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Kapitel 4

Author: Faithful
last update publish date: 2026-11-04 16:52:07

Bills Sicht

Ich starre zur Tür und warte darauf, dass Serena endlich ins Schlafzimmer kommt.

Die Wahrheit ist, dass ich das Angebot für Johnson and Haines gar nicht überarbeiten musste. Ich brauchte lediglich einen Vorwand, damit Serena aufhörte, von Scheidung zu reden.

Und jetzt sitze ich tatsächlich vor meinem Laptop und tippe. Ich formuliere dieselben Sätze immer wieder um, nur damit es so aussieht, als wäre ich beschäftigt.

Ich verstehe einfach nicht, warum Serena sich plötzlich so verdammt irrational verhält.

Erst veranstaltet sie beim Abendessen einen riesigen Aufstand und blamiert sich vor allen. Dann wirft sie mir vor, sie zu ignorieren, nur weil ich mich mit Doris unterhalten habe.

Und jetzt kommt sie aus heiterem Himmel damit an, dass sie sich scheiden lassen will.

Irgendetwas stimmt hier nicht.

Vor unserer Hochzeit war Serena nicht so. Was ich immer an ihr bewundert habe, war ihre Fähigkeit, selbst unter Druck ruhig und besonnen zu bleiben.

Es ist, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Plötzlich ist sie ein völlig anderer Mensch.

Liegt es daran, dass ich ihr zu wenig Zeit widme?

Mir ist durchaus bewusst, dass ich seit unserer Hochzeit deutlich mehr zu tun habe. Ich habe ihr versprochen, für sie zu sorgen, und ich finde, dass ich meinen Teil dieser Abmachung ziemlich gut erfüllt habe.

Dank meiner harten Arbeit und meines vollen Einsatzes ist mein Unternehmen inzwischen Milliarden wert.

Ich will einfach nicht, dass Serena das Gefühl bekommt, auf einem sinkenden Schiff zu sitzen. So wie damals, als das Unternehmen ihres Vaters vor dem Ruin stand.

Ich möchte nicht, dass sie jemals wieder solche Schwierigkeiten durchmachen muss wie früher.

Manchmal wünschte ich, sie würde mich nicht ständig als den Bösewicht in dieser Geschichte sehen.

Ich bin nicht gerade der Typ, der gerne über seine Gefühle redet. Aber wenn wir eine Eheberatung brauchen, um besser miteinander kommunizieren zu können, bin ich durchaus bereit, es mit ihr zu versuchen.

Was ich allerdings überhaupt nicht verstehe, ist, warum sie ein Problem mit Doris hat.

Vor ein paar Wochen ist mir klar geworden, dass Doris meine Freundin aus Kindertagen ist. Ich habe das Muschelarmband an ihrem Handgelenk wiedererkannt, das ich ihr damals geschenkt hatte, nachdem sie mich am Strand vor ein paar Rowdys gerettet hatte.

Manchmal ertappe ich mich bei dem Gedanken, wie es wohl wäre, wenn Serena mehr wie Doris wäre.

Doris versteht, dass ich alle Hände voll zu tun habe. Sie verlangt nie mehr von mir, als ich ihr geben kann, und unterstützt mich sogar bei geschäftlichen Angelegenheiten.

Serena dagegen fängt wegen jeder Kleinigkeit völlig unnötige Streitigkeiten an. Vermutlich will sie einfach meine ungeteilte Aufmerksamkeit.

Aber bei dem ganzen Wahnsinn in der Firma ist das Letzte, was ich gebrauchen kann, zu Hause auch noch jemanden babysitten zu müssen.

Ich warte noch eine Weile darauf, dass Serena hereinkommt.

Vielleicht sollte ich sie heute Nacht einfach richtig durchvögeln. Danach hält sie vielleicht endlich die Klappe, was die Scheidung angeht.

Doch sie taucht nicht auf.

Sieht ganz so aus, als müsste ich die Nacht allein verbringen.

Morgen steht ein voller Terminkalender an. Ich habe ein wichtiges Meeting und muss außerdem noch bei Mom vorbeischauen.

Um Serena kann ich mich später kümmern.

Jedes Mal, wenn ich vor dem Haus meiner Mutter vorfahre, bin ich aufs Neue beeindruckt.

Die prächtige Villa, umgeben von sorgfältig gepflegten Gärten, ist ein unübersehbares Zeichen für den Reichtum unserer Familie. Eine lange Auffahrt aus perfekt verlegtem Kopfsteinpflaster führt zum Haupteingang. Über das gesamte Anwesen verteilt stehen kunstvolle Skulpturen, und ein Springbrunnen sieht aus, als wäre er direkt einem Luxusmagazin entsprungen.

