Share

Aufkommende Probleme

Author: Marie Writes
last update publish date: 2026-09-04 20:40:08

KAPITEL DREI

Emily

Der ganze Hof verstummte. Nicht die angenehme Art von Stille, sondern die schwere, die jeden Herzschlag lauter klingen ließ, als er sollte.

Ich blieb eine beschämende Sekunde zu lange am Boden liegen. Meine Handflächen brannten vom Sturz, kleine Kieselsteine hatten sich in meine Haut gedrückt, und der weiße Rock, den ich an diesem Morgen sorgfältig gebügelt hatte, war jetzt mit Erde verschmiert.

Wunderbar.

Jemand hustete. Jemand flüsterte. Dann kam das Lachen, nicht laut, nicht offensichtlich grausam, aber genug, um meine Wangen zum Brennen zu bringen.

Ich stand auf, bevor mir jemand die Hand reichen konnte, und wischte hektisch über meinen Rock. Die Falten blieben. Ebenso die Scham.

*Nicht weinen. Nicht hier.*

Ich hielt den Blick auf den Boden gerichtet. Wenn ich aufsah, würde ich Dutzenden neugierigen Gesichtern begegnen, und einem ganz bestimmten. Ich musste nicht suchen, um zu wissen, dass er noch dort stand. Beobachtend.

Allein der Gedanke ließ meinen Magen sich zusammenziehen.

Ohne ein Wort drehte ich mich um und ging, nicht zu schnell, denn Rennen hätte die Blicke nur verstärkt. Das Getuschel folgte mir trotzdem. Ich sah kein einziges Mal zurück.

Erst im Garten hinter dem Gebäude blieb ich stehen. Die Geräusche des Hilfseinsatzes verblassten in der Ferne, ersetzt durch raschelnde Vögel und sanft schwankende Blätter. Ich stützte mich mit den Händen auf die Knie und atmete langsam ein und aus. Mein Herz wollte sich einfach nicht beruhigen.

„Fantastisch", murmelte ich, ein hohles Lachen entkam mir. „Absolut fantastisch."

Was für ein erster Eindruck. Das Bild spielte sich gnadenlos in meinem Kopf ab, immer wieder: der unachtsame Schritt, das Stolpern, der Boden, der mir entgegenkam.

Ich bedeckte mein Gesicht mit beiden Händen. Nein. Ich würde heute nicht mehr dorthin zurückgehen. Grandma konnte mir eine Woche lang Vorträge halten, wenn sie wollte, das würde ich überleben. Aber zurück in diesen Hof? Niemals.

Entschlossen drehte ich mich auf dem Absatz um und lief direkt in jemanden hinein. Schon wieder.

„Autsch!" Meine Stirn traf auf etwas Festes. Wirklich Festes.

Ich taumelte zurück, rieb mir die schmerzende Stelle. *Bitte nicht—*

Ich sah auf. Natürlich. Er war es.

Er stand da, eine Hand lässig in der Tasche, viel zu entspannt für jemanden, der sich gerade als das größte Ärgernis des Tages erwiesen hatte. Seine Mundwinkel hoben sich zu einem kleinen Lächeln, nicht ganz spöttisch, aber nah dran.

Ich verschränkte sofort die Arme. „Was?"

„Nichts", sagte er, die Brauen gehoben.

„Lügner."

Ein leises Lachen entkam ihm. „Sie ist wütend", sagte er und hob beide Hände in gespielter Kapitulation.

„Ist dir das aufgefallen?"

„Ich müsste blind sein, um es nicht zu merken."

Hitze stieg meinen Hals hinauf.

„Beim ersten Mal bist du in mich hineingelaufen", sagte er und zählte an einem Finger ab. „Und jetzt das."

Sein Blick wanderte kurz zu dem Abstand zwischen uns, bevor er wieder meinen traf. „Ich fange an zu glauben, du folgst mir."

„Was? Das sollte ich wohl eher sagen!"

Er zuckte mit den Schultern. „Fair genug."

Ich öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Nichts kam heraus. Er stritt nicht. Er war nicht beleidigt. Er stand einfach nur da, ärgerlich gelassen, was irgendwie alles noch schlimmer machte.

Schließlich trat er zur Seite. „Du wolltest gehen." Diesmal ohne jeden Spott. Nur ruhige Gewissheit.

Ich warf ihm einen letzten Blick zu, bevor ich an ihm vorbeiging. Ich weigerte mich, mich umzudrehen. Und doch spürte ich es, seinen Blick, der auf mir ruhte, bis ich um die Ecke verschwand. Aus Gründen, die ich nicht erklären konnte, störte mich das mehr, als es sollte.

