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Kapitel 3 – Nach dem Zusammenstoß

مؤلف: Melanin Borders
last update تاريخ النشر: 2026-08-04 15:20:38

Die Aufzugstüren öffneten sich mit einem leisen Klingeln, und Andrea trat im fünfzigsten Stock hinaus. Die Unterlagen für ihre Einarbeitung hielt sie fest an ihre Brust gedrückt.

Die Atmosphäre hier oben war völlig anders als im restlichen Gebäude.

Auf den unteren Etagen war es geschäftig und laut gewesen. Telefone hatten geklingelt, Menschen hatten sich unterhalten, und überall hatte Bewegung geherrscht.

Hier oben hingegen wirkte alles kontrolliert.

Mitarbeiter in teuren Anzügen gingen an ihr vorbei und sprachen gedämpft miteinander, als würde auf dieser Etage niemand jemals seine Stimme erheben.

Sogar die Luft fühlte sich anders an.

Kühl, sauber und irgendwie so exklusiv, dass Andrea unwillkürlich an Geld denken musste.

Sie warf noch einmal einen Blick auf das Blatt in ihrer Hand.

Analyseabteilung – 48. Stock. Schreibtisch B47.

Ihre Stirn legte sich in Falten.

„Warum hat die Frau mich überhaupt erst hier hochgeschickt?“, murmelte sie.

Sie versuchte, nicht völlig verloren auszusehen, rückte den Riemen ihrer Tasche zurecht und bog schnell um die Ecke, während sie nach den Schildern für die einzelnen Büros suchte.

Und genau da passierte es.

Sie prallte direkt mit jemandem zusammen.

Der Zusammenstoß brachte sie beinahe aus dem Gleichgewicht. Andrea stolperte mit einem erschrockenen Laut rückwärts, während ihre gesamte Mappe zu Boden fiel und sich die Unterlagen über den glänzenden Marmorboden verteilten.

„Oh mein Gott.“

Sie ging sofort auf die Knie.

„Es tut mir leid. Ich habe nicht aufgepasst.“

Hastig begann sie, die Papiere einzusammeln, bevor jemand darauf treten konnte. Ihre Wangen brannten vor Verlegenheit.

Ein Paar makellos polierter schwarzer Schuhe blieb direkt vor ihr stehen.

Der Mann, mit dem sie zusammengestoßen war, hatte sich keinen Zentimeter bewegt.

Andrea hob noch ein Blatt vom Boden auf, bevor sie schließlich den Kopf hob.

Für einen kurzen Moment setzte ihr Verstand aus.

Er war groß.

Breite Schultern zeichneten sich unter einem dunkelgrauen Anzug ab, der so perfekt saß, dass er wahrscheinlich genug kostete, um ihre Miete für ein halbes Jahr zu bezahlen.

Seine Gesichtszüge waren markant, beinahe unverschämt attraktiv.

Doch der Ausdruck in seinem Gesicht machte jeden Anflug von Charme sofort zunichte.

Er war genervt.

Nicht ein bisschen.

Wirklich genervt.

„Ja“, sagte er ruhig und warf einen Blick auf das Chaos zu ihren Füßen. „Sie sollten wahrscheinlich besser darauf achten, wohin Sie gehen.“

Andrea blinzelte ihn an.

Dann sah sie auf die Papiere.

Dann wieder zu ihm.

„Sie könnten mir auch helfen, anstatt einfach nur dazustehen.“

Die Augenbraue des Mannes hob sich leicht.

„Könnte ich“, erwiderte er. „Aber ich bin nicht um die Ecke geschossen.“

„Ich bin nicht geschossen.“

„Sie hätten mich beinahe umgerannt.“

Andrea schnappte sich das letzte Blatt vom Boden und richtete sich auf.

„Ich habe mich bereits entschuldigt.“

„Und ich habe Ihre Entschuldigung zur Kenntnis genommen.“

Seine ruhige Stimme machte ihn irgendwie noch unerträglicher.

Andrea stopfte die Papiere etwas zu energisch zurück in ihre Mappe.

„Wissen Sie, die meisten normalen Menschen würden beim Aufsammeln helfen.“

„Und die meisten normalen Menschen würden beim Laufen aufpassen.“

Andrea starrte ihn einen Moment lang ungläubig an.

„Wow.“

Sie verschränkte die Arme.

„Sie hören sich wirklich gern selbst reden, oder?“

Etwas huschte über sein Gesicht.

Kein Ärger.

Eher Überraschung.

Fast so, als wäre er es nicht gewohnt, dass jemand so mit ihm sprach.

Andrea hob leicht das Kinn.

„Ich habe mich entschuldigt. Sie müssen nicht so tun, als hätte ich ein Verbrechen begangen.“

Der Mann steckte eine Hand in die Hosentasche und betrachtete sie nun aufmerksam.

„In welcher Abteilung arbeiten Sie?“

Andrea runzelte leicht die Stirn.

Die Frage kam so plötzlich, dass sie einen Moment brauchte, um zu antworten.

„Analyse.“

„Die ist zwei Etagen weiter unten.“

Ihr Magen sackte ab.

„Was?“

„Sie befinden sich auf der Führungsetage.“

Die Hitze schoss ihr so schnell ins Gesicht, dass sie sich sofort dafür hasste.

„Oh.“

Der Mundwinkel des Mannes zuckte beinahe.

Als würde er versuchen, ein Lächeln zu unterdrücken.

Andrea richtete sich sofort noch etwas gerader auf.

„Dann hätten die Wegweiser vielleicht deutlicher sein können.“

„Wahrscheinlich waren sie deutlich genug.“

Sein Blick glitt kurz zu ihren Unterlagen.

