LOGINIch saß steif im ledernen Beifahrersitz, die Wirbelsäule schmerzte von der Anspannung der letzten vierundzwanzig Stunden. Neben mir fuhr Caelen in absoluter Stille, seine großen Hände leicht am Lenkrad, sein Gesicht eine undurchdringliche Maske im schwachen Schein des Armaturenbretts. Seit er die schwarze Mappe letzte Nacht auf das Bett geworfen hatte, hatten wir kein Wort gesprochen. Der Sechs-Monats-Blutvertrag lag jetzt in meiner Ledertasche und ruhte an meinem Oberschenkel wie eine scharfe Granate.
Caelen brachte den Wagen fließend auf der geschwungenen Marmoreinfahrt zum Stehen. Bevor ich den Türgriff erreichen konnte, trat ein Mann im Anzug vor und öffnete mir die Tür mit einer knappen, geübten Verbeugung.
„Willkommen auf dem Anwesen, Mrs. DeLuca“, sagte der Wächter mit flacher Stimme, die Augen sorgfältig von mir abgewandt.
Mrs. DeLuca. Der Titel schmeckte wie Asche auf meiner Zunge.
Ich trat in die kalte Morgenluft und zog meinen Kaschmirmantel fester um mich.
Caelen trat neben mich und legte eine Hand in meinen unteren Rücken. Seine Berührung war fest und besitzergreifend – eine stille Botschaft an die bewaffneten Männer um uns herum, dass ich jetzt unter seinem Schutz stand.
Ich zwang mich, nicht wegzuziehen, und ließ mich durch den großen Bogeneingang in die Eingangshalle führen.
Innen war die Villa wunderschön, aber kalt und einschüchternd. Kristalllüster hingen von den hohen Decken, dunkles Mahagoni bedeckte die Wände, und die polierten italienischen Marmorböden waren so glänzend, dass ich mein eigenes müdes Gesicht darin sehen konnte.
„Ich lasse dein Gepäck hochbringen“, sagte Caelen, seine Stimme durchschnitt die hohle Stille der Halle. „Mein Underboss Mateo wartet im Kriegszimmer, also werde ich dich beim Frühstück nicht begleiten.“
Er drehte sich zu mir um, seine grauen Augen suchten in meinen nach irgendeinem Zeichen von Schwäche. Ich schenkte ihm ein enges, messerscharfes Lächeln. „Ich bin sicher, ich überlebe auch ohne deine Gesellschaft, Don DeLuca.“
Ein dunkler Schatten von Amüsement flackerte in seinen Augen. „Deine Räume sind im Westflügel, dritter Stock. Das ist der sicherste Teil der Anlage. Bleib innerhalb des Perimeters, bis meine Männer den morgendlichen Sweep abgeschlossen haben.“
Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte er sich um und schritt den langen Korridor Richtung Ostflügel entlang. Eine stille, mittelalte Haushälterin führte mich eine große Wendeltreppe hinauf und einen Teppichflur entlang zu einem Paar doppelter Eichentüren. „Das sind die privaten Gemächer des Dons, Madam“, flüsterte sie nervös. „Ihre Suite ist direkt durch den angrenzenden Salon mit der seinen verbunden.“
Als die Haushälterin sich hinausverbeugte und die schweren Eichentüren ins Schloss fielen, brach die Stille der Suite wie kaltes Wasser über mich herein.
Ich stand in der Mitte des weiten, sonnendurchfluteten Raums. Er war prachtvoll. Ein üppiges King-Size-Bett in tiefem Smaragd-Samt, ein privater Marmorkamin, begehbare Kleiderschränke und bodentiefe Fenster mit Blick auf die ausgedehnten hinteren Gärten des Anwesens. Es war so gestaltet, dass es sich wie ein Paradies anfühlte – aber meine Augen registrierten den Luxus nicht.
Mein Geist schaltete sofort in den Überlebensmodus.
Gelände einschätzen. Ausgänge finden. Blinde Flecken kartieren.
