LOGINMayaAm ersten Tag ohne ihre Stimme glaube ich, den Verstand zu verlieren.Victoria spricht nicht mehr mit mir.Sie sieht mich nicht einmal an.Sie geht an mir vorbei, ohne mich wahrzunehmen, als wäre ich unsichtbar geworden. Als wäre ich nur noch ein Geist in ihrem weißen Haus.Ich bin immer noch da. Ich knie mich weiterhin hin, sobald sie einen Raum betritt, und warte auf ihre Anweisungen.Doch die Befehle bleiben aus.Nichts kommt mehr.Nur Schweigen.Ein gewaltiges, bedrückendes Schweigen, das das ganze Haus wie eisiges Wasser ausfüllt.Ich erledige weiterhin meine Aufgaben. Morgens bereite ich den Kaffee zu, decke den Tisch und putze die Küche.Doch Victoria trinkt den Kaffee nicht, den ich ihr hinstelle. Sie isst nicht an dem Tisch, den ich für sie decke. Alles, was ich für sie tue, ignoriert sie konsequent.Ich bin nicht länger ihr Eigentum.Ich bin überhaupt nichts mehr.Nur noch ein Möbelstück. Ein nutzloser Gegenstand. Eine störende Anwesenheit.Am ersten Abend knie ich mich
MayaAm nächsten Tag ist Léa noch immer nicht abgereist.Ich finde sie im Innenhofgarten. Sie sitzt auf einer Steinbank und blickt gedankenverloren auf das Laub der Bäume.Heute trägt sie ein rotes Kleid. Ein leuchtendes, beinahe schrilles Rot. Ihre lockigen Haare fallen offen über ihre Schultern.Sie sieht nicht aus wie eine Frau, die kurz davorsteht, in ein Flugzeug zu steigen.Sie sieht aus wie eine Frau, die auf etwas wartet.Oder auf jemanden.»Mein Flug wurde gestrichen«, sagt sie, ohne sich umzudrehen, als sie meine Schritte hört. »Streik der Fluglotsen. Ich sitze bis morgen hier fest. Victoria hat mir angeboten, noch eine Nacht zu bleiben.«»Wo ist Victoria?«, frage ich und setze mich neben sie auf die Bank.»Bei der Arbeit. Sie hat eine wichtige Besprechung, sagt sie jedenfalls. Ich glaube eher, dass sie Abstand von uns wollte. Von dir und mir. Von dieser ganzen Situation.«Zwischen uns entsteht eine Stille.Diesmal ist sie anders als die Stille, die ich bisher erlebt habe. B
MayaVictoria kommt den ganzen Tag nicht nach Hause.Sie lässt mich allein in dem weißen Haus. Allein mit meinem Halsband. Allein mit meinen Gedanken.Ich esse, was ich im Kühlschrank finde: Brot, Käse und eine Frucht.Ich wandere durch die leeren Räume, betrachte die abstrakten Gemälde an den Wänden und lese einige Seiten in einem Buch aus der Bibliothek, ohne auch nur ein Wort wirklich aufzunehmen.Schließlich bricht die Nacht herein. Sie ist klar und kalt.Ich schlafe zusammengerollt auf dem Sofa ein, ohne Decke.Am nächsten Morgen weckt mich die Türklingel.Ich stehe auf, gehe zur Tür und öffne sie.Léa steht davor.Sie trägt einen beigen Trenchcoat. Ihre lockigen Haare sind zu einem Pferdeschwanz gebunden, und ihre grünen Augen funkeln mit einer Energie, die ich bisher nicht an ihr kannte.»Ist Victoria da?«, fragt sie.»Nein. Sie ist gestern weggegangen und noch nicht zurückgekommen.«»Umso besser«, sagt Léa.Ohne auf eine Einladung zu warten, betritt sie das Haus. Sie zieht ihr
MayaVictoria wartet, bis Léa gegangen ist, bevor sie mich bestraft.Sie wartet, bis sich die Eingangstür schließt, bis Léas Schritte auf der Straße verklingen und die Stille wieder in das Haus zurückkehrt.Dann steht sie auf, stellt ihre Kaffeetasse in die Spüle und sagt mit einer Stimme, die ich an ihr nicht kenne. Eine Stimme, die kalt, metallisch und unnahbar klingt:»Geh ins Wohnzimmer. Knie dich mitten im Raum hin. Warte auf mich.«»Ja, Ma'am.«Ich steige die Treppe hinauf. Meine Beine zittern, mein Herz schlägt heftig gegen meine Brust.Das Wohnzimmer sieht genauso aus wie gestern. Schwarz, weiß und kalt.Ich knie mich mitten auf den Teppich. Diesmal nicht auf das Parkett. Vielleicht hatte Victoria Mitleid mit meinen Knien.Ich warte mit den Händen auf den Oberschenkeln, den Rücken gerade und den Blick gesenkt.Victoria kommt langsam die Treppe herauf. Ihre Schritte klingen schwer.Als sie das Wohnzimmer betritt, sehe ich, dass sie etwas in der Hand hält.Eine Gerte.Eine schwa
MayaDie Morgendämmerung ist ein grauer Riss am Himmel, eine Wunde, aus der langsam Blut über die Dächer der Stadt sickert. Seit Stunden schlafe ich nicht mehr. Ich liege auf dem kalten Holzboden meines Zimmers, die Augen weit geöffnet in der Dunkelheit, meinen Körper angespannt wie eine überdehnte Saite. Das Halsband lastet schwer auf meiner Kehle. Jeder Herzschlag scheint gegen den Stahl zu pochen, und ich habe das Gefühl, dass die Buchstaben KANE nicht in das Metall, sondern direkt in mein Fleisch eingraviert wurden. Millimeter für Millimeter scheinen sie sich tiefer in meine Haut zu bohren, bis sie irgendwann meine Halsschlagader erreichen werden.Victoria liebt Léa.Victoria hat Léa schon immer geliebt.Victoria hat es vor mir verborgen.Sie hat mich durch ihr Schweigen belogen. Sie hat mir Léa als einen gescheiterten Vertrag präsentiert, als etwas Wertloses, als eine ehemalige Besitzangelegenheit, die nicht mehr funktioniert. Dabei ist Léa ihre Liebe. Ihre wahre Liebe. Ihre einz
Victoria betrachtet die Hand von Léa auf meinem Oberschenkel und sagt nichts. Sie sagt absolut nichts. Ihre grauen Augen wandern von Léas Hand zu meinem Gesicht und dann wieder zurück zu Léas Hand, während ihr Ausdruck unmöglich zu deuten ist. — Ich habe gelitten, fährt Léa fort, während sie ihre Finger leicht auf meinem Oberschenkel bewegt, und diese Bewegung ist so sanft, so langsam, so verstörend, dass ich nicht weiß, ob sie absichtlich geschieht oder nicht. Ich habe gelitten wie eine ausgesetzte Hündin, Victoria. Ich habe monatelang jede Nacht geweint. Ich war kurz davor, alles hinzuwerfen, alles zu verlassen, alles zu vergessen. Und dann habe ich verstanden. Ich habe verstanden, dass du Angst hattest. — Ich habe vor nichts Angst, sagt Victoria. — Du hast Angst vor der Liebe, sagt Léa. Du hast Angst davor, die Kontrolle zu verlieren, du hast Angst davor, verletzlich zu sein, du hast Angst davor, dass jemand hinter der Maske der







