LOGINDas Bankett war zu Ende, doch das Schloss wollte nicht zur Ruhe kommen. Bedienstete trugen leere Platten durch stille Korridore, während Musiker ihre Instrumente wegpackten. Von draußen drang Gelächter vom Mondfeuerfest herüber, wo Adlige und Krieger unter Reihen leuchtender Laternen tanzten.
Im Inneren des Palastes jedoch legte sich eine unbehagliche Stille über den königlichen Flügel. Etwas hatte sich verändert. Jeder konnte es spüren. Niemand konnte es erklären.
Lyra schlüpfte durch den Hintereingang in die Küche und atmete langsam aus. „Ich dachte, ich wäre für heute Nacht fertig“, murmelte sie.
„Das geht mir genauso.“ Ivy blickte von einem Korb mit Äpfeln auf, und ein Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Du bist die Dienstmagd geworden, über die im Schloss am meisten gesprochen wird.“
Lyra stöhnte. „Bitte fang nicht schon wieder damit an.“ „Ich fange gar nicht erst an“, lachte Ivy. „Alle anderen haben es bereits getan.“
Lyra griff nach einem Tuch und begann, den langen Holztisch abzuwischen. „Ich weiß nicht, was passiert ist.“
„Drei Alpha-Prinzen haben wegen dir ein ganzes Bankett unterbrochen, Lyra.“ Sie haben nicht wegen mir aufgehört, konterte Lyra.
„Ach?“ Ivy verschränkte die Arme. „Warum hat Prinz Lucien dir dann die Hand verbunden?“ Lyra öffnete den Mund. Es kam kein Ton heraus. Denn auch sie kannte die Antwort nicht.
Marta betrat die Küche mit einem Rechnungsbuch unter dem Arm. Es wurde still im Raum. Sie warf einen Blick auf Lyras verbundene Hand, bevor sie sprach. „Das Geschirr kann warten.“
Mehrere Bedienstete warfen sich verwirrte Blicke zu. So etwas hatte Marta noch nie gesagt. Sie wandte sich an Lyra. „Komm mit mir.“
Lyra runzelte die Stirn. „Habe ich etwas falsch gemacht?“ „Das habe ich nicht gesagt“, antwortete Marta mit einem lächelnden, aber ernsten Gesichtsausdruck.
Marta sprach nicht schroff. Wenn überhaupt … klang sie besorgt. Das machte Lyra mehr Angst, als es Geschrei jemals könnte. Der Flur vor der Küche war fast leer. Mondlicht strömte durch die hohen Fenster und tauchte den Steinboden in silbernes Licht.
Eine Weile lang sprach keine von beiden. Schließlich brach Lyra das Schweigen. „Alle starren mich ständig an.“ „Das werden sie“, antwortete Marta fast sofort.
„Warum?“, fragte Lyra. Marta blieb stehen. „Ich weiß es nicht.“ Lyra suchte in ihrem Gesicht nach einer Antwort. „Du weißt es doch.“
„Ich weiß genug, um dir Folgendes zu sagen …“, Marta trat näher.
„Wenn jemand Fragen zu deiner Kindheit stellt …“ Soll ich die Wahrheit sagen? „Nein.“ Die Antwort kam zu schnell.
Lyra blinzelte. „Was?“ Sag, dass du dich nicht erinnerst. „Aber ich erinnere mich doch.“ Nicht mehr. Marta fuhr sie an. Verwirrung überkam Lyra.
„Marta …“ Die ältere Frau wandte den Blick ab. „ Manche Wahrheiten halten Menschen am Leben.“ Bevor Lyra eine weitere Frage stellen konnte, hallten Schritte durch den Korridor. Marta richtete sich sofort auf. „Zurück an die Arbeit.“ Einfach so …
Das Gespräch war beendet.
Auf dem östlichen Balkon stand Kael allein. Die kalte Nachtluft ließ seinen dunklen Umhang kaum flattern. Sein Blick ruhte auf dem Fest unten, doch seine Gedanken waren ganz woanders. Er hatte Jahre damit verbracht, die Selbstbeherrschung zu meistern. Heute Nacht … fühlte sich diese Selbstbeherrschung gefährlich zerbrechlich an.