Ich streifte den schweren Mantel ab und begann, den Raum zu umrunden. Zuerst die Fenster. Verstärktes, dreifach verglastes ballistisches Glas – praktisch kugelsicher von außen, aber von innen ohne hochexplosive Sprengstoffe unmöglich zu zerbrechen. Unter der Fensterbank deuteten subtile Messingsensoren auf ein aktives Druck- und Lasergitter hin, das direkt mit der zentralen Sicherheitszentrale des Anwesens verbunden war.
Dann die Balkontüren. Ich prüfte den Schließmechanismus. Ein doppeltes elektronisches Tastenfeld und ein biometrischer Scanner. Schwierig, aber nicht unmöglich.
Ich trat auf den steinernen Balkon und lehnte mich an die kalte Brüstung, als würde ich die Morgenaussicht genießen. Unten patrouillierten zwei bewaffnete Wächter alle acht Minuten den Perimeterweg. Aber als meine Augen die Dachlinie über dem Westflügel absuchten, fand ich, wonach ich suchte: einen sechzig Grad großen toten Winkel, der durch den Schatten des zentralen Wachturms entstand. Die Kamera in der Nähe der Regenrinne schwenkte alle fünfundvierzig Sekunden und hinterließ ein schmales Sieben-Sekunden-Fenster, in dem die äußerste linke Ecke des Balkons völlig unbeobachtet war.
Erster toter Winkel notiert.
Ich ging zurück hinein, zog die schweren Samtvorhänge zu, um das Licht auszusperren. Am Rand des üppigen Bettes setzte ich mich, öffnete den Manschettenknopf meiner Bluse und legte die zarte antike Uhr an meinem linken Handgelenk frei.
Für das bloße Auge war es ein teures Schmuckstück, das von meiner Mutter stammte. Aber wenn man die winzige, erhabene Krone an der Seite dreimal schnell hintereinander drückte, aktivierte man einen versteckten Mikro-Frequenz-Sender im Gehäuse.
Das war meine Lebensader zu „The Wraith“ – dem Schattennetzwerk, das ich drei Jahre lang unter der Nase meines Vaters aufgebaut hatte.
Ich brachte die Uhr an die Lippen und flüsterte kaum hörbar: „Ghost-One an Base. Signaltest.“
Ein schwaches, statisches Summen vibrierte an meinem Handgelenk, gefolgt von zwei leisen, rhythmischen Klicks. Die Verbindung war klar. Caelens militärtaugliche Störsender waren mächtig, aber meine Mikro-Frequenz sprang über lokale Satellitenrelais und umging Standard-Funküberwachungen. Ich konnte Datenpakete, Koordinaten und verschlüsselte Informationen direkt aus dem Herzen der DeLuca-Festung senden.
Ich lehnte mich gegen das Kopfende und ließ die Hände in den Schoß sinken, während die Erschöpfung der vergangenen Nacht mich endlich einholte.
Ich hatte einen Kommunikationskanal gesichert. Ich hatte einen physischen Fluchtweg gefunden. Ich war im inneren Heiligtum des Dons, ausgestattet mit den Werkzeugen, um sein Sechs-Monats-Spiel zu spielen und meine Freiheit zu holen. Eigentlich hätte ich ein Gefühl kalter, taktischer Genugtuung spüren sollen.
Stattdessen lastete ein erdrückendes Gewicht auf meiner Brust.
Ich blickte über den Salon zu der schweren Mahagonitür, die mein Zimmer mit Caelens Suite verband. Er war ein Monster, ein gnadenloser Mafia-Don, der gedroht hatte, mir das Genick zu brechen, wenn ich mich ihm in den Weg stellte. Er war der Mann, der diese Stadt mit eiserner Faust regierte, der Mann, den mein Vater über alles hasste.
Doch während ich diese Verbindungstür anstarrte, verriet mich mein Geist und blitzte zurück zu der rohen, erschreckenden Intensität seiner sturm-grauen Augen in der Dunkelheit der letzten Nacht. Er hatte mich nicht mit Grausamkeit berührt. Als er meine Handgelenke hielt, als er in meine Seele blickte, war in seinem Blick keine Blutgier gewesen – nur eine quälende, undurchdringliche Mauer aus Geheimnissen.
