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Kapitel 6

Author: Tanja
„Frau Wolfhardt, die Angelegenheit ist diesmal außerordentlich heikel! Ich fürchte, vor einem halben Monat kommt er nicht zurück.“

Yuna verstummte einen Moment.

Ein persönliches Gespräch fiel damit aus.

Eine Nachricht im Chat war zwar nicht ganz so höflich – aber ihr blieb nichts anderes übrig.

Yuna nahm ihr Handy heraus, öffnete den Chat mit Adrian und tippte: Bist du beschäftigt? Hättest du ein paar Minuten? Ich möchte etwas mit dir besprechen.

Sie drückte auf Senden.

Augenblicklich blieb neben der Nachricht nur ein einzelner grauer Haken stehen.

Yuna runzelte die Stirn.

Eine ganze Minute lang starrte Yuna auf den einsamen Haken. Dann zog ein bitteres Lächeln an ihren Mundwinkeln.

War ja klar.

Adrian hatte sie nur geheiratet, um Henrik eins auszuwischen. Was sie als Person betraf, war er wahrscheinlich noch genauso distanziert wie damals, wenn nicht offen abweisend.

Ob sie ins Ausland ging oder nicht – warum sollte ihn das interessieren?

Yuna steckte schweigend das Handy ein und ging zurück in ihr Zimmer.

Sie streifte den Ring vom Finger und warf ihn auf den Nachttisch. Sobald sie Zeit fand, würde sie ihn verkaufen – gerade recht, um die zweihunderttausend Euro Provision wettzumachen, die Chiara ihr gestohlen hatte.

„Frau Wolfhardt, das hier ist Lavendelduft, er hilft beim Einschlafen.“

Die Hausangestellte zündete die Duftkerze an. Ein angenehmes, kühles Aroma breitete sich aus.

Yuna fiel kurz darauf in einen tiefen Schlaf.

In der nächtlichen Stille öffnete sich ihre Zimmertür langsam von außen.

Eine hochgewachsene, dunkle Gestalt trat lautlos ans Bett. Sein Blick fiel auf den Ring auf dem Nachttisch.

Seine Finger streckten sich aus, nahmen den Ring und schlossen sich fest um ihn.

Er drückte mit solcher Kraft zu, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten – als wollte er das verhasste Ding zerquetschen. Blut sickerte langsam zwischen seinen Fingern hindurch.

Der scharfe Schmerz dämpfte die brodelnde Brutalität und Besessenheit in seinem Blick ein wenig.

Er lachte leise, fast spöttisch über sich selbst, hob die Hand und schleuderte den blutbefleckten Ring in den Mülleimer.

Mit den blutbeschmierten Fingern strich er behutsam über Yunas Wange. Im Dunkel war sein Blick so undurchdringlich, dass nichts darin zu deuten war.

„Yuna … wage es nicht noch einmal, mich zu verlassen.“

…

Auch wenn sie ihre Stelle im Ausland erst nächsten Monat antreten würde, wollte Yuna keine Zeit verschwenden und sofort beginnen, ihre Daten zu sortieren.

Die Programme, die sie brauchte, und ihre umfangreichen Datensätze lagen alle auf ihrem privaten Laptop, der noch in der Firma stand.

Den musste sie zurückholen.

Also fuhr sie zum Wolfhardt-Konzern.

Kaum hatte Yuna das Hauptgebäude betreten, wurde die Nachricht ins Vorstandsbüro getragen.

„Herr Wolfhardt, Frau Sommer ist zurück in der Firma.“

Henrik legte die Unterlagen weg. Ein zufriedenes Lächeln huschte über seine Lippen. „Endlich gibt sie nach.“

Er holte das samtne Schmuckkästchen aus der Schublade. „Bringen Sie ihr das. Die rosa Diamantkette, die ich gerade ersteigert habe. Reservieren Sie außerdem ein Candle-Light-Dinner für heute Abend, ich esse mit ihr…“

Er hielt inne und änderte seine Meinung. „Lassen Sie. Ich gehe selbst zu ihr.“

Im Großraumbüro der Projektabteilung spürte Yuna sofort, dass die Stimmung anders war als sonst.

Lena, ihre frühere Assistentin, warf ihr verzweifelte Blicke zu.

Tatsächlich: In Yunas Büro hatte sich Chiara breitgemacht wie die Hausherrin.

Chiara hatte es sich in Yunas maßgefertigtem Bürostuhl gemütlich gemacht und sah sie herausfordernd an.

„Ach, Yuna, du bist doch entlassen worden, oder? Wie kannst du dich noch hierher trauen? Ich hatte gedacht, du hättest mehr Rückgrat …“

Ihr Ton triefte vor Verachtung, und sie rührte sich keinen Zentimeter. „Aber gut – auch wenn du zurück bist, dieses Büro kannst du vergessen. Ich bin Direktorin, deine Vorgesetzte. Der beste Platz steht selbstverständlich mir zu.“

Sie warf einen Blick durch die Glaswand und deutete in die hinterste Ecke, auf einen Arbeitsplatz, der mit Krempel vollgestopft war. „Du setzt dich da hinten hin.“

Vom eigenen Büro in eine Krempelecke verbannt zu werden, war in jeder Hinsicht eine Demütigung.

