INICIAR SESIÓNNützlich. Das Wort hallt in meinem Kopf wider wie eine Glocke. Nützlich. Das ist besser als „Ding", als „Ware", als „Lustobjekt". Aber es ist immer noch eine Form von Besitz, von Reduktion, von Instrumentalisierung. Ich sage nichts. Mein Gesicht bleibt leer, meine Augen neutral. Die leere Hülle hört zu, wartet, registriert. — Ich habe ein Problem, fährt Humberto fort. Ein Problem, das Diego Mendoza heißt. Mein Herz setzt einen Schlag aus. Der Name, den ich seit Monaten nicht gehört habe, den ich nur im Geheimen meiner Gedanken ausgesprochen habe, den ich Nacht für Nacht in meinen vergifteten Erinnerungen zu zerstören versucht habe. Diego. Humberto steht auf, geht zu der an die Wand gehefteten Karte von Mexiko. Seine Finger folgen einer imaginären Linie, von Norden nach Süden, von Mexiko-Stadt zur Grenze. — Mendoza bricht zusammen. Seit seine Frau gegangen ist, kümmert er sich nicht mehr um seine Geschäf
Wählen, wer ich sein will. Die Frage ist da, bohrend, obsessiv. Wer bin ich? Wer will ich sein? Die Frau, die Diego geliebt hat, die lachte, die tanzte, die abstrakte Gemälde in ihrem Atelier in Mexiko-Stadt malte? Sie ist tot. Er hat sie in diesem Keller getötet, mit seinen Ketten, seinem verschimmelten Brot, seinen Beschimpfungen. Die Frau, die Humberto besitzt, die sich jede Nacht Männern hingibt, die sie nicht einmal sehen? Das ist eine Maske, eine Rüstung, eine Überlebensstrategie. Das bin nicht ich. Also wer? Die wilde Bestie in mir knurrt leise. Sie weiß, wer sie ist. Sie ist die Überlebende, die Kriegerin, die Rächerin. Sie ist die, die die Hölle durchquert hat und stärker, härter, gefährlicher daraus hervorgegangen ist. Aber ist das wirklich, was ich sein will? Eine wilde Bestie, durstig nach Rache, die nur lebt, um die zu zerstören, die sie zerstört haben? Ich wei
Ich kenne Humbertos Allianzen, seine interessierten Freundschaften, seine hartnäckigen Feindschaften. Ich weiß, dass er das Kartell von Juárez verachtet, das vom Golf fürchtet, das von Sinaloa beneidet. Ich weiß, dass er eine geheime Vereinbarung mit den lokalen Behörden getroffen hat, dass er Bestechungsgelder an Richter, Polizisten, Politiker zahlt. Ich weiß alles. Und jede Information ist eine Waffe. Die Dienerin kommt weiterhin, dreimal am Tag. Sie heißt Rosa. Sie ist zweiundsiebzig Jahre alt, sie arbeitet für die Familie Sinaloa, seit sie fünfzehn war. Sie hat Humberto aufwachsen sehen, sie hat ihn großgezogen, sie dient ihm seit jeher. Sie ist die einzige Person in diesem Palast, die mich als menschliches Wesen betrachtet. Heute setzt sie sich an den Bettrand, wie sie es jeden Nachmittag tut. Ihre runzlige Hand nimmt meine, drückt sie sanft. — Du siehst besser aus, Kleine. Ihre Stimme ist sanft, b
Meine Augen sind ein weiteres. Sie beobachten, sie hören, sie notieren. Jede im Flur aufgeschnappte Konversation, jedes zwischen den Wachen gewechselte Flüstern, jede Information, die in diesem Palast zirkuliert. Ich sammle sie, ich speichere sie, ich analysiere sie. Mein Geist ist der mächtigste von allen. Der, den Humberto nicht sieht, den niemand ahnt. Der Geist einer Überlebenden, einer Strategin, einer Frau, die gelernt hat, jede Schwäche in Stärke zu verwandeln. Die wilde Bestie in mir knurrt leise. Sie hat Hunger. Nicht nach Nahrung, nicht nach Schlaf, nicht nach Sicherheit. Sie hat Hunger nach Macht, nach Kontrolle, nach Rache. Eines Tages wird sie sich nähren. Eines Tages wird sie alle diejenigen verschlingen, die mich benutzt, besessen, zerstört haben. Aber für den Moment wartet sie. Ich öffne die Augen wieder. Die Decke ist noch da, mit ihren Engeln und Dämonen, die für die Ewigkeit kämpfen.