Er behauptete, mein Vater habe Julian getötet. Er behauptete, er wolle mich vor meiner eigenen Blutlinie retten.
Ich schloss die Augen, und meine Hand kroch langsam hoch, um sich über mein unruhiges Herz zu legen. Der Schrecken war nicht, dass Caelen DeLuca mich in dieser Festung töten würde.
Der Schrecken war die grauenhafte, stille Erkenntnis, die sich in meine Knochen schlich: Was, wenn die tödlichste Lüge in diesem Raum nicht die Scheinehe war, die wir führen mussten… sondern die erschreckende Möglichkeit, dass ich anfing, ihm zu glauben?
Kleine Schwester.Die beiden Worte hingen zwischen uns, unsichtbar und doch erdrückend, schwer genug, um meine Brust zusammen zu schnüren. Ich zog meine Hand nicht zurück. Ich hielt meine Finger ruhig unter dem kühlen, widerlichen Gewicht von Mateos Lippen auf meiner Haut.Gegenüber am Tisch verengten sich Caelebs sturmgraue Augen und glitten zu Mateos Hand, die meine umschloss.„Das reicht, Mateo“, sagte Caelen.Mateo löste meine Hand mit quälender Langsamkeit.„Verzeih mir, Caelen. Ich bin einfach begeistert von unserer neuen Familiendynamik. Ich lasse euch beide das Frühstück in Ruhe beenden. "Die Dockmanager warten auf meinen Anruf.“Er warf mir einen letzten, langen Blick zu ein stilles, messerscharfes Versprechen bevor er sich umdrehte und aus dem Glas-Wintergarten hinaus schlenderte.Ich saß wie erstarrt da. Der Handrücken brannte, wo seine Lippen mich berührt hatten.Kleine Schwester.Wusste er es? Hatte Victor ihm von mir erzählt? Oder hänselte Mateo mich nur und spielte ei
Nach der Anspannung der letzten Nacht war Schlaf kaum mehr als ein fiebriger Traum gewesen. Die frühen Morgenstunden verbrachte ich am großen Bogenfenster meiner Suite. Ein leises Klopfen an der Tür unterbrach die Stille.Ich hatte bereits meine Rüstung für den Tag angelegt ein scharf geschnittenes, elfenbeinfarbenes Maßkleid mit langen Ärmeln, das die leichten blauen Flecken an meinen Handgelenken und den Mikroempfänger in meiner Uhr verdeckte. Ich prüfte mein Spiegelbild im vergoldeten Spiegel, um sicherzustellen, dass kein Hauch von Angst durch meine Maske drang, und öffnete die Tür.Caelen stand im Flur und wirkte imposant in einem dunklen, maßgeschneiderten Anthrazitanzug.„Guten Morgen, Elena“, sagte er leise. „Das Frühstück wird im Glas-Wintergarten serviert. Wir haben einen Gast.“„Einen Gast?“ Ich hielt den Ton leicht. „Oder ein Publikum?“„Beides“, erwiderte er.An einem schmiedeeisernen Tisch, bedeckt mit Porzellantellern und frischem Obst, saß ein Mann, der Caelen bemerke
Mitternacht in der DeLuca-Festung brachte keine Stille, nur eine schwere, wachsame Ruhe.Der Regen hatte sich zu einem leichten Nieselregen abgekühlt, und Wassertropfen glitten die Glasscheiben meines Zimmers hinunter. Draußen bewegten sich Suchscheinwerfer jede Minute über den Rasen und warfen lange Schatten an meine Zimmerdecke.Ich saß in einem smaragdgrünen Samtsessel, immer noch vollständig angezogen in dunklen Seidenhosen und einem enganliegenden Rollkragen. Ich zog die Knie an die Brust und hielt die Augen auf die doppelten Eichentüren zum Wohnzimmer gerichtet.Mehrere Stunden waren vergangen, seit Caelen in seinen Teil der Villa gegangen war. Diese Seite des Stocks war dunkel und still, aber ich wusste besser, als der Stille zu vertrauen. Männer wie Caelen waren gefährlich, selbst wenn sie ruhig wirkten.Er schläft. Oder er wartet darauf, dass du einen Fehler machst.Ich zwang meinen Atem in einen langsamen, gleichmäßigen Rhythmus und ließ die Anspannung in den Schultern sinke
