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Kapitel 2

Author: Afterlife Riot
Auf dem Heimweg rief mein Vorgesetzter an. Ich sollte für ihn an der Literaturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Falkenstadt einige Unterlagen abholen.

Nach dem Gespräch seufzte ich. Ich wollte doch gerade Abstand gewinnen. Ausgerechnet Julian war Professor an dieser Fakultät.

Als ich dort ankam, strömten die Studierenden gerade zu ihren Veranstaltungen. Manche Gespräche konnte ich beim besten Willen nicht überhören.

„Ich habe endlich einen Platz in Professor Bergmanns Veranstaltung ergattert! Die ist immer sofort voll.“

„Klar. Die Studentinnen kommen wegen Professor Bergmann, die meisten Studenten wegen seiner Assistentin. Wobei – die beiden passen schon zusammen: Er hat was im Kopf, sie sieht toll aus.“

Meine Schritte wurden langsamer.

Bitterkeit stieg in mir auf.

Seit fünf Jahren waren Julian und ich zusammen. Doch nie trat ich in seinem Umfeld offen als seine Partnerin auf.

Als wir noch frisch verliebt waren, bat ich Julian immer wieder in verspieltem Ton, mich den Menschen in seinem Umfeld vorzustellen. Ich wollte auch, dass er ein Foto von mir als Titelbild seines Profils verwendete.

Doch Julian, dieser stets so korrekte Literaturprofessor, behandelte mich dann wie ein unvernünftiges Kind und wies mich mit gerunzelter Stirn zurecht.

„Clara Lindner, werd erwachsen. Du bist keine achtzehn mehr. Lass diesen oberflächlichen Quatsch. Das passt nicht zu meiner Stellung.“

Damals war ich wie vor den Kopf geschlagen. Danach sprach ich das Thema nie wieder an.

Die Studentinnen neben mir tratschten weiter über Julian und Lilia.

„Mal ehrlich, auf der Uni-Website steht, dass Professor Bergmann verheiratet ist. Ich wette, seine Frau ist Lilia! Warum hat sonst noch nie jemand seine Frau gesehen?“

„Ganz bestimmt. Der ist so ernst, aber nur Lilia lächelt er an.“

Die beiden entfernten sich. Ich wurde immer langsamer und blieb schließlich am Rand des Flurs stehen.

All die Kränkungen der vergangenen Jahre brachen auf einmal über mich herein. Ich holte tief Luft.

Aber immerhin habe ich einen Ausweg. In drei Tagen ist alles vorbei.

Nachdem ich die Unterlagen für meinen Vorgesetzten abgeholt hatte, kam ich an einem weiteren Professorenbüro vorbei. Eine vertraute, neckende Stimme drang nach draußen.

„Probier das mal! Das schmeckt wirklich gut!“

Durch den Türspalt sah ich Julian und Lilia zusammen frühstücken. Ganz selbstverständlich hielt Lilia ihm ein Glas Sojamilch an die Lippen.

Dabei mochte Julian keine Sojamilch. Einmal hatte ich ihm welche gemacht. Er verzog nur missmutig das Gesicht und ging. Ich blieb allein zu Hause zurück und weinte.

Jetzt runzelte Julian nur kurz die Stirn. Lilia drängte ihn weiter, bis er schließlich nachgab. Julian seufzte nachsichtig und trank.

Lilia sah ihn mit großen, erwartungsvollen Augen an.

„Na? Schmeckt sie dir?“

Julian nickte. „Gar nicht schlecht.“

Ich musste bitter über mich selbst lächeln.

Also kann Julian durchaus sanft und nachgiebig sein – wenn ich nicht dabei bin.

Nur mir hat er diese Seite in fünf Jahren kein einziges Mal gezeigt. Kein einziges Mal ...

Im Büro wischte Julian Lilia ganz selbstverständlich mit einer Serviette die Krümel vom Mundwinkel.

„Hast du gut geschlafen? Konntest du einschlafen?“, fragte er leise.

„Sehr gut.“ Lilia lächelte. „Du weißt doch: Solange du nachts mit mir am Telefon bleibst, kann ich gut schlafen.“

Dann schien Lilia etwas einzufallen.

„Aber ich habe gehört, dass du nach neun gar keine Anrufe mehr annimmst. Störe ich dich denn nicht?“

Julian antwortete ohne zu zögern: „Du bist die Ausnahme.“

Diese vier kurzen Worte schlangen sich wie eine dornige Ranke um mein Herz. Der Schmerz raubte mir den Atem.

Diese Worte aus Julians eigenem Mund zu hören, war für einen Moment unerträglich. Dann machte sich in mir nur noch eine dumpfe Taubheit breit.

Manche Dornen tun höllisch weh, wenn man sie herauszieht. Doch erst wenn sie draußen sind, kann die Zeit die Wunde heilen.

Ich lehnte mich an die Wand. Lange blieb ich dort stehen, bis mein Blick nichts mehr von meinen Gefühlen verriet. Dann ging ich.

Zu Hause holte ich meinen Koffer hervor und packte nach und nach meine Sachen hinein.

Nach fünf Jahren in dieser Wohnung füllten meine Sachen nicht einmal einen einzigen Koffer.

Am Abend rief Julian an.

„Mach dich fertig und komm runter. Wir essen heute bei meiner Mutter.“

Ich murmelte nur ein knappes „Mhm“.

Als ich den Maybach am Straßenrand sah, ging ich aus Gewohnheit zur Beifahrertür und öffnete sie.

Auf dem Beifahrersitz saß Lilia und aß Walnussgebäck.

„Hallo, Clara.“

Mein Blick fiel auf die Krümel auf dem Sitz. Sofort sah ich zu Julian hinüber.

Er mochte es nicht, wenn jemand in seinem Auto aß. Auch ich durfte das nicht.

Doch Julian wirkte völlig gelassen. Für ihn schien es längst selbstverständlich zu sein.

Natürlich. Fast hätte ich es vergessen: Lilia ist die Ausnahme in Julians Leben.

Lilia wischte sich hastig den Mund ab und entfernte die Krümel vom Sitz.

„Ich setze mich lieber nach hinten. Ich ...“

Ich lächelte ruhig. „Schon gut. Bleib sitzen. Es ist bloß ein Sitzplatz.“

Ich öffnete die hintere Tür. Die kurze Verwunderung in Julians Augen ignorierte ich.

So etwas war früher schon öfter passiert. Jedes Mal fuhr Julian mich ungeduldig an:

„Clara, es ist bloß ein Sitzplatz. Mach kein Drama daraus.“

Ich sah hinaus in den Nieselregen.

Von der Traurigkeit und Kränkung, die ich früher empfand, war nichts mehr übrig. Meine eigene Ruhe überraschte mich.

Ja. Bloß ein Sitzplatz.

Bloß ein Mann.

Für mich ist beides dasselbe.

Beides kann ich hinter mir lassen.

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