Share

Vier Minuten

Author: Promise great
last update publish date: 2026-10-08 18:01:39

Kapitel 117

Vier Minuten

JONATHAN (Perspektive)

Vier Minuten sind keine lange Zeit. In dieser Wohnung – mit heruntergelassenen Jalousien, dem Summen des Kühlschranks und Wills Gesicht, das die Farbe von altem Papier hatte – fühlte es sich an wie ein angehaltener Atemzug. Y

„Wir könnten gehen“, sagte Catalina. „Durch das Treppenhaus. Er würde uns nicht sehen.“

„Und dann?“, fragte ich, den Blick fest auf die Wohnungstür gerichtet. „Er weiß, wo ich bin. Anscheinend weiß er es schon die ganze Woch
Continue to read this book for free
Scan code to download App
Locked Chapter

Latest chapter

  • Für Entschuldigungen ist es zu spät.   Die Tür unter der Tür

    Kapitel 125Die Tür unter der TürJONATHAN (Perspektive)Die Stange bog sich, bevor die Naht nachgab.Catalina warf ihr ganzes Gewicht dagegen, ihre Stiefel rutschten auf dem Beton, und ich legte meine Hände neben ihre an den Stahl und zog. Irgendetwas tief in der Wand kreischte – ein Geräusch wie ein rostiges Tor im Sturm –, und ein handbreites Stück der Platte schwang nach außen, an einem Scharnier, das sich seit vierzig Jahren nicht mehr bewegt hatte.Staub quoll aus dem Spalt. Dahinter tat sich ein schwarzes Rechteck auf, und mir schlug ein Geruch entgegen, den ich aus meiner Kindheit kannte: feuchter Stein und alte Rohre.„Es ist echt“, keuchte Catalina. „Es ist ein Tunnel.“*Zwanzig Minuten*, sagte die Decke.Die Kälte aus den Lüftungsschächten nahm zu. Es war noch nicht das Gas, wie mir klar wurde. Der Raum wurde leergepumpt; die Luft wurde in einem langsamen, stetigen Sog abgezogen. Mein Kopf schmerzte, als würde sich ein enges Band um meine Stirn ziehen, und Elena lehnte mit

  • Für Entschuldigungen ist es zu spät.   Der Bruder, den niemand beerdigte

    Kapitel 124Der Bruder, den niemand beerdigteJONATHAN (Perspektive)Drei volle Sekunden lang herrschte vollkommene Dunkelheit. Ich hörte Atemgeräusche, das Scharren von Stoff, das Rutschen eines Schuhs auf Beton. Dann klickte Catalinas Taschenlampe an und warf einen weißen Lichtkegel auf die Stahlschubladen, und die Stimme aus dem Lautsprecher sprach erneut – angenehm und ohne Eile.„Bitte verschwende die Batterien nicht. Du wirst sie noch brauchen.“„Julian“, sagte Vivienne. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch.„Hallo, Viv.“ Echte Wärme schwang darin mit, und genau das war das Schlimmste daran. „Du warst sechs. Du hattest einen Stoffhasen, dem ein Ohr fehlte. Du hast mit ihm unter dem Kinn geschlafen. Ich habe dich oft durch das Fenster des Kinderzimmers beobachtet und gedacht: Sie ist die Einzige in diesem Haus, die nicht weiß, was wir sind.“„Du bist tot“, sagte sie. „Sie haben dich beerdigt.“„Sie haben eine Kiste mit Sand beerdigt, Liebes. Papa war schon immer sparsam mit se

  • Für Entschuldigungen ist es zu spät.   Der Mann, der weggelaufen war

    Kapitel 123Der Mann, der weggelaufen warJONATHAN (Perspektive)Die Schritte verstummten. Niemand im Tresorraum wagte zu atmen.Dann tauchte eine Hand am Rand der Stahltür auf – blass und zitternd –, und ein Mann stolperte mit erhobenen Armen ins Licht. Er trug keine Kopfbedeckung, war unrasiert, sein Hemd war am Kragen zerrissen und ein Auge war halb zugeschwollen. Der rechte Ärmel war bis zum Ellbogen hochgeschoben, und an der Innenseite seines Handgelenks sah ich im Lichtkegel von Catalinas Taschenlampe drei kleine blaue Striche.„Daniel“, sagte Vivienne.Sie sprach den Namen aus wie jemand, der etwas benennt, das er im Dunkeln gefunden hat. Ich spürte, wie sie sich neben mir bewegte und dann innehielt, als hätte ihr eigener Körper ihr den Dienst versagt.„Nicht“, sagte Daniel heiser. „Bitte. Ich bin unbewaffnet. Ich bin nicht hier, um irgendjemandem wehzutun.“ Sein gesundes Auge suchte mich, huschte dann aber sofort wieder weg. „Ich versuche schon seit zwei Tagen, Sie zu finden,