Ich saß steif im ledernen Beifahrersitz, die Wirbelsäule schmerzte von der Anspannung der letzten vierundzwanzig Stunden. Neben mir fuhr Caelen in absoluter Stille, seine großen Hände leicht am Lenkrad, sein Gesicht eine undurchdringliche Maske im schwachen Schein des Armaturenbretts. Seit er die schwarze Mappe letzte Nacht auf das Bett geworfen hatte, hatten wir kein Wort gesprochen. Der Sechs-Monats-Blutvertrag lag jetzt in meiner Ledertasche und ruhte an meinem Oberschenkel wie eine scharfe Granate.Caelen brachte den Wagen fließend auf der geschwungenen Marmoreinfahrt zum Stehen. Bevor ich den Türgriff erreichen konnte, trat ein Mann im Anzug vor und öffnete mir die Tür mit einer knappen, geübten Verbeugung.„Willkommen auf dem Anwesen, Mrs. DeLuca“, sagte der Wächter mit flacher Stimme, die Augen sorgfältig von mir abgewandt.Mrs. DeLuca. Der Titel schmeckte wie Asche auf meiner Zunge.Ich trat in die kalte Morgenluft und zog meinen Kaschmirmantel fester um mich.Caelen trat nebe
Die Herrensuite des DeLuca-Anwesens fühlte sich weniger wie ein Zufluchtsort und mehr wie ein vergoldeter Käfig an, der für eine Hinrichtung gebaut worden war.Ich saß am Rand des üppigen King-Size-Bettes, die Finger so fest in meine Samtröcke gekrallt, dass die Knöchel weiß wurden. Den Schleier hatte ich abgelegt, aber das schwere elfenbeinfarbene Hochzeitskleid lastete immer noch wie eine Bleirüstung auf mir.Aus dem angrenzenden Badezimmer verstummte endlich das leise Rauschen des Wassers.Er wusste von der Klinge er hatte mich am Altar damit verspottet aber er hatte sie mir nicht abgenommen. Er hatte seine Männer nicht gerufen. Er war einfach in seinen privaten Flügel gegangen, hatte die Tür unverschlossen gelassen und den Geruch unserer Hochzeit abgewaschen.Er denkt, ich bin nur ein verängstigtes Mädchen, das Rache spielt. Er denkt, ich werde es nicht tun.Die schwere Mahagonitür schwang auf.Caelen trat heraus, barfuß, nur in dunklen Hosen. Wassertropfen glänzten auf seinen br
Nur noch ein paar Stunden, sagte ich mir und starrte ausdruckslos auf die Mosaikfliesen unter meinen Füßen. Die Gelübde durchstehen. Das Abendessen über mich ergehen lassen. Warten, bis er seine Wachsamkeit sinken lässt.„Du siehst aus wie eine Leiche, Elena.“Ich zuckte nicht zusammen, als mein Vater, Victor Rossi, aus dem Schatten trat. Er sah makellos aus in einem maßgeschneiderten Smoking, doch keine noch so feine italienische Wolle konnte die pure Rücksichtslosigkeit verbergen, die von ihm ausging.„Passend, nicht wahr, Vater?“, erwiderte ich und hielt meine Stimme absichtlich hohl, während ich geradeaus starrte. „Immerhin gehe ich den Gang hinunter zu dem Mann, der meinen Bruder ermordet hat.“Victor verkürzte den Abstand zwischen uns. Seine Lederschuhe machten keinen Laut auf dem Steinfußboden. Er bot kein Wort des Trostes. Er schaute mir nicht einmal ins Gesicht. Stattdessen griffen seine rauen Hände nach dem kunstvollen Spitzenschleier und richteten ihn scharf zurecht – als w







