LOGIN„Du ziehst hier nicht aus! Das ist dein Zuhause. Niemand wird dich vertreiben!“Anselm starrte die geschlossene Tür voller Abscheu an.„Da merkt man gleich, dass sie außerhalb unserer Familie aufgewachsen ist. Sie ist durchtrieben und hat keinerlei Anstand. Wenn hier jemand gehen muss, dann sie!“Ottilie zupfte ihn am Ärmel und seufzte leise.„Anselm, tu nichts Unüberlegtes. Die Matriarchin hat sie zurückholen lassen. Wenn wir Yuna wegschicken, ziehen wir den ganzen Zorn der Matriarchin auf uns. Mit unserer Strafe können wir leben. Aber Liane darf nicht dafür büßen. Es geht doch nur um ein Zimmer. Dann überlassen wir es ihr eben. Jetzt zählt vor allem Lianes Zukunft.“Sie nahm Lianes Hand und sah sie liebevoll an.„Du bist von klein auf für die Nachfolge ausgebildet worden. Dir gelingt alles, was du anpackst. Als Heilerin gehörst du zu den Besten. Dir stehen alle Wege offen. Yuna ist zwar meine leibliche Tochter, aber nüchtern betrachtet reicht sie nicht an dich heran. Du bist viel bes
Nach seinem Wutausbruch keuchte Anselm. Sein Brustkorb hob und senkte sich heftig.Yuna lächelte kühl. Sie hatte noch kein Wort gesagt. Wann hatte sie verlangt, Liane etwas wegzunehmen? Für jeden musste offensichtlich sein, dass Liane hier nur Theater spielte, um sie gegeneinander aufzuhetzen. Doch wer so voreingenommen war wie ihr Vater, sah davon natürlich nichts.Erst jetzt kam Ottilie die Treppe herauf. Sie zupfte Anselm am Ärmel und redete sanft auf ihn ein: „Sie ist gerade erst zurück. Warum wirst du gleich so wütend? Du machst ihr Angst …“Mit einem warmen Lächeln wandte sie sich Yuna zu.„Yuna, du und Liane seid beide unsere Töchter. Wir lieben euch gleich sehr. Keine von euch soll zu kurz kommen. Dein Zimmer habe ich schon vor deiner Ankunft eingerichtet. Es liegt im ersten Stock. Komm mit, sieh es dir an. Vielleicht gefällt es dir.“Sie trat näher, um ihre Hand zu nehmen. Yuna wich ihr aus. Sie konnte die Abscheu in ihrem Blick kaum verbergen.Ihr Vater machte Druck, ihre Mut
„Es geht doch nur um ein Gästezimmer. Was gibt es da zu beachten?“„Durchaus einiges.“Nach kurzem Zögern trat der Mann zur Seite. „Kommen Sie bitte mit, Frau Sommer.“Er führte Yuna und Adrian die Treppe hinauf. Unterwegs erklärte er: „Links im ersten Stock liegt das Zimmer von Herrn Hohenfels. Dort befinden sich auch das Arbeitszimmer, die Apotheke und ein Besprechungsraum. Rechts liegen vier Gästezimmer.“Ohne stehen zu bleiben, stieg er weiter nach oben. „Der zweite Stock gehört Frau Hohenfels. Sie hat die ganze Etage für sich.“Yuna hielt kurz inne. Die Erbin bewohnte eine ganze Etage?Am oberen Treppenabsatz öffnete der Mann eine Tür und trat beiseite.„Sehen Sie selbst, Frau Sommer.“Yuna trat ein. Durch die bodentiefen Fenster, die eine ganze Wand einnahmen, konnte sie die gesamte Stadt der Hohenfels überblicken. Unter ihr drängten sich die Holzhäuser dicht aneinander, dazwischen zog sich ein Netz von Straßen. In der Ferne stieg Rauch aus den Küchen auf. Noch weiter hinten brac
„Wieso fährt Yuna einfach weg? Papa, sie hat gar nicht auf dich gehört!“, murrte Liane.Anselms Miene verfinsterte sich. Er hatte erwartet, dass Yuna sich nach seiner Nähe sehnte und ihn mit Tränen in den Augen Papa nannte. Doch sie blieb kühl, ignorierte ihn sogar!„Papa … Stört es Yuna vielleicht, dass ich hier bin? Will sie, dass ihr mich wegschickt?“ Lianes Augen waren gerötet. „Wenn sie dann glücklich ist, gehe ich eben …“„Das kann sie vergessen!“Damit hatte Liane einen wunden Punkt getroffen. Anselm geriet augenblicklich außer sich.„Liane, ich habe dich großgezogen. Du bist mein geliebtes Kind, mein größter Schatz. Niemanden liebe ich mehr als dich! Seit über zwanzig Jahren sind wir Vater und Tochter. Diese Bindung ist stärker als jede Blutsverwandtschaft, durch nichts zu ersetzen. Im Vergleich zu dir bedeutet Yuna mir nichts.“Er sah dem davonfahrenden Fahrzeug nach. Sein Blick wurde immer kälter, verriet wachsende Abneigung.„Das hat sie also vor. Sie tut so unnahbar, damit
