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Ein Geschenk zu viel
Ein Geschenk zu viel
Author: Déesse

Kapitel 1 — Der Preis des Schweigens

Author: Déesse
last update Last Updated: 2026-01-30 00:09:11

Lyra

Alles hatte ein paar Stunden zuvor begonnen.

Ich war aus Rafaels Wohnung gerannt, die Schuhe in der Hand, das Herz zerrissen, die Augen geschwollen vor Wut. Mein Telefon vibrierte noch immer, doch ich brachte es nicht einmal mehr fertig, seine Nachrichten zu lesen. Da war nichts mehr zu retten. Weder uns noch diese Lüge, die er Liebe nannte.

Ich war lange durch die Kälte gelaufen, ziellos, bis Cassandre mich anrief.

Als hätte sie es gewusst. Als hätte sie auf mich gewartet.

— Ich bin in der Stadt, hatte sie gesagt. Komm. Ich lade dich auf einen Drink ein. Du musst auf andere Gedanken kommen, kleine Schwester.

Kleine Schwester. Sie sagte das nie. Dieses Wort schnitt durch die Luft wie eine Falle.

Ich hätte misstrauisch sein sollen.

Aber ich war zu zerbrochen. Zu allein. Also sagte ich ja.

Die Bar wirkte unwirklich, wie eine Szene aus einem überglänzten Film. Cassandre empfing mich mit einer schnellen, fast aufrichtigen Umarmung. Sie trug ein schwarzes Satinkleid, schlicht und doch provokant, und Ohrringe, die wie Klingen funkelten.

— Du siehst umwerfend aus, flüsterte sie. Selbst in Trümmern strahlst du etwas Unglaubliches aus.

Ich zwang mich zu einem Lächeln. Zu einem von denen, die man aufsetzt, wenn man einfach nicht weinen will.

— Ich habe alles ruiniert, Cass … Ich habe ihn mit einer anderen erwischt. Bei ihm. In unserem Bett. Er hat mich monatelang belogen.

Sie breitete die Arme aus und bestellte zwei Tequila-Shots.

— Auf all die Männer, die uns nicht verdienen.

Der erste Shot brannte wie Feuer. Der zweite fühlte sich an wie Erlösung. Ich erzählte ihr alles. Mit zersplittertem Herzen: wie ich Rafael kennengelernt hatte, die Versprechen, die Zukunftspläne, das Schwindelgefühl, wenn ich ihn noch liebte, und die Übelkeit, als mir klar wurde, dass nur ich an uns geglaubt hatte.

Cassandre nickte, strich mir über die Hand.

— Du bist zu gut. Zu rein. Du vertraust, du verzeihst. Du bist perfekt dafür geschaffen, dass man dich mit Füßen tritt, Lyra.

— Denkst du so von mir? flüsterte ich.

Sie lachte leise.

— Nein. So denke ich von Männern. Aber heute Abend vergisst du das alles. Heute trinkst du mit mir, beobachtest, wie die Reichen sich in ihrer Arroganz verlieren, und wirst wieder die, die du warst, bevor du dich verliebt hast. Einverstanden?

Ich nickte. Und ich trank.

Jetzt reihen sich die leeren Gläser vor mir auf wie Narben. Die Luft ist wärmer, schwerer. Mein Kleid klebt an meiner Haut. Ich habe nicht mehr die Kraft, irgendetwas vorzutäuschen.

— Trink, Lyra. Es wird dir guttun.

Ich nicke wieder. Immer wieder. Mein Wille hat sich im Alkohol aufgelöst.

Aber etwas stimmt nicht. Es ist nicht nur der Rausch. Es ist dichter. Klebriger.

Ich spüre, wie ich fortgleite, ohne mich zu wehren.

Ich stehe auf, schwankend.

— Ich gehe kurz auf die Toilette …

Cassandre küsst mich auf die Schläfe.

— Komm schnell zurück, ja?

Während ich den Ausgang suche, verschwindet Cassandre im hinteren Teil der Bar. Dorthin, wo das Licht nicht mehr reicht. Wo die schlimmsten Pakte geschlossen werden.

Sie trifft den Mann. Dieses Monster, das vor krankem Verlangen trieft.

— Also, das ist meine Schwester. Hübsch, nicht wahr? haucht sie tonlos.

Er mustert sie mit dem Blick eines Raubtiers.

— Eine Million Euro. Sie ist Jungfrau. Du wirst nichts verlieren.

Cassandre presst die Zähne zusammen, doch sie weicht nicht zurück. Das Bild ihrer Schulden, der Drohungen, der Gläubiger, die an ihre Tür hämmern — alles drängt sich auf. Sie hat keine Lösung mehr. Nur diese Schwester. Zu sanft. Zu sauber.

Und sie sagt sich,

dass es gerecht ist. Dass nun eben sie an der Reihe ist.

— Du hast den Schlüssel, sagt sie. Sie gehört dir. In einer Stunde wird sie nicht mehr stehen können.

Ich suche die Toilette, aber alles schwankt. Die Wände dehnen sich wie in einem schmutzigen Traum. Meine Beine geben nach.

Ich stoße die Tür auf, taumle auf meinen unsicheren Absätzen — und pralle direkt gegen einen harten Oberkörper, fest wie eine Rüstung. Der Mann verströmt einen betörenden Duft aus Leder, warmen Gewürzen und edlem Holz, der meine Sinne überflutet.

Ich spüre seine festen Finger an meiner Taille, seinen leisen Atem an meiner Haut — und für einen Moment verliere ich vollkommen das Gefühl für Zeit.

Ich hebe den Blick.

Er ist nicht wie die anderen.

Er lächelt nicht. Er fragt nichts. Er berührt mich nicht mehr als nötig. Er betrachtet mich wie ein Rätsel, das es zu lösen gilt, eine unvorhergesehene Variable in einer allzu perfekt kontrollierten Gleichung.

— Du solltest nicht hier sein, sagt er mit tiefer, kühler Stimme.

— Ich wollte … nur …

Ich weiß nicht mehr. Ich kann nicht mehr denken. Meine Lippen bewegen sich, ohne dass ein Laut entsteht.

Ich bin leer.

Und doch spüre ich, dass dieser Mann in mir gerade etwas gesehen hat, das selbst Cassandre nie zu lesen vermochte.

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