LOGINAm Tag unserer Abschlussreise ließen mich mein Freund Roman, der Erbe einer Mafiafamilie, und seine Jugendfreundin Clara an einer menschenleeren Fernstraße zurück. Ihr Geländewagen war schon über eine halbe Stunde unterwegs, als ihnen überhaupt auffiel, dass der Rücksitz leer war. Als Roman anrief, klang er nicht besorgt, sondern lediglich ein wenig genervt. „Blair, warum bist du nicht wieder eingestiegen?“ „Hör auf mit dem Theater. Wir müssen zum Canyon, wenn wir den Sonnenuntergang noch sehen wollen. Wir haben keine Zeit, umzukehren und dich abzuholen.“ „Sieh zu, dass du mitgenommen wirst.“ Durch den Hörer drang Claras amüsierte Stimme, laut und deutlich. „Sie ist doch keine Dreijährige. Sie kann nicht erwarten, dass du ihr alles hinterherträgst.“ Früher hätte ich die Schuld bei mir gesucht und mich mit Tränen in den Augen bei ihm entschuldigt. Dann hätte ich mich durch den treibenden Sand gekämpft, wäre ihm sogar zu Fuß hinterhergelaufen, nur um seinen Wagen einzuholen. Doch diesmal sah ich zur grellen Sonne über der Wüste auf und wollte ihm plötzlich nicht mehr nachjagen. Ich holte mein Handy heraus und stornierte sämtliche Luxussuiten entlang unserer Canyonroute. Dann kaufte ich ein Busticket in ein kleines Küstenstädtchen. Genau an dem Ort, den sie langweilig fanden. Die Küste erstreckte sich bis zum Horizont, und die Welt lag offen von mir. Ich würde niemandem mehr hinterherlaufen.
View MoreIch blieb stehen. Sie sah mich einige Sekunden an.„Damals habe ich wirklich auf dich herabgesehen.“„Ich hielt dich für schwach und anhänglich, für jemanden ohne eigene Vorstellungen.“„Roman sollte die Familie übernehmen. So eine Frau konnte er unmöglich heiraten und zu seiner Donna machen.“„Aber später habe ich gemerkt, dass ich kaum besser war als du.“„Ich habe so getan, als hätte ich vor nichts Angst. In Wahrheit wollte ich nur beweisen, dass ich es verdient habe, an seiner Seite zu stehen.“Sie lächelte über sich selbst. Darin lag ein Anflug von Traurigkeit.„Wenn ich heute daran denke, war das unglaublich dumm.“Ich sagte nichts. Clara sprach trotzdem weiter.„An der Tankstelle habe ich ihn absichtlich nicht auf dich aufmerksam gemacht.“Ich hob den Blick. Sie sah mir offen in die Augen.„Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie du die Autotür geöffnet hast und in diesen beschissenen Laden gegangen bist.“„Als er aufs Gas trat, wusste ich besser als jeder andere, da
Spät in dieser Nacht rief meine Mutter an.Behutsam fragte sie: „Kommst du dort allein gut zurecht?“Entspannt antwortete ich: „Ja, alles läuft gut.“Am anderen Ende schwieg meine Mutter kurz. Dann senkte sie die Stimme und seufzte.„Schatz, das wollte ich dir schon lange sagen. Jedes Mal, wenn du von einer Reise mit Roman zurückkamst, war das Leuchten in deinen Augen verschwunden.“„Aber du hast ihn geliebt. Ich hatte Angst, dich zu verletzen, wenn ich etwas sagen würde.“Plötzlich brannten meine Augen.„Mama, war ich früher völlig dumm?“Meine Mutter lachte leise.„Überhaupt nicht.“„Wenn man jung ist, läuft man hartnäckig Dingen hinterher, die man für sein Schicksal hält.“„Solange du deinen Weg wiederfindest, war es das wert.“Ich murmelte zustimmend.Nach dem Gespräch lehnte ich mich still an die Fensterbank meiner Wohnung und sah zur fernen Küste.Über der nächtlichen Kleinstadt lag eine beruhigende Stille.Auf dem Meer leuchteten hier und da die Positionslichter d
Stur blieb Roman ganze fünf Tage in diesem Küstenstädtchen.Jeden Tag erschien der hochmütige Erbe pünktlich an der Ecke meiner Straße.Manchmal ließ er seine Leibwächter teures importiertes Sprudelwasser bringen.Manchmal kam er selbst mit italienischem Essen aus einem Nobelrestaurant.Einmal ließ er sogar französische Desserts einfliegen, die ich nur beiläufig im Bett erwähnt hatte.Wäre das ein halbes Jahr früher geschehen, hätte ich vor Aufregung kein Auge zugetan.Jetzt empfand ich diese verspätete Zuneigung nur noch als absurd.Am fünften Tag hielt Clara es schließlich nicht mehr aus und suchte mich auf.Diesmal kam sie allein.Allein stand sie am Eingang der Straße. Ihr feines Gesicht wirkte ungewöhnlich eingefallen.„Blair, du hast wohl gewonnen.“Verwirrt sah ich sie an. Einen Augenblick lang verstand ich überhaupt nicht, was sie meinte.Plötzlich lachte sie. „Die Expansionsvereinbarung am Grand Canyon ist endgültig geplatzt. Unsere gemeinsame Aktion, die wir ein h
Seine Stimme brach ab.Denn selbst ihm fiel keine bessere Ausrede mehr ein.Ich beendete seinen Satz für ihn.„Du hast meine Fürsorge genossen, dich aber zugleich für meine Vorsicht geschämt.“„Du hast dich daran gewöhnt, dass immer jemand da war, um dich aufzufangen. Und trotzdem hast du mich verachtet, weil ich mit deiner Jagd nach dem nächsten Nervenkitzel nicht mithalten konnte.“„Du brauchtest eine bessere Babysitterin, die dir die langweiligen Einzelheiten abnahm. Aber tief drinnen waren dir meine Mühe und meine Arbeit nichts wert.“Plötzlich liefen Roman Tränen über die Wangen.Zum ersten Mal sah ich ihn weinen.Früher war er immer stolz gewesen, voller Hochmut wie jemand, der alles beherrschte.Dieser Stolz stammte aus seiner Mafialinie. Als müsste ihm die ganze Welt Platz machen.Nun stand er in dieser feuchten Gasse am Meer. Seine Augen waren so rot wie die eines Jungen, der etwas Schreckliches angerichtet hatte.Früher hätte mir sein Anblick das Herz gebrochen.I