LOGINWach auf, Amelia
Der Teppich schnitt in meine Knie, noch bevor ich begriff, dass ich mich aus dem Bett geworfen hatte. Meine Hände tasteten an meinem Körper entlang, suchten nach der Wunde, der warmen Nässe, irgendetwas. Ich trug ein Nachthemd aus Baumwolle. Ich ließ die Handflächen über den Stoff gleiten. Er war trocken und unversehrt. „Nein.“ Ich grub meine Fingernägel so fest in meinen Arm, dass Spuren zurückblieben. „Nein, nein, nein …“ Ich bekam keine Luft. Und dies war nicht das Hauptschlafzimmer mit seiner kalten Bettseite und der verschlossenen Verbindungstür. Das Zimmer wirkte kleiner, als ich es in Erinnerung hatte. Die gelben Vorhänge waren noch da, ebenso wie das Regal, in dem ich meine Schwimmtrophäen aufbewahrt hatte. An diese Trophäen hatte ich seit Jahren nicht mehr gedacht. Ich war zurück in meinem Kinderzimmer. Ich rappelte mich auf und sah mein Spiegelbild im Schrankspiegel. Die Frau darin war jünger als die, die ich in den letzten fünf Jahren jeden Morgen gesehen hatte. Es gab keine Fältchen um meine Augen, und die Müdigkeit, die sich über die Jahre in mein Gesicht gegraben hatte, war verschwunden. Mein Handy lag auf dem Nachttisch; ich erwartete das Datum, an das ich mich erinnerte – es zeigte den 14. März. Ich öffnete den Kalender, und dort stand dasselbe. Ich kannte dieses Datum; es war der Tag, an dem ich Adrian Cross geheiratet hatte. „Das ist unmöglich.“ Selbst meine Stimme klang jünger. Ich starrte auf das Display, bis die Zahlen ihre Bedeutung verloren, dann wieder auf mein eigenes Gesicht. Vierundzwanzig Jahre alt und noch ohne Ahnung, was auf mich zukam. Meine Beine gaben nach, und ich ließ mich auf die Bettkante sinken. Ich drückte zwei Finger auf mein Handgelenk und zählte mit, denn ich brauchte irgendetwas in diesem Zimmer, das wirklich war. Adrians Stimme hallte noch in meinem Kopf nach. *Ich habe dich geliebt, noch bevor ich wusste, wie ich es nennen sollte.* Und darunter das Letzte, was ich zu ihm gesagt hatte. Es war Victoria. Er war vollkommen erstarrt, als ich ihren Namen ausgesprochen hatte. Victoria – wer? Er hatte nicht gewusst, welche Victoria ich meinte, und ich hatte es ihm vor meinem Tod nicht mehr sagen können. Ich sah sie deutlich vor mir – mit ihrem blonden Haar und dem ruhigen Lächeln –, wie sie auf der Gala am anderen Ende des Raums stand, als gehörte sie genau dorthin. Am Ende jenes Abends kannte ich ihren Namen. Mehr wusste ich jedoch kaum über sie. Irgendwo zwischen diesem Gesicht und diesem Namen lag die Wahrheit über die Frau, die mich bereits einmal getötet hatte. Ein gerahmtes Foto auf der Kommode fiel mir ins Auge. Ich nahm es in die Hand. Ich, siebzehn Jahre alt, den Arm um Sophia gelegt; wir lachten über etwas, an das sich keine von uns mehr erinnern würde. Ich drehte den Rahmen um, in der vagen Erwartung, auf der Rückseite eine Erklärung zu finden. Doch da war nichts. Nur ein Foto und eine Vergangenheit, die mir jemand zurückgegeben hatte. Fünf Ehejahre mit einem Mann, der mir die Wahrheit erst sagte, als es längst zu spät war – und nun saß ich in dem Zimmer, in dem ich aufgewachsen war, an jenem Morgen, an dem ich ihn geheiratet hatte. Es war mein Hochzeitstag. Panik würde mir nicht helfen, also zwang ich mich zum Nachdenken. Die Erinnerungen stürmten auf mich ein, doch sie alle führten zum selben Punkt: der Gala, der Straße, den Ereignissen danach und Victorias Namen. Ich hatte diese fünf Jahre tatsächlich erlebt, und das Erwachen hier hatte sie nicht ausgelöscht. Ich kniete mich neben das Bett und schob – einem Instinkt folgend, den ich nicht hinterfragte – die Hand unter die Matratze; dabei stieß ich auf den Rand eines alten Notizbuchs. Meine eigene Handschrift, aus der Zeit, als ich sechzehn war: geschwungen und voller Hoffnung. *Heute hat Mama gesagt, dass ich eines Tages gut heiraten werde. Ich hoffe, er ist lieb. Ich hoffe, er sieht mich so an, als wäre ich ihm wichtig.