LOGINChiara Es ist drei Uhr morgens, als mein Telefon vibriert. Die Nachricht ist lakonisch, präzise, wie alles, was El Muerto tut. Bar El Callejón. Nordzone. Betrunken. Allein. Ich bin bereits angezogen. Ich habe nicht geschlafen. Ich schlafe nicht mehr, seit er gegangen ist. Seit ich ihn verloren habe. Seit ich ihn zerstört habe. Die Straßen von Mexiko-Stadt ziehen hinter der Scheibe meines Wagens vorbei, beleuchtet von orangefarbenen Straßenlaternen, bevölkert von Schatten und Geheimnissen. Die Stadt schläft nie, aber zu dieser Stunde hat sie etwas Seltsames, Übernatürliches. Als stiegen die Toten aus ihren Gräbern, um die Gehwege zu durchstreifen, als nähmen die Gespenster Besitz von den Lebenden. Ich bin ein Gespenst. Eine lebende Tote. Eine Frau, die alles verloren hat und bereit ist, alles zu tun, um wiederzufinden, was sie liebt. El C
Sie wiederholt die Worte, immer wieder, wie ein Gebet, wie ein Mantra, wie ein Rettungsring, der einem Ertrinkenden zugeworfen wird. Das Tier weicht zurück. Langsam. Schmerzhaft. Wie man ein Glied abreißt, wie man sich von einem Teil seiner selbst trennt, wie man auf das verzichtet, was einen definiert. Meine Hände fallen herab. Meine Fäuste öffnen sich. Mein Körper entspannt sich, bricht zusammen, entleert sich all dieser Gewalt, die aufstieg, die schrie, die zerstören wollte. — Geh weg, murmle ich. Geh weit weg von mir. Bevor... bevor ich... — Nein. — Valentina, ich flehe dich an. Geh. Flieh. Rette dich. Ich will dir nicht wehtun. Ich will nicht er werden. Ich will nicht... — Du bist nicht er, Diego. Du bist nicht dein Vater. Du bist kein Monster. Du bist ein Mann, der leidet. Ein Mann, der Angst hat. Ein Mann, der geliebt werden muss. — Wenn ich bleibe, wenn ich noc
Meine Stimme ist flach, leer, leblos. Ich nehme die Tasse, meine Hände zittern, die heiße Flüssigkeit spritzt auf meine Finger, verbrennt mich. Ich spüre nichts. Nichts. Nichts mehr. — Willst du etwas essen? Ein Sandwich? Obst? — Nein. — Du musst essen, Diego. Du hast den ganzen Tag nichts gegessen. Die Ärzte haben gesagt... — Ich weiß, was die Ärzte gesagt haben. Meine Stimme ist härter, als ich wollte. Sie weicht ein wenig zurück, überrascht, getroffen. Dann setzt sie sich neben mich, nimmt meine Hand, drückt sie sanft zwischen ihren. — Ich weiß, dass es schwer ist. Ich weiß, dass du leidest. Aber ich bin da. Ich bin da, Diego. Du bist nicht allein. — Ich sollte es sein. — Was? — Ich sollte allein sein. Das ist es, was ich verdiene. Die Einsamkeit. Das Schweigen. Die Leere. — Sag das nicht... — Warum? Es ist
Lange danach, als die Tränen versiegen, als die Leere bleibt, als die Welt ihre grauen Farben wieder angenommen hat, richte ich mich auf. Ich sehe sie an. Sie ist schön, selbst müde, selbst gezeichnet, selbst gebrochen von allem, was sie für mich durchgemacht hat. — Ich verdiene dich nicht. — Es geht nicht um Verdienen. Es geht um Liebe. Und ich liebe dich. Das ist alles. — Chiara hat das getan. Chiara hat meine Mutter bezahlt, um mich zu zerstören. — Ich weiß. — Ich muss sie sehen. Ich muss mit ihr sprechen. Ich muss... — Nein. Nicht jetzt. Jetzt gehen wir nach Hause. Wir gehen nach Hause zu uns. Wir ruhen uns aus. Wir heilen. Und danach, wenn du bereit bist, entscheiden wir, was zu tun ist. Zusammen. Nicht allein. Zusammen. — Valentina... — Bitte, Diego. Für mich. Für uns. Lass mich dich zu uns nach Hause bringen. Lass mich dich pflegen. Lass mich