Die Männer kommen, ziehen sich zurück, kleiden sich wieder an. Sie tauschen zufriedene Blicke aus, komplizenhaftes Lächeln, anzügliche Kommentare, die ich nicht höre. Sie verlassen das Zimmer, gesättigt, stolz auf sich, unwissend über das, was wirklich in meinem Inneren vor sich geht. Humberto bleibt in seinem Sessel, sein Glas Whisky in der Hand. Seine schwarzen Augen betrachten mich, undurchdringlich. — Du kannst gehen. Ich stehe auf. Mein Körper ist wund, beschmutzt, fremd. Ich hebe meine Kleider auf, ziehe mich an, ohne mich zu beeilen, meine Bewegungen langsam, präzise, kontrolliert. — Chiara. Seine Stimme hält mich an der Schwelle auf. Ich drehe mich um, meine Augen treffen seine. — Du sagst nichts. Du beschwerst dich nicht. Du weinst nicht. Warum? Seine Frage ist aufrichtig, fast neugierig. Er versteht nicht. Er kann nicht verstehen. Für ihn bin ich eine zerbrochene
Jede Umarmung mit Diego, jeder Kuss, jeder Moment der Leidenschaft wird zu einer Waffe. Eine Waffe, die ich gegen ihn wende, gegen mich, gegen das, was wir waren. Ich nehme diese kostbaren Erinnerungen, diese Momente gestohlenen Glücks, und ich vergifte sie. Ich tauche sie in Hass, in Schmerz, in die Demütigung des Kellers. Um sie nie wieder zu lieben. Um ihn nie wieder zu lieben. Humberto grunzt über mir, sein Körper spannt sich an, seine Finger graben sich in meine Hüften. Er kommt schweigend, zieht sich zurück, erhebt sich. Die Matratze hebt sich, erleichtert von seinem Gewicht. — Du kannst gehen. Seine Stimme ist kalt, distanziert, als wäre nichts geschehen. Als wäre ich nur eine Funktion, die er gerade erfüllt hat, eine erledigte Aufgabe, ein abgehaktes Kästchen. Ich stehe auf. Meine Beine zittern, mein Körper ist wund, mein Geist ist leer. Ich hebe mein Nachthemd auf, ziehe es an, g
GiuliaIch löse mich von der Wand und eile mit schnellen Schritten davon, flüchte mich in die Toiletten. Ich schließe mich in einer Kabine ein, das Herz rast. Ich presse meine Handflächen gegen meine Augen, um die drohenden Tränen zurückzuhalten. Sie dürfen hier nicht fließen. Nicht in seinem Gebäu
GiuliaDie Stille im Büro nach zwanzig Uhr ist ein lebendiges Wesen. Sie senkt sich schwer auf meine Schultern, dringt in meine Lungen ein, ersetzt das Blut in meinen Adern durch eine eiskalte, stehende Flüssigkeit. Im grellen Licht meiner Lampe ist mein Gesicht im schwarzen Spiegel des Bildschirms
LorenzoDie ehrgeizige Frau, von der ich glaubte, sie zu kennen, hätte sich gewehrt. Sie hätte ihre Waffen eingesetzt – diesen Blick, dieses Lächeln, das mich um den Verstand brachte –, um ihr Los zu mildern. Sie hätte versucht, mich erneut zu verführen, die Kontrolle zurückzugewinnen.Aber Giulia
GiuliaDer Regen schlägt gegen die Fenster des Großraumbüros wie eine unaufhörliche Mahnung. Jeder Tropfen scheint dasselbe Wort zu skandieren: warum, warum, warum. Ich starre auf meinen Computerbildschirm, die Zahlen tanzen vor meinen Augen, ohne dass mein Gehirn sie erfassen kann. Meine Welt best







