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Kapitel 6

Author: Cara Anderson
Sophie

Als ich das Rudelhaus erreichte, hatte sich bereits eine Menschenmenge versammelt. Der Alpha stand draußen auf den steinernen Stufen, und die wuchtige Fassade seines Hauses verstärkte seine Aura der Macht nur noch. Zu seinen Füßen lagen die Leichen von drei Streunern – eine Gabe seiner loyalen Wachen.

Das Rudel wartete mit angehaltenem Atem darauf, dass er sprach, diese häufigen Übergriffe erklärte und seinen Plan darlegte, wie er sie stoppen und unsere Leute schützen wollte. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und versuchte, über die Köpfe hinwegzusehen. Cassius stand neben seinem Vater. An seiner Seite Daphne, mit einem selbstgefälligen Grinsen im Gesicht.

Als ausgewählte Gefährtin hätte Cassius so viel Besseres verdient. Jeder wusste, dass sie ihn nur wegen seines Geldes und seiner Macht wollte. Ich verstand nicht, wie er das nicht sehen konnte.

Er sollte mit jemandem zusammen sein, der ihn um seiner selbst willen liebte. Jemand, der ihm jeden Tag zeigte, wie wundervoll er war, statt ihn nur für das zu benutzen, was er geben konnte. Nicht, dass Daphne jemals zulassen würde, dass irgendjemand ihm nahe genug kam, um ihm die Wertschätzung zu zeigen, die er verdiente.

Daphne ließ den Blick über die Menge gleiten, als suche sie jemanden. Dann trafen sich ihre Augen mit meinen, und ich sah das Böse, das direkt unter der Oberfläche lauerte. Ihr Grinsen breitete sich zu einem widerlichen Lächeln aus – und im nächsten Moment wurde ihr Ausdruck hart, voller Verachtung und gespieltem Entsetzen.

„Sie war’s!“, beschuldigte sie mich und streckte einen manikürten Fingernagel direkt auf mich. „Sie hat die Streuner reingelassen!“

Sie konnte doch nicht mich meinen, oder? Ich hatte panische Angst vor Streunern. Aus genau dieser Angst heraus hatte ich meinen attraktiven Fremden fast sterben lassen. Ich würde niemals mit ihnen gemeinsame Sache machen.

Doch die Menge teilte sich um mich wie das Rote Meer, und alle starrten mich misstrauisch an. Ich verstand nicht, was hier geschah. Ich hatte nichts getan. Sie konnten ihr doch unmöglich glauben.

„W-was?“, stotterte ich und duckte mich unter ihren finsteren Blicken.

„Daphne, das ist eine schwere Anschuldigung! Wir können sie nicht allein aufgrund deiner Behauptung verurteilen. Sag uns genau, was du gesehen hast.“ Cassius’ Stimme trug über die Menge.

Hoffnung flackerte in mir auf. Er würde mich retten. Er musste doch durchschauen, wie lächerlich das war. Beweise hatte sie keine – weil es keine gab. Vielleicht würde er sie sogar für ihre Lüge bestrafen.

Die Menge brüllte durcheinander und verlangte Antworten, doch der Alpha brachte sie mit einer erhobenen Hand zum Schweigen. Stille legte sich über den Hof, als alle an Daphnes Lippen hingen. Ich wollte schreien, sie sollten endlich die Augen öffnen, sollten sehen, was für eine böse Hexe sie war – doch sie standen alle unter ihrem Bann.

„Mir ist aufgefallen, dass sie sich in letzter Zeit seltsam benommen hat.“ Daphne kostete die Aufmerksamkeit aus und dramatisierte jedes Wort. „Sie hat Essen aus der Küche des Rudelhauses gestohlen und ist dann davongerannt, als würde sie sich mit jemandem treffen. Also bin ich ihr gefolgt und habe herausgefunden, dass sie einen von ihnen in dieser kleinen Bruchbude von ihr versteckt!“

Das ganze Rudel schnappte hörbar nach Luft.

„Was? Nein! Das ist nicht –“, rief ich, doch die Autorität des Alphas schnitt mir die Worte ab.

„Still!“, bellte er. „Bringt sie zu mir!“

Ich blieb stehen, als die Wachen auf mich zustürmten, weil ich wusste, dass ich nichts zu verbergen hatte. Das Rudel rückte näher, gierig darauf, das Schauspiel zu sehen. Ich flehte, bettelte, sie sollten mir zuhören – aber niemand tat es. Niemand wagte es, sich dem Alpha zu widersetzen. Schon gar nicht für eine wolflose Omega wie mich.

Ich ging schließlich mit, als die Wachen mich nach vorn zerrten, hilflos, etwas anderes tun zu können. Sie stießen mich vor den Alpha, sodass ich zu seinen Füßen landete, und nicht einmal Cassius machte Anstalten, mir aufzuhelfen. Ich war ihnen völlig ausgeliefert.

Jetzt, da selbst Cassius mich im Stich ließ, sah ich meine Lage klar: hoffnungslos. Ich war eine wolflose Omega, weniger wert als nichts in den Augen dieses Rudels. Natürlich würden sie Daphnes Lügen eher glauben als mir.

„Aufstehen!“, befahl der Alpha, und mein Körper gehorchte.

Er beugte sich vor, zog tief die Luft ein, um mich zu wittern – und fuhr dann zurück, als hätte ihn jemand gestoßen. Sein Gesicht lief rot an, seine Hände ballten sich vor Zorn zu Fäusten. Ich verstand nicht, warum. Roch ich so furchtbar?

Er beugte sich tief zu mir, sprach mir ins Ohr, so leise, dass nur ich es hören konnte: „Du bist in der Nähe eines mächtigen Wolfs gewesen. Ich spüre seine Aura an dir, und er ist kein Streuner. Wer war es?“ Seine Stimme wurde schneidend. „Wer verschwört sich, mein Rudel zu übernehmen?“

„N-nein, Alpha! Ich schwöre. Ich habe mich mit niemandem verschworen. Ich habe nie jemanden Mächtigen getroffen“, flehte ich, er solle mir glauben.

„Gut, du undankbare Hure!“ Seine Lippen verzogen sich. „Wenn du mir nicht antworten willst, lockert vielleicht eine Nacht im Kerker deine Zunge.“

„Bitte! Ich sage die Wahrheit!“, schluchzte ich, doch er ignorierte mich, trat zurück und wandte sich an die Menge.

„Die Aura eines anderen Wolfs umgibt dieses Mädchen“, verkündete er. „Sie riecht noch nach ihm, und er trägt nicht den Geruch von Blackthorn. Sie ist des Hochverrats schuldig! Bringt sie in die Zellen, bis sie ihre Strafe erhält!“

„Nein!“, schrie ich. „Ich habe nichts getan! Cassius, bitte, hilf mir!“

Doch als er mich ansah, waren seine Augen kalt. Er wandte sich ab und überließ mich meinem Schicksal. Daphne hakte sich bei ihm unter, schmiegte sich an ihn und lächelte siegessicher, während sie ihn fortführte.

„Er war kein Streuner! Er war mein Freund!“, schrie ich weiter – doch niemand hörte zu. Sie jubelten, während man mich wegschleifte.

Irgendwann gab ich auf. Meine Stimme war heiser, mein Hals brannte vom Schreien. Man warf mich in eine winzige Zelle – nichts als Betonwände und ein kalter, harter Boden – und ließ mich dort zurück, mit der einzigen Frage, wie viele Stunden mir noch blieben, bevor sie mich töteten.

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