Ich schlage wieder. Wieder. Wieder. Der Putz gibt nach, lässt die Ziegel erscheinen, meine Fäuste öffnen sich, das Blut durchdringt die Verbände, läuft über meine Hände, über meine Arme, über den weißen Boden des Krankenhauses. Rot auf Weiß. Leben auf Tod. Wahrheit auf Lüge. — Diego, hör auf! Hör auf, du wirst dich verletzen! fleht Valentina. — DAS IST MIR EGAL! MIR IST ALLES EGAL! Ich schlage, bis meine Arme nicht mehr reagieren, bis der Schmerz zu stark wird, bis meine Beine nachgeben. Ich breche zusammen, meine Knie schlagen auf den Boden, meine Hände hängen herab, reglos, blutig, zerstört. Sie ist da, vor mir. Meine Mutter. Die Frau, die mich getragen hat. Die Frau, die mich verlassen hat. Die Frau, die mir gerade die Seele herausgerissen hat. — Warum? Warum jetzt? Warum heute? Warum nicht in deinem Grab, mit deinen Lügen? — Weil mich jem
Diego Die Luft im Krankenhaus ist immer dieselbe. Kalt, steril, voller Gerüche nach Desinfektionsmittel und lauerndem Tod. Meine Füße berühren zum ersten Mal seit drei Wochen den Boden. Drei Wochen Bett, Schmerz, Albträume. Drei Wochen, mich wiederaufzubauen, Knochen für Knochen, Haut für Haut, Seele für Seele. Neben mir, Valentina. Immer Valentina. Ihre Hand in meiner, ihre geheilten Finger mit meinen verschlungen, ihre Augen, die mich ansehen, als wäre ich der einzige Mann auf der Welt. Sie hat meine Sachen vorbereitet, ein Taxi gerufen, meine Rückkehr organisiert. Sie bringt mich zu sich nach Hause. Zu uns. In diese kleine Wohnung in Coyoacán, wo alles begann. — Bist du bereit? fragt sie sanft. — Ich bin bereit. Ich bin es nicht. Ich werde es nie sein. Aber man muss rausgehen, vorwärtsgehen, leben. Die Ärzte sagen, die Heilung wird lang sein, dass die Hände Monate brauchen werden, um ihre v
GiuliaDie Lüge war so gewaltig, so monströs, dass sie beinahe wahr wurde. Ihr Glück war das Einzige, woran ich mich noch klammern konnte. Die einzige Rechtfertigung, die im Trümmerfeld meines Lebens noch Bestand hatte.— Du bist die beste Schwester der Welt, flüsterte sie mit feuchten Augen. Ich m
GiuliaDie Stille im Büro nach zwanzig Uhr ist ein lebendiges Wesen. Sie senkt sich schwer auf meine Schultern, dringt in meine Lungen ein, ersetzt das Blut in meinen Adern durch eine eiskalte, stehende Flüssigkeit. Im grellen Licht meiner Lampe ist mein Gesicht im schwarzen Spiegel des Bildschirms
GiuliaDie Tür meiner Wohnung schließt sich hinter mir mit einem dumpfen Klicken, einem endgültigen Geräusch, das die Dichtigkeit der Welt besiegelt. Hier gibt es keinen Lorenzo Conti mehr. Keine strahlende Chiara. Kein Büro, keine Zahlen, keine von Hass erfüllten Blicke. Es gibt nur die Stille. Ei
GiuliaDer Regen schlägt gegen die Fenster des Großraumbüros wie eine unaufhörliche Mahnung. Jeder Tropfen scheint dasselbe Wort zu skandieren: warum, warum, warum. Ich starre auf meinen Computerbildschirm, die Zahlen tanzen vor meinen Augen, ohne dass mein Gehirn sie erfassen kann. Meine Welt best







