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In der Wüste zurückgelassen wählte ich die Küste

In der Wüste zurückgelassen wählte ich die Küste

By:  BagelCompleted
Language: Deutsch
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Am Tag unserer Abschlussreise ließen mich mein Freund Roman, der Erbe einer Mafiafamilie, und seine Jugendfreundin Clara an einer menschenleeren Fernstraße zurück. Ihr Geländewagen war schon über eine halbe Stunde unterwegs, als ihnen überhaupt auffiel, dass der Rücksitz leer war. Als Roman anrief, klang er nicht besorgt, sondern lediglich ein wenig genervt. „Blair, warum bist du nicht wieder eingestiegen?“ „Hör auf mit dem Theater. Wir müssen zum Canyon, wenn wir den Sonnenuntergang noch sehen wollen. Wir haben keine Zeit, umzukehren und dich abzuholen.“ „Sieh zu, dass du mitgenommen wirst.“ Durch den Hörer drang Claras amüsierte Stimme, laut und deutlich. „Sie ist doch keine Dreijährige. Sie kann nicht erwarten, dass du ihr alles hinterherträgst.“ Früher hätte ich die Schuld bei mir gesucht und mich mit Tränen in den Augen bei ihm entschuldigt. Dann hätte ich mich durch den treibenden Sand gekämpft, wäre ihm sogar zu Fuß hinterhergelaufen, nur um seinen Wagen einzuholen. Doch diesmal sah ich zur grellen Sonne über der Wüste auf und wollte ihm plötzlich nicht mehr nachjagen. Ich holte mein Handy heraus und stornierte sämtliche Luxussuiten entlang unserer Canyonroute. Dann kaufte ich ein Busticket in ein kleines Küstenstädtchen. Genau an dem Ort, den sie langweilig fanden. Die Küste erstreckte sich bis zum Horizont, und die Welt lag offen von mir. Ich würde niemandem mehr hinterherlaufen.

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Chapter 1

Kapitel 1

Roman und ich hatten diese Abschlussreise schon lange geplant.

In den vergangenen Studienjahren war ich meinem Mafiafreund an die verschiedensten Orte gefolgt.

Verschneite Bergstraßen, tiefe Canyons, private Schießstände und illegale Straßenrennen.

Überall konnte er seine Lust auf den Nervenkitzel ausleben.

Kurz vor unserem Abschluss hatte ich mich einmal an seine Brust gelehnt und meinen Wunsch geäußert.

„Roman, lass uns zum Fotografieren ans Meer fahren.“

„In ein Küstenstädtchen, das niemand kennt. Wir schlafen aus, fotografieren die Möwen und genießen die Meeresbrise. Ohne Leibwächter und ohne Zeitdruck.“

An diesem Tag hatte er mir einen Kuss aufs Haar gegeben und sofort zugestimmt.

„Kein Problem. Unsere Abschlussreise bestimmst du.“

Ich habe mich lange darauf gefreut und sogar drei verschiedene Reisepläne für unsere Fotoausflüge entworfen.

Wir haben das Hotel direkt am Meer gebucht. Von seinem offenen Balkon aus konnten wir nachts die Silhouette des Leuchtturms fotografieren.

Heimlich hatte ich mir sogar ein verführerisches Spitzenwäscheset gekauft. Zum Rauschen der Wellen wollte ich einen romantischen Abend mit ihm verbringen.

Doch eine Woche vor der Abfahrt schickte Clara plötzlich eine Karte mit Geländestrecken durch den Grand Canyon in unseren Gruppenchat.

„Auf einer Abschlussreise muss man doch etwas Aufregendes erleben.“

„An einen langweiligen Strand kann man ja immer noch fahren. Eine extreme Geländetour durch den Canyon erlebt man nicht alle Tage.“

Roman antwortete ihr beinahe sofort.

„Die Strecke hat es in sich.“

Ich starrte auf den Bildschirm. Meine Fingerspitzen schwebten lange über der Tastatur, ohne sie zu berühren.

Schließlich schrieb ich nur einen Satz.

