LOGINValentinaDie Straßen sind leer um diese Stunde. Die Straßenlaternen erhellen den Asphalt mit einem gelben und schmutzigen Licht, die seltenen Autos, die vorbeifahren, sind Taxis oder Lieferwagen, die Bürgersteige sind verlassen. Mexiko-Stadt schläft noch, oder vielleicht schläft sie nie, vielleicht wartet sie, vielleicht beobachtet sie, vielleicht lauert sie.Ich gehe schnell. Meine Tasche ist leicht auf meiner Schulter, meine Schuhe sind lautlos auf dem Bürgersteig, mein Herz schlägt zu schnell in meiner Brust. Ich habe Angst. Ich habe Angst, dass man mich einholt, dass man mich zurückbringt, dass man mich wieder einsperrt. Ich habe Angst vor ihm, vor seinen Männern, vor seiner Wut.Aber ich gehe weiter. Ich halte nicht an. Ich kann nicht anhalten.Die Straßen ziehen vorbei, die Gebäude ziehen vorbei, die Erinnerungen ziehen vorbei. Die Bäckerei, wo ich morgens Brot kaufte. Der kleine Park, wo ich nachmittags las. Das Café, wo ich Luci
Ich lege meinen Kopf gegen die Scheibe. Das Glas ist kalt, es zittert unter meiner Stirn, oder vielleicht zittere ich. Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nichts mehr. Die Schienen ziehen unter dem Zug vorbei, schnell, regelmäßig, hypnotisch. Das Geräusch ist ein Grollen, eine Musik, ein Wiegen. — Du hast die richtige Wahl getroffen, Valentina. Meine Stimme ist ruhig, zu ruhig. Das ist die Stimme, die ich benutze, wenn ich am Rand des Abgrunds stehe, wenn ich spüre, dass alles kippen kann, wenn ich nichts mehr zu verlieren habe. — Du hast die richtige Wahl getroffen. Du konntest nicht bleiben. Du konntest nicht er werden. Du konntest nicht sie werden. Ich schließe die Augen. Im Dunkeln sehe ich Diego. Er ist im Zimmer, er wacht auf, er sieht den Brief. Er liest. Seine Hände zittern, seine Augen werden feucht, seine Stimme bricht, als er meinen Namen sagt. — Diego. Se
Ich stehe auf. Meine Beine sind schwer, meine Füße sind kalt auf dem Parkett. Ich gehe zurück zum Bett. Diego schläft noch, sein Gesicht friedlich, seine Hände offen. Er hat sich nicht bewegt. Er weiß nicht. Er weiß nichts.Ich schaue ihn an. Lange. Lange genug, um jedes Detail in mein Gedächtnis einzubrennen.Die Narbe auf seiner Wange, die, die er im Krankenhaus bekam. Fein, rosa, fast unsichtbar. Eine Erinnerung an die Explosion, an den Tod, der streifte, an das Leben, das weiterging.Die Augenringe unter seinen Augen, die seiner schlaflosen Nächte. Blau, tief, gegraben von den Albträumen, vom Alkohol, von der Angst.Seine halb geöffneten Lippen, die, die so viele Lügen gesagt haben, so viele Versprechen, so viele „Ich liebe dich". Seine Lippen, die mich geküsst, gebissen, verletzt haben. Seine Lippen, die ich nicht mehr küssen werde.Seine Hände. Seine Hände, die getötet, geschlagen, besessen haben. Seine Hände, die mich geh
ValentinaDie Nacht ist vor langer Zeit hereingebrochen. Die Stunden sind vergangen, langsam, dick, erstickend. Diego schläft neben mir, sein Atem langsam und regelmäßig, sein Körper warm an meinem. Er hat getrunken, heute Abend, um den Streit zu vergessen, um die Ohrfeige zu vergessen, um zu vergessen, was er getan hat. Er hat getrunken, um seine Scham zu ertränken, um seine Angst zu ersticken, um zu töten, was von ihm übrig ist.Er schläft wie ein Kind, wie ein Toter, wie ein Mann, der alles verloren hat und es noch nicht weiß.Ich schaue ihn an. Sein Gesicht ist friedlich, fast zärtlich. Die Muskeln seines Kiefers sind entspannt, seine Brauen sind nicht mehr gerunzelt, seine Lippen sind halb geöffnet. Seine Hände sind offen auf den Laken, seine Finger sind entspannt, seine Handflächen sind zum Himmel gedreht. Er sieht aus wie ein Engel, wie ein Heiliger, wie ein Mann, der nie jemandem etwas zuleide getan hat.Aber ich weiß. Ich weiß,