Auch seine Haut war straff. Er wirkte kaum älter als dreißig. Mit zusammengepressten Lippen und gerunzelter Stirn sah er streng, unnahbar aus. Er betrachtete Yuna missbilligend, fast vorwurfsvoll.„Papa …“Liane blickte zu ihm auf. Ihre Augen röteten sich sofort. Sie setzte zum Sprechen an, schwieg aber wieder. Sie wirkte zutiefst gekränkt.Anselm Hohenfels’ Züge wurden sofort weicher. Jetzt sah er sie voller Sorge an. Er stieg aus dem Schneefahrzeug, ging mit großen Schritten zu ihr und nahm ihre Hand. Sanft tätschelte er ihren Handrücken.„Mein Mädchen, den Jungen zu retten, hat dich bestimmt viel Kraft gekostet. Für mich bist und bleibst du die beste Tochter der Welt. Komm, wir fahren nach Hause. Ich habe dir den Fisch zubereiten lassen, den du am liebsten isst.“Er führte Liane zum Fahrzeug. Nebeneinander nahmen sie in der vordersten Sitzreihe Platz.Yuna würdigte er dabei keines Blickes. Er behandelte sie wie eine völlig unbedeutende Fremde. Erst als sie nach ein paar Sekunden noc
Yuna betrachtete Liane ruhig.„Angst vor Blut? Woran willst du das erkannt haben? Ich finde deine Hände nur schmutzig.“Plötzlich lächelte sie und sah Liane spöttisch an. „Oder möchtest du, dass ich Angst vor Blut habe, Liane? Dann sehen alle, wie ungeeignet ich für die Führung der Familie bin. So hast du doch noch eine Chance, Oberhaupt zu werden. Stimmt’s?“Liane erstarrte. Dass Yuna so etwas offen aussprach, hatte sie nicht erwartet. Was dachten die anderen nun von ihr, wenn sie Yuna glaubten?Sofort setzte sie eine unschuldige Miene auf. „Yuna … das habe ich nicht gemeint.“Yuna lachte spöttisch auf. „Wenn das stimmt, warum behandelst du mich dann ständig wie deine kleine Schwester? Ich bin die rechtmäßige Erbin der Hohenfels. Soll ich jetzt hinter dir zurückstehen? Soweit ich weiß, geht die Nachfolge hier seit jeher an die älteste Tochter.“Liane wurde bleich. Zwar wollten die meisten Familienmitglieder sie als nächstes Oberhaupt. Wenn sie aber selbst allzu offen darum kämpfte, wa
„Yuna!“Henriks Gesicht verfinsterte sich. Er stürmte ihr nach.Kaum hatte Yuna das Privatzimmer verlassen, rief sie Viktor an. „Herr Moll, etwas ist dazwischengekommen, das Mittagessen fällt aus. Ich fahre direkt zur Besichtigung. Schicken Sie mir die Nummer der zuständigen Person durch.“„Frau Wol
Im VIP-Luxuszimmer der Klinik.Chiara lehnte im Krankenhausbett und nippte an dem warmen Wasser, das ihr Henrik eingeschenkt hatte. „Henrik, ich habe von der Hausangestellten gehört, dass Yuna heute Morgen in einem Rolls-Royce zurückgekommen ist. Und dass sie die ganze Nacht weg war … vielleicht ist
Yuna war zurückgekommen, um ihre Sachen zu holen.Kaum hatte sie die Tür aufgestoßen, drang ein schrilles Lachen an ihr Ohr.Henrik, der sonst nie lachte, saß neben Chiara und erzählte ihr trockene Witze, um sie aufzuheitern.„Hatschi…“Chiara nieste lieblich.„Frierst du?“, fragte Henrik sofort bes
„Henrik, das Kind in ihrem Bauch – ist es deins?“Yuna war kreidebleich. Sie traute ihren eigenen Ohren nicht.Vor sieben Monaten war Henriks älterer Bruder Erwin Wolfhardt bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Aus Mitleid mit Chiara Jensen, der jungen Witwe, die zudem schwanger war, hatte Yuna s