---

Zu Hause hielt ich mich gerade noch so lange zusammen, bis die Haustür hinter mir ins Schloss fiel. Meine Tasche rutschte von meiner Schulter und landete mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden. Ich ließ sie liegen.

Ich lehnte mich gegen die Tür, die Handflächen gegen das Holz gepresst, als wäre es das Einzige, das mich noch aufrecht hielt. Die Tränen kamen trotzdem. Heiß. Erst lautlos, dann unaufhaltsam.

Ein zittriges Lachen entkam mir. „So viel dazu, sich zusammenzureißen."

Das Haus war ungewöhnlich still, Grandma noch beim Hilfseinsatz wie der Rest der Nachbarschaft. Für einmal war ich dankbar dafür. Ich sank aufs Sofa im Wohnzimmer.

Es war nicht der Sturz, der so wehtat. Er hatte nur alte Wunden wieder aufgerissen, die nie wirklich verheilt waren.

Tristan. Sein Name zog durch meine Gedanken wie ein ungebetener Gast. Erst wenige Tage war es her, und trotzdem hinterließ er bereits diesen bitteren Geschmack, der sich anfühlte, als würde er nie mehr verschwinden. Ich erinnerte mich noch an die Versprechen, die Pläne, die Zukunft, über die wir gesprochen hatten, als könnte uns nichts je trennen.

Derselbe Mund, der Ewigkeit versprochen hatte, war derselbe, der alles beendet hatte, ohne zurückzublicken.

„Du wirst niemals Frieden finden", flüsterte ich in den leeren Raum. Die Worte klangen klein. Zerbrechlich.

Nach einigen langen Minuten wischte ich mir das Gesicht ab und zwang mich aufzustehen. Das Leben hatte nicht angehalten, nur weil mein Herz einmal gebrochen war. Irgendwo warteten Patientinnen. Ärzte, die auf mich zählten. Ein Krankenhaus, das den Namen meiner Eltern trug. Ich konnte nicht für immer in Erinnerungen gefangen bleiben.

---

Zwei Wochen vergingen. Ruhig. Fast zu ruhig. Der Hilfseinsatz wurde zur Erinnerung, begraben unter Sitzungen, Papierkram, Videokonferenzen und endlosen Berichten aus dem Krankenhaus. Keine anonymen Nachrichten mehr, keine seltsamen Anrufe, keine unerwarteten Begegnungen. Fast so, als hätte, wer auch immer mich beobachtet hatte, plötzlich aufgegeben.

Oder als würde er einfach nur warten.

Spät an einem Nachmittag klingelte mein Handy, während ich Fachzeitschriften in meinem Zimmer sortierte. Der Name auf dem Display ließ mich sofort abnehmen.

„Sag schon."

„Ma'am", Xenas sonst so gefasste Stimme trug eine Dringlichkeit, die ich seit Monaten nicht gehört hatte. „Der Vorstand fragt nach Ihnen."

„Der Vorstand? Was ist passiert?"

„Sie haben mir nicht viel gesagt. Nur, dass Ihre Anwesenheit so schnell wie möglich benötigt wird."

Etwas zog sich in meiner Brust zusammen. Der Vorstand berief selten Krisensitzungen ohne triftigen Grund.

„Ich nehme morgen früh den ersten Flug."

„Ich hole Sie vom Flughafen ab", sagte sie erleichtert. „Und Emily, es klang ernst."

„Das dachte ich mir."

Nachdem das Gespräch beendet war, starrte ich lange auf das dunkle Display. *Präsidentin.* Manchmal vergaß ich, dass dieser Titel mir gehörte. An anderen Tagen fühlte er sich zu schwer an. Gifted Hands trug den Namen meiner Eltern, ihre Opfer, ihre Träume. Jetzt lastete jede Entscheidung auf meinen Schultern. Scheitern war keine Option.

Ein leises Klopfen unterbrach meine Gedanken. Grandma stand im Türrahmen.

„Du reist also wieder ab", sagte sie wissend lächelnd.

„Ich muss."

Sie setzte sich neben mich. „Was ist diesmal passiert?"

„Ich bin mir nicht sicher. Der Vorstand will mich zurück."

Ich tippte mir gedankenverloren an die Nasenspitze, eine Angewohnheit, mit der sie mich seit meiner Kindheit aufzog.

„Das machst du, seit du klein bist", sagte sie. „Dir an die Nase fassen, wenn du dir Sorgen machst."

