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4. Das blasse Recht - Veda

Author: Eva Jenning
last update publish date: 2026-09-24 17:56:45

Kalter Wind kanalisierte sich durch die engen, schluchtartigen Gassen des Industrieringes und trieb den Ruß der Kesselhäuser in dichten Schlieren vor sich her. Veda zog den Kragen ihres dünnen Kittels höher, während sie über das feuchte, von Schlacke rutschige Kopfsteinpflaster ging. Über ihr spannte sich der aschegraue Himmel von Frostdale wie eine schmutzige Glocke, kaum unterscheidbar von dem ewigen Qualm der Schornsteine. An den hölzernen Fassaden der dicht gedrängten Mietskasernen klebte der schwarze Staub der Jahrzehnte, fraß sich in die Ritzen des mürben Holzes und sickerte durch die dünnen Fensterscheiben der schlafenden Arbeiter.

Aus einer dunklen Toreinfahrt drang das rhythmische, heisere Husten eines Nachbars. Es war ein vertrautes Geräusch, das den Takt des Lebens im unteren Ring bestimmte, so beständig wie das ferne Dröhnen der Scheinwerfertürme. Auf den hölzernen Treppenstufen ihrer Unterkunft knarrte jede Planke unter Vedas Stiefeln. Der Aufgang roch nach kaltem Talg, feuchtem Stein und dem sauren Dunst billigen Kohleintopfs, der aus den Spalten der verschlossenen Türen drang.

Veda drückte die klinkenlose Holztür ihrer Behausung auf. Sofort biss ihr der scharfe, stechende Geruch von Essig in die Nase. Sie hatte die Lappen am Vortag selbst in der sauren Flüssigkeit getränkt und über die Stuhllehnen gehängt, um den süßlichen, schweren Atem der Weißen Schwindsucht zu vertreiben. Es half wenig. Der Geruch des Verfalls saß tief in den Dielen, in der Wolle der Decken, in den Poren ihrer eigenen Haut.

Aus der düsteren Ecke des Raumes drang ein leises, rasselndes Atemholen.

Mina lag zusammengesunken auf ihrer Strohmatratze. Das bleiche Gesicht des Mädchens hob sich kaum gegen das vergilbte Laken ab. Ihre Wangenknochen zeichneten sich scharf unter der pergamentartigen Haut ab, die im fahlen Schein der einzigen Talgkerze fast bläulich schimmerte. In ihren dünnen Fingern hielt sie ein grobes Linnen, bedruckt mit dem kreisrunden, goldenen Sonnensymbol des Klerus.

Ein plötzlicher, heftiger Krampf schüttelte den schmalen Körper. Minas Knie zogen sich ruckartig an, während ein trockenes, tiefes Keuchen aus ihrer Brust brach. Sie presste das geweihte Tuch mit beiden Händen vor den Mund. Das Geräusch klang, als würde Sand in einer eisernen Röhre gemahlen. Als der Anfall nachließ, sank sie erschöpft zurück in die Kissen. Ein dunkler, nasser Fleck breitete sich auf dem aufgedruckten Sonnensymbol aus.

Veda trat an das Bett und kniete sich lautlos auf den kalten Dielenboden. Ihre rauen, von der Arbeit an den Linsen vernarbten Finger berührten Minas Stirn. Die Haut war heiß, trocken und von einem feinen, ungesunden Schweißfilm überzogen.

„Du solltest nicht beten, wenn das Atmen dir die Kehle zuschnürt“, sagte Veda leise. Ihre Stimme klang rau vor Müdigkeit. Sie nahm die Schale mit kaltem Wasser vom Schemel und tunkte einen sauberen Lappen hinein.

Mina öffnete langsam die Augen. Die Pupillen waren unnatürlich geweitet, dunkel und fiebrig wach. „Sol hört uns immer, Veda. Er verlangt, dass wir den Geist reinigen, wenn das Fleisch versagt.“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein heiseres Hauchen, unterbrochen von dem leisen Pfeifen in ihren Bronchien. Sie deutete mit einem schwachen Zittern auf das blutbefleckte Tuch. „Mein Blut ist zu dünn. Der Priester am Schrein hat gesagt, es liegt an meinem mangelnden Gehorsam. Dass die Sünde das Blut flüssig macht wie Wasser, damit es den Körper verlässt.“

Vedas Fingernägel bohrten sich tief in den feuchten Lappen, den sie in den Händen hielt. Ein heißer, schneidender Zorn flammte in ihrer Brust auf, so heftig, dass sie für einen Moment den Atem anhielt. Die Sünde. Die Priester predigten es auf jedem Marktplatz, schrien es durch die blechernen Trichter der Kapellen: Die Schwindsucht war ein Makel des Geistes. Wer erkrankte, entzog der Gemeinschaft die Kraft, schwächte die Festung und sündigte gegen das Licht.