Als ich gerade hineingehen will, kommt mir Calvin entgegen. Offenbar ist er gerade auf dem Weg nach draußen.

„Onkel Calvin“, sage ich. „Ist Mom drinnen?“

„Ach, Bill!“, erwidert er und versucht zu lächeln. „Ja, sie ist da. Übrigens muss ich jetzt los. Es gibt ein paar dringende geschäftliche Angelegenheiten, um die ich mich kümmern muss.“

„Was hast du denn so eilig? Bleib doch zum Brunch“, schlage ich vor.

„Ich möchte deine Gastfreundschaft nicht überstrapazieren.“ Er sieht mich weiterhin an. „Bill, deine Familie braucht deine Fürsorge. Deine Familienmitglieder.“

Meine Familie? Habe ich irgendetwas verpasst?

„Du klingst ja, als wärst du ein Fremder. Du weißt doch, dass du Moms Lieblingsbruder bist, oder?“, sage ich.

„Halbbruder, aber ja. Das weiß ich zu schätzen.“ Er lacht leise. „Wie auch immer, ich sollte jetzt wirklich gehen.“

„Dann bis später“, verabschiede ich mich von ihm.

Es hat keinen Sinn, ihn zum Bleiben zu überreden. Schließlich hat er sein eigenes Imperium zu führen.

Calvin ist der Eigentümer von Deep Horizon Industries, einem europäischen Konzern, zu dem einige bekannte Marken gehören.

Während ich mir mühsam meinen Weg zum Milliardär erarbeitet habe, war er längst am Ziel und musste nur noch darauf warten, dass ich nachzog.

Ich bin mir sicher, dass sein Unternehmen mir ohne zu zögern aus der Patsche helfen würde, sollten meine Firmen jemals in Schwierigkeiten geraten.

So ist Calvin eben. Seiner Familie gegenüber ist er absolut loyal.

Ich sehe zu, wie er mit seinem McLaren vom Anwesen fährt, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Aus irgendeinem Grund habe ich das Gefühl, dass er mir aus dem Weg geht.

Aber warum?

Plötzlich muss ich daran denken, wie ich ihn gestern Abend zusammen mit Serena beim Essen überrascht habe.

Serena wirkte dabei so … unbeschwert.

Es ist eine Ewigkeit her, seit ich sie das letzte Mal so lächeln gesehen habe.

Bei diesem Anblick hatte ich unwillkürlich eine Augenbraue hochgezogen.

Was zum Teufel hatte Calvin zu ihr gesagt, dass sie so strahlte?

Ich balle die Faust und verspüre den Drang, irgendetwas zu zerschlagen.

Ehrlich gesagt kann ich mir selbst nicht erklären, warum ich gerade so wütend bin.

Vielleicht liegt es daran, dass Serena ständig von Scheidung redet.

Ich bin immer noch sauer auf sie, weil sie mich damals mit Drogen dazu gebracht hat, sie zu heiraten.

Sie ist zweifellos klug und schön. Aber ich war mir nie sicher, ob ich tatsächlich romantische Gefühle für sie hatte.

Durch ihre hinterhältige Aktion ist es mir schwergefallen, ihr zu vertrauen. Und selbst jetzt bin ich mir nicht sicher, was sie wirklich im Schilde führt.

Dann kommt mir plötzlich ein Gedanke.

Vielleicht will sie einfach nur bei der Scheidung ordentlich abkassieren.

Ganz schön clever, die Kleine.

Ich überschlage kurz mein Vermögen. Bei einer Scheidung könnte sie problemlos mit etwa hundert bis dreihundert Millionen Dollar aus unserer Ehe herausgehen.

Mom hat mich immer wieder davor gewarnt, Serena zu vertrauen.

Ich habe meine Frau stets verteidigt und ihr im Zweifelsfall geglaubt.

Doch jetzt, da meine Unternehmen so erfolgreich sind, kann ich mich des Gedankens nicht erwehren, dass sie genau auf diesen Moment gewartet hat, um sich von mir scheiden zu lassen.

Na schön. Dann spiele ich eben mit.

Aber ich werde es ihr nicht leicht machen.

Wenn sie sich scheiden lassen will, muss sie sich an meine Regeln halten.

Und wer weiß? Vielleicht wird sie irgendwann selbst einsehen, dass es ein riesiger Fehler war, sich von mir trennen zu wollen.

Ich grinse bei der Vorstellung, wie Serena irgendwann vor mir steht und um eine zweite Chance bettelt.

Sobald ich anfange, sie mit Kälte zu behandeln, wird sie schon wieder angekrochen kommen.

Schließlich funktioniert das jedes Mal.

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