Ich senkte die Hand, ohne es bemerkt zu haben.

„Du hast die Angewohnheit deiner Mutter geerbt, jede Last allein zu tragen", sagte sie und drückte meine Hand.

Ein Kloß setzte sich in meinem Hals fest. „Ich habe einfach ein schlechtes Gefühl."

Grandma hielt meinem Blick lange stand, bevor sie sanft den Kopf schüttelte. „Ich nicht. Ich glaube, was auch kommt, ist etwas, dem du dich schon immer stellen solltest."

Ihre Worte hallten noch lange nach, nachdem sie das Zimmer verlassen hatte. In jener Nacht, während ich meinen Koffer für die Rückreise packte, konnte ich das Gefühl nicht abschütteln, dass mein Leben leise am Rand von etwas viel Größerem stand, als ich erkennen konnte.

Und zum ersten Mal seit Wochen hoffte ich aus tiefstem Herzen, dass es nur Einbildung war.

Continue to read this book for free
Scan code to download App

Latest chapter

  • Die widerwillige Ehefrau des Milliardärsarztes   Gefasst

    KAPITEL VIERUNDDREISSIG Seth „Bist du sicher, was du mir da erzählst?", fragte ich, kaum dass ich aus dem Wohnzimmer getreten war. Ich zog die Autoschlüssel aus der Hosentasche, stieg ein und raste los. „Ich bin mir ganz sicher, Sir… wir haben alle deutlich gesehen, wie er aus der Anlage kam." Das war seltsam. „Deine Antworten sind nicht eindeutig genug, Finne. Gib mir Beweise." Ich sagte es bestimmt und beendete den Anruf. Eine Woche. Die letzte Woche hatte meine gesamte Aufmerksamkeit den Drohungen und der Dokumentenfälschung gegolten. Ich bin wütend, das muss ich zugeben. Aber auf wen, das weiß ich selbst nicht. Am meisten ärgert es mich jedes Mal, wenn es mir so schwerfällt, meine Gefühle in Worte zu fassen, etwas, das mir noch nie passiert ist. Genau deshalb muss ich denjenigen finden, der hinter den Drohungen und der Dokumentenfälschung steckt, um meine Wut an ihm auszulassen. Ich verliere langsam die Beherrschung. Ich beobachte, wie sich meine Hände ums Le

  • Die widerwillige Ehefrau des Milliardärsarztes    Seine Art

    KAPITEL DREIUNDDREISSIGEmily*Eine Woche später…*Eine Woche als verheiratete Frau. Als Mrs. Hernandez.Eine Woche der Stille, ohne Drohnachrichten, ohne anonyme Anrufe. Eine Woche, ohne jeden Morgen aufzuwachen und mich zu fragen, welche unbekannte Nummer als Nächstes auf meinem Display erscheinen würde.Es hätte mich beruhigen sollen. Stattdessen machte es mich nur noch unruhiger.Seth. Er verhielt sich in den letzten Tagen so anders, dass ich mich oft fragte, ob es sich nur um Einbildung handelte.Drei Tage zuvor war er plötzlich fürsorglich und aufmerksam gewesen, nachdem Mrs. Briggs ihm gesagt hatte, dass es mir nicht gut ging.Ich war wütend auf sie gewesen, weil sie es ihm erzählt hatte, aber was hatte ich auch erwartet, sie würde ihm sowieso alles berichten, was im Haus geschah.Ihr konnte man nicht trauen, wenn es um mich ging. Das stand fest.„Emily." Er rief meinen Namen an jenem Abend, seine Stimme sanft. Da war er, nach einem Klopfen, ins Zimmer getreten und hatte mich u

  • Die widerwillige Ehefrau des Milliardärsarztes   Das Spiel hat begonnen

    KAPITEL ZWEIUNDDREISSIG*Früher an diesem Tag,*Meilen entfernt von der Hernandez-Villa und dem Café lächelte jemand, als zwei Nachrichten im exakt selben Moment von einem Display verschwanden.Das Handy ruhte auf dem Tisch zwischen einem Paar behandschuhter Hände.Ein Lächeln formte sich langsam in der Stille des Raumes.Eine Nachricht war bereits gelesen worden. Eine weitere stand kurz davor, verschickt zu werden.Der Daumen schwebte einen Moment über dem Bildschirm, bevor er auf Senden drückte.Ein sanftes Vibrieren folgte. Wird zugestellt.Das Lächeln wurde breiter.„Mal sehen, wie lange Vertrauen überlebt."Das Handy wurde beiseitegelegt, ein anderes aufgenommen. Derselbe Ort, andere Nummer.*Bellington Café. 10:30 Uhr. Komm allein.*Sie ging raus.„Perfekt", murmelte er.Der Stuhl knarrte leise, als sich der Sitzende zurücklehnte.Auf dem Schreibtisch lagen mehrere Fotografien. Eines zeigte Emily, wie sie vor dem Café aus dem Auto stieg. Ein anderes hielt Tristan fest, wie er ne