Kleidung. Nicht die, die er mir geschenkt hat. Die, die ich vorher hatte, die, die ich behalten habe, die, die mich daran erinnern, wer ich war. Eine Jeans, an den Knien abgenutzt, mit Farbflecken. Ein Pullover aus Wolle, grau, weich, der nach Lavendel riecht. Eine Lederjacke, schwarz, die er hasst. Einfache, bequeme Unterwäsche, die ich selbst gekauft habe. Dicke Socken für den Winter. Wanderschuhe, solide, die Kilometer zurückgelegt haben.Meine Pinsel. Die, die ich versteckt habe, die, von denen er nicht weiß, dass ich sie habe, die, die mir erlauben, noch zu malen, zu erschaffen, zu existieren. Ich wickle sie in einen Stoff, ich lege sie auf den Grund der Tasche, wie Schätze, wie Waffen, wie Freunde. Pinsel verschiedener Größen, verschiedener Formen, mit Haaren, die von den Jahren abgenutzt sind. Pinsel, die Hunderte von Leinwänden bemalt haben, die Hunderte von Gesichtern gesehen haben, die Hunderte von Geschichten erzählt haben.Ein paar Leinwände. Die k
ValentinaDie Schuhschachtel ist ganz hinten im Schrank, unter Stapeln von Kleidung, die ich nie trage. Kleider, die Diego mir geschenkt hat, Kostüme, die ich nicht gewählt habe, Schuhe, die ich nicht wollte. Geschenke eines Mannes, der mich besitzen, mich formen, mich nach seinem Bild erschaffen wollte.Ich schiebe die Kleidung beiseite. Meine Hände berühren den Karton, rau, müde. Ich greife ihn, ich ziehe ihn heraus. Die Schachtel ist schwer, schwerer als ich sie in Erinnerung habe. Sie enthält alles, was mir von meinem früheren Leben bleibt. Alles, was mir von mir bleibt.Ich öffne sie.Der Geruch von altem Karton steigt mir in die Nase, vermischt mit dem von Papier, Tinte, Erinnerungen. Das Geld ist da. Bündel von Scheinen, eng, kompakt, die nach Papier und Geheimnis riechen. Fünftausend Dollar. Was ich heimlich gespart habe, Verkauf für Verkauf, Leinwand für Leinwand. Was ich beiseitegelegt habe, ohne je zu wissen warum, wie ein Ins
GiuliaDie Tür meiner Wohnung schließt sich hinter mir mit einem dumpfen Klicken, einem endgültigen Geräusch, das die Dichtigkeit der Welt besiegelt. Hier gibt es keinen Lorenzo Conti mehr. Keine strahlende Chiara. Kein Büro, keine Zahlen, keine von Hass erfüllten Blicke. Es gibt nur die Stille. Ei
GiuliaDie Lüge war so gewaltig, so monströs, dass sie beinahe wahr wurde. Ihr Glück war das Einzige, woran ich mich noch klammern konnte. Die einzige Rechtfertigung, die im Trümmerfeld meines Lebens noch Bestand hatte.— Du bist die beste Schwester der Welt, flüsterte sie mit feuchten Augen. Ich m
GiuliaDie Stille im Büro nach zwanzig Uhr ist ein lebendiges Wesen. Sie senkt sich schwer auf meine Schultern, dringt in meine Lungen ein, ersetzt das Blut in meinen Adern durch eine eiskalte, stehende Flüssigkeit. Im grellen Licht meiner Lampe ist mein Gesicht im schwarzen Spiegel des Bildschirms
LorenzoDie ehrgeizige Frau, von der ich glaubte, sie zu kennen, hätte sich gewehrt. Sie hätte ihre Waffen eingesetzt – diesen Blick, dieses Lächeln, das mich um den Verstand brachte –, um ihr Los zu mildern. Sie hätte versucht, mich erneut zu verführen, die Kontrolle zurückzugewinnen.Aber Giulia