Sie zwang ihr Gesicht zu einer unbewegten Maske, um Mina nicht noch mehr in Schrecken zu versetzen. Behutsam strich sie mit dem kalten Tuch über die heiße Stirn ihrer Schwester, wischte den Schweiß von den Schläfen und dem schmalen Hals. „Der Priester versteht nichts von den Brennern, Mina. Schlaf jetzt.“

„Aber er hat recht“, flüsterte das Mädchen, und eine Träne bahnte sich mühsam ihren Weg durch den Rußschleier auf ihrer Wange. „Die Frommen erkranken nicht. Die Gardisten auf dem Wall haben starkes, dickes Blut. Sie stehen im vollen Glanz. Ich… ich bin einfach nicht rein genug.“

Veda antwortete nicht. Sie wandte sich ab, stellte die Wasserschale zurück auf den Tisch und trat an das schmale, mit einem Wolltuch verhängte Fenster. Sie zog den Stoff einen Spaltbreit beiseite. Draußen, auf den gewaltigen Türmen des äußeren Rings, pulsierten die gigantischen Strahler. Ihr kaltes, unnatürliches UV-Licht schnitt durch das Schneetreiben, warf grelle, violette Kegel über die Dächer der Unterstadt und ließ die Schatten der Mietskasernen wie schwarze Klauen über den Boden tanzen.

Unter Vedas Kittel, direkt auf der nackten Haut, brannte das gestohlene Notizbuch des alten Ingenieurs. Sie spürte das raue Schweinsleder bei jedem Atemzug gegen ihre Rippen drücken.

In ihrem Kopf formten sich die Tabellen, die sie in den einsamen Stunden unter dem Podest von Brenner Vier gezeichnet hatte. Die unbestechliche Mathematik des Sterbens. Drei Wochen war es her, seit der Klerus die Strahler wegen des angeblichen Moroi-Alarms auf die höchste Frequenz reguliert hatte. Drei Wochen, in denen das unsichtbare, stechende Licht Tag und Nacht auf die ungeschützten Gassen des Industrieringes niedergegangen war.

Und nun, exakt im mathematischen Abstand des biologischen Verfalls, füllten sich die Krankenbaracken. Die Menschen wurden nicht krank, weil sie sündigten. Sie wurden krank, weil das Licht ihr Knochenmark zerstörte, weil die unsichtbare Strahlung der Scheinwerfer die Dichte ihres Blutes auflöste, bis es flüssig wie Wasser durch ihre Gefäße rann. Die Gardisten auf dem Wall blieben verschont, weil ihre schweren, bleigefütterten Rüstungen sie vor der unsichtbaren Frequenz schützten. Die Arbeiter im Ruß hatten nichts als dünnen Kittelstoff.

Das Licht war kein Schild. Es war ein langsames, geräuschloses Kochfeuer für die Herde.

Veda presste die Stirn gegen die kalte Glasscheibe, bis der Schmerz sie ablenkte. Sie hasste die Lügen der Priester. Sie hasste die weiße Pracht der inneren Ringe, wo die Adligen hinter dicken Mauern saßen, geschützt vor der Strahlung, während sie die Energie der Kessel für ihren eigenen Luxus verschwendeten. Und am meisten hasste sie ihre eigene Ohnmacht.

„Veda?“, erklang Minas Stimme wieder, dünner nun, fast im Dröhnen der Stadt ertrinkend. „Glaubst du, Sol nimmt mich an, wenn der Zehnt kommt?“

Veda schloss die Augen. Der Geruch von Essig und Blut schien den gesamten Raum auszufüllen, kroch in ihre Lungen und schnürte ihr die Kehle zu. Sie durfte Mina die einzige Hoffnung nicht nehmen, die sie noch aufrechthielt. Wenn sie ihrer Schwester die Wahrheit sagte, würde sie ihr das Letzte rauben, das ihr in diesen verbleibenden vier Wochen blieb.

Sie trat zurück an das Bett, setzte sich auf die Kante und legte ihre Hand auf die kalten, brüchigen Finger ihrer Schwester. „Sol sieht alles, Mina“, sagte sie, und jedes Wort fühlte sich an wie ein scharfkantiger Kieselstein in ihrem Mund. „Er weiß genau, wer seine Arbeit tut.“

Das Mädchen lächelte schwach. Ihre Augenlider wurden schwer, fielen langsam zu, während der Atem wieder in das monotone, rasselnde Pfeifen überging. Das Fieber holte sie sich zurück, betäubte den Schmerz für ein paar Stunden.

Veda blieb reglos sitzen. Sie lauschte dem gleichmäßigen Mahlen der fernen Lichtkessel, das durch die Wände vibrierte. Die Wahrheit brannte unter ihrer Haut wie glühende Kohle. Sie wusste jetzt, dass sie den Strichen in ihrem Buch weiter folgen musste. Jede Zahl, jedes Kreuz auf dem Papier war eine Waffe gegen die Tyrannei der Priester. Sie würde nicht zulassen, dass Mina einfach im Erntezehnt verschwand, nur damit die Maschinen der Elite weiter liefen.

In der Stille des Zimmers, während draußen das kalte, violette Licht über die Dächer kroch, traf sie ihre Entscheidung. Sie würde die Frequenzen der Strahler entschlüsseln. Sie würde beweisen, dass die Götter schwiegen – und dass die Menschen von Frostdale in einem Käfig aus künstlichem Licht gefangen gehalten wurden, um als weiches, mundgerechtes Fleisch für die Bestien da draußen zu enden.

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