Hinter ihm näherten sich Schritte. „Du hast dich vor allen zurückgezogen.“ Kael drehte sich nicht um. „Ich wollte Stille.“
Darius lehnte sich mit einem leisen Lächeln gegen das steinerne Geländer. „Die wirst du heute Nacht nicht finden.“
Darius musterte seinen älteren Bruder. „Du hast es auch gerochen.“ Kaels Kiefer spannte sich an. „Ja.“ Und? „Und es sollte nicht existieren.“
Zum ersten Mal in dieser Nacht scherzten oder stritten sich die Brüder nicht. Die unmögliche Wahrheit hing zwischen ihnen. Darius sprach leise. „Mein Wolf hat sie unsere Gefährtin genannt.“
Kael schloss für einen kurzen Moment die Augen. „Meiner auch.“
Keiner von beiden bemerkte, dass Lucien sich näherte, bis er neben ihnen stehen blieb. „Mein Wolf hat dasselbe gesagt.“
Die Worte schlugen ein wie ein Stein in stilles Wasser. Drei Brüder. Drei Wölfe. Eine unmögliche Antwort. „Niemand sagt ein Wort darüber“, sagte Kael schließlich. Lucien sah ihn an. „Glaubst du, Schweigen wird ändern, was geschehen ist?“ Es wird unnötige Panik verhindern.
Darius lachte trocken. „Ich glaube, dieser Zug ist schon abgefahren.“ Das Königreich darf nichts davon erfahren. „Und wenn sie es bereits wissen?“ Kaels Schweigen sprach für ihn.
Weit jenseits der Burgmauern … Der Wald atmete im Schein des blassen Mondes. Ein einsamer Rabe schoss in den Himmel.
Er überflog die Baumwipfel, bevor er auf dem knorrigen Ast einer toten Eiche landete. Eine behandschuhte Hand streckte sich aus. Der Vogel hüpfte auf den Arm des Fremden.
Die vermummte Gestalt löste eine winzige Schriftrolle von seinem Bein und las den einzigen Satz, der darin stand. Die drei Alphas reagierten. Ein langsames Lächeln zeichnete sich unter dem Schatten der Kapuze ab. „Genau wie ich es erwartet habe.“ Die Schriftrolle zerbröckelte zwischen seinen Fingern. „Die erste Figur hat sich bewegt.“ Er hob den Kopf in Richtung der fernen Burg.
„Nun wollen wir mal sehen …“, wer sie zuerst erreicht. Unterdessen …
Lyra hatte gerade die letzte Silbertablett poliert. Ihr Körper schmerzte. Ihre Füße taten weh. Alles, was sie wollte, war Schlaf.
Sie bedankte sich bei den verbliebenen Bediensteten und stieg leise die schmale Treppe hinauf, die zu den Bedienstetenquartieren führte.
Der Flur war dunkel. Die meisten Kerzen waren bereits heruntergebrannt. Sie erreichte ihr kleines Zimmer, stieß die Holztür auf und trat ein. Es war nicht viel.
Ein schmales Bett, ein Holzstuhl, ein winziges Fenster mit Blick auf die Gärten. Und eine alte Truhe, in der sich ihr gesamter Besitz befand.
Lyra lächelte sanft. „Das ist mein Zuhause.“ Sie zog ein schlichtes Nachthemd an und setzte sich auf die Bettkante. Erst da bemerkte sie etwas. Das Taschentuch, das um ihre Handfläche gewickelt war. Luciens Taschentuch. Vorsichtig löste sie es. Die Blutung hatte aufgehört.
Als sie das Tuch zusammenfaltete … rutschte etwas aus der Mitte heraus. Eine winzige Silbermünze rollte über den Boden. Lyra runzelte die Stirn. „Ich kann mich nicht erinnern, das gesehen zu haben.“ Sie hob sie auf. Auf einer Seite war das Wappen der Familie Ravencrest zu sehen.