„Aber wollten wir doch ans Meer?“

Clara antwortete genauso schnell.

„Blair, du willst aus unserer Abschlussreise doch keinen Ausflug fürs Altersheim machen?“

„Wir sind jung. Sei nicht so wie eine Nonne.“

Die anderen Jungs aus seiner Clique beteiligten sich ebenfalls an den Sticheleien im Gruppenchat.

„Ein echter Mann fährt in den Canyon“, schrieb einer. „Am Strand ist doch nichts los“, ein anderer.

Noch jemand meinte: „Roman und Clara sind für den Nervenkitzel geboren. Wenn die nicht durch den Canyon rasen, wäre das die reinste Verschwendung.“

Roman verteidigte mich in der Gruppe mit keinem einzigen Wort.

Er schickte mir lediglich eine private Nachricht.

„Sei keine Spaßbremse.“

„Clara hat recht. Ans Meer kann ich später immer noch mit dir fahren.“

Später. Bei ihm gab es immer ein „Später“.

Doch jedes „Später“, das er mir versprach, gehörte am Ende jemand anderem.

Als ich die Nachricht las, fühlte es sich an, als würde sich eine Hand fest um mein Herz schließen.

Schließlich antwortete ich gehorsam mit einem einzigen Wort. „Okay.“

Also strich ich still sämtliche Pläne für unsere Reise ans Meer.

Wieder blieb ich bis spät in die Nacht auf. Ich recherchierte Canyonrouten, mietete einen Geländewagen, reservierte Campingplätze, prüfte Sandsturmwarnungen, schrieb Vorratslisten und stellte sogar Erste-Hilfe-Sets zusammen.

Clara schrieb ganz beiläufig in den Gruppenchat.

„Blair hat die Organisation einfach drauf.“

Danach kam ein Daumen-hoch-Emoji.

Als ich den Satz las, wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen sollte.

Am Tag der Abfahrt holte Roman mich mit dem umgebauten schwarzen Geländewagen ab.

Clara saß bereits auf dem Beifahrersitz.

Sie trug eine Sonnenbrille. Ihre langen Beine in den abgeschnittenen Jeansshorts lagen auf dem Armaturenbrett, und sie schwenkte ein Glas Tequila mit Eis.

Als ich mit einem schweren Ausrüstungskoffer aus dem Haus kam, deutete sie mit dem Kinn auf mich.

„Blair, du sitzt hinten.“

„Mir wird beim Fahren schnell schlecht. Ich muss vorne sitzen, damit ich frische Luft bekomme.“

Mir wurde beim Fahren ebenfalls schlecht. Das wusste Roman besser als jeder andere.

Noch bevor ich etwas sagen konnte, hatte er mir schon die hintere Wagentür geöffnet.

„Stell dich nicht so an. Clara war bis drei Uhr morgens in der Bar und hat jetzt Kopfschmerzen.“

„Hinten hast du genug Platz. Leg dich einfach hin und schlaf ein bisschen.“

Wie selbstverständlich er alles für eine andere Frau regelte. Plötzlich musste ich an das Jahr denken, in dem wir an der Uni zusammengekommen waren. Als ich ihn zum ersten Mal zu einer Familienveranstaltung in einen anderen Bundesstaat begleitet hatte, war mir so schlecht geworden, dass ich ganz blass war.

Ohne zu zögern hatte er mir den Beifahrersitz überlassen. Der gefürchtete Mafiaerbe hatte sich tatsächlich nach hinten gezwängt und mir die ganze Fahrt über Wasser, Taschentücher und Pfefferminzbonbons gereicht.

Damals hatte er gesagt: „Na und, wenn meine Freundin etwas empfindlich ist? Ich verwöhne sie gern.“

„Ich kümmere mich einfach gern um sie.“

Jetzt schob er mein Gepäck achtlos in den Kofferraum.

Er drehte sich zu Clara um und pfiff. „Anschnallen. Jetzt geht’s los.“

Ich stand neben dem Wagen und lächelte still.

Offenbar hatte seine Zuneigung ein Verfallsdatum.

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