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Kapitel 6

Author: Erna Arden
last update Petsa ng paglalathala: 2026-10-30 04:39:24

Das Zimmer riecht muffig und nach billigem Desinfektionsmittel.

Anna stellt ihren kleinen Koffer neben das ungemachte Bett.

An einigen Stellen löst sich die Tapete von der Wand und gibt gelbliche Feuchtigkeitsflecken frei.

Das Neonlicht im Badezimmer flackert und surrt. Anna bleibt regungslos stehen, die Arme hängen schlaff an ihren Seiten. Sie weint nicht.

Seit sie die Tür ihres ehemaligen Zuhauses hinter sich geschlossen hat, hat sie keine einzige Träne vergossen. Nicht eine einzige.

Nur diese Leere, die sich in ihrer Brust ausgebreitet hat, als hätte jemand alles aus ihr herausgerissen und nichts zurückgelassen.

Der Mann an der Rezeption hatte sie seltsam angesehen, als sie bar bezahlt hatte.

Eine Frau in ihrem Alter, mit hochwertiger Kleidung, aber einem winzigen Koffer, die in diesem heruntergekommenen Viertel ein Zimmer für eine Woche mieten wollte.

Er hatte bestimmt schon andere gesehen. Frauen, die vor etwas davonliefen. Frauen, die einfach hinausgeworfen worden waren.

Anna setzt sich auf die Bettkante. Die Matratze knarrt. Sie betrachtet ihre Hände.

Diese Hände, die dreiundzwanzig Jahre lang Christophers Mahlzeiten zubereitet hatten.

Die seine Hemden gebügelt, seine Anzüge zusammengelegt und seine Schultern massiert hatten, wenn er angespannt aus dem Büro nach Hause gekommen war.

Diese Hände, die einst die kleine Émilie gehalten hatten, als das Mädchen mit ihrer Mutter Margarita im Garten gespielt hatte.

Émilie.

Schon der Name brennt in ihrer Kehle.

Wieder sieht sie die Szene vor sich, dort im Wohnzimmer mit den blauen Samtvorhängen.

Christopher stand neben dem Kamin, die Schultern angespannt. Sein Blick wich ihrem aus.

— Anna, ich muss dir etwas sagen.

Sie hatte an ein Problem bei der Arbeit gedacht. Vielleicht an eine fehlgeschlagene Investition. Sogar um seine Gesundheit hatte sie sich Sorgen gemacht.

— Ich werde Vater. In ein paar Monaten ist es so weit.

Die Worte hatten eine Weile gebraucht, bis sie ihren Verstand erreichten.

Wie eine fremde Sprache, die man erst im Kopf übersetzen muss. Dieses kurze Zögern, bevor man begreift, was man gerade gehört hat.

Dann hatte sie das Gefühl gehabt, dass ihr der Boden unter den Füßen weggezogen wurde.

Abrupt steht sie auf.

Das Zimmer ist zu klein. Die Wände scheinen immer näher zusammenzurücken. Sie greift nach ihrem Handy und wählt die einzige Nummer, die ihr noch etwas bedeutet.

Barbara nimmt beim dritten Klingeln ab.

— Anna? Mein Gott, ich habe dich seit gestern bestimmt zehnmal angerufen. Wo bist du?

Die Stimme ihrer Freundin ist gleichzeitig Balsam und Messerstich.

Anna öffnet den Mund, um zu antworten, doch statt Worten kommt nur ein Laut über ihre Lippen.

Ein Geräusch, das sie selbst noch nie von sich gehört hat. Ein tiefes, tierisches Schluchzen, das irgendwo tief in ihrer Brust entsteht.

— Anna? Anna, sprich mit mir. Atme. Atme gemeinsam mit mir.

Sie versucht es. Die Luft dringt nur stoßweise in ihre Lungen.

— Ich bin in einem Hotel, bringt sie schließlich hervor. In der Nähe des Busbahnhofs.

— Ich komme sofort. Beweg dich nicht. Und leg nicht auf.

Barbara fragt nicht, warum sie dort ist.

Sie stellt keine dummen Fragen. Genau deshalb hat Anna sie angerufen und niemand anderen.

Zwanzig Minuten später klopft es an der Tür.

Anna öffnet. Barbara steht davor, noch in ihrer Krankenschwesteruniform, die Haare völlig zerzaust. Sie muss ihren Dienst überstürzt verlassen haben.

Die beiden Frauen sehen sich an.

Barbara bemerkt den Koffer.

Das ungemachte Bett.

Und die Tatsache, dass Annas Gesicht völlig tränenlos ist.

— Er hat es getan, sagt Barbara. Das ist keine Frage.