Auf der anderen … Der Atem stockte ihr. In das Silber eingraviert war genau dasselbe halbmondförmige Wolfssymbol, das an dem alten Anhänger hing, den sie seit ihrer Kindheit um den Hals trug.
Die Münze zitterte in ihrer Hand. „Wie …“ Ein plötzliches Klopfen hallte an ihrer Tür wider. Drei langsame Schläge. Nicht laut, nicht gehetzt, sondern bedächtig. Lyras Herzschlag beschleunigte sich.
Zu dieser Stunde … Niemand hätte vor ihrem Zimmer stehen dürfen.
„Du hast mich schwören lassen, dich dafür zu bestrafen, falls du es tätest.”Lyra konnte nicht atmen.Das Geständnis der Ersten Luna traf tiefer als jede Waffe. Die Frau behauptete nicht nur, Lyra habe sie verraten, sie sagte, Lyra habe ihren eigenen Verrat vorausgesehen und eine Strafe in ihre eigene Bindung eingebaut.„Warum?”, flüsterte Lyra. „Warum sollte ich dich darum gebeten haben, mir das anzutun?”„Weil du wusstest, was du werden würdest.” Die Erste Luna streckte ihre Hand aus. Als sich die schwarzen Fäden um die drei Alphas strafften, sank Kael auf ein Knie. Darius stützte sich an einer zerbrochenen Säule ab, und Lucien presste eine Hand gegen seine Brust, als würde etwas ihn von innen zerreißen.Lyra eilte zu ihnen, doch eine unsichtbare Barriere schleuderte sie zurück. „Haltet ein!”, rief sie.„Du hast mir das Recht gegeben”, erwiderte die Erste Luna, ihre Stimme brach. „Du hast mich zu deiner Richterin gemacht, als du noch fähig warst zu wählen. Du sagtest mir, sollte Mac
„Die drei Männer, die dich töteten, in die Knie zu zwingen.”Die Worte der Ersten Luna hingen über dem zerschmetterten Thron. Lyra spürte, wie sich Kaels Arm fester um ihre Taille legte, doch ihre Aufmerksamkeit blieb auf die Frau gerichtet, die in den Trümmern stand. Das Silber und Schwarz in ihren Augen wechselte wie entgegengesetzte Flammen, und die Luft um sie trug das Gewicht von etwas, das viel zu lange darauf gewartet hatte, nicht länger verweigert zu werden.„Ihr wollt Rache”, sagte Lyra. „Ich will, was mir genommen wurde.” „Dann sagt mir, was Ihr verloren habt. Erwartet nicht, dass ich mich einer Geschichte ergebe, an die ich mich kaum erinnere.”Für einen Moment wirkte die Erste Luna fast amüsiert. „Ihr sprecht noch immer, als schulde Euch die Welt Erklärungen.” „Nein. Ich spreche als jemand, der es satt hat, für Entscheidungen zu büßen, die andere Menschen in ihrem Namen getroffen haben.”Darius trat neben Lyra und wischte sich Blut vom Mundwinkel. „Ich weiß nicht, was in u
„Das, was er seit Jahrhunderten gefangen hält, wird endlich frei sein.”Die Warnung der Blutkönigin traf tiefer als jede Drohung, die sie zuvor ausgesprochen hatte.Lyra wandte sich der uralten Frau zu. „Was ist es?” Zum ersten Mal, seit sie unter Ravencrest erschienen war, wirkte die Blutkönigin ängstlich. „Etwas, das ich gefangen zu nehmen half.”Cassians Gesichtsausdruck veränderte sich, eine subtile, verräterische Veränderung.Lyra bemerkte es sofort. „Ihr wusstet es.” „Ich wusste, wovor sich der Mondhof fürchtete”, erwiderte Cassian mit gemessener Stimme. „Ich wusste, warum der Thron geschmiedet wurde. Doch ich wusste nie, ob der Gefangene noch existierte.”„Wie bemerkenswert praktisch”, murmelte Darius. „Jedes Mal, wenn wir die Wahrheit ausgraben, erinnert sich plötzlich jemand an ein weiteres Geheimnis.” „Darius”, warnte Kael sanft.„Nein, lasst ihn sprechen.” Lyra hielt ihren Blick fest auf Cassian gerichtet. „Ich bin es leid, die letzte Person zu sein, die die Wahrheit über i
