Se connecterDiegos SichtDer Lastwagen war drei Tage zuvor von einem Verladehof in Lambrate gestohlen worden. Die Kennzeichen fehlten, die Fahrgestellnummer war abgefeilt, und als die Polizei ihn fand, war er an einem Kanal am Stadtrand ausgebrannt. Marco legte den Bericht um sieben Uhr morgens auf meinen Schreibtisch, und ich las ihn zweimal, ohne mich zu rühren. Dann klappte ich die Mappe zu und sah zu dem Mann auf, der sie gebracht hatte. „Hat niemand den Fahrer gesehen?“„Niemand, Herr Valentino.“ Marco Vitale stand mit hinter dem Rücken verschränkten Händen da, ruhig und ein wenig zerzaust, wie immer nach einer langen Nacht. Er war einunddreißig, still, loyal und der beste Sicherheitschef, den mein Vater je eingestellt hatte. Er hatte auf einem regennassen Parkplatz seine Jacke an meine Seite gedrückt und sie dort gehalten, bis der Krankenwagen kam, und das würde ich nicht vergessen. Ein schwacher Hauch von etwas Scharfem, Metallischem umgab ihn, ein Parfüm, das ich nie recht gemocht hatte.
Sofias Sicht Der Schlüssel war die ganze Zeit da gewesen. Ich fand ihn am Morgen nach dem achten Stock, als ich mit dem Foto in der einen und dem Umschlag meines Vaters in der anderen Hand am Küchentisch saß und zu begreifen versuchte, was ein durchgestrichener Buchstabe überhaupt bedeuten konnte. Das Klebeband an der Klappe hatte die Farbe von altem Tee angenommen, und sieben Jahre lang hatte ich mich gehütet, es je zu berühren. An diesem Morgen war ich nicht vorsichtig. Ich löste es mit dem Daumennagel, und etwas Kleines, Hartes glitt heraus und klirrte wie eine Münze auf den Tisch.Es war ein Schlüssel, silbern und schlicht, mit einer eingravierten Zahl auf dem Kopf. 427. Es gab keinen Namen, keine Adresse, keine Notiz, nur diese eine Zahl und das Gewicht von allem, was mein Vater nicht hatte sagen können. Ich drehte ihn in den Fingern, bis er warm war. Dann fädelte ich ihn auf die dünne Kette, die ich unter dem Hemd trug, sodass er an meinem Brustbein ruhte, ein zweiter Herzschla
Sofias Sicht Ich hielt sechs Tage durch, bevor ich in einen verschlossenen Raum einbrach. In der ersten Woche war ich die perfekte Assistentin. Ich kam um halb acht, prägte mir Diegos Terminplan ein und brachte ihm seinen Kaffee genau so, wie er ihn mochte, schwarz und zu heiß. Ich hielt meine Augen auf den Bildschirm gerichtet und meine Stimme neutral. Und jedes Mal, wenn ich mich umdrehte, beobachtete er mich, die Arme verschränkt, den Kopf geneigt, als wäre ich eine Rechnung, die nicht aufging.Die Nachricht der unbekannten Nummer war mir in der ersten Nacht nach Hause gefolgt, und sie folgte mir in jede Besprechung danach. Ich weiß, warum du hier bist. Ich hatte die Nummer zweimal angerufen und ins Leere klingeln lassen. Ich erzählte es niemandem, nicht einmal Camila, denn sie hätte mich angefleht aufzuhören. Ich studierte jedes Gesicht im Gebäude nach einem Aufflackern des Wissens, und ich fand nichts. Victors Lächeln war zu warm, um ihm zu trauen. Diegos Schweigen war zu kalt,
Sofias SichtValentino Holdings residierte in einem Glasturm mitten in Mailand, vierzig Stockwerke aus Spiegel und Stahl, die das Morgenlicht wie eine Warnung auf die Straße zurückwarfen. Ich stand eine volle Minute auf dem Bürgersteig, unter dem Mantel das Kleid, das ich auf der Beerdigung meines Vaters getragen hatte, das einzige schwarze Kleid, das ich besaß, und sah zu, wie die Drehtüren Menschen verschluckten, die sich nie hatten fragen müssen, wie sie die Medikamente ihrer Mutter bezahlen sollten. Dann ging ich hinein.Elena Moretti empfing mich am Empfang. Sie war in den Vierzigern, scharf geschnitten, ein Tablet an ihr maßgeschneidertes graues Jackett gedrückt, und sie schüttelte meine Hand einmal, kurz, als prüfe sie ihr Gewicht. „Frau Ricci.“ Sie musterte mich einen Atemzug zu lang. „Herr Valentino führt keine Vorstellungsgespräche mit neuen Mitarbeitern. Das sollten Sie wissen, bevor wir hinaufgehen.“„Warum führt er dann eines mit mir?“, fragte ich.„Das“, sagte Elena und
Sofias SichtSieben Jahre reichen aus, um genau zu lernen, wie viel ein Mensch überleben kann. Ich hatte die Beerdigung überlebt, die unbezahlten Rechnungen und die Mahnungen des Vermieters, die an unserer Tür klebten. Ich hatte überlebt, tagsüber zu kellnern und nachts Büros zu putzen, und ich hatte überlebt, wie meine Mutter sich langsam in eine Welt zurückzog, in die nichts mehr vordringen konnte. Was ich nie überlebt hatte, nicht wirklich, war diese Nacht. Mein Vater hatte mir im Regen einen Umschlag in die Hände gedrückt, und eine Stunde später hatte ich zugesehen, wie sein Wagen auf einer Straße am See zu einem Feuer wurde.Vor der Explosion hatte ich ihn einen Namen zu dem Fremden im schwarzen Mantel sagen hören. Victor. Ich hatte ihn so oft ins Dunkel geflüstert, dass er glatt geworden war wie ein Stein in meiner Tasche, und ich hatte immer noch keine Ahnung, wer er war. Der Umschlag blieb unter einer losen Diele unter der Küchenspüle versteckt, versiegelt und stumm. Ich redet
Diegos SichtDas Erste, was ich begriff, war der Schmerz, und das Zweite, dass ich nicht tot war, was mir wie ein Verwaltungsfehler vorkam. Licht drückte gegen meine Augenlider. Etwas piepte in einem gleichmäßigen, lästigen Rhythmus, ein Schlauch führte von meinem Arm zu einem Beutel mit klarer Flüssigkeit, und meine Brust fühlte sich an, als hätte jemand sie mit zerbrochenem Glas gefüllt. Ich versuchte mich aufzusetzen, und eine Hand drückte mich mit erstaunlicher Kraft wieder nieder.„Untersteh dich.“ Die Stimme meiner Schwester, scharf und heiser vor Erschöpfung. Alessia saß auf der Bettkante, das dunkle Haar zu einem Knoten gebunden, die Wimperntusche unter beiden Augen verschmiert. „Du warst zwei Tage bewusstlos, du Idiot. Wenn du die Fäden aufreißt, bringe ich dich selbst um, und dann muss ich es Papa erklären.“„Zwei Tage.“ Meine Stimme klang wie Kies. „Wasser.“Sie hielt mir einen Plastikbecher an den Mund und stützte mit der anderen Hand meinen Kopf, und ich trank. Ihre Finge