Yuna sah, wie hämisch und selbstgefällig Chiara dasaß, und lachte innerlich verächtlich auf. Ein Büro, das sie nicht mehr brauchte. Eine Abteilung, die sowieso bald am Ende war. Sie konnte gut darauf verzichten.

„Wo ist mein Laptop?“, fragte sie kühl.

„Da.“ Chiara verzog den Mund und warf einen schadenfrohen Blick zum Mülleimer. „Eine alte Kiste. Den willst du wirklich noch? Wie knauserig. Wenn ja, fisch ihn dir doch raus.“

Yuna folgte ihrem Blick – ihr Laptop lag im Mülleimer, zusammen mit all ihren persönlichen Sachen. Brotkrümel und Kaffeeflecken hafteten an allem.

Yunas Miene verfinsterte sich vollends.

„Yuna.“

Chiara stützte sich mit der Hand auf ihren gewölbten Bauch und erhob sich, kam Schritt für Schritt auf sie zu. In einem für andere nicht einsehbaren Winkel verzerrte sich ihre Miene zu einer hässlichen Fratze.

„Du bist gegangen. Was hast du also noch hier zu suchen? Mein Mann ist tot. Henrik ist jetzt der Vater meines Kindes, meine einzige Stütze. Warum musst du dich immer wieder einmischen und ihn mir streitig machen?“

„Kannst du nicht einfach vernünftig sein und mir Henrik überlassen?“

Yuna entfuhr ein bitteres Lachen. Eine derart dreiste Forderung hätte selbst einem Räuber die Schamesröte ins Gesicht getrieben.

„Yuna, weißt du was? Henrik und ich haben das Kind nicht über künstliche Befruchtung bekommen. Wir hatten unzählige Nächte miteinander. Anfangs verband er sich aus schlechtem Gewissen die Augen und rief deinen Namen, während er sich an mir abreagierte. Aber später … später nahm er mich sogar vor dem Spiegel und keuchte dabei, während er…“

„Er gehört längst mir. Solange ich da bin, gibt es im Hause Wolfhardt keinen Platz mehr für dich.“

Mit diesen Worten griff Chiara nach Yunas Hand und schlug sich damit selbst eine Ohrfeige. Im selben Schwung ließ sie sich nach hinten fallen.

„Aaah!“

Chiara stieß einen Schrei aus, sackte zu Boden und hielt sich die Wange. Sofort war sie wieder das unschuldige Lamm, das alle bemitleiden mussten.

„Yuna!“

Eine zornige Stimme donnerte von der Tür her.

Henrik stürmte herein, half Chiara vorsichtig auf und stieß Yuna mit Wucht von ihr weg. „Sie ist schwanger! Sie trägt mein Kind! Wie konntest du Hand an sie legen?“

Der Stoß war so heftig, dass Yuna sich nicht dagegen wehren konnte. Ihre Hüfte prallte hart gegen die Schreibtischkante. Ein rasender Schmerz schoss durch sie, als bräche dort etwas.

Sie wurde kreidebleich, kalter Schweiß brach ihr aus.

Doch Henriks Aufmerksamkeit galt nur Chiara. „Komm her! Entschuldige dich bei Chiara!“, fuhr er Yuna an.

Chiara schmiegte sich in seine Arme. In ihren Augen lag heimliche Schadenfreude, aber ihre Worte klangen demütig und nachsichtig:

„Henrik … sei nicht zu hart mit Yuna … das tut mir doch gar nicht weh.“

„Yuna hat allen Grund, wütend zu sein. Es ist meine Schuld. Wäre es nicht um die Erbfolge der Wolfhardts gegangen, hätte ich Henriks Kind nie ausgetragen. Yuna, du darfst mich so oft schlagen, wie du willst, wenn es deinen Zorn besänftigt.“

Henrik sah Chiaras tränenfeuchte Augen, ihre demütige Haltung – und verglich beides mit Yunas eisiger Härte. Mit einem Mal kam ihm Yuna abstoßend vor.

Sein Blick wurde kalt und voller Abscheu.

Yuna sah die beiden eng aneinandergeschmiegt vor sich. Ihr drehte sich der Magen vor Ekel um. Ein stechender Schmerz schoss durch sie, der sogar den in ihrer Hüfte übertraf.

„Ich darf dich so oft schlagen, wie ich will?“ wiederholte Yuna eiskalt.

Dann hob sie die Hand.

Klatsch! Klatsch!

Zwei schallende Ohrfeigen klatschten auf Chiaras andere Wange.

„Das hat die Welt noch nicht gesehen! Es gibt also tatsächlich Leute, die nach Ohrfeigen geradezu betteln. Reichen die zwei? Wenn nicht, kann ich gern noch ein paar nachlegen – aufs Haus.“

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