Lyra starrte in die Dunkelheit unter Ravencrest. Zum ersten Mal klang die Stimme nicht mächtig. Sie klang ängstlich. Kael erhob sich langsam, eine Hand auf seine Brust gepresst, wo der Fluch Wurzeln geschlagen hatte. Darius blickte zu ihm. „Du lebst?”Kael sah ihn müde an. „Zu Eurem Pech.” Darius atmete aus. „Gut. Ich war noch nicht bereit, allen zu erklären, wie ich endlich meinen nervigen Bruder losgeworden bin.” Lucien lächelte fast.Dann erbebte der Boden erneut, und Lyras Gesichtsausdruck verhärtete sich. Der kurze Moment der Erleichterung verschwand. „Was geschieht, wenn ich dort hinuntergehe?”„Ihr findet heraus, warum Ihr zurückgebracht wurdet”, sagte Cassian, bevor jemand anders antworten konnte. Lyra wandte sich ihm zu. „Ich wurde nicht zurückgebracht.” Sie blickte auf ihre Hände hinab. „Ich habe überlebt.”Cassians Augen verengten sich. „Vielleicht.” Lyra wandte sich der Öffnung unter der Kammer zu. „Dann gehe ich hinunter.” Kael trat neben sie. „Ich auch.”Darius seufzte.
Lyra starrte in die Dunkelheit unter Ravencrest. Die Stimme war aus ihr gekommen, doch sie fühlte sich nicht ganz wie ihre eigene an. Der Mondthron pulsierte unter dem Schloss. Kael trat näher. „Lyra.”Sie antwortete nicht. Ihr silbernes Auge blieb auf den rissigen Boden gerichtet, während das schwarze etwas widerspiegelte, das keiner von ihnen sehen konnte.Darius griff nach ihrer Hand, doch sie wich zurück. Er hielt inne, die Verletzung auf seinem Gesicht war sofort da, kein Zorn, sondern reiner Schmerz.Lyra bemerkte es, und irgendwie erschreckte sie das mehr als der Thron. „Ich weiß nicht, was mit mir geschieht.” Darius senkte seine Hand sanft. „Dann steh dem nicht allein gegenüber.”Lucien betrachtete sie aufmerksam. „Du hörst sie.” Lyra wandte sich ihm zu. „Wen?” „Dein erstes Selbst.”Die Worte ließen ihre Brust sich zusammenziehen. Die Stimme unter dem Schloss sprach erneut: Du hast es versprochen.Lyra schloss die Augen. „Ich erinnere mich an kein Versprechen.” „Doch.”Cassian
„Ich bin der Grund, warum du beim ersten Mal gestorben bist.” Lyra konnte nicht atmen. Die Stimme, die aus Lioras Mund kam, war ruhig. Das machte es schlimmer. Kael trat näher, sein Schwert erhoben. „Weg von ihr.”Die Frau in Liora lächelte. „Ihr glaubt noch immer, eine Waffe könne Eure Königin beschützen.” Kaels Griff verstärkte sich. Lyra hob eine Hand. „Nicht.”Er sah sie an. „Lyra…” „Sie greift uns nicht an.”Die Frau lachte leise. „Noch nicht.” Lyra starrte in Lioras Gesicht. „Wer seid Ihr?” Die silbernen Augen schärften sich. „Diese Frage hast du schon einmal gestellt.” „Ich erinnere mich nicht an dich.” „Das solltest du auch nie.”Darius trat neben Lyra. „Dann hört auf, in Rätseln zu sprechen.” Die Frau sah ihn an. „Du versteckst noch immer Furcht hinter Humor.” Darius’ Gesichtsausdruck fiel in sich zusammen. „Und du tust noch immer so, als wäre dir alles gleich.”Ihr Blick wanderte zu Lucien. „Und du trägst noch immer Schuld, die nicht ganz dir gehört.” Lucien versteifte sich.