* Ich schob es an den Platz zurück, an dem ich es gefunden hatte. Jenes Mädchen von damals gab es nicht mehr, und ich würde nicht wegen eines Tagebuchs weinen. Ich stand gerade am Kleiderschrank und ließ die Hand über Kleider gleiten, die mir vage bekannt vorkamen, als sich die Tür ohne Klopfen öffnete. Meine jüngere Schwester lehnte im Schlafanzug am Türrahmen; ihr Haar war völlig zerzaust. „Du bist früh auf“, sagte Claire und gähnte. „Nervös?“ „So in der Art.“ „Kotz bloß nicht auf das Kleid. Mom würde dich glatt umbringen.“ Sie kniff die Augen zusammen, als sie mich zum ersten Mal richtig ansah. „Du siehst seltsam aus.“ „Mir geht’s gut.“ „Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.“ Kommt hin. „Mir geht’s gut, Claire.“ „Wie auch immer.“ Sie zupfte an einem losen Faden an ihrem Ärmel und sah mich nicht an. „Du weißt, dass das hier uns alle betrifft, oder? Nicht nur dich. Wenn diese Hochzeit platzt, verliert Dad alles. Das weißt du.“ Ich verfiel in völlige Regungslosigkeit. „Ich weiß.“ „Ich sag’s ja nur. Stell heute nichts Verrücktes an.“ Sie sagte es beiläufig, wie einen Scherz, aber ihr Blick war alles andere als scherzhaft. „Werde ich nicht.“ Sie zuckte mit den Schultern – schon wieder gelangweilt – und schlenderte in Richtung Badezimmer davon. Ich presste die Hände flach auf meine Oberschenkel, bis sie aufhörten zu zittern. Dad verliert alles. Das stimmte zwar, aber es war nicht der Grund, warum ich in diese Kirche gehen würde. Was auch immer mir widerfahren war, es war innerhalb der Welt der Familie Cross geschehen, und ich sah keinen anderen Weg in diese Welt als durch die Vordertür – in einem weißen Kleid. Im Flur klapperte ein Tablett. Ein Hausmädchen kam rückwärts durch die Tür herein – mit Tee und Toast, die niemand bestellt hatte –, stellte alles wortlos auf die Kommode und nickte mir beim Hinausgehen kurz und mechanisch zu. Ich wusste ihren Namen nicht mehr. Wenn ich verstehen wollte, was mit mir geschehen war, musste ich anfangen, auf die Menschen zu achten, die ich jahrelang ignoriert hatte. Das Personal, die Besucher, all jene, die kamen und gingen, ohne dass je jemand Fragen stellte. Ich musste wissen, wer sie waren und was ihnen aufgefallen war. Ich saß vor dem Schminktisch und entdeckte die kleine weiße Narbe über meiner Augenbraue, die von einem Reitunfall stammte, als ich neunzehn war. Sie war noch da, genau dort, wo sie hingehörte. Anziehen. Den Tag überstehen. Ich hatte Erinnerungen an fünf Jahre, und diesmal wusste ich, worauf ich achten musste. Ich wollte das nicht durch Angst aufs Spiel setzen. Unten klapperte bereits der Koffer des Stylisten über den Boden, und die Stimme meiner Mutter drang das Treppenhaus hinauf; sie wies die Leute an, wo sie sich aufstellen sollten. Dann klopfte es dreimal scharf an meine Tür. „Amelia.“ Eleanors Stimme – kurz angebunden und hell, so wie immer, wenn der äußere Schein wichtiger war als das, was sich dahinter abspielte. „Der Stylist ist da. Heute ist der wichtigste Tag deines Lebens. Wage es ja nicht, ihn zu ruinieren, indem du hier herumstehst, als hättest du ein Gespenst gesehen.“ Ich starrte einen langen Moment auf die geschlossene Tür. „Ich komme gleich runter“, sagte ich. Meine Mutter ahnte nicht, wie recht sie hatte. Ich musste eine Hochzeit hinter mich bringen, und irgendwo jenseits dieser Mauern befand sich die Frau, deren Name mich in diese zweite Chance begleitet hatte.Die erste Nacht Es war nach elf Uhr, und ich trug noch immer mein Brautkleid; ich stand vor dem Spiegel und löste die letzten Haarnadeln aus meinem Haar. Das Schlafzimmer im Ostflügel roch nach frischer Farbe. Jemand hatte Kleidung in den Schrank gehängt, die ich nicht ausgesucht hatte, und das Bett war für eine Person hergerichtet.Adrian stand neben der Kommode und blickte auf den Vertrag hinab, den ich dort liegen gelassen hatte. Er nahm ihn in die Hand, blätterte die Seiten durch und sah mich dann im Spiegel an.„Sechs Seiten.“ Er legte den Vertrag zurück auf die Kommode. „Du hast sechs Seiten verfasst, noch bevor wir ein einziges echtes Gespräch geführt hatten.“„Ich hatte Zeit zum Nachdenken“, sagte ich.„Getrennte Räumlichkeiten – damit kann ich leben. Dein eigenes Geld – damit kann ich leben. Sogar mit den zwei Jahren.“ Er sah nicht auf die Seiten. Er sah mich an, im Spiegelbild. „Die Klausel, die ich nicht akzeptieren kann, besagt, dass ich nicht fragen darf, wo meine Frau
