LOGINMAËVAEin Jahr.Und doch habe ich manchmal das Gefühl, alles sei erst von gestern.Der Wind an diesem Morgen ist sanft, beladen mit dem Geruch von Erde und frisch geschnittenen Blumen. Das Haus summt vor Stimmen, vor Lachen, vor Vorbereitungen. Die weißen Tischdecken flattern auf den Tischen im Garten, die Bänder schlingen sich um die Stühle, und die noch tief stehende Sonne erhellt die Gläser wie Goldsplitter.In der Wiege schläft unser Sohn, friedlich.Kaum drei Monate alt und schon so viel Gegenwart.Seine kleine Faust öffnet sich, schließt sich im Leeren. Seine Lider zittern, als träumte er.Ich beuge mich hinab, streife seine Wange.„Mein kleiner Raphaël …“Es laut auszusprechen, verwirrt mich noch immer.Dieser Vorname trägt so viele Geschichten in sich, so viele Schweigen.Éliaz hat ihn eines Winterabends vorgeschlagen, ohne mich auch nur anzusehen.„Nennen wir ihn wie ihn“, hatte er gesagt.Und ich hatte verstanden, dass es keine Huldigung war, sondern ein Frieden, den er besi
ÉLIAZDie Stille danach.Eine Stille, die atmet, warm, beinahe lebendig.Die Kerzen brennen auf der Kommode nieder, und ihre winzigen Flammen werfen unsere ineinander verschlungenen Schatten an die Wand.Maëva schläft an mir.Ihr Kopf ruht auf meiner Schulter, ihre Hand noch auf meine Brust gelegt.Ihr Atem hebt meine Haut in regelmäßigen Abständen.Ich könnte stundenlang so bleiben, nur um diesem Rhythmus zu lauschen.Ich sehe die Decke an, dann das Fenster.Der Mond erhellt das Zimmer halb, zieht eine silberne Linie über die zerknitterten Laken.Die Nacht draußen ist unbewegt, dicht.Man könnte meinen, den Garten atmen zu hören, auch ihn, als wolle die Natur selbst sich vergewissern, dass wir endlich in Frieden sind.Ich denke an all das, was wir durchgemacht haben.Die Streite, die Wunden, das Schweigen.Und mir wird klar, dass all das nötig war, um hier anzukommen, in dieser einfachen Reglosigkeit, in dieser stillen Zärtlichkeit, die man nur zu schenken weiß, nachdem man alles ris
ÉLIAZDas Fest ist erloschen wie eine Glut, die man nicht auszublasen wagt.Das Lachen ist zwischen die Bäume entflohen, die Musiker haben ihre Instrumente an den Stühlen schlafen lassen, und der Rasen bewahrt den Abdruck der Schritte, der Tänze, der Umarmungen.Der ganze Garten scheint in einem letzten Herzschlag erstarrt zu sein.Einen Augenblick bleibe ich allein, inmitten der flackernden Lichter.Ein Glas in der Hand, den Kragen geöffnet, die Schultern schwer von einer seltsamen Müdigkeit, nicht jener des Körpers, sondern jener der Gefühle, die man nicht mehr zu bändigen weiß.Alles ist ruhig, und doch brennt alles noch unter der Oberfläche.Maëva kommt barfuß näher.Ihre Schritte gleiten über die kalten Fliesen der Terrasse, ihr Kleid streichelt den Boden wie eine klare Welle.Die Girlanden über ihr werfen goldene Splitter in ihr Haar.Sie bleibt stehen, bückt sich, hebt ein Rosenblatt auf, zerbrechliches Überbleibsel eines schon vergangenen Augenblicks, und lässt es zwischen ihr
MAËVADie Sonne gleitet zwischen die weißen Säulen des Anwesens, streichelt die frischen Blumen und die aufgehängten Lichtergirlanden.Alles ist bereit. Alles ist schön. Zu schön vielleicht, um wahr zu sein.Ich atme tief durch, meine zitternden Hände umklammern meinen Strauß. Der Duft von Rosen und Lilien lässt mir den Kopf schwirren.Ich werfe einen Blick zu Éliaz, der am Ende des Ganges auf mich wartet, tadellos gekleidet, das Gesicht zugleich ernst und strahlend.Er lächelt mich an, als unsere Blicke sich kreuzen, und alles Übrige verschwindet.Die Welt schrumpft auf diesen Gang, auf unsere Schritte, auf diesen schwebenden Augenblick.Die Gäste nehmen Platz, flüsternd, lachend, das Herz voller Erwartung. Und in diesem Murmeln erkenne ich unsere Freunde, unsere Familien, all jene, die über uns gewacht haben.Mein Handy vibriert in meiner Tasche. Eine Nachricht. Éliazʼ Vater, Raphaël, noch immer auf Reisen: „Glückwunsch euch beiden! Möge das Glück euch jeden Tag begleiten. In Gedank
MAËVADer Tag ist ohne Laut angebrochen.Ein fahler Schimmer gleitet durch die Vorhänge, legt sich auf die zerknitterten Laken, auf die laue Haut, auf die noch schlafenden Schatten.Ich weiß nicht, wann die Nacht geendet hat.Ich weiß nur, dass sie mich anders zurückgelassen hat, leichter, beinahe ganz.Das Schweigen ist sanft an diesem Morgen.Nicht das Schweigen von früher, jenes, das erdrückte und richtete, sondern ein bewohntes Schweigen.Éliazʼ Atem streift meinen Nacken, regelmäßig, friedlich.Er schläft noch, die Hand auf meine Hüfte gelegt, als fürchte er, ich könnte im Morgengrauen verblassen.Langsam wende ich den Kopf.Sein Gesicht ist ruhig, fast kindlich.Auf seinen Lippen liegt ein leichtes Lächeln, jenes derer, die endlich ein wenig Frieden gefunden haben.Ich betrachte ihn lange, ohne mich zu bewegen, nur um diesen Augenblick einzuprägen: das Licht, sein Atem, das Gefühl, einfach da zu sein.Dann öffnen sich seine Augen, klar, noch schlafverhangen.Er sieht mich an, un
MAÉVA Die Nacht hat sich wie ein schweres Laken auf die Stadt gelegt. Kein Regen, kein Wind. Nur ein dichtes, beinahe lebendiges Schweigen, das unseren Atemzügen zu lauschen scheint. Ich sitze auf der Bettkante, die Hände im Schoß gefaltet. Das sanfte Licht einer Lampe zeichnet unsere Schatten an die Wände. Jeder Schlag meines Herzens hallt im Raum wie eine Mahnung: Ich bin noch da. Lebendig. Schuldig. Müde. Éliaz steht nah am offenen Fenster. Die Nacht verschlingt ihn zur Hälfte, sein Profil erahnt man im goldenen Schimmer. Ich sehe ihn an, ohne zu sprechen zu wagen, unfähig zu wissen, was ich wirklich sagen will. Alles ist eingestürzt, aber er ist aufrecht geblieben. Wie ein letzter Zeuge dessen, was wir hätten sein können. Ich murmle endlich: „Hast du mir vergeben?“ Er wendet langsam den Kopf zu mir. Seine Augen legen sich auf mich, zögern, verankern sich dann. Er antwortet nicht sofort. Ich sehe seine Kehle sich zuschnüren, seine Finger sich l







