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Das papier

Author: Promise great
last update publish date: 2026-06-05 13:48:32

Kapitel 4

Catalina

„Catalina? Bitte öffne deine Augen. Sieh mich einfach an. Versuch, dich zu konzentrieren.“

Ich öffnete die Augen. Das Erste, was ich sah, war eine blendend weiße Decke. Das gleichmäßige Piepen eines Herzmonitors hallte laut in dem kleinen Zimmer wider. Ich drehte den Kopf leicht nach links. Meine Schwiegermutter Elena saß auf einem Plastikstuhl direkt neben meinem Bett.

„Mama“, flüsterte ich. Meine Kehle fühlte sich an wie zerbrochenes Glas.

„Du bist wach“, rief Elena leise. Sie beugte sich sofort zu mir und legte ihre warmen Hände auf meine geschwollenen Wangen. „Oh, Gott sei Dank. Kannst du mich gut hören? Weißt du, wer ich bin?“

„Ja“, antwortete ich langsam. „Wo bin ich?“

„Du bist in Sicherheit“, versicherte sie mir. „Du bist im sicheren Privatflügel des Familienkrankenhauses.“

Ihre Augen waren ganz rot und stark geschwollen.  Sie hatte den stillen, erschöpften Blick einer Person, die stundenlang geweint hatte.

„Ich habe furchtbaren Durst“, sagte ich.

„Ich hole dir sofort etwas Wasser“, sagte sie. „Nur einen ganz kleinen Schluck.“

Sie hob mir einen Plastikbecher an die Lippen. Ich trank das kalte Wasser langsam und spürte, wie es das Brennen in meinem Hals linderte.

„Wie lange liege ich schon hier?“, fragte ich und legte meinen schweren Kopf zurück auf das weiche Kissen.

„Zwei volle Tage“, sagte sie. Ihre Stimme zitterte. „Ich hatte solche Angst, Catalina. Du warst völlig bewusstlos. Wir dachten nicht, dass du aufwachen würdest.“

Bevor ich noch etwas fragen konnte, öffnete sich die schwere Holztür. Alejandro kam um das Bett herum. Er sah viel älter aus, als ich ihn in Erinnerung hatte. Tiefe Falten umrahmten seinen Mund und seine Stirn, als hätten die letzten 48 Stunden sein Leben um zehn schwere Jahre verlängert.

 „Sie ist endlich wach“, sagte er und atmete erleichtert auf.

„Was ist mit mir passiert?“, fragte ich ihn.

„Du hast viel Blut verloren“, erklärte Papa sanft und stand am Fußende meines Bettes. „Dein Körper war in einem schweren Schockzustand. Aber du hast tapfer gekämpft.“

Meine Hände fuhren sofort unter die dünne Krankenhausdecke und bedeckten meinen Bauch. Panik ergriff mich.

„Papa, bitte sag es mir“, flehte ich mit zitternder Stimme. „Das Baby.“

Er trat näher und sah mir direkt in die Augen.

„Atme. Das Baby hat überlebt, Catalina“, sagte er.

Ich atmete tief und zitternd aus. „Bist du dir ganz sicher?“

„Ja, ganz sicher“, bestätigte er.  „Aber der Arzt hat ganz klar gesagt, dass das Kind im Moment extrem zerbrechlich ist. Dein Körper ist sehr schwach. Jede weitere Belastung wird euch beide treffen. Du brauchst absolute Ruhe, wenn du dieses Kind austragen willst.“

Ich legte meine Hand flach auf meinen Bauch.

„Es tut mir so leid, Kleines“, flüsterte ich in die Stille des Zimmers. „Es tut mir so leid, dass ich dich in dieses Schlamassel gebracht habe.“

Ich blickte von den weißen Laken auf und sah in seine müden Augen.

„Papa“, rief ich leise seinen Namen.

„Ja, Katze?“, fragte er und trat neben mich.

„Bitte, kannst du mich jetzt gehen lassen?“, fragte ich.

Er wusste genau, was ich meinte. Mama wandte sofort den Blick ab und starrte angestrengt auf den leeren Fernsehbildschirm an der Wand. Papa stand lange Zeit schweigend da. Er verschränkte die Arme und blickte auf den Fliesenboden.

„Du musst dich mir nicht erklären, Kind“, sagte Papa schließlich mit belegter Stimme.  „Du hast in diesem Haus genug gelitten. Wenn du diese Ehe wirklich beenden willst, werde ich dich nicht aufhalten.“

„Ich will“, sagte ich entschieden, und endlich rannen mir die Tränen über die Wangen. „Ich kann nicht zurück. Er wird mich beim nächsten Mal umbringen.“

„Ich weiß, dass du das nicht tun wirst“, stimmte er zu.

„Wirst du mir helfen, das Land zu verlassen?“, fragte ich.

„Ich werde alles für dich regeln“, sagte er bestimmt. „Du wirst sofort nach Paris geflogen, sobald das Krankenhaus dich offiziell entlässt.“

„Paris?“, fragte ich überrascht. „Aber was ist mit meinem Pass? Rodrigo bewahrt alle meine Ausweispapiere in seinem Safe auf.“

„Mach dir keine Sorgen um die Formalitäten“, versicherte er mir.  „Meine besten Leute lassen heute brandneue Dokumente für Sie anfertigen. Sie werden sicher unter einem völlig neuen Namen reisen. Dort können Sie ein ganz neues Leben beginnen. Ein ruhiges Leben, weit weg von diesem Mafia-Abschaum. Ich persönlich werde dafür sorgen, dass Sie über alle nötigen finanziellen Mittel und Ressourcen verfügen.“

„Danke“, sagte ich mit zitternder Stimme. „Ich meine es ernst. Worte reichen nicht aus, um auszudrücken, was Sie für mich tun. Vielen Dank Ihnen beiden.“

Papa nickte langsam. Er drehte sich um und ging zur Tür.