Die Ehefrau, die er erwartet hatte „Du hast seit der Kirche kaum ein Wort gesagt.“Adrian sagte das, während er aus seinem Fenster blickte. Ich beobachtete mein eigenes Fenster, an dem die Stadt in grauen Schlieren vorbeizog, und zögerte einen Moment zu lange mit der Antwort.„Hättest du das gewollt?“„Normalerweise reden Menschen, wenn sie nervös sind.“„Ich bin nicht nervös.“Er warf mir einen Blick zu. „Nein?“„Sollte ich es sein?“„Das weiß ich noch nicht.“ Er sah mich noch einen Moment an und wandte sich dann wieder der Scheibe zu. „Genau das ist der Teil, der mir nicht gefällt.“Seine Hände lagen auf seinem Knie, eine über der anderen. Ich kannte diesen Anblick. Ich kannte die Art, wie er den Kiefer anspannte, wenn er etwas abwog, und die Falte, die sich zwischen seinen Augenbrauen bildete – und er ahnte nicht, dass ich all das wusste. An jenem Morgen, in dem anderen Leben, hatten diese Hände mein Gesicht gehalten, während ich blutete. Jetzt saß er nur eine Armlänge von mir en
Der Mann am Altar„Du hast deine Krawatte schon dreimal zurechtgerückt.“Adrian ließ die Hand vom Kragen sinken. Sein Vater stand im Spiegel der Sakristei hinter ihm, einen Schritt zur Seite versetzt – genau so, wie er auf jedem Foto stand. „Sie saß schief.“„Sie war in Ordnung.“ Marcus schloss die Tür, und die Orgel in der Kirche verstummte. „Du verstehst, was der heutige Tag bedeutet.“„Ich weiß, warum wir das tun.“„Dann mach es dir nicht schwerer, als es sein muss. Sie ist eine Vale. Ihre Familie braucht das, und der Vorstand will sehen, dass du sesshaft wirst. Sobald du verheiratet bist, ist das eine Sache weniger, die sie infrage stellen können.“Adrian drehte sich um. „Ist das alles, was du von mir willst?“„Für heute. Heirate sie, halte es schlicht und lass alle das bekommen, weswegen sie gekommen sind.“„Du hast diese Woche schon viermal ‚schlicht‘ gesagt.“„Du gibst mir immer wieder Anlass dazu.“Schlicht. Sein Vater benutzte dieses Wort so, wie andere Männer eine Drohung au
Wach auf, Amelia Der Teppich schnitt in meine Knie, noch bevor ich begriff, dass ich mich aus dem Bett geworfen hatte.Meine Hände tasteten an meinem Körper entlang, suchten nach der Wunde, der warmen Nässe, irgendetwas. Ich trug ein Nachthemd aus Baumwolle. Ich ließ die Handflächen über den Stoff gleiten. Er war trocken und unversehrt.„Nein.“ Ich grub meine Fingernägel so fest in meinen Arm, dass Spuren zurückblieben. „Nein, nein, nein …“Ich bekam keine Luft. Und dies war nicht das Hauptschlafzimmer mit seiner kalten Bettseite und der verschlossenen Verbindungstür. Das Zimmer wirkte kleiner, als ich es in Erinnerung hatte. Die gelben Vorhänge waren noch da, ebenso wie das Regal, in dem ich meine Schwimmtrophäen aufbewahrt hatte. An diese Trophäen hatte ich seit Jahren nicht mehr gedacht.Ich war zurück in meinem Kinderzimmer.Ich rappelte mich auf und sah mein Spiegelbild im Schrankspiegel. Die Frau darin war jünger als die, die ich in den letzten fünf Jahren jeden Morgen gesehe
Schließ die Augen nicht Blut schmeckte nach Münzen und sammelte sich unter meinem Rücken auf dem Marmor, der einmal weiß gewesen war. Ich versuchte, mich aufzustemmen, doch der Schwindel drückte mich wieder zu Boden. Die Decke neigte sich. Der Kronleuchter verschwamm zu einem goldenen Streifen, und ich schloss die Augen in der Hoffnung, dass das Drehen aufhören würde.„Bleib bei mir.“ Adrians Stimme brach bei dem letzten Wort. In fünf Ehejahren hatte ich sie noch nie so klingen hören. Er ließ sich neben mir auf die Knie fallen und schob einen Arm unter meine Schultern; er hob mich vorsichtig an, während seine andere Hand auf die Wunde an meiner Seite drückte. „Amelia. Sieh mich an. Schließ die Augen nicht.“Ich zwang mich, sie zu öffnen. Sein Haar war zerzaust, sein Atem ging stoßweise, und auf der Vorderseite seines Hemdes klebte Blut, dort, wo ich mich an ihn gelehnt hatte. Die Rubine an meinem Hals waren warm und klebrig geworden.„Du blutest auf dein Hemd“, flüsterte ich.„Das