„Sie haben nur nicht darauf geachtet.“

Andrea starrte ihn an.

„Sind Sie immer so freundlich, oder bekomme ich heute eine Sonderbehandlung?“

Diesmal sah sie eindeutig einen Hauch von Belustigung in seinen Augen, bevor er wieder verschwand.

Bevor er antworten konnte, hallte das Klackern von Absätzen durch den Flur.

Eine Frau in einem taillierten schwarzen Anzug kam zügig auf sie zu. Sie hielt ein Tablet fest an ihre Brust gedrückt.

Als sie die beiden sah, blieb sie abrupt stehen.

Zunächst spiegelte sich Erleichterung in ihrem Gesicht.

Dann Panik.

„Sir“, sagte sie vorsichtig. „Die Vorstandsmitglieder warten auf die Sitzung um neun Uhr …“

Der Mann hob leicht eine Hand, ohne den Blick von Andrea abzuwenden.

„Nicht jetzt, Lindsay.“

Die Frau verstummte sofort.

Andrea bemerkte den Wechsel augenblicklich.

Die Nervosität.

Die plötzliche Stille.

Ihr Blick wanderte langsam zwischen den beiden hin und her.

Irgendetwas an dieser Situation war seltsam.

Lindsay öffnete erneut den Mund, als wollte sie noch etwas sagen, doch der Mann schüttelte kaum merklich den Kopf.

Es war eine winzige Bewegung.

So schnell, dass Andrea sie beinahe übersehen hätte.

Aber sie hatte sie gesehen.

Lindsay schluckte und nickte steif.

„Verstanden.“

Dann ging sie davon.

Andrea sah den Mann wieder an.

Langsam.

Misstrauisch.

„Wer genau sind Sie?“

Zum ersten Mal seit ihrem Zusammenstoß lächelte der Mann richtig.

Nicht freundlich.

Eher so, als würde er die Situation interessant finden.

„Sie haben sich offensichtlich verlaufen, Miss …“

„Andrea.“

Der Name kam über ihre Lippen, bevor sie darüber nachdenken konnte.

Etwas an seinem Blick ließ sie sich plötzlich seltsam in die Enge getrieben fühlen.

„Andrea“, wiederholte er langsam.

Wie er ihren Namen aussprach, irritierte sie aus irgendeinem Grund.

„Sie sollten nach unten gehen, bevor Sie sich noch einmal verlaufen.“

Da war er wieder.

Dieser arrogante Ton.

Andrea schloss die Finger fester um ihre Mappe.

„Wissen Sie, für jemanden, der in einem Gebäude voller Menschen arbeitet, sind Ihre sozialen Fähigkeiten ziemlich miserabel.“

Ein leises Lachen entwich ihm.

Nicht laut.

Nicht spöttisch.

Einfach nur überrascht.

Und aus irgendeinem Grund machte genau das Andrea noch wütender.

Sie ging einen Schritt zurück in Richtung Aufzug.

„Danke für die Wegbeschreibung.“

„Gern. Versuchen Sie, auf dem Weg nach unten niemanden mehr umzurennen.“

Andrea drückte den Knopf für den Aufzug.

Dann hielt sie inne, bevor sich die Türen öffneten.

Sie drehte sich noch einmal zu ihm um.

„Nein, wirklich“, sagte sie. „Versuchen Sie vielleicht auch, nicht mitten auf dem Flur herumzustehen wie eine Statue. Das könnte helfen.“

Die Aufzugstüren glitten neben ihr auf.

Zum ersten Mal sah der Mann tatsächlich amüsiert aus.

„Eine Statue?“

Andrea trat in den Aufzug.

Doch bevor er etwas erwidern konnte, schlossen sich die Türen.

Stille kehrte auf dem Flur ein.

Nach einigen Sekunden tauchte Lindsay wieder um die Ecke auf. Sie sah sichtlich unbehaglich aus.

„Sir“, sagte sie vorsichtig, „soll ich die Vorstandssitzung verschieben?“

Der Mann starrte noch einen Moment auf die geschlossenen Aufzugstüren, bevor er antwortete.

„In welcher Abteilung hat sie gesagt, dass sie arbeitet?“

Lindsay blinzelte.

„Analyse.“

Er nickte einmal.

Nachdenklich.

Interessant.

Nicht, weil sie schön war.

Henry hatte in seinem Leben bereits unzählige schöne Frauen getroffen.

Sondern weil sie ihm direkt in die Augen gesehen und ihm widersprochen hatte, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern.

Sie hatte mit ihm gestritten, ohne zu wissen, wer er war.

Sie hatte nicht versucht, ihn zu beeindrucken.

Nicht mit ihm geflirtet.

Und sie war auch nicht plötzlich höflich geworden, sobald er den Mund aufgemacht hatte.

Sie behandelte ihn wie einen ganz gewöhnlichen Mann.

Henry konnte sich ehrlich gesagt nicht daran erinnern, wann ihm das zuletzt passiert war.

„Sir?“, fragte Lindsay vorsichtig.

Henry wandte den Blick endlich vom Aufzug ab.

„Verschieben Sie die Sitzung um eine Stunde.“

Lindsay sah ihn verblüfft an.

„Eine Stunde?“

„Ja.“

„Und was soll ich den Vorstandsmitgliedern sagen?“

Henry steckte eine Hand in die Hosentasche. Sein Gesicht war wieder vollkommen ausdruckslos.

„Sagen Sie ihnen, dass etwas Interessanteres dazwischengekommen ist.“

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