„Warte!“, rief ich schnell.

Er blieb stehen und blickte über die Schulter. „Was brauchst du noch, Cat?“

„Ich habe eine riesige Bitte an dich“, sagte ich. „Und du musst es mir schwören.“

„Sag mir, was ich will“, erwiderte er.

„Sag Rodrigo nicht, dass das Baby überlebt hat“, wies ich ihn an.

Mama drehte den Kopf und sah mich an. „Warum verheimlichst du ihm so ein großes Geheimnis?“

„Weil ich genau weiß, wie sein verdrehter Verstand tickt“, erklärte ich. „Ich will nicht, dass die Existenz meines ungeborenen Kindes für ihn zu einer billigen Druckmittel wird. Ich will nicht, dass dieses unschuldige Baby der Grund dafür ist, dass er mich jagt. Er wird das Kind benutzen, um mich zurück in dieses schreckliche Haus zu zwingen. Ich will frei sein.“

Papa starrte mich einen langen, eindringlichen Moment an. Er nickte einmal entschlossen.

 „Wenn du nicht willst, dass er es erfährt, werde ich kein Wort sagen“, versprach er. „Seine Leibwächter glauben ohnehin schon, dass du das Baby bei dem Angriff verloren hast. Wir lassen ihn einfach in diesem Glauben.“

„Danke“, hauchte ich und ließ den Kopf zurückfallen.

Papa verließ das Zimmer. Mama blieb direkt neben meinem Bett. Sie hielt meine Hand fest und versuchte nicht, die bedrückende Stille mit irgendwelchen nutzlosen Ratschlägen zu füllen. Diese einfache, gemeinsame Stille war genau das, was ich brauchte, um zu heilen.

Zwei Tage vergingen in Frieden. Ich saß auf den weichen Kissen und aß ein leichtes Mittagessen, als ein dunkler, bedrohlicher Schatten über den Eingang des Krankenhauses fiel.

Ich blickte auf. Rodrigo stand direkt in der Türschwelle.

Ich bin sicher, niemand hatte ihn gerufen. Er stand völlig still und starrte mich im Krankenhausbett an. Für einen kurzen, seltsamen Augenblick spiegelte sich in seinem Gesicht eine rohe, schwere Emotion wider, die ich nicht einmal benennen konnte.

Mama stand sofort auf, ihr Stuhl kratzte laut über den Boden.  Sie stellte sich direkt zwischen mein Bett und die offene Tür.

„Was machst du hier?“, fragte Mama. „Verschwinde sofort aus diesem Zimmer!“

Rodrigo rührte sich nicht. Seine Augen klebten an meinem Gesicht. „Ich wollte nur wissen, ob es ihr gut geht.“

„Das hast du nicht zu fragen!“, fuhr Mama ihn an. „Das Recht darauf hast du in dem Moment verwirkt, als du zugelassen hast, dass deine Wachen deine schwangere Frau anfassen.“

„Mutter, bitte“, begann Rodrigo.

„Nenn mich nicht Mutter! Ich könnte niemals ein Monster wie dich gebären!“, schrie Mama ihn an.

„Dreh dich um und verlass dieses Krankenhaus, bevor ich die Sicherheitsleute deines Vaters dich rauswerfen lasse!“

„Sie ist immer noch meine Frau“, sagte Rodrigo und sah an ihr vorbei in meine Augen. „Catalina, bitte. Sieh mich einfach an.“

Ich starrte an die Decke. Ich bewegte meinen Kopf nicht. Ich fühlte absolut nichts.  Die tiefe Leere in meiner Brust war irgendwie viel schlimmer als der körperliche Schmerz.

„Lass sie in Ruhe“, sagte Mama mit gefährlich leiser Stimme. „Du hast genug Schaden angerichtet. Geh zurück zu diesem giftigen Wesen, das du mitgebracht hast.“

Rodrigo stand noch einen Moment da und suchte in meinem Gesicht nach Vergebung. Ich gab ihm keine. Er drehte sich um und ging wortlos weg. Ich starrte auf die leere Tür. Ich fühlte nichts. Die Leere in mir war schlimmer als der Schmerz. Jegliche Liebe, die ich für ihn empfunden hatte, war erloschen.

In dieser Nacht war Mama kurz nach Hause gegangen, um sich umzuziehen, als eine junge Krankenschwester ins Zimmer kam, um meine Vitalwerte zu überprüfen. Sie sah auf den Monitor, notierte etwas auf ihrem Klemmbrett und trat dann vorsichtig an mein Bett heran.

Sie wirkte nervös, sprach aber dennoch.

„Entschuldigen Sie, Frau Salazar“, flüsterte sie.

„Ja?“, fragte ich.

„Ein Mann hat mich gebeten, Ihnen dies persönlich zu überbringen“, sagte sie und hielt mir ein kleines, gefaltetes Stück dickes, weißes Papier hin.  „Er hat seinen Namen nicht hinterlassen. Er hat mir nur viel Geld bezahlt, damit ich es Ihnen sicher überbringe.“

Sie verließ eilig den Raum. Ich faltete das Papier langsam auseinander. Yh 

Darin standen in Rodrigos klarer, vertrauter Handschrift nur vier einfache Worte:

„Es tut mir leid. Ich wusste es nicht.“

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