  • Für Entschuldigungen ist es zu spät.   Die Verlesung

    Kapitel 122Die VerlesungJONATHAN (Perspektive)Niemand sagte ein Wort. Irgendwo unter dem Boden summte der Motor – geduldig und gleichgültig –, und die Uhr über der Tresortür tickte auf Mittag zu.Marcus machte einen Schritt in den Raum und blieb stehen, als wäre die Luft um ihn herum plötzlich zähflüssig geworden. Seine Hände hingen offen an seinen Seiten herab. Ich hatte erlebt, wie dieser Mann feindselige Führungskräfte ins Kreuzverhör nahm, ohne auch nur die Stimme zu erheben, doch jetzt wirkte er wie jemand, der in einem fremden Haus aufwacht.„Mama hat mir erzählt, du wärst gestorben“, sagte er. „Ich war elf. Sie sagte, du hättest Fieber gehabt. Es gab eine Beerdigung. Ich hielt eine Blume in der Hand.“„Es gab einen Sarg“, sagte Elena. „Er war leer.“„Warum?“„Weil sie Angst hatte.“ Elenas Stimme blieb ruhig, doch ihre Finger hatten die Goldkette an ihrem Hals gefunden und spielten nervös damit. „Nachdem Papa gestorben war, kam ein Mann zu uns an die Tür. Er drohte ihr nicht.

  • Für Entschuldigungen ist es zu spät.   Das Geständnis des alten Mannes

    Kapitel 121Das Geständnis des alten MannesJONATHAN (Perspektive)Ich setzte mich. Ich kann mich nicht daran erinnern, mich dazu entschlossen zu haben. Meine Beine ließen mich einfach auf eine umgedrehte Kiste neben der offenen Box sinken, und Vivienne ließ sich vor dem Sessel ihres Vaters auf die Knie auf dem Betonboden nieder; eine Hand hielt sie sich vor den Mund.„Du kannst nicht sprechen“, sagte sie. „Marcus hat gesagt, du könntest nicht sprechen.“Die flache, synthetische Stimme antwortete an seiner Stelle. *Marcus wurde das gesagt, was ich ihm sagen lassen wollte. Der Schlaganfall war echt. Das Schweigen war nützlich. Ein Mann, der nicht sprechen kann, ist ein Mann, vor dem sich niemand in Acht nimmt.*Sein gesundes Auge wanderte zu der Pflegerin hinter ihm, und sie nickte mir kurz und förmlich zu. Mir fiel auf, dass sie kein Namensschild trug.„Du hast die Nachrichten geschickt“, sagte ich. „Das Video. Die Aufnahme. Das Gästehaus.“Seine Finger bewegten sich über das Tablet.

  • Für Entschuldigungen ist es zu spät.   Der Meridian-Anbau

    Kapitel 120Der Meridian-AnbauJONATHAN (Perspektive)Catalina fuhr, als hätte sie ihr ganzes Leben lang nur auf die Erlaubnis dazu gewartet.Sie nahm die Ausfahrt des Parkhauses mit einer Geschwindigkeit, für die die Schranke nicht ausgelegt war; der Schrankenbaum klapperte hinter uns hoch. Als wir die Hauptstraße erreichten, hatte sich der Sonntagsverkehr bereits auf Lieferwagen und ein paar frühe Jogger reduziert; sie schlängelte sich mit festem Griff am Lenkrad und zusammengebissenen Kiefern hindurch.Ich saß auf dem Beifahrersitz, den Eisenschlüssel in der einen Tasche und Viviennes goldenen Schlüssel in der anderen. Vivienne saß hinten. Ich spürte ihre Anwesenheit dort, wie man einen Luftzug wahrnimmt – eine kalte, beständige Präsenz am Rande von allem. Die Taschenuhr lag tickend auf meinem Schoß, und jedes Mal, wenn ich auf sie hinunterblickte, befand sich der Sekundenzeiger genau dort, wo er sein sollte.„Sie ist zweiundzwanzig Jahre lang nicht gelaufen“, sagte ich, mehr zu mi

  • Für Entschuldigungen ist es zu spät.   Dem weg

    Kapitel 2Catalina„Das Essen ist fertig, Rodrigo“, sagte ich, meine Stimme durchdrang die Stille des Esszimmers.Ich stand am Kopfende des langen Mahagonitisches, meine Finger berührten sanft den Rand des makellosen Keramiktellers, den ich gerade zurechtgerückt hatte. Ich hatte alles genau so gede

  • Für Entschuldigungen ist es zu spät.   Sie lebt

    Kapitel 1Catalina„Du musst sofort zum Anwesen kommen, Catalina. Sie lebt.“„Was?“, platzte es aus mir heraus, bevor ich es verhindern konnte. Wer lebte?„Deine Schwester, sie lebt.“Die Stimme meines Vaters klang durch den Telefonlautsprecher so sanft wie seit drei Jahren nicht mehr. Er wartete n

  • Für Entschuldigungen ist es zu spät.   Leute da

    Kapitel 5Catalina„Gehen Sie zurück und lassen Sie mich herein. Nur sie kann mich richtig verarzten.“„Boss, Ihr Vater hat uns strenge Anweisungen gegeben. Sie dürfen diesen Flügel nicht ohne Catalinas Erlaubnis betreten.“„Ich bin immer noch der Boss dieses Anwesens. Gehen Sie mir aus dem Weg, be

  • Für Entschuldigungen ist es zu spät.   Das papier

    Kapitel 4Catalina„Catalina? Bitte öffne deine Augen. Sieh mich einfach an. Versuch, dich zu konzentrieren.“Ich öffnete die Augen. Das Erste, was ich sah, war eine blendend weiße Decke. Das gleichmäßige Piepen eines Herzmonitors hallte laut in dem kleinen Zimmer wider. Ich drehte den Kopf leicht

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status