Mag-log inFreya
„Ich werde meine Anwälte noch vor Ablauf des Tages die Scheidungspapiere aufsetzen lassen“, fuhr ich fort und trat näher an ihn heran. „Und ich werde persönlich dafür sorgen, dass dein Taufpate eine vollständige Unterrichtung darüber erhält, warum.“ Sein Gesicht wurde grau. „Das würdest du nicht tun.“ Selenes kleines Lächeln geriet endlich ins Wanken. „Freya, das kannst du nicht—du hast gar nicht die Befugnis dazu—„ „Ich habe die Abteilung aufgebaut, Selene. Jeden Vertrag. Jede Klausel. Jeden Handschlag, auf dem ihr zwei steht. Du wolltest alles haben, was ich hatte?“ Ein bitteres Lächeln zuckte an meinen Lippen. „Versuch doch mal, selbst ganz von vorne anzufangen.“ Ich drehte mich um, meine Absatzschuhe klackten gegen den Boden. Schritte hallten hinter mir wider, als ich die Tür aufstieß. „Freya—warte—warte—„, rief er und zerrte mich am Balkongeländer zurück, kurz bevor ich die Treppe hinabstieg. „Du denkst nicht klar nach.“ Seine Augen waren wild auf eine Art, die ich noch nie an ihm gesehen hatte. „Glaubst du etwa, du kannst das einfach abblasen, nur weil du es sagst? Für wen hältst du dich eigentlich?“ „Die Nachfolgezeremonie ist nächsten Monat—nächsten Monat, Freya. Wirst du wirklich alles für mich ruinieren, nur wegen eines einzigen Fehlers? Du weißt, dass mein Taufpate mich umbringen wird. Glaubst du, er behält Leute um sich herum, die ihn blamieren? Er wird uns beide ruinieren!“ Ein trockenes Spottlachen entkam mir. Was für eine Dreistigkeit. Nun kamen mir die Tränen. „Drei Jahre“, brachte ich hervor, während sich meine Fingernägel in meine Handfläche bohrten. „Drei Jahre, Adrian. Ich habe deine Konten gedeckt, als sie in den roten Zahlen waren. Ich saß in Sitzungen, in denen dein Vater hätte sitzen sollen, und habe Anträge getragen, die sonst niemand in diesem Raum lesen, geschweige denn schreiben konnte. Ich habe die Mailand-Pipeline aufgebaut, während du—„ mein Atem stockte, „—während du das hier getrieben hast?“ „Freya—„ „Du hast mich einmal gefragt, ob ich die Unterschrift deines Taufpaten auf dem Marseille-Vertrag besorgen könnte. Erinnerst du dich daran, was du gesagt hast? Du hast gesagt: ‚Du bist die Einzige, die er respektiert.‘ Die Einzige.“ Ich lachte feucht auf. „Und ich war glücklich. Ich kam nach Hause und war glücklich, weil du einen einzigen Satz zu mir gesagt hattest, der nach Bedürfnis klang. Weißt du eigentlich, wie klein sich eine Frau fühlen muss, um für einen einzigen Satz dankbar zu sein?“ Etwas veränderte sich in seinem Gesicht. Keine Reue. Etwas Schlimmeres—Ungeduld. „Da haben wir es wieder“, murmelte er. „Was?“ „Das Hauptbuch. Das große Hauptbuch der Freya Calloway.“ Er trat einen Schritt zurück und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Alles, was du getan hast, aufgeschrieben, aufgeschlüsselt, bereit, vor Gericht vorgelegt zu werden. Willst du etwas wissen, Freya? Das hier—„ er gestikulierte zwischen uns, „—das hier wäre nie das geworden, was du dir gewünscht hast. Niemals.“ Auf dem Flur wurde es sehr still. „Wir hatten eine Vereinbarung“, sagte er. „Unsere Familien haben sie arrangiert. Ich habe nie darüber gelogen, was es war. Habe ich dir jemals—ein einziges Mal—gesagt, dass das eine Liebesheirat sei? Habe ich jemals so getan—„ „Du hast mich für dich kochen lassen. Du hast mich—„ Meine Stimme brach. „Du hast mich dich lieben lassen. Das ist nicht nichts. Du darfst das nicht einfach als nichts bezeichnen.“ „Und was hätte ich tun sollen?