— Er hat es getan.

Barbara schließt Anna in ihre Arme.

Anna lässt es geschehen, steif wie ein Brett.

Die Umarmung ihrer Freundin ist warm und fest, doch Anna kann sich noch nicht fallen lassen. Noch nicht.

Etwas in ihr ist immer noch verschlossen.

— Setz dich, befiehlt Barbara und führt sie zum Bett. Ich hole uns Kaffee. Richtigen Kaffee, nicht diese Eselspisse, die sie unten servieren. Und danach erzählst du mir alles.

Sie verschwindet für ein paar Minuten und kommt mit zwei dampfenden Pappbechern zurück. Anna nimmt ihren Becher mechanisch entgegen.

Die Wärme brennt an ihren Fingern. Doch sie spürt nichts.

— Woher hast du gewusst, dass ich gegangen bin? fragt sie.

— Lazare hat mich angerufen. Er war außer sich vor Wut. Aber nicht auf dich, sondern auf Christopher. Er hat mir erzählt, dass du die Scheidungspapiere unterschrieben hast, ohne irgendetwas zu verlangen.

— Ich will nichts.

Barbara schüttelt den Kopf und presst die Lippen zusammen.

— Du hast diesem Mann dreiundzwanzig Jahre deines Lebens geschenkt. Dreiundzwanzig Jahre, Anna! Dir steht die Hälfte von allem zu. Das Haus, die Konten, die Investitionen ...

— Ich will nichts, wiederholt Anna mit tonloser Stimme. Ich will nur, dass das alles aufhört.

Wieder breitet sich Stille aus.

Draußen fährt ein Lastwagen mit lautem Motorengeräusch vorbei.

Das Fenster zittert leicht.

— Émilie, sagt Barbara plötzlich. Die kleine Émilie. Margaritas Tochter. Ich kann es immer noch nicht glauben.

— Ich auch nicht.

Anna senkt den Blick auf ihren Becher. Der Kaffee wird langsam kalt.

— Sie ist achtzehn, Barbara. Achtzehn Jahre alt. Sie könnte meine Tochter sein.

— Christopher ist ein Schwein. Und seine Mutter ist ein Monster. Du weißt, dass sie wahrscheinlich gerade Champagner köpft und ihren Triumph feiert.

Das Bild von Bernadette, die sich über ihren Sieg freute, taucht vor Annas innerem Auge auf.

Dieses grausame Lächeln, das sie heute Morgen auf den Lippen getragen hatte, als Anna mit ihrem Koffer das Haus verließ.

Und dieser Satz, den sie ihr wie eine Beleidigung entgegengeschleudert hatte:

„Ich habe dir doch gesagt, dass mein Sohn eine richtige Frau braucht.“

Anna schließt die Augen.

— Ich kann nicht mehr dorthin zurück.

— Natürlich nicht. Du wirst erst einmal bei mir bleiben. Ich habe ein Schlafsofa. Es ist zwar kein Luxus, aber ...

— Nein. Ich möchte dir nicht zur Last fallen. Außerdem ... er wird wissen, wo er mich finden kann. Deine Mutter hat immer noch Kontakt zu Bernadette. Sie sind schließlich im selben Bridgeclub.

Barbara verzieht das Gesicht. Anna hat recht.

— Und was hast du dann vor? Willst du wirklich in diesem Rattenloch bleiben?

— Ich werde weggehen. Weit weg. An einen Ort, an dem mich niemand kennt.

Der Gedanke war ihr während der Taxifahrt gekommen, als sie die Straßen der Stadt an sich vorbeiziehen sah, die fünfundzwanzig Jahre lang ihr Zuhause gewesen war.

Sie kann nicht hierbleiben.

Jede Straßenecke, jedes Geschäft und jedes Restaurant wird sie daran erinnern, was sie verloren hat.

Und dann ist da noch Bernadette. Und Émilie. Und bald wird es auch das Baby geben.

Christophers Baby.

Ihr Magen zieht sich schmerzhaft zusammen. Eine Welle der Übelkeit steigt in ihr auf. Sie stellt den Kaffeebecher auf den Nachttisch.

— Anna, du bist ganz blass. Hast du heute überhaupt etwas gegessen?

— Ich habe keinen Hunger.

— Das war nicht meine Frage.

Barbara kramt in ihrer Tasche und holt einen Müsliriegel heraus, den sie Anna kurzerhand in die Hand drückt.

— Iss. Du wirst deine Kräfte brauchen.

Anna widerspricht nicht.

Der Geschmack ist fade, die Konsistenz unangenehm breiig. Sie kaut mechanisch.

