Masuk„Wenn du mitfährst, verlieren wir Unterrichtszeit. Außerdem ist die Arbeit mit Patienten etwas ganz anderes als bloße Theorie. So weit sind wir im Unterricht noch gar nicht …“Nach kurzem Schweigen hob Yuna den Kopf. „Du wolltest mir doch ohnehin in diesen Tagen zeigen, wie man Patienten untersucht. Kannst du mir das nicht auch unterwegs beibringen?“Der Älteste sog scharf die Luft ein. „Du willst das unterwegs lernen und gleich anwenden?“„Warum nicht?“ Yuna sah ihn vollkommen gelassen an.Der Älteste setzte zu einem Einwand an, hielt dann jedoch inne. Genau das tat sie doch seit Tagen.Schon am ersten Tag lernte sie die Heilmittel kennen und stellte ganz allein drei passende Mischungen zusammen. Am zweiten Tag betrat sie den Anatomiesaal, wo sie beim ersten Schnitt sogar die herausspritzende Flüssigkeit kontrollierte. Am dritten und vierten Tag eignete Yuna sich Wissen an, für das andere Jahre brauchten. Dabei verstand sie den Stoff so gründlich, dass sie ihn sicher anwenden konnte.
In einer menschenleeren Ecke im Flur der Lehranstalt bekam Verena eine schallende Ohrfeige.Sie hielt sich die Wange. Auf ihrer hellen Haut zeichneten sich sofort fünf rote Fingerabdrücke ab, und aus einem Mundwinkel sickerte Blut.Verena wagte nicht, sich zu rühren, geschweige denn sich zu wehren. Gebückt und mit gesenktem Kopf setzte sie ein unterwürfiges Lächeln auf.„Liane, ich habe versagt … Yuna hat einfach so viel Glück gehabt. Damit habe ich nicht gerechnet. Sie hat genau dort gestanden, wo nichts hingespritzt ist. Aber ich verspreche dir: Beim nächsten Mal … beim nächsten Mal hat sie nicht wieder so viel Glück. Ich werde ihren Ruf ruinieren! Bitte gib mir noch eine Chance, das wiedergutzumachen!“Ein Feuerzeug klickte, dann flackerte eine kleine Flamme auf.An die Wand gelehnt führte Liane eine lange, dünne Zigarette zwischen ihren schlanken Fingern an ihre roten Lippen und nahm einen Zug. Rauch quoll aus ihrem leicht geöffneten Mund. Die aufsteigenden Schwaden verhüllten ihr
Auch im Chat der Übertragung ging es jetzt hoch her.„Scheiße, scheiße, scheiße! Wie hat sie das gemacht?“„Sie kann sogar steuern, wohin das spritzt? Und das soll eine Anfängerin sein?“„Ich lerne seit dreißig Jahren und kann das nicht. Sie ist seit zwei Tagen dabei?“„So ein Talent ist ja unheimlich. Selbst Liane war am Anfang nicht so gut, oder?“„Jetzt bin ich tatsächlich gespannt auf ihre Prüfung am siebten Tag.“Ein Kommentar jagte den nächsten. Dieselben Leute, die Yuna bisher geschlossen ablehnten und ausgrenzten, staunten nun über ihr Können.Ein junger Mann hielt sich nicht länger zurück. Mit einem breiten Lächeln trat er auf Yuna zu und rieb sich die Hände.„Frau Sommer, Sie haben gerade erst angefangen und arbeiten schon mit solcher Präzision. Gibt es da einen Trick? Können Sie uns den vielleicht … zeigen?“Auch die anderen horchten auf. Natürlich musste es einen Trick geben! Sie drängten sich ebenfalls um Yuna und warteten mit geradezu flehenden Blicken auf ihre Antwort.Y
Dass Yuna so beherzt das Skalpell ansetzte, verblüffte Verena. Doch schon im nächsten Moment triumphierte sie innerlich.Yuna war in die Falle getappt. Diese Idiotin war tatsächlich darauf hereingefallen!Bei dieser aufgeblähten Leiche musste die faulige Flüssigkeit gleich beim ersten Schnitt herausspritzen, mitten in Yunas Gesicht und über ihren ganzen Körper.Verena malte sich schon aus, wie Yuna kreischte, völlig die Nerven verlor und sich von oben bis unten besudelt vor allen blamierte.Bei dieser Vorstellung hielt sie vor Aufregung den Atem an und starrte gebannt auf Yunas Hand.Die gut ein Dutzend jungen Leute im Saal wichen unwillkürlich mehrere Schritte zurück. Sie wussten nur zu gut, was ihnen bei einer solchen Leiche bevorstand. Der Anblick war entsetzlich, der Gestank unerträglich. Wer auch nur einen Spritzer abbekam, wurde den Fäulnisgeruch tagelang nicht mehr los, so gründlich er sich auch wusch.Als die Klinge eindrang, zischte es. Dann platzte der Bauch mit einem Knall a