“ Seine Stimme wurde lauter, brach vor einer Bitterkeit, die beinahe ehrlich war. „Mein Taufpate hat die Papiere unterschrieben, bevor man es mir überhaupt gesagt hat. Glaubst du etwa, ich hätte mich entschieden—„ Er hielt inne. Aber er hatte es bereits ausgesprochen. Die Gestalt der ungesagten Worte hing zwischen uns in der Luft, schwerer als alles, was er laut hätte sagen können. Glaubst du etwa, ich hätte mich für dich entschieden? Ich starrte ihn an. „Sag es.“ „Freya—„ „Sag es.“ Er blickte weg. Und das war seine ganz eigene Antwort—sauberer, grausamer als die Worte selbst. Hinter uns trat Selene hervor, nun in meinen Morgenmantel gehüllt, die Arme verschränkt. „Du machst es so viel schwerer, als es sein muss“, sagte sie sanft. „Er hat einen Fehler gemacht, Freya. Einen. Männer tun so etwas. Es bedeutet nichts. Du musst deswegen nicht alles ruinieren. Denk an Mama und Papa.“ Ich lachte und wirbelte zu ihr herum. „Mama und Papa? Glaubst du, mich kümmert es, was sie denken?“ „Es ist mir egal“, herrschte ich sie an. Meine Stimme fiel in ein tiefes, rohes Bild. „Hörst du mich? Es ist mir völlig egal, was das hier gewesen ist, was Mama und Papa denken oder was irgendjemand sonst dazu zu sagen hat. Ich werde mir alles zurückholen. Jeden Gefallen, den irgendjemand in dieser Familie jemals durch mich bekommen hat. Lassen wir alles einstürzen und sehen wir nach, wie es aussieht, wenn ich aufhöre, nützlich zu sein.“ Adrians Gesicht wurde bleich. „Du würdest nicht eine Woche überleben“, sagte ich und stieß ihn mit einem Finger zurück. „Sie genauso wenig.“ Mein Blick streifte Selene, die sich nun an seinem Arm festhielt. „Oder deine kostbare Ankündigung nächsten Monat.“ Ich griff nach dem Geländer und drängte mich an ihnen vorbei, gerade im Begriff, die Treppe hinabzusteigen, als mich von hinten eine Hand stieß. Ich drehte mich gerade rechtzeitig um, um Selene flüstern zu hören. „Tut mir leid, Schwesterherz. Wenn du nicht vernünftig sein willst, dann entscheide ich eben für dich.“ Meine Beine rutschten bereits weg, als ich begriff, was diese Worte bedeuteten. Mein Körper flog über das Geländer. Ich griff verzweifelt nach der nächstgelegenen Eisenstange, meine Finger schlossen sich darum, während mein Körper über dem Abgrund baumelte. „Freya!“ Sofort schloss sich eine Hand um mein Handgelenk. Der Ruck riss mir beinahe den Arm aus dem Gelenk. Meine Schulter knallte gegen die Steinwand, meine Füße traten nutzlos durch die leere Luft. „Adrian—!“ Er lehnte sich bereits über das Geländer, eine Hand hielt die meine fest, sein Gesicht vor Anstrengung angespannt. „Halt dich fest!“, keuchte er. „Freya, gib mir deine andere Hand!“ Ich streckte mich nach oben. Meine Finger streiften seinen Ärmel. Dann lehnte sich Selene an sein Ohr, die Augen auf mich gerichtet. „Lass sie los, Adrian. Denk an alles, was du verlieren könntest. Die Nachfolge, die Fusion. Alles, wofür wir so hart gekämpft haben.“ Adrian erstarrte. Nur für eine Sekunde. Und ich spürte, wie mir der Magen herabsackte. Nein. Nein, bitte. Sein Blick huschte zu Selene, dann zurück zu mir, die Berechnung lief bereits hinter seinen Augen ab. Meine Finger klammerten sich fester um sein Handgelenk. „Adrian…“ Er blickte auf mich herab. Für einen schrecklichen Herzschlag lang dachte ich, ein Zögern zu sehen. Dann lockerte sich sein Griff. Der Atem stockte mir. „Nein. Adrian—„ Meine Stimme erklang lauter. Gebrochen. Flehend. „Adrian, bitte—bitte—„ „Freya“, sagte er, außer Atem, fast zärtlich. „Es—es tut mir leid. Es tut mir so leid. Ich kann nicht—„ „NEIN.