— Ich habe eine Tante, sagt sie, nachdem sie den letzten Bissen hinuntergeschluckt hat. Élisabeth. Die Schwester meiner Mutter. Sie lebt in Sainte-Luce, an der Küste.

— Ich weiß. Du hast mir von ihr erzählt. Ist sie nicht diejenige, die ein Restaurant besitzt?

— Ja. Sie hat mir immer gesagt, dass ihre Tür für mich offen steht, wenn ich sie jemals brauchen sollte.

Barbara denkt einen Moment nach.

Ihr geschulter Blick als Krankenschwester wandert über die dunklen Ringe unter Annas Augen, ihre erschöpften Gesichtszüge und ihre leicht zitternden Hände.

— Das ist am anderen Ende des Landes, sagt sie leise.

— Ich weiß.

— Bist du dir sicher?

Anna hebt den Kopf.

Zum ersten Mal, seit sie dieses Zimmer betreten hat, leuchtet etwas in ihren Augen auf.

Es ist noch keine Hoffnung. Eher ein kleiner Funke Überlebenswille.

— Hier habe ich nichts mehr, Barbara. Gar nichts. Dieses Haus war nie wirklich mein Zuhause. Meine Ehe war eine Lüge. Mein Leben ... mein ganzes Leben war eine einzige Lüge.

Bei den letzten Worten versagt ihre Stimme.

Endlich steigen ihr Tränen in die Augen. Heiß und unaufhaltsam. Diesmal versucht sie nicht, sie zurückzuhalten.

Sie laufen lautlos über ihre Wangen.

Barbara zieht sie erneut in ihre Arme.

— Wein, meine Liebe. Wein, so viel du musst. Und danach besorgen wir dir eine Fahrkarte.

Am anderen Ende der Stadt sitzt Christopher Cooper in seinem Ledersessel, im Wohnzimmer mit den blauen Samtvorhängen.

Seit Anna gegangen ist, hat er sich nicht mehr bewegt.

Das Haus ist still. Viel zu still.

Auf dem Couchtisch liegen die Scheidungspapiere ausgebreitet.

Annas Unterschrift, fein und präzise, steht neben seiner eigenen, die kräftiger und schwerer wirkt.

Er erinnert sich an das Geräusch der Haustür, als sie sich hinter ihr geschlossen hatte. An die Stille, die darauf gefolgt war. Und an seine Mutter, die im Flur gestanden hatte, ein Lächeln auf den Lippen.

Er hatte nichts gesagt. Er hatte Anna nicht aufgehalten.

Er betrachtet seine Hände.

Es sind dieselben Hände wie gestern.

Dieselben wie vor einem Monat.

Und doch kommen sie ihm plötzlich fremd vor.

Etwas in ihm war zerbrochen, als Anna an ihm vorbeigegangen war, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen.

Etwas, von dessen Existenz er bis zu diesem Moment nicht einmal gewusst hatte.

Er steht auf und geht zum Fenster.

Der Garten ist verlassen.

Die Rosen, die Anna so sehr geliebt hatte, sind verwelkt. Dieses Jahr hatte sie keine Zeit mehr gehabt, sie zurückzuschneiden.

Das Klingeln seines Handys lässt ihn zusammenzucken.

Lazare.

— Christopher, wir müssen reden.

Die Stimme seines Freundes klingt eiskalt. Christopher hat ihn noch nie in diesem Ton sprechen hören.

— Nicht jetzt, Lazare.

— Doch. Genau jetzt. Ich habe gerade erfahren, dass Anna die Stadt verlassen hat. Weißt du, wo sie ist?

Christophers Herz setzt einen Schlag aus.

— Nein.

— Weißt du es wirklich nicht, oder willst du es nicht wissen?

— Ich weiß es nicht, wiederholt Christopher.

Das Gewicht dieser Worte legt sich wie eine schwere Last auf seine Schultern.

— Sie hat nichts mitgenommen, Christopher. Gar nichts. Sie ist mit einem einzigen Koffer und den Kleidern, die sie am Leib trug, gegangen. Begreifst du eigentlich, was du getan hast?

Die Verbindung knistert.

— Ja, antwortet Christopher mit kaum hörbarer Stimme. Ich begreife es.

Doch das ist eine Lüge.

Er begreift überhaupt nichts. Noch nicht.

Er weiß nicht, dass das Schlimmste erst noch kommen wird.

Er weiß nicht, dass jeder weitere Tag ihn ein Stück weiter von der einzigen Frau entfernt, die er jemals geliebt hat.

Und vor allem weiß er nicht, dass Anna ein Geheimnis mit sich trägt, das alles verändern wird.

Ein Geheimnis, von dessen Existenz sie selbst noch nichts ahnt.

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