Der Älteste wandte sich Verena zu und sah sie eisig an.„Diese Leiche ist für Anfänger ungeeignet. Einer von euch gibt seine ab.“Verena setzte ein unschuldiges Lächeln auf.„Das können Sie so nicht sagen.“Sie blinzelte. „Yuna lernt erst seit zwei Tagen und darf schon in den Anatomiesaal. Bei dem Tempo muss sie ein Genie sein. Da brauchen wir sie wohl kaum noch wie eine Anfängerin zu behandeln. So jemanden muss man gleich richtig fordern, oder?“„Ganz genau!“, stimmten einige der anderen kichernd zu.„Ein Genie muss sich schließlich auch an schwierige Aufgaben wagen.“„Wir geben ihr doch nur die Gelegenheit, ihr Können zu zeigen.“Verena nahm ein Skalpell, trat zu Yuna und hielt es ihr hin. Die Klinge blitzte im fahlen Licht auf.„Yuna.“ Verena lächelte gehässig. „Du bist zurückgekommen, um Familienoberhaupt zu werden, und willst bis zum siebten Tag die fünfte Stufe erreichen. Da musst du ja etwas ganz Besonderes sein. Jetzt sind wir alle hier. Zeig uns, was du kannst.“Sie legte den
Beim Öffnen der Tür zum Anatomiesaal schlug Yuna der stechende Geruch von Formalin und anderen Chemikalien entgegen. Dazu kam ein schwerer, kaum zu beschreibender Geruch nach Tod.In der Tür blieb sie einen Moment stehen. Beim Anblick des Saals stockte ihr der Atem.Grelles, kaltes Licht erhellte den großen Raum. An den Wänden reihten sich riesige Vitrinen mit Organpräparaten. Herzen, Lebern und Lungenlappen schwebten darin in Gefäßen mit blassgelber Flüssigkeit.In der Mitte standen über ein Dutzend Präparationstische aus Edelstahl. Auf jedem lag ein Leichnam für den Unterricht.In einer Ecke waren Tierkadaver aufgehäuft. Die gehäuteten Kaninchen waren blutverschmiert. Bei einem jungen Reh war der Bauch geöffnet, die Eingeweide lagen draußen. Daneben lagen mehrere ineinander verschlungene Schlangen, bereits völlig steif.In der kalten Luft vermischte sich der stechende Geruch von Formalin mit dem von Blut.„Haben Sie Angst?“, fragte der Älteste neben ihr.Yuna holte tief Luft. Ehrlich
Chiara starrte sie an. Selbst ihre gespielt verletzte Miene erstarrte mitten in der Bewegung. Die brennende Wange ließ sie für einen Moment alles vergessen.Wie konnte Yuna es wagen, wirklich zuzuschlagen?Henrik war einen Moment lang sprachlos. Dann brach seine Wut hervor.„Yuna, hast du den Versta
„Frau Wolfhardt, die Angelegenheit ist diesmal außerordentlich heikel! Ich fürchte, vor einem halben Monat kommt er nicht zurück.“Yuna verstummte einen Moment.Ein persönliches Gespräch fiel damit aus.Eine Nachricht im Chat war zwar nicht ganz so höflich – aber ihr blieb nichts anderes übrig.Yuna
„Yuna!“Henriks Gesicht verfinsterte sich. Er stürmte ihr nach.Kaum hatte Yuna das Privatzimmer verlassen, rief sie Viktor an. „Herr Moll, etwas ist dazwischengekommen, das Mittagessen fällt aus. Ich fahre direkt zur Besichtigung. Schicken Sie mir die Nummer der zuständigen Person durch.“„Frau Wol
„Henrik, das Kind in ihrem Bauch – ist es deins?“Yuna war kreidebleich. Sie traute ihren eigenen Ohren nicht.Vor sieben Monaten war Henriks älterer Bruder Erwin Wolfhardt bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Aus Mitleid mit Chiara Jensen, der jungen Witwe, die zudem schwanger war, hatte Yuna s