“ Alles in mir schrie es heraus. „Adrian, nein— ich nehme alles zurück, alles, ich werde es niemandem erzählen, ich schwöre es, ich schwöre bei meinem Leben, zieh mich einfach hoch, bitte, bitte—ich schwöre—„ Seine Finger glitten langsam von den meinen ab, der Anblick über mir brannte sich mit einem weiteren Abrutschen in mich ein. Selene an seiner Schulter—lächelnd. Klein. Gelassen. Das Lächeln eines Mädchens, das endlich bekommen hatte, was es schon immer wollte. Adrian—sein Gesicht entgleiste zu etwas, das ich noch nie an ihm gesehen hatte, zu dem ich ihn nicht für fähig gehalten hätte, und ich verstand zu spät, was genau es war: Entsetzen. Über mich. Oder über sich selbst. Ich würde es nie erfahren. Das Letzte, was ich sah, waren die beiden, wie sie sich über die Kante meines Balkons lehnten, über die gesamten drei Jahre meiner Ehe, über die Kleinheit, die ich mein ganzes Leben lang hatte herunterschlucken müssen— Dann gab es nur noch Geschwindigkeit. Kalte, brüllende, endlose Geschwindigkeit. Dann Schmerz— Dann gar nichts mehr.Ravenna Daven rief an einem Dienstagmorgen an, als ich gerade mitten in einem Vertrag steckte, einen Füller zwischen den Zähnen und Papiere über den Schreibtisch verstreut. Fast hätte ich ihn durchklingeln lassen. Dann tauchte sein Name auf dem Display auf, und irgendwie fand ich mich dabei, wie ich mich aufrechterhetzte. Ätzend. „Miss Kral.“ „Mr. Kingsley.“ Der Füller kam aus meinem Mund. „Stimmt etwas nicht?“ „Es ist alles in Ordnung.“ Eine kurze Pause folgte. Ich konnte mir vorstellen, wie er sich in diesem riesigen Ledersessel zurücklehnte, den Blick auf das Fenster gerichtet. „Richard Calloway hat heute Morgen in meinem Büro angerufen. Er und seine Frau würden sich uns am Freitag gerne zum Abendessen anschließen. Sie finden, es wäre angebracht, etwas Zeit miteinander zu verbringen, bevor die Hochzeitsvorbereitungen zu weit voranschreiten.“ „Wie aufmerksam von ihnen.“ „Es ist eine Höflichkeit, mehr nicht. Sie sind nicht verpflichtet, sie zu unterhalten, wenn Sie lieber nich
RavennaDaven rief an einem Dienstagmorgen an, als ich gerade mitten in einem Vertrag steckte, einen Füller zwischen den Zähnen und Papiere über den Schreibtisch verstreut. Fast hätte ich ihn durchklingeln lassen. Dann tauchte sein Name auf dem Display auf, und irgendwie fand ich mich dabei, wie ich mich aufrechterhetzte.Ätzend.„Miss Kral.“„Mr. Kingsley.“ Der Füller kam aus meinem Mund. „Stimmt etwas nicht?“„Es ist alles in Ordnung.“ Eine kurze Pause folgte. Ich konnte mir vorstellen, wie er sich in diesem riesigen Ledersessel zurücklehnte, den Blick auf das Fenster gerichtet. „Richard Calloway hat heute Morgen in meinem Büro angerufen. Er und seine Frau würden sich uns am Freitag gerne zum Abendessen anschließen. Sie finden, es wäre angebracht, etwas Zeit miteinander zu verbringen, bevor die Hochzeitsvorbereitungen zu weit voranschreiten.“„Wie aufmerksam von ihnen.“„Es ist eine Höflichkeit, mehr nicht. Sie sind nicht verpflichtet, sie zu unterhalten, wenn Sie lieber nicht möcht
