern zu mir herüber. Mein Herz sinkt. Es kümmert sie nicht. Niemand tut das. Jetzt hat mein Vater mich nur zu einem größeren Ziel gemacht.

Lamen beginnt langsam zu klatschen, sein Grinsen ist breit und höhnisch. „Whoo hoo! Große Gestaltwandler-Party für Sky!“, ruft er. Aria stimmt mit ein, lacht zu laut, und der Rest seiner Crew folgt, ihr Kichern hallt durch den ganzen Saal.

Mein Vater kichert, völlig ahnungslos bezüglich der Grausamkeit hinter ihrem Lachen. „Das ist der Geist des Silver-Moon-Rudels!“, sagt er stolz und lächelt, als sei alles in Ordnung.

Aber das ist es nicht. Nicht für mich.

Das Treffen geht weiter, irgendwas über Immobilieninvestitionen – aber seine Worte verschwimmen zu Hintergrundgeräusch. Meine Brust fühlt sich eng an. Meine Atmung wird flach. Und dieser seltsame Zug zu Lamen will nicht schwinden. Ich kann ihn spüren, selbst ohne hinzusehen, wie eine magnetische Kraft, die unter meiner Haut summt.

Vielleicht liegt es daran, dass meine erste Verwandlung kurz bevorsteht. Vielleicht passiert diese seltsame Anziehung jedem Wolf, bevor er sich zum ersten Mal verändert. Ich weiß es nicht. Alles, was ich weiß, ist, dass ich hier raus muss, bevor ich den Verstand verliere.

Ich schnappe mir meine Tasche und schleiche mich leise davon, direkt zur Schule. Meine Gedanken kreisen vor Schrecken. Noch zwei Tage bis zur Party. Noch zwei Tage bis zu meinem Geburtstag.

Und irgendwie weiß ich jetzt schon, dass diese Sache kein gutes Ende nehmen wird.

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