  • Die widerwillige Ehefrau des Milliardärsarztes    Ein unerwartetes Wiedersehen

    KAPITEL EINUNDDREISSIGEmilyEs geschah nur wenige Minuten, nachdem Seth nach dem Essen aufgestanden war, dass mein Handy aufleuchtete. Eine Nachricht. Noch eine Nachricht.Es wurde höchste Zeit, meine SIM-Karte zu wechseln, doch gleichzeitig wollte ich das Ende von alldem sehen.Ich sah mich sofort um, um sicherzugehen, dass niemand in Sichtweite war, bevor ich das Handy näher heranzog, um zu sehen, wer geschrieben hatte, nur um dieselbe Nummer zu erkennen.*Wenn du die Wahrheit über deinen Ehemann erfahren willst, triff mich an dieser Adresse, zu dieser Zeit.*Darunter standen Adresse und Uhrzeit.Ich hatte anderthalb Stunden, um mich vorzubereiten und dort hinzukommen.Meine Brauen zogen sich zusammen. Ein Café? Von allen Orten mussten sie sich einen öffentlichen Raum aussuchen.Ich würde hingehen. Immerhin, da es ein öffentlicher Ort war, konnten sie mir dort wohl kaum etwas antun. Außerdem brauchte ich die Wahrheit, und ich wollte diesem allem ein Ende setzen.Ich hielt das Handy

  • Die widerwillige Ehefrau des Milliardärsarztes    Die Lüge, die sie erzählte

    KAPITEL DREISSIGSethDas Arbeitszimmer war zu meiner Zuflucht geworden, und ich konnte nicht dankbarer dafür sein. Mir war aufgefallen, wie Emily mich immer wieder ansah, fast so, als würde sie erwarten, dass ich sie erneut befrage.Aber ich tat es nicht.In dem Moment, als ich das stille Arbeitszimmer betrat, legte sich eine Art Ruhe über mich. Ich ging direkt zu meinem Schreibtisch und zog den Stuhl heraus.Die Fusionsdokumente lagen aufgeschlagen vor mir, doch ich hatte denselben Absatz bereits dreimal gelesen, ohne ein einziges Wort davon aufzunehmen.Meine Gedanken schweiften immer wieder ab. Zu Emily. Genauer gesagt, zu dieser Nachricht.Ich lehnte mich zurück und rieb mir den Kiefer.„Das gerät außer Kontrolle."Ein leises Klopfen unterbrach meine Gedanken.„Herein."Die Tür öffnete sich, und Daniel trat ein, grinsend.„Guten Morgen an den neuesten verheirateten Mann der Stadt!"Ich deutete auf den Stuhl gegenüber meinem Schreibtisch.„Guten Morgen. Setz dich."Er runzelte kur

  • Die widerwillige Ehefrau des Milliardärsarztes    Samen des Zweifels

    KAPITEL NEUNUNDZWANZIGEmilyAm nächsten Morgen…Kaum hatte ich die Badezimmertür hinter mir geschlossen, zerbrach jede Kraft, an der ich mich festgehalten hatte.Ich lehnte mich gegen die Tür und schloss die Augen.Papa hatte recht gehabt.Ich hatte wohl Menschen nach ihrem Gesicht und der Unterstützung beurteilt, die sie zeigten, ohne zu ahnen, dass die Feinde näher waren, als ich dachte.Ha! Dabei hatte ich gerade erst angefangen, dieser Person zu vertrauen.Ich löste mich von der Tür und griff nach meinem Handy. Es war leer.Wunderbar.Vor mich hin murmelnd, steckte ich es ans Ladegerät und wartete ungeduldig, meine Finger klopften gegen die Matratze.Der Bildschirm leuchtete wenige Sekunden später auf.Fast sofort erschien die Nachricht wieder. Offenbar war es das Letzte gewesen, worauf ich geschaut hatte, bevor mich der Schlaf übermannt hatte.Ich hatte sie immer wieder angestarrt, und mit jeder Sekunde zog sich mein Magen enger zusammen.Mein Blick wanderte langsam über den Bil

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status