SeleneAdrian war um halb sieben an meiner Tür, die Krawatte locker gebunden und mit einem Gesichtsausdruck, den ich so noch nie bei ihm gesehen hatte.Er küsste mich nicht. Er nahm mich kaum wahr, ging schnurstracks ins Wohnzimmer und ließ sich auf das Sofa sinken. Eine ganze Weile starrte er einfach auf meinen Couchtisch, bis ich herüberging und mit verschränkten Armen vor ihm stehen blieb.„Wollen Sie mir erzählen, wer gestorben ist?“„Niemand ist gestorben.“„Warum siehst du dann so aus?“Beide Hände glitten über sein Gesicht, gefolgt von einem zittrigen Atemzug. „Vater heiratet.“Einen Moment lang wartete ich darauf, dass er den Witz beendete. Als er es nicht tat, entkam mir ein Lachen.„Adrian, das ist nicht komisch.“„Ich scherze nicht.“„Daven? Dein Daven? Der Mann, der eine Einladung zum Abendessen zurückschickt, wenn die Gastgeberin eine Frau ist?“ Ich setzte mich neben ihn und klopfte ihm aufs Knie, so wie man es bei einem Kind macht, das eine sehr überzeugende Lüge erzählt
AdrianEin kurzes, abgebrochenes Lachen entfuhr mir, bevor ich es stoppen konnte. Für eine Sekunde wartete ich darauf, dass Vater mit einstimmte und zugab, dass er scherzte. Er tat es nicht. Er saß einfach da, die Hände über dem Bauch gefaltet, und musterte mich, mit diesem kleinen Lächeln noch immer auf den Lippen.„Entschuldigung“, sagte ich. „Ich glaube, ich habe mich verhört. Es klang für eine Sekunde so, als hättest du gesagt...“„Du hast mich verhört.“„Verheiratet.“ Das Wort kam dünn und fremd über meine Lippen. „Mit Ravenna Kral.“„Ja.“„Vater, du hast sie erst... einmal getroffen.“ Meine Hand drückte sich gegen meine Stirn, als in meinem Kopf ein dumpfes Summen begann. „Du warst in deinem ganzen Leben noch nie mit jemandem zusammen, und jetzt sagst du mir, dass du eine Frau heiratest, die du kaum kennst? Dieselbe Frau, die mich einen Monat lang kriechen ließ, nur um ein Treffen zu bekommen?“„Zweimal, um genau zu sein“, erwiderte er, die Lippen leicht gewölbt. „Ich habe sie z
DavenIch saß noch eine volle Minute auf der Rückbank des Wagens, nachdem Grant mir die Tür geöffnet hatte, und stieg immer noch nicht aus. Der Fluss neben der Straße war grau und reglos, aber alles, woran ich denken konnte, war ihr Lächeln an der Tür. Klein, privat und ein wenig zu sehr mit sich selbst zufrieden. Ich hatte eine Stunde lang darüber nachgedacht, und es fing an, mir auf die Nerven zu gehen.‚Weil Sie neugierig sind.‘Ein lästiges Ding, das man gesagt bekommt. Noch lästiger, wenn die Person, die es sagte, recht hatte.Schließlich stieg ich aus und ging durch die Lobby, meine Kiefer angespannt. Grant folgte mir den gesamten Weg zwei Schritte hinter mir, was mir verriet, dass er darauf brannte, Fragen zu stellen. Er wartete, bis sich die Aufzugtüren schlossen, bevor er sich räusperte.„Sir. Soll ich annehmen, dass es gut gelaufen ist?“„Sie hat jeder Bedingung zugestimmt.“„Jeder einzelnen?“„Bevor ich die letzte überhaupt zu Ende gesprochen hatte.“ Ich sah zu, wie die Zah
DavenEin kurzes, trockenes Lachen entfuhr mir, obwohl absolut nichts an dem, was sie gerade gesagt hatte, komisch war. Der Laut erstarb fast in demselben Moment, in dem er mich verließ. Ist sie... im Ernst gerade?„Miss Kral“, sagte ich langsam und setzte mein Glas ab, damit meine Hand etwas zu tun hatte. „Ich bin dreiundvierzig Jahre alt. Ich bin Adrians Taufpate und ich bin sein Vormund, seit er zwölf war. Ich bin, nach jedem Maßstab, den Sie anlegen wollen, ein Mann, dessen Leben seit einer sehr langen Zeit geregelt ist.“„Ja, ich weiß.“„Dann werden Sie mir verzeihen, wenn ich die offensichtliche Frage stelle.“ Ich lehnte mich zurück und musterte sie gründlich. Ihr Haar war im Nacken flach festgesteckt. Ihre Jacke war schwarz, ihr Schmuck minimal, ihre Haltung gerade ohne Anspannung. Es gab nichts Weiches an ihr, nichts, das darum bat, gemocht zu werden, und aus irgendeinem Grund machte es das schwerer, wegzusehen. „Sie leiten ein Schifffahrtsimperium, das ein Drittel der Fracht







